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Demagogen: "Alle sprechen vom 'Volk', das von 'der Elite' unterdrückt wird"

"Ein Ansteigen des Rechtspopulismus", sagt Walter Ötsch[1] im Interview mit Telepolis, "bedeutet in jedem Fall, dass die anderen Parteien etwas falsch gemacht haben und weiter falsch machen." Zusammen mit der Journalistin Nina Horaczek[2] hat der Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte gerade das Buch "Populismus für Anfänger - Anleitung zum Volksverführer"[3] veröffentlicht, das zum Ziel hat, den Lesern aufzuzeigen, wie Demagogen bei ihrem Stimmenfang vorgehen.

Im Interview mit Telepolis skizziert Ötsch jenes eindimensionale Gesellschaftsbild, das die Volksverführer zeichnen und verweist zugleich auf die etablierten Parteien, die aus seiner Sicht mit zu einem Stärkerwerden der Rechtspopulisten beigetragen haben: "Ein Ansteigen des Rechtspopulismus bedeutet in jedem Fall, dass die anderen Parteien etwas falsch gemacht haben und weiter falsch machen", so Ötsch.

Herr Ötsch, Populisten und Demagogen werden oft, wenn Sie zu Beginn ihrer Karriere auf die Bühne treten, belächelt und nicht Ernst genommen. Ist das einer der ersten Fehler, der im Umgang mit Populisten gemacht wird?
Walter Ötsch: Vor allen Dingen wurde früher ihre eigentliche Kompetenz unterschätzt, wie sie nämlich in der Lage sind, mit Teilen der Bevölkerung zu kommunizieren. Das können wir in Österreich schon seit über zwei Jahrzehnten beobachten und im letzten Jahr deutlich im US-Wahlkampf. In beiden Fällen haben die Parteien, die gegen die Rechtspopulisten vorgingen, keine wirklichen kommunikativen Gegenmittel gefunden. Hillary Clinton hat in keiner Weise verstanden, warum Donald Trump so viel Zulauf hatte und welche Stimmungen er wirkungsvoll ansprechen konnte. Aber vielleicht hat schon ein Lernprozess eingesetzt: Emmanuel Macron versus Marine Le Pen im französischen TV ist ein gutes Gegenbeispiel.
Welche Fehler werden noch gemacht?
Walter Ötsch: Ein anderer Fehler, der auch gemacht wurde, ist es Wähler und Wählerinnen zu beschuldigen, sie wären nicht klug, reif etc. genug.
Was ja immer wieder passiert.
Walter Ötsch: Ja. Drastische Beispiele sind aus Polen und Ungarn bekannt. In beiden Ländern wurden heimlich Gespräche von führenden Regierungsmitgliedern aufgenommen, die das Wahlvolk beschimpft hatten. So waren sie in der Öffentlichkeit diskreditiert und die Botschaft der Populisten, eine abgehobene Elite schaue verächtlich auf "das Volk" herab, wurde handgreiflich bestätigt.
Rechtspopulisten kommen immer dann an die Macht, wenn die anderen politischen Kräfte diskreditiert sind, wie auch in Italien: Der Zusammenbruch der Democrazia Christiana in einem Strudel von Skandalen hat Silvio Berlusconi den Weg zur Regierung frei gemacht.
Wie kommt es dazu, dass sie - vor allem auch in den Medien - belächelt und als kleine Randfiguren abgetan wurden?
Walter Ötsch: Spätestens seit dem Wahlsieg von Trump ist diese Unterschätzung vorbei. Ich denke, dass jetzt die Rechtspopulisten ernst genommen werden. Manche übertreiben aber auch und tun so, als ob es jetzt eine rechtspopulistische Welle geben würde, die sich durchsetzen muss.
Das sehen Sie eher nicht so?
Walter Ötsch: Die Zukunft ist immer offen. Entscheidend müsste sein: Ein klarer Blick auf die Ursachen für das Anwachsen der Zustimmung und vor allem auf den qualitativen Unterschied, wie hier Politik gemacht wird.
Was sollte denn der entscheidende Unterschied sein?
Walter Ötsch: In unserem Buch wollen wir Klarheit darüber schaffen, wie Rechtspopulisten denken. Man sollte ihre Denkweise verstehen und nachvollziehen können, - dann kann man noch wirkungsvoller dagegen auftreten. Entscheidend ist das spezifische Bild der Gesellschaft, das Rechtspopulisten haben, sie leben in einer eigenen Vorstellungswelt.
Bild: Lucas Derks 2017
Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass die Gesellschaft von Rechtspopulisten zweigeteilt gesehen wird.
Walter Ötsch: So ist es. Es gibt in diesem Bild nur zwei Gruppen: die homogene Gruppe der "Wir", z.B. "das Volk", auf der einen und "die Anderen", eine homogene Gruppe von "Feinden", auf der anderen Seite. Am besten ist, man stellt sich innerlich ein solches Bild intensiv vor.
Wie meinen Sie das?
Walter Ötsch: Stellen Sie sich eine Gruppe ganz nahe bei sich selbst vor.
Diese entspricht dann den "Wir"?
Walter Ötsch: Ja, und zu ihnen hat man gute und warme Gefühle. Hier kann man sich geborgen fühlen.
Und weiter?
Walter Ötsch: Dieses Bild sieht so aus: Um die Gruppe der "Wir" gibt es eine unsichtbare Mauer, jenseits der Mauer ist ein leeren Raum und in deutlichem Abstand weit hinten gibt es eine zweite Gruppe zu sehen, das sind "die Anderen".
Und diese Gruppe ist dann "böse", "schlecht" usw.?
Walter Ötsch: Die Gruppe "der Anderen" wird in dieser Vorstellungswelt in düstere Farben getaucht und zugleich als groß imaginiert: Denn "sie" bedrohen "uns". Die Folge: "Wir" haben notwendigerweise Angst vor "ihnen" und müssen "uns" gegen "die" wehren.
Dieses Bild findet sich bei allen Rechtspopulisten. Im Kern beinhaltet es einen Verschwörungsmythos: "Die" haben sich gegen "uns" verschworen. Diese Verschwörung stellt für Rechtspopulisten die gesellschaftliche Grundproblematik dar. Sie selbst sind - das ist ihr Selbstanspruch - angetreten, diese Verschwörung aufzudecken und Abhilfe zu versprechen. Denn nur sie seien befugt über "den" (homogenen) Willen "des" (fiktiven homogenen) "Volkes" Auskunft zu geben, die "anderen" Parteien sind dazu nicht in Lage.
In Ihrem Buch bezeichnen Sie das Bild einer in zwei Gruppen gespaltenen Gesellschaft als demagogisch.
Walter Ötsch: Genau. Wir sprechen nicht von Populismus oder Rechtspopulismus, sondern von Demagogie, für uns ist das ein präziserer Begriff. Für die im Buch zitierten Politiker und Politikerinnen (von Trump, Le Pen, Wilders, Strache und Hofer, Lucke, Petry, Höcke, Gauland … bis hin zu Orbán oder Kaczynski) kann dieses Bild nachgewiesen werden, wir geben viele Beispiele. Alle sprechen vom "Volk", das von "der Elite" unterdrückt wird.
US-Präsident Donald Trump zum Beispiel hat in seiner Antrittsrede gesagt: "Wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück." Der Milliardär Trump glaubt also, Sprecher "des Volkes" (für ihn "der vergessene Mann" und "die vergessene Frau") zu sein und wer sich seiner Politik widersetzt, agiert in seiner Vorstellung direkt gegen "das Volk". Die kritischen Medien sind für Trump folgerichtig "Volksfeinde".
Können Sie das Bild der "demagogischen Gesellschaft", das da gezeichnet wird, näher beschreiben?
Walter Ötsch: In diesem Bild gelten "die Anderen" immer als Feinde, die bekämpft und letztlich zum Schweigen gebracht werden müssen. Genau genommen werden hier drei Gruppen zu einer einzigen zusammengedacht.
Welche denn?
Walter Ötsch: "Die da oben" (die "Elite", die "Altparteien", "das System", "die EU"), "Die da draußen" (die Asylsuchenden, fremde Länder, "der Islam") und drittens "Die da unten": das sind verachtenswerte Leute, die sich Rechte und Privilegien herausnehmen, die ihnen nicht zustehen, wie die "Sozialschmarotzer" - ein Begriff übrigens aus der Sprache der Nationalsozialisten.
