Dem "verlorenen Wissen" auf der Spur?

Der Suhrkamp Verlag investiert in die Lust am Transzendenten und präsentiert das erste Programm seines neuen "Verlags der Weltreligionen"

Gerade hat der „Economist“ über die alles andere als rosige Lage der Zeitschriftenverlage (Out of Vogue in der Ära des Internet berichtet. Die Zahlen, die das Wochenmagazin am Beispiel des französischen Medienkonzerns Lagadère Active präsentierte, sind für die Branche ebenso ernüchternd wie Besorgnis erregend. So sind die Verkaufszahlen aller Printerzeugnisse allein in den letzten zehn Jahren in Amerika und Großbritannien um etwa 10 Prozent, in Frankreich sogar um fast 20 Prozent zurückgegangen. Nur in Italien konnte der Verkauf gesteigert werden, während der Absatz Spanien, nach einer kurzen Blütephase um die Jahrtausendwende, wieder auf den Stand von 1995 gefallen ist.

Wer Trends verpasst, hat schlechte Chancen.

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Diese schwindende wirtschaftliche Bedeutung ihrer Printerzeugnisse versuchen die meisten Medienhäuser durch massiven Ausbau ihrer Online-Aktivitäten zu kompensieren. Zeitungen wie der „Guardian“, die „Sun“ oder die „Times“ in UK (Rule on, Britannia), oder der „Spiegel“, die „SZ“ und „BILD“ hierzulande rüsten ihre Online-Portale auf und „züchten“ sich auf diese Weise Millionen nicht zahlender Leser. Verleger wie Rupert Murdoch oder der Holtzbrinck Verlag wiederum investieren kräftig in den Online-Bereich. Sie kaufen Firmen auf, die erfolgreich im Netz operieren, und passen ihre Aktivitäten den Zeitrhythmen, Rezeptionsweisen und Umlaufgeschwindigkeiten der Online-Zeit an.

Nach dem „Wall Street Journal“, das seine Tätigkeiten vollkommen ins Netz verlagern will, ist auch die „New York Times“, Flagschiff der US-amerikanischen Öffentlichkeit, mittlerweile wieder auf den Geschmack gekommen und auf die Gratis-Kultur des Internet umgeschwenkt. Seit Mitte September ist ihr Online-Portal kostenfrei und gewährt allen Nutzern weitgehend Zugang zu ihrem vielfältigen Archiv.

Angesichts des schwierigen Umfelds, dem sich die Branche insgesamt gegenübersteht: fehlende Werbekundschaft, Attraktivität der Online-Dienste, Discount von Supermarktketten, gehören schon eine gehörige Portion Mut und ein hohes Maß an Risikobereitschaft dazu, den Markt mit neuen, Tinte bedruckten Produkte zu versorgen oder gar neue Printverlage aus der Taufe zu heben. Vor einem Jahr hat es „Condé Nast“ mit einer deutschen Ausgabe der „Vanity Fair“ versucht. Mit zweifelhaftem Erfolg, wie sich trotz gigantischen Werbeaufwands und Verramschaktionen rasch herausgestellt hat. Und auch der „Klett Verlag“ hat sich berufen gefühlt, mit der Gründung von Booklett jüngere Leser für neue Sachbuchangebote zu gewinnen. Mit welchem Erfolg ist bislang nicht bekannt.

Besonders abschreckend scheint das auf die Akteure bislang aber nicht zu wirken. Vor allem nicht auf ehemalige Mitarbeiter des Suhrkamp Verlages, die wegen programmatischer Differenzen, persönlicher Querelen oder anderer Zwistigkeiten mit Siegfried Unseld, oder später mit seiner Witwe und Nachfolgerin, Ulla Berkéwicz, den Verlag vorzeitig verlassen haben oder ihn verlassen mussten. Nur so ist zu erklären, dass nach Friedhelm Herborth, der vor einigen Jahren in Weilerswirst den Velbrück Wissenschaftsverlag neu geschaffen hat, nun auch Gottfried Honnefelder, zuletzt Leiter von DuMont, oder Rainer Weiss und Anya Schutzbach, Programmchef und Marketingleiterin bei Suhrkamp noch zu Anfang des Jahres, die Gründung zweier neuer Verlage in Deutschland angekündigt haben. Während der eine den Verlag „Berlin University Press“ aufgekauft hat, um fortan kulturwissenschaftliche Bücher zu verlegen, investieren die beiden anderen, nach eigenen Angaben, rund eine Million Euro in „Weissbooks“, einen vollkommen neuen Verlag, der für nächstes Jahr zehn neue Publikationen in Aussicht gestellt hat.

