Dem Volk, was dem Volk gehört

DDR-Spieleautomat Poly-Play jetzt auf M.A.M.E. spielbar

Poly-Play, der einzige Videospieleautomat der DDR, liegt nun in einer Version für den Emulator M.A.M.E. vor. Damit wird, zehn Jahre nach dem Untergang der DDR, doch noch das alte Versprechen eingelöst, dass alle interessierten Menschen Zugang zu den Errungenschaften der sozialistischen Programmierkunst haben sollen (siehe Computer- und Videospiele in der DDR).

"Hase und Wolf"

Bei allen guten Vorsätzen, Videospiele für die Zeit nach ihrem kommerziellem Zenit zu erhalten, kamen die M.A.M.E.-Programmierer (Multi Arcade Machine Emulator) bisher nicht umhin, sich in einer juristischen Grauzone zu bewegen. Seit seinem Bestehen sieht sich das Open-Source-Projekt mit Vorwürfen der Spieleindustrie in Sachen Copyrightverletzung konfrontiert. Doch nun, unabhängig wie diese Auseinandersetzung ausgeht, wurden zum ersten Mal acht Spiele aus sozialistischer Produktion in M.A.M.E. integriert. Diese wurden dann auch konsequenterweise vom MAME.net-Webmaster zum Volkseigentum erklärt.

Der Aufgabe, den Polyplay der Nachwelt zu erhalten, hat sich Martin Buchholz angenommen. Der Mathematikstudent aus Greifswald kennt den Automaten noch von früher aus dem Jugendklub seiner Heimatstadt Seelow. Begeistert von dem 1997 herausgekommenen M.A.M.E., fasste er den Plan, die Erinnerungen seiner Kindheit wieder zu digitalem Leben zu erwecken. Und das wurde auch höchste Zeit. Denn nur wenige Exemplare des Poly-Play haben die Wende überlebt.

Doch zum Glück hat das Berliner Computerspiele-Museum einen der wenigen noch existierenden Poly-Plays bewahrt. Die Museumsmacher waren glücklich, Buchholz mit ihrer umfangreichen Dokumentation und den Orginal-Spieleplatinen unter die Arme greifen zu können. So war es ihm möglich, die Poly-Play-Architektur nachzuvollziehen und in M.A.M.E. einzubinden. "Jetzt muss uns nicht mehr jedes Mal das Herz stehen bleiben, wenn unser Poly-Play mal wieder Probleme macht, " sagt Jan-Ole Christian vom Computerspiele-Museum. "Denn wir wissen ja, dass, selbst wenn die Hardware endgültig ihren Geist aufgibt [was zwangsläufig das Schicksal einer jeden Hardware ist, Anm. d. Verf.], dank M.A.M.E. die Spiele auch weiterhin spielbar sind."

Doch ist dies nicht der einzig museale Aspekt des Projekts. Denn es wurde nicht nur etwas Altes erhalten, sondern auch etwas bisher Unbekanntes entdeckt. Beim Auslesen der Automaten-Hardware kamen nämlich vier weitere Spiele zum Vorschein. Bisher waren selbst unter Poly-Play-Experten lediglich acht Spiele bekannt, die der Spieler über ein Auswahlmenue ansteuern kann.

Allerdings kamen zuerst nur Hinweise ans Tageslicht. Denn das einzige, was wir bisher haben, sind die Namen der unbekannten Spiele. Die Spiele selber sind noch nicht aufgetaucht. Dabei vermutet Buchholz aufgrund des Programmcodes im Poly-Play, dass die Spiele auch tatsächlich existiert haben müssen.

Auch wenn erste Recherchen bisher noch kein Ergebnis gebracht haben, wird damit doch augenscheinlich demonstriert, dass auch im Informationszeitalter die Archäologie keinesfalls ausgedient hat. Wie bei einer traditionellen Grabung wird auch bei einer digitalen Schicht um Schicht abgetragen und nach Informationen durchsucht. Und wie bei jener dauert es eine Weile, bis man das Puzzle zusammengesetzt hat.

Ach ja: Die Namen der unbekannten Spiele sind: DER GAERTNER, IM GEWAECHSHAUS, HAGELNDE WOLKEN und DER TAUCHER.

Das Computerspiele-Museum ist dankbar für sachdienliche Hinweise. (Andreas Lange)

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