Die Kunst von Demagogen besteht darin, diese drei Gruppen zu einer einzigen zu bündeln, so entsteht das Bild der homogenen "Anderen", die mit den homogenen "Wir" in einem Kampf liegen. Ideal kann man diese Verbindungen anhand "der Ausländer" machen. Sie kommen ja von außen, wurden - so die Behauptung - bewusst von "denen da oben" ins Land gelassen (denn "die wollen uns umvolken") und sind, wenn sie im Land sind, "Sozialschmarotzer", weil sie als Arbeitslose oder Sozialempfänger die Staatskasse belasten.
Der ungarische Ministerpräsident Orbán sah zum Beispiel im Flüchtlingszustrom 2015 eine "orchestrierte Kampagne" mit dem Ziel, in Europa die "religiöse und kulturelle Landkarte zu verändern, seine ethnischen Grundlagen umzubauen und dadurch die Nationalstaaten zu vernichten, die das letzte Hindernis für die internationale Bewegung sind". Da sind, so sagte er, "verborgene, gesichtslose Mächte" am Werk - seine Version einer angeblichen Verschwörung auf EU- oder einer noch größeren Ebene.
Das heißt "die Anderen" fungieren als Sündenböcke, die für soziale Probleme verantwortlich gemacht werden?
Walter Ötsch:: Genau. Denn in der "Wir gegen die Anderen-Welt" sind drei Diskurse verschachtelt: ein Moraldiskurs (Wir sind die Guten, die Anderen die Bösen), ein Wahrheitsdiskurs (Bei uns liegt die Wahrheit, die Anderen produzieren dauernd Fake News) und ein Opferdiskurs (Die Anderen sind die Täter, Wir ihre Opfer).
Im Grunde genommen werden alle Probleme, die thematisiert werden, in dieses Schema gepresst. Immer gibt es persönliche Schuldige. Jedes Sachproblem wird in den Kampf "der Wir" gegen "die Anderen" übersetzt und soziale Fragen als "völkische" umgedeutet. Diese Umdeutung ist gravierend. Wenn bestehende soziale Probleme von anderen Parteien nicht gebührend zur Kenntnis genommen und thematisiert werden, können Demagogen punkten und Gehör finden.
Dabei werden aber nicht alle dringenden Themen angesprochen. Ökologische Fragestellungen zum Beispiel passen offensichtlich nicht in ein Wir-gegen-die-Anderen-Schema: Wer sollte hier das Opfer und wer die Täter sein? Sie werden folglich aus dem politischen Prozess entfernt und als nicht existent erklärt: Klimaerwärmung ist nur ein Fake, erfunden von volksfernen Experten aus volksfremden Gründen - wiederum eine Verschwörung, diesmal von "Experten", die im Auftrag "anderer" handeln oder deshalb, weil sie ihre privilegierte Position schützen wollen.
Sie wollen mit Ihrem Buch den Lesern eine Anleitung an die Hand geben, wie man Rechtspopulisten durchschauen kann.
Walter Ötsch: Entscheidend ist es, das Bild der gespaltenen Gesellschaft zu verstehen. Es begründet das Spezifische der Demagogie: ihre ausgrenzende Sprache, ihr eigenes Vokabular, den abenteuerlichen Umgang mit Fakten und Zahlen (oft willkürlich erfunden) und andere spezifische Aktionsformen. Wir haben in unserem Buch abgeleitet von diesem Grundbild 70 Muster der Demagogie besprochen und dafür viele Beispiele angeführt. Wer dieses Bild verstanden hat (das kann man leicht vermitteln) und wer verstanden hat, welche Eskalationsspiralen hier eingebaut sind, der ist gegen diese Art von Politik immunisiert.
Wie kann sich eine demokratische Gesellschaft gegen Rechtspopulisten zur Wehr setzen?
Walter Ötsch: Kurzfristig im Ansprechen der Muster (dafür geben wir im Buch Anleitung), d.h. in einem Metadiskurs über die Art, wie Demagogen Politik machen, und in der Bekräftigung demokratischer und lebendfreundlicher Werte und Standards. Schlecht ist es auf die letzten Provokationen von Demagogen lauthals mit Empörung zu reagieren, so hält man das mediale "perpetuum mobile" der Demagogen aufrecht, das ihnen mediale Aufmerksamkeit verschafft.
Will oder muss man reagieren, dann sollte man das, wogegen man auftritt, als Muster, d.h. als eine Regularität, bezeichnen, die immer gemacht wird und die genau das Spezifische und Gefährliche der Demagogie ausmacht. Muster sind z.B. das eigenartige Vokabular, um "Feinde" abzuwerten, Gewaltphantasien in Bezug auf "die Anderen" oder der blitzschnelle Wechsel in die Opferrolle, wenn Angriffe kommen, genau so geht man von Inhalten weg auf eine persönliche Ebene.
Wichtiger ist es aber, eine eigenständige Politik zu machen und nicht demagogischen Forderungen nachzugeben, wie das im Flüchtlingsdiskurs geschieht. Insgesamt bräuchte man freilich eine Politik, welche die oft berechtigten Sorgen und Ängste von Personen, die demagogische Politiker und Politikerinnen sympathisch finden, ernst nimmt und ihre Ursachen angeht.
Nun ist Ihr Buch ein Buch über diese Rechtspopulisten. Unterscheidet sich denn der Rechtspopulismus grundlegend von einem anderen Populismus?
Walter Ötsch: Populismus ist nicht mit Demagogie identisch. Demagogie nach unserer Definition beschreibt den demokratieschädlichen Teil des Rechtspopulismus, der hier immer vorhanden ist. Es gibt auch einen Linkspopulismus, der Eliten (in der Mehrzahl) thematisiert (im Gegensatz zu Elite in der Einzelzahl wie im Rechtspopulismus, eine solche Elite gibt es nicht). Hier sollte man die qualitative Differenz klar sehen.
Syriza, Podemos, Corbyn oder Sanders wollen andere Politikinhalte, aber kein anderes politisches System. Die Demokratie wird von ihnen nicht bedroht. Rechtspopulisten hingegen wollen ein anderes politisches System: eine autoritäre Variante der Demokratie, das dann wie in Polen und Ungarn in ein kaum noch demokratisches System kippen kann.
Gehören viele der Merkmale, die Sie Rechtspopulisten zuschreiben, nicht zum Grundbaukasten der politischen Rhetorik und der Meinungsmache, unabhängig davon, ob "Populisten" am Werk sind oder nicht? Man denke an die Aussagen von George W. Bush: "Jedes Land in jeder Region muss sich jetzt entscheiden - entweder es steht an unserer Seite oder an der Seite der Terroristen." Stichwort: "Ausschließlichkeit". Oder von Kurt Beck: "Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job." Stichworte: Aggressivität und schüren von Ressentiments. Oder an die von vielen Medien mitgetragene Bezeichnung "Putinversteher", eine Bezeichnung, die das Verstehen quasi zu einem Akt der Feindseligkeit erklärt.
Walter Ötsch: Bush zum Beispiel hatte seine demagogischen Qualitäten. Die Entwicklung der Republikaner von Barry Goldwater über Reagan zu George W. Bush, dann die Tea Party ab 2009 und schließlich die Implosion im Wahlkampf von Trump beschreibt die lange Geschichte einer Partei, die immer demagogischer geworden ist. Aber Demagogie ist nicht mit Zuspitzung und Polarisierung per se identisch, das macht jede Partei. Entscheidend ist der Grad der Differenzierung bzw. ob es zwischen "uns" und "den anderen" noch Gemeinsamkeiten gibt.
Wie bereits angeführt: In einer demokratischen Vorstellungswelt gibt es immer Gemeinsamkeiten mit politischen Gegnern, z.B. ein Rechtssystem, das für alle gilt, oder Menschen- und Freiheitsrechte für alle. Demagogie hingegen behauptet eine prinzipielle Differenz von "Wir" und "den Anderen". Im Kern sind "die Anderen" keine wirklichen Menschen, man spricht ihnen jede Moral ab. "Gutmenschen" zum Beispiel besitzen keine Moral, sie tun nur so. In dieser Denkweise können ihnen nach und nach immer mehr Rechte genommen werden. So kann eine Spirale einer Dehumanisierung "der anderen" entstehen, bis hin zu ihrer Vertreibung oder gar Vernichtung.
Im Überblick über die Rechtspopulisten von Trump bis Orbán kann man studieren, was Demagogen unternehmen, wenn sie über Macht verfügen und wie weit sie gehen, wenn sie nicht gehindert werden. Denn ihr Bild der Gesellschaft ist eine direkte Handlungsanleitung für die Umformung der Gesellschaft: sie soll dem fiktiven Bild eines homogenen Volkes immer ähnlicher werden. Dazu müssen alle Kräfte, die Pluralität und Buntheit garantieren, ausgeschaltet werden.