Selbst der „Suhrkamp/Insel Verlag“ scheint sich von derlei Zahlen und Prognosen nicht schrecken zu lassen und seinerseits nach neuen Ufern zu streben. Bereits Ende letzten Jahres war zu hören, dass er plant, nach dem „Klassiker“ und „Jüdischen Verlag“ mit dem Verlag der Weltreligionen sich ein drittes Standbein schaffen zu wollen. Auf der Buchmesse in Leipzig Mitte März wurde das Projekt der Öffentlichkeit feierlich vorgestellt. Zeitgleich kam ein vom neuen Verlagsleiter Hans-Joachim Simm herausgegebener Appetizer heraus („Die Religionen der Welt. Ein Almanach zur Eröffnung des Verlags der Weltreligionen“, in dem das Vorhaben thematisch vorgestellt, die künftigen Aufgaben des Verlags umrissen und Öffentlichkeit, Buchhandel und Publikum auf das Kommende eingestimmt wurden.

Schnell zeigte sich, dass der Begriff „Weltreligion“ sehr „offen“ und „weitläufig“ gehalten ist. Weil man sich nicht von vorneherein eine inhaltliche Beschränkung des Themas auferlegen oder sich dem Verdacht aussetzen will, andere missionieren zu wollen, werden weder bestimmte Religionen bevorzugt noch andere außen vor gelassen. Stattdessen will man die „Vielfalt der Religionen“ ernst nehmen und sich auch der Mystik, Kabbalistik und sonstiger exotischer Opfer- und Naturreligionen nicht verschließen. Publiziert werden in den nächsten Jahren vor allem „Quellentexte“, die in deutscher Übersetzung ausführlich kommentiert und erklärt werden. Vorgesehen sind unter anderem eine Ausgabe des Korans, zwei Übersetzungen des Neuen Testaments sowie Kommentare zu vedischen, shintoistischen oder biblischen Texten. Widmen will man sich auch eher randständigen und stiefmütterlich behandelten Themen wie der Gnosis, dem Ketzertum oder dem Manichäismus, aber auch den klassischen literarischen Dokumenten zur Geschichte der Religionen und Abhandlungen, die sich mit der sozialen Rolle und der kulturellen Funktion der Religion in modernen und vormodernen Gesellschaften auseinandersetzen.

Warum der Verlag, der bislang ausnahmslos durch die Gleichung Aufklärung = Wissen aufgefallen ist, im Sachbuchbereich nur analytische und gesellschaftskritische Texte und Bücher verlegt und mit seinen Taschenbuch-Reihen einer ganzen „Kultur“ ihren Stempel aufgeprägt hat, sich ausgerechnet „Religion“ als neues Themengebiet erschließen will, hat bei langjährigen Weggefährten, bei Freunden und kritischen Begleitern ungläubiges Staunen ausgelöst und Kopfschütteln hervorgerufen. Die Befürchtung (Ein Verlag bündelt Sinnressourcen) wurde laut, dass der Verlag hier gegen die intellektuellen Ausdifferenzierungserfolge der eigenen Arbeit verstoße. Statt Religion als ein System unter anderen zu beschreiben, werde sie zu einem Gegenstand eigener, zumal höchster Ordnung hochgejazzt. Aus der viel zitierten „Suhrkamp-Kultur“ könnte daher alsbald eine „Suhrkamp-Religion“ werden.

Viel ist seitdem auch darüber spekuliert worden, was das leitende Motiv für diese Neuausrichtung der Verlagspolitik gewesen ist. So mancher Kommentator hat sich hinreißen lassen, es in den persönlichen Vorlieben und Neigungen der neuen Verlagsleiterin zu verorten. Ausführlich haben sie sich über den neuen Gothic-Look der Chefin ausgelassen und ihren Hang fürs Dunkle, Kosmologische und Mystische breit gewalzt. Und wer ihren Auftritt und ihre Rede auf der Buchmesse in Leipzig im März gehört hat, wird sich darin eher bestätigt gefühlt haben und um die Tradition des Verlags fürchten. Dort sprach Ulla Unseld-Berkéwicz in Anlehnung an den englischen Physiker James Jeans von einer „letzten Wirklichkeit“, mit der wir noch nicht in Berührung gekommen sind, vom Staunen, das am Anfang wie am Ende steht und von einer „kahlen Zeit“ dazwischen unterbrochen wird, und vom „verlorenen Wissen“, das wir wieder zu suchen beginnen, und zwar dort, wo es niedergeschrieben steht, in den heiligen Büchern der Weltreligionen, in den Schriften der Weisen und Seher.

Bei all diesen persönlichen Angriffen auf die Person Berkéwicz wird aber übersehen, dass die Herausgabe religionsphilosophischer und religionssoziologischer Schriften nicht vom Himmel fällt. Schriften von Georg Simmel über Emile Durkheim, Ernst Bloch und Walter Benjamin bis hin zu Gershom Scholem haben eine lange Tradition im Verlag – ganz zu schweigen von Faksimilés der Gutenberg-Bibel und des Evangeliars Heinrichs des Löwen, von Schriften zur christlichen Mystik oder einer Ausgabe des babylonischen Talmuds, die bei Insel, im Klassiker oder Jüdischem Verlag schon erschienen sind. Schon vor zehn Jahren gab es beispielsweise die Absicht einer Neuübersetzung des Neuen Testaments. Noch unter der Regie der alten Verlagsleitung gab es Pläne, eine große Sammlung der Texte der Weltreligionen anzulegen, das offenbar erst nach dem Tod des alten Patriarchen von seiner Frau und Witwe in Angriff genommen werden konnte.

Für das Projekt hat sich der Verlag einen illustren wissenschaftlichen Beirat zugelegt, Gelehrte aus unterschiedlichsten Fächern und Disziplinen, die das Programm erarbeitet, Herausgeber und Übersetzer gesucht haben und das Ganze fortan betreuen und begleiten sollen. Neben Experten wie dem Theologen Klaus Berger und Judaisten Peter Schäfer befinden sich darunter altbekannte Namen, der Soziologe Ulrich Beck, der Ägyptologe Jan Assmann und der ehemalige Präsident der DFG Wolfgang Frühwald. Diese Schar ausgewiesener Fachleute soll dafür sorgen, dass der strenge wissenschaftliche Anspruch, den der Verlag zweifellos hegt, gewahrt bleibt, die Ausgaben aber trotzdem weit über den kleinen Kreis von Fachgelehrten hinaus von einem breiten Publikum rezipiert werden.

Schon in Leipzig wurde deutlich, dass Ulla Berkéwicz offenbar eine Menge Mitstreiter gefunden hat, die ihr auf diesem intellektuellen Abenteuer, und so muss man das wohl auch bezeichnen, zu folgen bereit sind. Die Investitionen sind beachtlich, gab Thomas Sparr, Geschäftsführer bei Suhrkamp, auf der Buchmesse in Frankfurt zu. Die finanziellen Risiken werden etwas abgefedert durch die Hamburger Udo-Keller-Stiftung, die wenigstens die sehr kostspieligen Editionen fördert. Immerhin soll die Resonanz auf das Projekt, so Klaus Berger in Leipzig, „überwältigend“ gewesen sein. Die Fachwelt hätte „von Harvard bis Tokio, von Jerusalem bis Kirkuk“ längst auf so einen Augenblick „gewartet“. Im Verlag sei man überrascht gewesen, wie viele Texte woanders auf der Welt bereits erarbeitet und übersetzt gewesen sind, kanonische ebenso wie weniger bekannte Werke.

Mal abgesehen, was davon Wahrheit, und was Legende ist, was Realität ist oder eher dem Wunschdenken der Verantwortlichen entspringt – in der Tat scheint der Markt durchaus offen und bereit für eine Neuauseinandersetzung mit den unabweisbar „letzten Dingen“. Vor allem seitdem deutlich geworden ist, dass man dem Phänomen mit schlichten Formeln wie „Gotteswahn“, „Religion ist Opium des Volkes“ und/oder „Gott ist tot“ nicht gerecht wird. Wie intellektuell schwachbrüstig mitunter mancher professionelle Gottesleugner heutzutage daherkommt, kann man an den aktuellen Büchern von Richard Dawkins’ „Gotteswahn“ und Christopher Hitchens’ „Der Herr ist kein Hirte“ (Religion vergiftet die ganze Welt) beobachten. So witzig und sprachgewandt sie sich auch geben, bei genauerem Hinsehen entpuppen sich ihre Argumente auch nicht unbedingt schlagender als die ihrer „Hauptfeinde“, der Kreationisten.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Formel von der „Wieder-“ oder „Rückkehr der Religionen“ suggeriert, dass Gott und Religion (ebenso wie Raum, Identität, Geschichte, Politische Theologie usw.) ihre „Sinnressourcen“ längst aufgezehrt hätten und somit erledigt wären. Das war aber mitnichten so. Unterhalb medialer Oberflächen- und Bewusstseinsschwellen waren sie latent wirksam und haben, salopp formuliert, weiter ihr munteres „Unwesen“ getrieben. Auch unter postmodernen Verhältnissen zeitigt Religion, wie wir mittlerweile erfahren, historische Wirkungen, die tief in die Kultur und die sozialen Wirklichkeiten von Gruppen und Gemeinschaften eingreifen und sie maßgeblich mitformen.

