Delta-Variante: Gefährlich wie ein Killerhai?

Bild: Mile Ribeiro/Pexels

Die aktuelle Situation gibt eher Anlass zu Optimismus - Selbst notorische Warner wie Lauterbach oder Drosten sehen gute Chancen für Deutschland, wenn die Impfkampagne weiter vorankommt

Delta ist ein gefräßiger, dicker Hai. Auf einer Karikatur der SZ schwimmt er an Badegästen vorbei, die Ball spielen oder faul herumliegen. Nur einer schaut etwas verdutzt Richtung Haiflosse. Die anderen sind unbekümmert. Sie sehen die Gefahr nicht.

Nicht alles muss eine Wiederholung sein oder ein Déjà vu. Auch Christian Drosten hält sich gerade zurück mit drohenden Vorhersagen. Man müsse sich genau anschauen, wie der Anteil der Delta-Variante in Deutschland sich entwickle, es könne auch sein, dass die Lage relativ konstant bleibe. "Es muss nicht so kommen wie in England."

Noch sei man in Deutschland mit einem sechsprozentigen Anteil der Variante Delta (B.1.617.2) "im statistischen Grundrauschen". Diesen Anteil hatte das in RKI in Proben gefunden, die die Grundlage für den Bericht vom 16. Juni bildeten. Der deckt den Zeitraum vom 31. Mai bis 6. Juni ab (22. Kalenderwoche).

Der Frühindikator, auf den man nun achten müsse, sei die Steigerungsrate. Verdoppelungen, die sich aus dem statistischen Grundrauschen hinaus entwickeln, wären ein schlechtes Szenario. Für Voraussagen sei es aber zu früh, so Drosten. Man müsse die nächsten RKI-Zahlen abwarten. Es könne sein, dass sich die Lage nicht so entwickle wie in England, da es dort durch viele unabhängige Eintragungen dieser Variante aus Indien gebe, die durch asiatisch-stämmige Communities in den Städten, "in denen das Virus amplifiziert wurde", erklärt werden können. Das sei in Deutschland strukturell anders.

"Gesundheitsexperten warnen vor Sorglosigkeit"

Der RKI-Bericht zur 23. Kalenderwoche (7. bis 13. Juni) wird erst heute Abend erwartet. Doch haben manche den dicken Fisch schon gesehen. "Gesundheitsexperten warnen vor Sorglosigkeit", meldet die Tagesschau heute. Die Inzidenz sinke, aber der Anteil von Delta an den Neuinfektionen sei "zuletzt spürbar gestiegen".

In Zahlen: Der Delta-Anteil betrage "mehr als ein Fünftel der Neuansteckungen in Hessen" (Gesundheitsminister Kai Klose, Grüne), habe sich "innerhalb einer Woche in Bayern fast verdoppelt, von 132 auf 229 Fälle" (Staatskanzleichef Florian Herrmann, CSU). Dazu ermittelte eine Laborgemeinschaft mit verschiedenen Standorten in Bayern "Hinweise".

So konnte sie von den SARS-CoV-2-positiven Abstrichen, die das Labor zwischen dem 8. und 13. Juni hatte, elf Prozent der Delta-Variante zuordnen. Im Zeitraum vom 14. bis 20. Juni lag der Anteil der Mutation bereits bei 24,6 Prozent.

Tagesschau

Drosten setzt darauf, dass man gegen Delta animpft. So auch der andere notorische Warner, Karl Lauterbach. Er verweist auf eine Veröffentlichung der Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE). Deren Analyse zufolge ist eine Zweifach-Impfung sehr effektiv gegen Delta (B.1.617.2). Ihr zugrunde liegen "14.019 Fälle der Delta-Variante - von denen 166 ins Krankenhaus eingeliefert wurden - zwischen dem 12. April und dem 4. Juni, wobei Notfallaufnahmen in Krankenhäusern in England untersucht wurden".

Ermittelt wurde, dass der Impfstoff von Pfizer-BioNTech nach zwei Dosen zu 96 Prozent wirksam gegen Krankenhausaufenthalte sei und der Impfstoff von AstraZeneca nach zwei Dosen zu 92 Prozent. Veröffentlicht wurde die Untersuchung am 14. Juni.

Die Delta-Variante sei nur ein großes Risiko für die Ungeimpften, so Lauterbach. "Für vollständig Geimpfte ist ein wirklich schwerer Verlauf eine Seltenheit. Daher werden wir dringend Impfkampagnen machen müssen."

Wie immer betont der SPD-Politiker, dass "leider auch die Kinder ungeimpft" seien, ohne allerdings darauf einzugehen, dass es Kinder bei einer Ansteckung mit einem ungleich anderen Risiko von schweren Verläufen zu tun haben als Erwachsene.

Was die Impfkampagne angeht, so ist in Deutschland derzeit etwa ein Drittel zweifach geimpft. (26.976.919 Personen, 32,4 Prozent der Gesamtbevölkerung). Insgesamt haben 42.922.868 Personen (51,6 %) mindestens eine Impfdosis erhalten, so das Impfdashboard.

Gut möglich aber, dass die Impfkampagne in den nächsten Wochen nachlässt, denn BioNTech wird im Juli deutlich weniger Impfstoff an Deutschland liefern als noch im Juni. (Thomas Pany)