Daten-Autobahnen für die Auto-Nation?

"Innovation" wird wahrscheinlich das Wort des Jahres 2004. Bleibt nur die Frage, in welchen Branchen diese in Deutschland stattfinden und ob dadurch die Bildung endlich das "Megathema" wird

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat das Jahr 2004 zum Jahr der Technik ausgerufen. Das Ministerium stellt für dieses Jahr offiziell den "Spaß am Entdecken einer komplexen und faszinierenden Welt der Innovationen und der Wissenschaft" in den Vordergrund. Dieser Spaß soll Deutschlands Innovationskraft wieder stärken, und wenigstens in die Nähe der Exporterfolge seiner Produkte heranführen.

Während das Land von einem Exportrekord zum Nächsten eilt, sind die strukturellen Mängel im Bildungs- und Wirtschaftssystem der eigentliche Hintergrund für das Paradox eines "innovationslosen Exportweltmeisters". Und da strukturelle Mängel Langstreckenläufer sind, bleibt die Frage, wie wir wurden, was wir angeblich sind: Eine von der OECD für unsere Bildungspolitik jährlich negativ prämierte, bald nur noch breitband-konsumierende Nation von Autofahrern und zukünftigen Hightech-Beamten.

Masterplan Informationsgesellschaft

Wie Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Neujahrsansprache noch einmal verdeutlichte, laufen andere Länder Deutschland mittlerweile nicht nur in solchen Bereichen den Rang ab, in denen es bisher eine "führende Position" eingenommen hatte. Es gelte gleichfalls auch den "Ruf als Bildungsnation" zu verteidigen. Durch die Förderung von Innovation und Bildung, und den breiten Einsatz von Technologie, solle Deutschlands Hightech-Schwäche beseitigt werden, so Schröder weiter. Dies ist die offensichtliche Anschlussdebatte an den Masterplan Informationsgesellschaft 2006, der vom Bundeskabinett Ende 2003 in Berlin verabschiedet wurde. Daran schließt sich wiederum das jüngste Papier im innovationsträchtigen Thesen-Dschungel direkt aus Weimar an. Wird die Bildung doch bald das "Mega-Thema"?

Der "Masterplan Informationsgesellschaft 2006" jedenfalls ist Resümee und Ausblick zugleich. Die bisher von der Bundesregierung unterstützten Forschungsergebnisse seien "Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung und Basis für Innovationen" in Branchen wie z.B. Automobil und Maschinenbau. Ein großer Schritt in Richtung Informationsgesellschaft soll die Hälfte der deutschen Haushalte sein, die bis 2010 über einen Breitband-Internetanschluss verfügen wird, so das Papier weiter. Und noch ambitionierter: Bis 2005 sollen 75 % der über 14-Jährigen, unabhängig von Herkunft und Geschlecht, das Internet nutzen können. Zu guter Letzt wird mit "eVergabe" und "eGovernment" auch die staatliche Verwaltung in Zukunft Plattformen für die Informationsgesellschaft bereitstellen können.

Schieflagen an den Hochschulen und in der Privatwirtschaft

Auch die Ende 2003 erschienene aktualisierte OECD-Studie Education at a Glance (Bildung auf einen Blick) setzt sich indirekt mit Deutschlands Innovationskraft im Automobil- und Maschinenbausektor auseinander. Neben den klassischen Problemen (Klassengröße, alte Lehrerkollegien) wurde auch die aktuelle Lage der Hochschulen in Deutschland wieder kritisch beurteilt. Nicht, dass Deutschland auf keinem guten Weg wäre seine Studierendenquote an die internationalen Maßstäbe heranzuführen. Die Abschlusszahlen lassen den Experten zufolge aber weiterhin sehr zu wünschen übrig.

Dem entgegneten wiederum einige Kultusministerien, man dürfe die hohe Quote der Berufsabschlüsse und den großen Bereich der dualen Berufsausbildung nicht außer Acht lassen, wenn man das deutsche Bildungssystem beurteilen wolle. Dem steht der Vorwurf der OECD gegenüber, Deutschland habe im Gegensatz zu anderen Industrieländern den Bildungsstand seiner Erwerbsbevölkerung seit Anfang der 80er Jahre nicht steigern können. Wie viele andere Expertenberichte in der Vergangenheit aber gezeigt haben, sind eine vermehrte und bessere Bildung und Qualifizierung (vor allem über die Hochschulen) die Grundlage für den Wohlstand der Gesellschaften im 21. Jahrhundert. Fazit des Streites: Möglicherweise ist das zu lange Fixieren auf die wohlstandbegründenden Wirtschaftsstrukturen der Nachkriegszeit, bedingt durch die machtpolitischen Verhältnisse, zunehmend ein Klotz am Bein der Zukunftsfähigkeit Deutschlands.

Auch der privatwirtschaftliche Sektor ist bildungsentscheidend. Unter den 150 größten Technologieunternehmen sind nur zehn aus Deutschland, die mit ihren Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) international mithalten können, so die Ratingagentur Standard and Poor's (Stand 2002/2003). Drei von ihnen kommen aus der Automobilbranche (DaimlerChrysler, Volkswagen, BMW), drei aus der Chemieindustrie (BASF, Bayer, Merck) und jeweils eines aus dem Pharmabereich (Schering), der Elektroindustrie (Siemens) und aus den IuK-Branchen Halbleiter (Infineon) und Software (SAP).

Dem entsprechend sind die Strukturen im Bildungswesen, so OECD-Bildungsexperten. Werden die Schwerpunkte (auch die finanziellen) vor allem auf die Industriegesellschaft und die Staatsverwaltung des 20. Jahrhunderts gelenkt, wird die Vorbereitung der Schüler auf qualifizierte Positionen in der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts vernachlässigt. Demgemäß werden mittlere bis höhere Berufspositionen zu Ungunsten der Förderung von Benachteiligten und Ausbildung von Spitzenkräften bevorzugt.

Das gesamte Bildungsniveau muss angehoben werden

Die Bundesregierung möchte die Zukunft zu weiteren technischen Implementationen nützen. Die Forderungen der PISA-Studie und die Ergebnisse von "Education at a Glance 2003" sind gleichlautend: Die Bildungs- und Innovationsschwäche Deutschlands kann nur behoben werden, wenn das gesamte Bildungsniveau angehoben, mithin die Strukturen geändert werden. Nur einseitig eine Elitenförderung zu betreiben, wäre also genauso unsinnig, wie weiterzumachen wie bisher ("Das braucht das Land ...").

Wenn nur die Technik verändert und vermehrt wird, dann könnte Deutschlands Bürgern also bald nur der Konsumrausch auf der Datenautobahn übrig bleiben. Und das können selbst das Deutsche Institut für Normung, der Deutsche Verband für Schweißen und verwandte Verfahren, der Verband der Automobilindustrie und der Verein Deutscher Gießereifachleute nicht wollen, sind sie doch auch alle Partner des BMBF für die Initiative "Jahr der Technik", auf deren offiziellem Flyer auch die "sagenhafte Vielfalt" des technischen Alltags aufgezählt ist:

Geländegängige Vehikel sind auf dem Weg durchs All, um den Mars zu erkunden. Plastikfolie hat gelernt, zu leuchten und stellt herkömmliche Glühlampen in den Schatten. Minikameras von der Größe einer Tablette reisen durch den Verdauungsapparat des Menschen und funken Bilder an den Arzt.

(Andreas Hagen)

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