Ob das aber auch unbedingt bedeuten muss, dass sich André Malraux’s Prophezeiung erfüllt, wonach „das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Religion sein“ wird, bleibt abzuwarten. Ebenso, ob das Themenspektrum genug hergibt, um ein ganzes Verlagsprogramm zu füllen und sich damit ein neues Geschäftsfeld zu erobern. Eine weitere, sorgfältig erarbeitete Buchreihe hätte es vielleicht auch getan.

Dass der Papst oder der Dalai Lama von den Medien hofiert werden und zu Medienstars avancieren, bedeutet zunächst noch gar nichts. Um Spiritualität und religiösen Sinn zu finden, braucht es keine Flucht ins Transzendente. Sakrales kann man auch in der Immanenz finden, im Hier und Jetzt, im Schlafzimmer, auf der Fanmeile, im Fußballstadium oder im verrauchten Musikclub. Das Einschlägige dazu kann man bei Georges Bataille nachlesen – auch und vor allem in seiner „Theorie der Religion“. Am Aufstieg und raschen Fall der Postmoderne hat man zudem auch gesehen, wie schnell der Zeitgeist die Pferde wechseln und sich neuen Themenfeldern zuwenden kann.

Diese Gefahr scheint der Verlag nicht zu sehen. Dennoch ist Skepsis angebracht, vorerst – und zwar nicht nur wegen der oben skizzierten Datenlage, der Verlage eher zur Beschneidung und Einschränkung als zur Ausdehnung und Erweiterung ihres Programms oder Spektrums zwingt.

Gewiss ist ein gestiegenes Interesse am „Unabgegoltenen“ (Adorno) oder am Numinosen überhaupt zu verzeichnen, ein Bedürfnis, das mit einem gewaltigen Informationsdefizit auf Seiten der Bürger kollidiert. Nicht nur was die christlichen Religionen angeht, sondern auch was alle übrigen Religionen angeht, Islam, Buddhismus und Hinduismus. Religion ist Bestandteil jeder Kultur und mit ihr unauflöslich verbunden, weshalb Sakrales und Profanes immer wieder neu bestimmt werden müssen.

Auch kann Religion den „Gemeinschaftsgeist“ innerhalb von Gruppen fördern und gesellschaftliche Kräfte stärken. Man sieht das an der dominanten Rolle, die der Konfuzianismus für den Aufstieg Chinas zur neuen Weltmacht spielt. Oder auch an einer gerade vorgestellten Studie, wonach der Glaube an Gott in Ländern, die vom Protestantismus geprägt sind, eine höhere Erwerbsquote aufweist als in anderen, beispielsweise überwiegend katholischen Ländern und Kulturen.

Und schließlich gibt es eine Renaissance religiöser Überzeugungen und Glaubensformen. Nicht nur in der Literatur und der bildenden Kunst, in Theater, Film und Fernsehen spielen religiöse Gegenstände wieder eine größere Rolle. Auch die Erkenntnisse der Biowissenschaft und Genforschung werden von Diskussionen über den Schöpfungscharakter der Natur und ethischen Fragen nach dem Anfang und dem Ende von Leben begleitet. Gleichzeitig bestimmen religiöse Deutungsmuster die weltweite politische und soziale Auseinandersetzung. Waren die Chancen auf einen Dialog unter den Weltreligionen aufgrund moderner Kommunikationsmittel noch nie so groß wie in der globalisierten Welt, wachsen andererseits mit ihnen auch die Bedrohungen durch religiöse Eiferer und Fundamentalisten stetig. Der Zusammenprall der Kulturen, der auch ein hegemonialer Kampf der Religionen um Deutungshoheit ist, um Wahrheit und echte Spiritualität, ist aus dem Sprachgebrauch Otto Normalverbrauchers nicht mehr wegzudenken.