In Ungarn sind die Medien reglementiert und alle wichtigen Kontrollorgane mit Vertrauensleuten der Fidesz-Partei von Orbán besetzt: Rechnungshof, Finanzmarktaufsicht, Exekutive, weite Teile der Justiz, der Oberste Gerichtshof, die Medienbehörde, die Nationalbank …. Das Wahlrecht wurde verändert und das Bildungs- und Gesundheitssystem zentralisiert. Anstelle der versprochenen Verbesserung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung - dazu ist Demagogie kaum in der Lage - werden regelmäßig suggestiv formulierte Volksbefragungen abgehalten und mit Plakatwellen Stimmung gemacht, zuletzt gegen George Soros mit antisemitischen Anspielungen. Im demagogischen Denken sind immer Eskalationsspiralen enthalten. Ob und wie sie sich realisieren, hängt von den Umständen und den Gegenkräften ab. Das kann man auch an der kurzen Geschichte der AfD studieren: sie ist schrittweise immer radikaler geworden.
Wie wird es Ihrer Meinung nach weitergehen: Werden die Rechtspopulisten nach und nach wieder die große politische Bühne verlassen?
Walter Ötsch: Entscheidend ist, ob die anderen Parteien die "populistische Lernstunde" (so hat das die Philosophin Isolde Charim genannt) begreifen: Was sind die Ursachen und strukturellen Gründe für die "Wut von unten", wie könnte man hier Abhilfe schaffen und Abgehängte und von der Politik Enttäuschte (vermutlich der untere Teil der Mittelschicht, der Angst um die Zukunft seiner Kinder hat) integrieren? Kurzfristig scheint der rechtspopulistische Aufstieg in einigen Ländern gestoppt, vor allem das Beispiel von Trump wirkt für viele in Europa abschreckend, und Inszenierungen, wie die von Macron, können Wirkung entfalten. Aber die Gründe und Ursachen für den rechten Protest bleiben bestehen.
Über die Ursachen für den Zuwachs für die Rechtspopulisten schreiben Sie in Ihrem Buch nur wenig. Haben nicht die etablierten Parteien eine Politik betrieben, die sich gegen die Ärmeren und Ärmsten richtet, und so den Volksverführern erlaubt, die faktisch vorhandene soziale Spaltung der Gesellschaft in ihrem Sinne zu instrumentalisieren?
Genauso: die Medien. Haben weite Teile der Medienlandschaft letztlich nicht diese Politik durch eine sehr herrschaftsnahe und herrschaftsfreundliche Berichterstattung mitgetragen? Ich erinnere nur an die so genannten "Reformen" unter Gerhard Schröder, also die Agenda 2010. Da wurde das schön klingende neoliberale Credo von der "Eigenverantwortung" von führenden Medien bis in die hintersten Winkel des Landes getragen. Erstaunlicherweise waren da die Solidarisierungseffekte insbesondere auch der kulturellen bzw. akademischen Eliten mit den Armen in der Gesellschaft sehr gering.
Walter Ötsch: Diese Themen werden in unserem Buch nur angedeutet, aber nicht umfassend behandelt, dazu müsste man ein eigenes Buch schreiben. Entscheidend sind jene Momente, die Ängste steigern können, denn der Rechtspopulismus gedeiht in einem Klima von Angst.
Ich unterscheide hier drei Arten von Wirkungsfaktoren: langfristige Ursachen, mittelfristige Ereignisse und kurzfristige Auslöser. Die langfristigen Ursachen liegen darin, wie sich das Wirtschaftssystem und die Politik verändert haben. In der Wirtschaft haben sich immer mehr Strukturen ausgeformt, die geeignet sind, Ängste zu steigern, wie z.B. die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen oder in Deutschland die Schaffung eines Niedriglohnsektors. Auch die Art der Politik hat sich gewandelt, und zwar in eine Richtung, die Colin Crouch Postdemokratie nennt. Viele Politiker fühlen sich z.B. kaum noch zuständig, Entwicklungstrends anzusprechen und langfristige Ziele vorzugeben.
Mittelfristige Ereignisse waren z.B. die Finanzkrise 2008 und die Wirtschaftskrise 2009. Speziell die Finanzkrise wurde der Bevölkerung von der Politik nicht in einfachen Worten erklärt. Jahrelang haben die Medien über die Krise berichtet, man hörte und las von atemberaubenden Billionen, es gab aber keine Debatte zu den Ursachen. Es wurde auch nicht vermittelt, wie man eine Wiederholung in Zukunft vermeiden will.
