Dekarbonisierung noch nicht in Sicht

Die Energie- und Klimawochenschau: Jahresrückblick II. Kohle und Atom auf nahezu gleichem Niveau, erfolgreiche Divestment-Bewegung und ungelöste Atommüllprobleme

Auf die Liste der Wörter des Jahres 2015 hat es der Begriff "Dekarbonisierung" nicht geschafft. Dennoch war er in der klimapolitischen Debatte in aller Munde, wenn auch unterschiedlich streng interpretiert. 80% der gesicherten Kohlereserven müsste im Boden bleiben, außerdem ein Drittel der Ölreserven und die Hälfte der Gasreserven, um das 2-Grad-Ziel einzuhalten, so lässt es sich im Kohleatlas von Böll-Stiftung und Greenpeace nachlesen.

Nun haben sich die Staaten auf der Klimakonferenz im Dezember darauf geeinigt, möglichst einen Temperaturanstieg über 1,5 Grad Celsius zu vermeiden. Entsprechend schrumpft das Kohlenstoffbudget, das die Menschheit noch verbrennen darf.

An die praktische Umsetzung des Vorhabens, fossile Ressourcen im Boden zu lassen, machte sich weltweit die Divestment-Bewegung. Öffentliche Gelder sollen vornehmlich aus der Kohlewirtschaft abgezogen werden, um den Aufschluss neuer Abbaugebiete oder neue Kohlekraftwerke zu verhindern. Studierende zahlreicher Universitäten forderten den Rückzug ihrer Institute aus der fossilen Wirtschaft - einige Universitäten zeigten sich einsichtig. Divestmentversprechen machten auch die Rockefeller-Stiftung, der norwegische Pensionsfonds oder der Ökumenische Rat der Kirchen. In Deutschland kündigte die Stadt Münster ein Divestment aus fossilen Energien an, die Allianz versprach ihren Rückzug aus der Kohlefinanzierung.

Auch ökonomisch scheint ein Divestment aus den fossilen Energien dringend geboten. Nach einem Bericht der Carbon Tracker Initiative befinden sich Reserven fossiler Brennstoffe mit einem CO2-Gehalt von 2.795 Gigatonnen in privatem und öffentlichem Besitz. Nur rund ein Fünftel dieser Reserven dürfte noch verbrannt werden, beim 1,5-Grad-Ziel sogar noch weniger, d.h. ein Großteil dieses Besitzes könnte bald wertlos sein. 2015 gab es immerhin einige verbale Bekenntnisse zur "Dekarbonisierung", etwa beim Gipfeltreffen der G7 in Elmau. Im Abkommen von Paris kommt der Begriff Dekarbonisierung zwar nicht vor, de facto ist sie jedoch notwendig, um sich dem 1,5-Grad-Ziel auch nur anzunähern.

Werfen wir einen Blick auf den Status Quo: Im Jahr 2014 ist der Treibhausgasausstoß aus fossilen Energieträgern weltweit um 0,6% gestiegen und betrug insgesamt 9,8 Gigatonnen Kohlenstoff (das entspricht 35,96 Gigatonnen CO2). Für das Jahr 2015 sagt die Organisation The Global Carbon Project einen Rückgang der Emissionen um 0,6% voraus. Es wird mit Sicherheit noch einige Zeit dauern, bis sich diese Prognose anhand von offiziellen Zahlen überprüfen lässt.

Für Deutschland rechnet etwa die AG Energiebilanzen mit einem leichten Anstieg des CO2-Ausstoßes im Jahr 2015. So sei der Stromverbrauch um 1,3% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. "Bei den CO2-Emissionen wird es nach Ansicht der AG Energiebilanzen nur zu einem leichten Anstieg gegenüber dem Vorjahr kommen. Ein erheblicher Teil des Verbrauchszuwachses konnte durch erneuerbare Energien und damit ohne höhere Emissionen gedeckt werden."

Von Dekarbonisierung ist dabei wenig zu spüren. Zwar ist der Steinkohleverbrauch in Deutschland um 0,7% zurückgegangen, der Braunkohleverbrauch ist hingegen nahezu gleich geblieben.

Eine enttäuschende Meldung gab es leider auch vom weltweit größten Kohleverbraucher China. Hieß es bis Mitte des Jahres noch, China hätte 2014 weniger Kohle verfeuert als in den Jahren zuvor, meldete im November die New York Times, dass China in den vergangenen Jahren bis zu 17% mehr Kohle verbrannt hätte als offiziell angegeben. Aus den Daten von Chinas Statistikbehörde gehe hervor, dass der Kohleverbrauch bereits seit dem Jahr 2000 unterschätzt worden sei.

Alles andere als Dekarbonisierung fand auch in Australien statt. Im Zeitraum von Mitte 2014 bis Mitte 2015 nahm die Stromerzeugung aus Braunkohle um 10% zu, die aus Steinkohle um 1,4%, wie klimaretter.info berichtet.

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