All dies führt dazu, dass unser lange Zeit für universal und selbstverständlich gehaltenes rationales Weltverständnis durch Weltmodelle herausgefordert wird, die analytisch zumindest nicht vollständig zu erfassen sind. Wir beginnen allmählich zu begreifen, dass die maßlose Ausweitung von Wissen und Information nicht dazu geführt hat, dass die Menge unbeantworteter und/oder unbeantwortbarer Fragen geringer geworden ist. Im Gegenteil – mit dem Aufstieg des Rationalismus und seiner Orientierung am zweckrationalen Handeln ist das Bedürfnis nach Sínn stetig gestiegen. Die Erfahrung der Endlichkeit des Menschen, von Tod und Vergehen, hat in vielen, auch intellektuell bewanderten Kreisen eher die Lust und Sehnsucht nach Transzendenz gefördert (Ferien von der Aufklärung).

Vor nicht allzu langer Zeit hat sogar Jürgen Habermas, Berater und Hausphilosoph bei Suhrkamp sein „Coming Out“ erlebt und die Religion, zur Überraschung aller seiner Freunde und Verehrer, zum satisfaktionsfähigen Gesprächspartner erklärt. In seiner Diskussion mit Kardinal Joseph Ratzinger in der Katholischen Akademie in Tutzing (Auf dem Gipfel der Freundlichkeiten), aber auch im Vortrag Ein Bewusstsein von dem, was fehlt, sah er sich genötigt, dem Publikum mitzuteilen, dass sowohl die säkulare Vernunft als auch der von ihr getragene Verfassungsstaat nicht in der Lage sind, ihre „normativen Grundlagen“ aus sich selbst heraus zu schöpfen, sondern dass sie auf die Absicherung durch „religiöse Traditionen“ angewiesen sind, auf religiöse Lebensentwürfe und substanzielle Überzeugungen also, wenn sie ihre Legitimationsbasis nicht verlieren wollen.

Pünktlich zum Beginn der Frankfurter Buchmesse hat der Verlag siebzehn Publikationen auf den Markt geworfen. Neben Schriften zum Vedismus, Hinduismus und Buddhismus, die aus dem Sanskrit übersetzt und eingedeutscht wurden, befinden sich darunter, mit ausführlichen Kommentaren, die „Mischna“, eine Schrift, die Grundlage des Talmuds und des Rabbinertums geworden ist, die „Confessiones“ des Augustinus, eine der Lieblingsbibeln des zeitgenössischen Christentums, sowie eine Sammlung der vierzig Hadhite (Aussprüche) Mohammeds, die für das Begreifen des islamischen Denkens und ihre geistigen Mentoren unerlässlich sind.

Pikant dabei ist, dass die „Mischna“ zeitgleich mit den „Hadithe“ auf den Markt kommt, jener Sammlung von Sätzen also, mit denen sich Islamisten in aller Welt schmücken, um ihre kruden Taten zu legitimieren. Und wer sich die Zeit nimmt, die „Bekenntnisse“ des Augustinus mit den „Aussprüchen“ Mohammeds zu vergleichen, wird zwischen beiden Schriften überraschende Analogien finden. Nicht nur, was die Wirrungen und Irrungen des Lebens der beiden Autoren angeht, sondern auch was die Neuausrichtung ihres Lebens auf Gott angeht.

Neben diesen aufwändigen Editionen gibt es Einführungen in den Buddhismus und in die Mischna. Vor allem letztere zeigt, wie umfassend früher Religion den Alltag, seine Rituale und das zwischenmenschliche Verhalten bestimmt hat. Wer sich auf sie einlässt, wird sich fürwahr in der Fremde fühlen und das Gefühl nicht loswerden, hier das Andere im Anderen zu finden.

Aus den vier Taschenbuchausgaben, mit denen der Verlag seine umfangreiche Backlist in neuem Gewand anbieten und sortieren kann, stechen vor allem Mircea Eliades kosmologische Deutung der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ hervor, sowie Emile Durkheims „Elementare Formen des religiösen Lebens“. Während der Kosmologe und Mythenforscher Eliade die Anerkennung eines höchsten Wesens für viel ursprünglicher hält als etwa Totemismus und Magie (Freud, Bataille), liefert der französische Soziologe einen detaillierten Einblick in die funktionale Rolle, die das Sakrale für die gesellschaftliche Identität und den sozialen Zusammenhalt einer Gemeinschaft spielt. In dieser Funktion ist er auch zum Stichwortgeber der modernen Religionssoziologie geworden. Unter anderem hat das Werk Roger Caillois, Michel Leiris und Georges Bataille stark beeinflusst, nicht nur in ihren Theorien über das Sakrale, das Fest oder die Religion, sondern auch, was das Projekt einer "sociologie sacrée" angeht.

Während Essays über den „amerikanischen Evangelikalismus“ und über „Gotteslästerung“ eklatante Wissenslücken in Deutschland schließen helfen, hat man den Eindruck, dass die Abhandlungen, die die drei Musketiere des Verlags, Peter Sloterdijk, Ulrich Beck und Giorgio Agamben geschrieben haben, besser unterblieben wären. Sie sind zwar im Falle Becks und Sloterdijks gewohnt locker geschrieben, bieten aber außer viel Poesie, Ironie und Spekulation wenig, was den Erkenntniswert angeht.

Sloterdijks Erzählung vom „Kampf der drei Monotheismen“ etwa wiederholt und variiert mit bekannter rhetorischer Verfremdungstechnik Jan Assmanns Hypothese, wonach die Religion eine Abdrift des Politischen ist und erst mit dem monotheistischen Dreigestirn: Judentum, Christentum, Islam zu einer gewaltbereiten geworden ist. Sloterdijk wäre nicht Sloterdijk, wenn er nicht für alle friedenstrunkenen Leser eine friedenspolitische Tröstung bereit hielte, die er schon mehrmals, in Artikeln (Stressfaktor Gott) und in seinem Buch „Zorn und Zeit“ (Produktivkraft Wut) verarbeitet hat. Die Gewalt, so der Sprachkünstler, werde dann ihre Wucht und Dynamik verlieren, wenn die „zornigen Männer“ endlich auf den Spuren Papst Benedikts XVI. wandeln und statt den Sprüchen des „zürnenden Gottes“ denen des „liebenden“ folgen.

Ulrich Beck wiederum spielt sein allseits bekanntes Spiel vom „kosmopolitischen“ Geist der Weltgesellschaft, der über kurz oder lang alle Glaubensterroristen zivilisieren werde, während Agamben sich in dramatischer Weise und mit schweren Worten den „Beamten des Himmels“ nähert, den Kurieren zwischen Himmel und Erde. Wer mehr über die Hierarchie im Himmel erfahren will, über den Kampf um das Ohr der göttlichen Macht und auch Analogien zu Kafkas Universum, zu Bürokratie und Verwaltungsakten, nicht scheut, ist hier sicher gut aufgehoben. Nach der Lektüre wird er wissen, dass das Lager, nennt es sich nun KZ oder Guantanamo, nicht unbedingt eine irdische Erfindung ist, sondern seine Entsprechung im Himmel findet.

Vermisst Von dem abgesehen, weiß das Programm aber durchaus zu überzeugen. Im Übrigen auch die Ausstattung und Gestaltung der Bücher, die sich von den Ausgaben des Klassiker Verlages haben leiten lassen. Mit Absicht vermutlich, um ihnen den ästhetischen Anstrich der Dauerhaftigkeit zu geben. Ob sie aber auch Abnehmer und Publikum finden werden, wird sich zeigen müssen. Die Schwere, mit der die Ausgaben des Klassiker Verlages in den Buchregalen des Buchhandels liegen, gibt wenig Anlass zu Optimismus.

Vermisst werden bislang nur Texte, die sich mit dem Byzantismus, dem Feind des Hellenismus, und der russischen Orthodoxie auseinandersetzen. Aus den Hinweisen ist bislang nicht zu ersehen, ob das in Planung ist oder nicht. Gerade auf sie kann aber kaum verzichtet werden, vor allem, wenn man ihre gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung für die Spaltung Europas, die Ikonographie selbst und die Mentalität der Menschen im Osten Europas berücksichtigt. Erst jüngst hat Marek Cichocki, enger Berater des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, in der „Internationalen Politik“ (Neue Länder, alte Mythen) mit Recht auf den unterschiedlichen Gebrauch der Aufklärung in Ost- und Westeuropa hingewiesen. „It’s gonna be a long walk home“, wie es bei Bruce Springsteen im gleichnamigen Song heißt. (Rudolf Maresch)

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