Wenn aber eine derartige Krise nicht erklärt wird, dann können Ängste steigen. Kurzfristig können zusätzlich Auslöser wirksam werden, wie der deutliche Zustrom von Asylsuchenden 2015 oder Terrorattentate. Die Reaktion der Medien auf letztere können nur als hysterisch bezeichnet werden. Hier werden Ängste in übertriebener Weise geschürt, das hilft den Rechtspopulisten. In den neunziger Jahren gab es mehr Terroropfer und besonnenere Medienreaktionen.
Was müsste denn getan werden, um Demagogen und Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln zu nehmen?
Walter Ötsch: Entscheidend wäre es, die langfristigen Ursachen in den Blick zu nehmen, hier Programme zu entwerfen und schrittweise umzusetzen. Die wachsende Ungleichheit z.B. wird immer noch zu wenig thematisiert, dagegen gibt es kein ernstzunehmendes politisches Programm. Auch der Skandal, dass sich sehr Reiche und Großkonzerne via "Steueroasen" in großem Maße ihrer Steuerpflicht entledigt haben, wird nicht wirklich angegangen.
Wenn die Gesellschaft ungleicher wird, muss der soziale Kitt langsam dünner werden. Wenn die daraus resultierenden Folgen nur von Rechtspopulisten thematisiert werden, werden soziale Fragen immer mehr als "völkische" (in Bezug auf die Ideologie "des Volkes") gedeutet. Das Land rückt dann sukzessive nach rechts und demagogische Denkweisen werden stärker.
Aber das kann sich wieder ändern, das Bewusstsein zu diesen Fragen nimmt zu. In Deutschland und in Österreich hat sich eine lebendige Zivilgesellschaft entwickelt, die gegen Demagogie Stellung nimmt. Es gibt auch eine wachsende Politisierung und ein steigendes Interesse an positiven Zukunftsentwürfen. Langfristig könnte ein solcher Diskurs die Demagogen zurückdrängen: Wie soll das Land in fünf, zehn oder zwanzig Jahren dastehen? Das könnten und sollten jene Parteien leisten, denen demokratische Standards ein Anliegen sind. Aber dazu müsste die neoliberale Politik einer scheinbaren Alternativlosigkeit angesichts "der" Globalisierung gebrochen werden.
Jahrelang wurde immer gesagt, es gäbe keine Alternative und das Ergebnis war die Alternative für Deutschland. Aber eine solche Alternative ist keine, weil sie auf dem rückwärts gewandten Bild einer guten alten Zeit beruht, die es niemals gegeben hat. "Make America great again" ist ein Nostalgieprogramm, weil es keine wirkliche Phantasie für eine positive Zukunft aktiviert. Trump wird nur dann an der Macht bleiben, wenn er eskalierende Inszenierungen macht, z.B. einen großen Krieg beginnt.
Was bisher noch fehlt in Ihrer Analyse ist eine klare Kritik an denjenigen, die dazu beigetragen haben, dass Demagogen und Rechtspopulisten überhaupt erst wieder so viele Stimmen bekommen konnten.
Walter Ötsch: Ein Ansteigen des Rechtspopulismus bedeutet in jedem Fall, dass die anderen Parteien etwas falsch gemacht haben und weiter falsch machen. Denn bei Wahlen gibt es immer noch eine Auswahl, man könnte auch andere Parteien wählen. Wenn attraktive Personen und ansprechende Angebote alternativ verfügbar sind, können Rechtspopulisten keine Zustimmung erhalten. Wenn es zu Trump eine überzeugende Gegenkandidatin oder einen überzeugenden Gegenkandidaten gegeben hätte, wäre jede noch so wirksame Inszenierung von Trump verpufft, vermutlich hätte man Trump als lächerliche Figur abgetan.
Die Frage ist, ich wiederhole mich, ob die anderen Parteien die "populistische Lernstunde" verstehen. Die Zukunft ist immer offen, wir können sie gestalten. Unser Buch hat keinen pessimistischen Grundton, sondern will ironisch eine Anleitung zur Volksverführung geben und aus dieser Distanz Mut machen. Wir zeigen, wie einfach Rechtspopulisten denken, welche Grundmuster in ihren Aktionen erkennbar ist und was man im Großen wie im Kleinen dagegen machen kann.

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