Demokratiegefährdung aus den eigenen Reihen

4. Angelsächsisches Schmarotzertum

Gelingt noch der Schulterschluss innerhalb der westlichen Welt in politischen Fragen, so gibt es bei wirtschaftlichen Themen tiefe Meinungsverschiedenheiten. Diese beruhen insbesondere auf der skrupellosen Art der US-Amerikaner, sich zu Lasten ihrer Verbündeten wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Das Resultat kann anhand der Entwicklung der Leistungsbilanz begutachtet werden.

"DiePresse.com" weist in einem Artikel darauf hin, dass allein der Dollar-Bargeldbestand 500 Milliarden überschreitet. Dieser wie auch die US-Staatsanleihen befinden sich zu einem bedeutenden Teil in ausländischer Hand, sodass nicht einmal ein Wertverlust des Dollar die USA sonderlich tangieren würde, dafür die Gläubiger anderer Staaten desto mehr. Als Beispiel wird die achtprozentige Abwertung im Jahr 2007 erwähnt, durch die rund zwei Drittel des damaligen Leistungsbilanzdefizits de facto getilgt werden konnten.

Neben den USA ist deren engster europäischer Verbündeter, Großbritannien, von chronischen Leistungsbilanzdefiziten betroffen, wie das folgende Schaubild zeigt. Die Defizite im Außenhandel wuchsen mit dem Rückgang der Rohölförderung, die seit ihren Höchstständen zur Jahrtausendwende um mehr als die Hälfte absackte. Dennoch erholte sich das britische Pfund nach dem Tief während der Finanzkrise überraschend gut und konnte bis zum erneuten Einbruch infolge des Brexit das frühere Niveau erreichen. Das Vertrauen der Finanzmärkte ist offenbar unerschütterlich.

Vom Team der "Querschüsse.de" wurde errechnet, dass im Jahr 2013 "die Netto-Auslandsschulden der englischen Volkswirtschaft sogar recht deutlich zurückgegangen (sind), obwohl auch in diesem Jahr wieder ein Leistungsbilanzdefizit bestand". Es wird weiter ausgeführt, dass Großbritannien seit Anfang der 80er Jahre "fast 800 Milliarden Euro weniger Schulden angehäuft (hat) als es eigentlich qua seiner Defizite in der Leistungsbilanz haben sollte. Das sind gut 40 Prozent der Wirtschaftsleistung von 2013. Kein schlechtes Geschäft."

Rettung durch Finanztransaktionen

Wie gelingt es den Angelsachsen beiderseits des Atlantiks, ihre Zahlungsbilanz angesichts immenser Defizite auszugleichen? Die zu schließende Finanzierungslücke wird als Kapitalbilanz bezeichnet. Sie besteht aus Direktinvestitionen, Wertpapieranlagen, Finanzderivaten und dem Kreditverkehr.

Während sich die in den USA getätigten ausländischen Direktinvestitionen zwischen 2000 und 2013 um 77 Prozent erhöhten, wuchs der entsprechende US-Bestand im Ausland um 136 Prozent. Dadurch entstand ein Nettoverlust für die US-amerikanische Volkswirtschaft, der sich bis 2013 auf 1415 Milliarden $ summierte. Angesichts dieses Mittelabflusses ist der Kompensationsbedarf zur Erzielung einer ausgeglichenen Zahlungsbilanz nochmals um einiges größer. Wie die folgende Grafik verdeutlicht, wurde die finanzielle Kluft zu einem erheblichen Teil durch Verschuldung beim Ausland verringert.

Im Gegensatz zu den USA konnte Großbritannien im gleichen Zeitraum einen Nettozufluss durch Direktinvestitionen von 181 Milliarden $ verbuchen. Wird allerdings 2005 als Ausgangsjahr gewählt, schmilzt der Betrag auf 86 Milliarden $, und seit 1995 ist er sogar um 173 Milliarden $ rückläufig. Offenbar wurden die britischen Defizite durch Auslandsverschuldung mitfinanziert, wofür der Tatbestand spricht, dass zwischen 1995 und 2012 zusätzliche Verbindlichkeiten in Höhe von 67 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entstanden - bei einem um 18 Prozentpunkte niedrigeren Vergleichswert der Gesamt-EU. Den Rest der Finanzierungslücke stopften Geldanlagen bei britischen Finanzhäusern.

Trotz Direktinvestitionen fiel der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Wertschöpfung auf 20 Prozent und befindet sich damit auf US-amerikanischem Stand, während der EU-Durchschnitt um fünf Prozentpunkte höher liegt. Tritt der Brexit-Fall ein, dann ist ausländisches Wirtschaftsengagement in Großbritannien gefährdet, da das Land gegenwärtig vielen Investoren als Exportplattform für die EU dient. Vor diesem Hintergrund und angesichts des geringen Anteils der Industrieproduktion am Bruttoinlandsprodukt erscheint der aktuelle Wertverlust des britischen Pfundes als gerechtfertigt.

Die wachsende Rolle des Finanzsektors

Die parasitäre Existenz der USA und Großbritanniens beruht nicht allein auf Kapitaltransfers. