Demografische Spaltungen in Europa

Demografische Gewinner sind vor allem die nordeuropäischen Länder. Bild: Vienna Institute of Demography (VID) and International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). 2016. European Demographic Datasheet 2016. Wittgenstein Centre (IIASA, VID/OEAW, WU), Vienna

Nach Berechnungen des Wittgenstein Centre wird es mit und ohne Einbeziehung der Migration bis 2050 zu starken demografischen Verschiebungen kommen

Beim Thema Zuwanderung und Flüchtlinge geht es auch immer um demografische Entwicklungen. Während die einen meinen, dass "das Volk", wer immer auch dazugehören mag, "ausgetauscht" werde oder in die Minderheit gerate, meinen die anderen, dass die vergreisenden und schrumpfenden europäischen Bevölkerungen auf Zuwanderung besonders von jungen Menschen angewiesen seien.

Das Wittgenstein Centre für Demografie und globales Humankapital, das eine Forschungskooperation zwischen dem Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse, dem Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Wirtschaftsuniversität Wien darstellt, hat das European Demographic Datasheet 2016 mit neuen demografischen Trends und besonders Blick auf die Folgen der Migration veröffentlicht und erstmals auch online aufbereitet.

Alterspyramide für Deutschland (2013) mit dem Anteil von im Land (grau), im EU-Ausland (blau) und im Nicht-EU-Ausland Geborenen (gelb). Bild: Wittgenstein Centre (IIASA, VID/OEAW, WU), Vienna

Die Lebenserwartung bei Geburt (2014) ist in allen Ländern in den letzten Jahren weiter angestiegen und ist in der Schweiz bei Männern mit über 81 und in Spanien bei Frauen mit über 86 Jahren am höchsten. Hier gibt es weiterhin eine Kluft zwischen dem Westen und dem Osten. Um mehr als 20 Jahre kann sich die Lebenswartung unterscheiden. Die Lebenserwartung für Männer liegt in Moldawien bei 64,9, in der Russland bei 65,3 und in der Ukraine bei 66,2 Jahren. Bei den Frauen ist der Unterschied noch stärker. Frauen in Moldawien haben, wie dies auch in anderen osteuropäischen Ländern der Fall ist, gegenüber Männern zwar eine deutlich höhere Lebenserwartung von 73,7 Jahren, aber der Abstand zur Lebenserwartung der spanischen Frauen beträgt 22 Jahre. Die Lebenserwartung von Frauen und Männern im Westen nähert sich dagegen an.

Bei der Bevölkerungszahl bis 2050 spiele die Migration in den meisten Ländern eine entscheidende Rolle, sagen die Wissenschaftler, da die Bevölkerungszahl aufgrund der sich verändernden Fertilität und Mortalität schrumpfen oder wachsen kann.

Alterspyramide für die Schweiz (2015) mit dem Anteil von im Land (grau), im EU-Ausland (blau) und im Nicht-EU-Ausland Geborenen (gelb). Bild: Wittgenstein Centre (IIASA, VID/OEAW, WU), Vienna

In vielen Ländern würde nach der Projektion die Bevölkerung ohne Migration schrumpfen. Das ist praktisch in allen osteuropäischen und baltischen Ländern einschließlich Russland der Fall, die derzeit Zuwanderung am deutlichsten ablehnen. Schrumpfende Bevölkerungen gäbe es auch in Südeuropa wie in Italien, Spanien oder Griechenland ohne Migration sowie in Westeuropa. Hier wären Deutschland, Österreich und die Schweiz betroffen, während die Bevölkerung in Frankreich, Irland und Großbritannien auch ohne Migration weiter wachsen würde. Die nordeuropäischen Länder stellen aber eine Ausnahme dar. Die Bevölkerung Finnlands würde leicht sinken, während die von Schweden und Norwegen weiter wachsen würde.

Alterspyramide für Polen (2015) mit dem Anteil von im Land (grau), im EU-Ausland (blau) und im Nicht-EU-Ausland Geborenen (gelb). Bild: Wittgenstein Centre (IIASA, VID/OEAW, WU), Vienna

Bezieht man die Migration mit ein, so geht es dabei nicht nur um Zuwanderung, sondern auch um Abwanderung, die von möglicher Zuwanderung nicht kompensiert wird. Das betrifft vor allem die osteuropäischen Länder, beispielsweise Litauen, Estland, Albanien, Moldawien, Bulgarien, Rumänien oder Polen. Ausnahme wäre lediglich die Tschechische Republik, die wachsen würde, während Russland den Verlust nicht ganz durch Einwanderung kompensieren könnte. In Litauen und vor allem in Moldawien soll die Bevölkerung mit 20 bzw. 30 Prozent am stärksten sinken. In diesen Ländern geht die schrumpfende Bevölkerung mit einem wachsenden Anteil von Alten einher. Allerdings wird das Medianalter 2050 in Portugal, Griechenland, Spanien und Kroatien mit am höchsten liegen.

In Westeuropa würde die Bevölkerung besonders in der Schweiz und in Österreich mit der Migration stark wachsen - und zwar um etwa 40 bzw. 30 Prozent, die Bevölkerung in Norwegen bzw. Schweden würde um 43 bzw. 34 zunehmen, wobei die Migration wie in Frankreich, wo die Bevölkerung um mehr als 10 Prozent steigen soll, nur eine untergeordnete Rolle spielte. Die Bevölkerung in Irland oder Großbritannien soll um 20 Prozent ansteigen. In Deutschland oder Italien würde die Zuwanderung hingegen für eine Kompensation für die ansonsten aufgrund der geringen Fertilität und sinkenden Geburten schrumpfende Bevölkerung sorgen. Deutschland würde gerade einmal von 81,2 auf 83,6 Millionen zulegen. Von Überschwemmung kann da keine Rede sein. Die griechische Bevölkerung würde hingegen um 10 Prozent sinken, während die Luxemburgs mit über 80 Prozent am stärksten wachsen dürfte.

Nach den Berechnungen gäbe es auch hier einen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Europa. Die alten EU-15-Länder würden bis 2050 mit der projizierten Migration um 3,2 Prozent auf fast 450 Millionen wachsen, während die Bevölkerung der neuen, östlichen EU-13-Mitgliedsländer um 3,9 Prozent auf 91 Millionen von jetzt fast 105 Millionen abnehmen würde. Da Teile der Bevölkerung dieser Länder in die alten EU-Länder abwandern werden, findet auch innerhalb Europas eine Umverteilung der Bevölkerung statt. Neben dem strikt migrationsabwehrenden Japan würden auch Russland und die Ukraine an Bevölkerung verlieren.

"Migration verändert die Bevölkerungstrends in vielen europäischen Ländern, die zunehmend durch Migration anstatt durch Fertilitätsraten bestimmt werden", so das Fazit von Tomas Sobotka vom Wittgenstein Centre. "Einige Länder mit niedriger Fertilität vor der Rezession 2008 wie Österreich, die Schweiz oder Spanien, haben ein starkes Bevölkerungswachstum durch Einwanderung während der letzten Jahrzehnte erfahren. Manche Teile Osteuropas hingegen, etwa Rumänien oder Litauen, haben schnell an Bevölkerung wegen der starken Abwanderung in reichere Regionen Europas verloren." Innerhalb Europas vollzieht sich also eine ähnliche Umschichtung wie in den Ländern selbst, wo wie in Deutschland ländliche Gebiete und große Teile Ostdeutschlands Bevölkerung verlieren, während vor allem boomende Städte mit einer starken Wirtschaft wachsen. (Florian Rötzer)

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