Dein Freund, der Computer

In den Sandia National Laboratories soll der Computer der Zukunft entwickelt werden, der die Leistungsfähigkeit der Menschen überwacht

Computer können viel, aber noch lange nicht genug. Denn die technischen Möglichkeiten sind mit dem Versenden von Emails, der Abwicklung rasanter Computerspiele oder dem Bezahlen lästiger Rechnungen keineswegs ausgereizt. In den Sandia National Laboratories in Albuquerque, New Mexico, arbeiten Wissenschaftler deshalb fleißig an Rechnern einer neuen Generation. Ihr Interesse richtet sich dabei nicht nur auf Großprojekte wie die von Sandia in Auftrag gegebene, 90 Millionen Dollar teure Entwicklung des vermeintlichen Supercomputers "Red Storm", sondern auch auf einschneidende Verbesserungen im handelsüblichen PC-Bereich.

Sandia-Projektmanager Peter Merkle kann sich zum Beispiel vorstellen, dass aus dem hilfsbereiten, aber eben nur reagierenden Computer auf unserem Schreibtisch in naher Zukunft "a very close friend" wird, der präzise Vorstellungen davon hat, wie seinem menschlichen Pendant gerade zumute ist.

Winzige Sensoren und Transmitter sollen dem zum "PAL (Personal Assistance Link)" aufgewerteten Gerät permanent Informationen über die Herzschlagfrequenz, die Gehirnwellen und die Körpertemperatur senden, außerdem analysiert der PC die Gesichtszüge, Kopfbewegungen und natürlich die Stimme seines Benutzers. Aus diesen und vielen anderen Daten ermittelt der Rechner dann die "up-to-the-moment vital signs", eine Art persönliches Rundumprofil, aus dem die betreffende Person ersehen kann, ob sie zu schnell oder zu langsam redet, aufgeregt wirkt und dergleichen mehr.

Die Daten sollen allerdings keine Privatangelegenheit bleiben, denn selbstredend sind die Rechner miteinander vernetzt, so dass bei einem Meeting alle Teilnehmer über jeden Einzelnen Bescheid wissen. Gleiches gilt auch für den Leiter einer Arbeitsgruppe, der seine Untergebenen nach individuellen und aktuellen Stärken und Schwächen einsetzen kann. Bei den Versuchen mit Feedback-Schleifen seien die Teilnehmer weniger aufgeregt gewesen, das sei wichtig, weil man ruhiger besser mit gefährlichen Situationen umgehen könne.

Für Merkle hat diese Kontrollsituation nichts Unheimliches, er vergleicht sie mit der von Herzpatienten, die ebenfalls einen Monitor mit sich herumtragen, um ständig über ihre Lebenszeichen auf dem Laufenden zu sein. Auch der Umstand, dass den ersten Versuchen mit Teilnehmern an einem Computerspiel keine wissenschaftliche Theoriebildung vorangegangen ist, um genaue Parameter für die Interaktion von Mensch und Maschine festzulegen, beunruhigt den Forscher nicht:

Some people think you have to start with a theory. Darwin didn't go with a theory. He went where his subjects were and started taking notes. (...) Let's get the data and find out what's real.

Um die Daten zu sammeln und ganz im Sinne Darwins theoriefrei drauflos zu forschen, bedarf es nach Merkles Ansicht nur einiger Standardgeräte, die Bewegungsmomente, Muskeltätigkeit, Sauerstoffversorgung, Herzschlagfrequenz, Gehirnwellen, Puls und ähnliches exakt vermessen. Der Computer vergleicht die Aufzeichnungen mit früheren Fällen und entwickelt dann eine Prognose über den Ist-Zustand seines Benutzers und dessen Eignung für unmittelbar bevorstehende Aufgaben.

Merkles humoristischer Verweis auf die Weiterentwicklung menschlicher Fortbewegungsmittel ("You can always ride a horse; you don't need an automatic transmission") soll wohl darauf hindeuten, dass es sich bei diesen Überlegungen um zweckfreie Forschung handelt. Doch eben das darf mit Blick auf seinen Arbeitgeber bezweifelt werden. Denn Sandia versteht sich immerhin als "primary national security laboratory", das technologische Lösungen für die "wichtigsten Probleme, die den Frieden und die Freiheit für unsere Nation und die ganze Erde bedrohen", anbieten will. Die Wahrscheinlichkeit, dass der dem Energieministerium angegliederte "führende nationale Forschungseinrichtung zur Verhinderung technologischer Überraschungen, zur Antizipation von Bedrohungen und zur Ausarbeitung von innovativen Lösungen für große strategische Probelme" mehrere hunderttausend Dollar für die Optimierung von Computerspielen oder Geschäftsbesprechungen ausgibt, liegt vermutlich nahe bei Null.

Für Sandia dürften die Überwachungsmöglichkeiten der neuen Computertechnik wesentlich interessanter sein, zumal diese anscheinend schnell und kostengünstig realisiert werden können. Nach Angaben von Peter Merkle brauchte der in New York ansässige Kooperationspartner nur 71 Tage, um einen Prototyp mit allen Standardbestandteilen und kundenspezifischer Software zu produzieren. Überwacht auf ihre Leistungsfähigkeit könnten so Soldaten im Einsatz werden, egal, ob sie vor Computern sitzen, einen Bomber steuern oder irgendwelche Geräte steuern. Es geht darum, "Gruppenleistungen" unter "hohem Stress und konfrontiert mit "schweren kognitiven Aufgaben" zu verbessern.

Wie aussagekräftig die Analyse der physiologischen Daten ist, steht freilich dahin. Schließlich sind unendlich viele Fälle vorstellbar, in denen Schweißausbrüche, erhöhte Pulsfrequenzen oder plötzliches Stirnrunzeln keinerlei Einfluss auf die Leistungsfähigkeit eines Menschen haben. Außerdem können die derzeitigen Untersuchungsmethoden mögliche Interaktionen zwischen körperlichen Symptomen und psychischen Ursachen wohl kaum ermitteln. (Thorsten Stegemann)

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