Demografie und Einwanderung: Frankreich klärt auf

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Das seit längerem stabil hohe Fertilitäts-Niveau im Land werde nicht durch Einwanderer "aufgeblasen", stellt das nationale Institut für demografische Forschung fest

Bevölkerungszahlen sind seit einigen Jahren zu einem Politikum geworden. Am Auffälligsten in Israel, wo manche gar von einem "demografischen Krieg" zwischen jüdischen und muslimischen Israelis sprechen. Auch in Europa gibt es ein politisch unterlegtes Interesse daran, Bevölkerungsstatistiken vor dem Hintergrund zu sehen, wie es um den Bevölkerungszuwachs durch Eingewanderte, besonders aus islamischen geprägten Ländern, steht.

Dass Demografie zum Politikum geworden ist, hat ganz offensichtlich das französische Nationale Institut für demografische Forschung (Ined) dazu bewogen, dezidiert darüber aufzuklären, was aus ihrem Material den Überfremdungsängsten zu entgegnen ist. Ihr aktueller Bericht zur Fertilität in Frankreich ist mit der Frage überschrieben, ob sich die höchste Fertilitätsrate in Europa den Einwanderern verdankt.

Nach der Feststellung, dass Frankreich mit durchschnittlich 1,88 Kindern pro Frau an der europäischen Spitze liegt (weit über dem EU-Durchschnitt von 1,59, der deutsche Wert liegt mit 1,57 knapp darunter), geht es gleich am Anfang des Textes nochmal zur Sache.

Die geradezu "obsessive Angst"

In der französischen Version (englische hier) wird die Behauptung noch einmal, aber polemischer aufgenommen: Ob das seit längerem stabil hohe Fertilitäts-Niveau in Frankreich nicht durch Einwanderer "aufgeblasen" werde? Diese Auffassung sei weit verbreitet und übertrage sich häufig auf eine geradezu obsessive Angst ("hantise"), bei der es um das Kräfteverhältnis zwischen in Frankreich Geborenen und Einwanderern geht, die die nationale Identität gefährden.

Man werde an dieser Stelle die ideologischen Aspekte beiseitelassen, um sich allein auf Fakten zu begrenzen, so die ungewöhnliche Ankündigung der französischen Demografen. Ihre faktische Aufklärung beruht zentral auf der Unterscheidung zwischen dem Anteil der Eingewanderten an der Zahl der Geburten und deren Auswirkung auf die Fertilitätsrate.

(Den Streit zwischen konfessionellen Gruppen können die Ined-Mitrabeiter übrigens nicht anders als beiseitelassen, weil es im laizitischen Frankreich keine öffentlichen Daten darüber gibt, wer der christlichen oder muslimischen Glaubensgemeinschaft angehört.)

Einwanderer: Proportional mehr Geburten ...

Festgestellt wird, dass eingewanderte Frauen - als "immigrée" definiert durch ihren Geburtsort außerhalb Frankreichs und Eltern, die keine französischen Staatsbürger sind und nun ihren ständigen Wohnsitz in Frankreich hat - proportional im Jahr 2017 mehr Kinder zur Welt gebracht haben.

Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Frauen im gebährfähigen Alter wird mit 12 Prozent wiedergegeben, indessen ihr Anteil an den Geburten im Jahr 2017 leicht aufgerundet 19 Prozent betrug. In absoluten Zahlen sind das 143.000 Geburten von insgesamt 760.000.

Der Anteil der eingewanderten Mütter an der Gesamtzahl der Geburten hat sich seit 2009 etwas vergrößert. Vor zehn Jahren lag er bei 16 Prozent, seit 2016 bei 18,8. Deutlich wird hieran schon der weitaus größere Anteil der Mütter, die als "nicht-zugewandert" kategorisiert werden. 2009 lag er bei 84 Prozent, seit 2016 bei 81,2.

...aber kaum Wirkung auf allgemeine Fertilitätsrate

Daran knüpft das Ergebnis an, das die Autoren herausstellen und dem eingangs genannten Ondit ("Man sagt so", gleichbedeutend mit Gerücht) gegenüberstellen. Zwar sei die Fertilitätsrate der eingewanderten Mütter mit 2,6 Kindern pro Frau höher als die der in Frankreich geborenen Mütter, die mit 1,8 beziffert wird, aber das erhöhe die allgemeine Fertilitätsrate nur sehr schwach: nämlich auf 1,9.1

Daraus zieht der Bericht den Schluss, dass die sich die hohe Fertilitätsrate in Frankreich weniger der Einwanderung verdankt, sondern mehr dem Phänomen, dass sie unter den in Frankreich geborenen Frauen sehr hoch ist.

"Eine 75-jährige familienfreundliche Tradition"

Das sei für den ersten Platz in Europa verantwortlich zu machen, heißt am Ende des englischsprachigen Berichts. In der französischen Originalversion wird dem noch hinzugefügt, dass die familienfreundliche Politik, die seit 75 Jahren von einem großen Konsens getragen werde, Wirkung zeige.

Doch sind damit nicht alle Fragen geklärt, die man von der Seite zu hören gewohnt ist, die einen Pass, der die Staatsbürgerschaft dokumentiert, nicht als Ausweis einer nationalen Zugehörigkeit gelten lassen. Der Anteil der inzwischen eingebürgerten Generation mit Migrationshintergrund an den Fertilität- und Geburtenziffern geht aus dem Bericht nicht hervor.

Dort verweist man, wie gerade erwähnt, auf die jahrzehntelange Tradition der hohen Fruchtbarkeitsziffern in Frankreich als Großtrend, der nur zu einem geringfügigen Anteil mit der Einwanderung zu tun hat.

Die Anpassung der Einwanderer

Aber es wird dem auch eine Beobachtung beigefügt, die darauf langfristig hinausläuft, dass spätere Generationen der Eingewanderten sich den Geburtsraten ihres neuen Heimatlandes anpassen.

"Eine detaillierte Untersuchung der Fertilitätsraten einander folgender Geburtskohorten legt einen klaren Trend offen hin zu einer Konvergenz des Verhaltens - quer durch die Gruppen der Einwanderer und gegenüber der anderen Bevölkerung", wird in einem Kasten innerhalb des Berichts bemerkt, der die Messung der Fertilität von eingewanderten Müttern erklärt (Box 2).

Diese Entwicklung spielt eine wichtige Rolle, da die Tendenz beobachtet wird, dass viele zugewanderte Frauen mit der Geburt ihres ersten Kindes warten, bis sie in Frankreich sind, was zu dem Bild beiträgt, das zu widerlegen, sich die Untersuchung der Demografen vorgenommen hat.



Denn auch in dem Bericht werden Zahlen genannt, die kursierende Annahmen bestätigen, etwa die Beobachtung, dass die Fertilitätsrate von Frauen aus nordafrikanischen und subsaharischen Ländern sowie aus der Türkei weitaus höher ist als der Durchschnitt.

Für Frauen aus Algerien, Marokko und Tunesien werden 3,5 Kinder pro Frau angegeben und für Frauen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara wie auch für die Türkei die Fertilitätsrate von 3 Kindern pro Frau. Diese Werte liegen zum Teil über denen in den Herkunftsländern. (Thomas Pany)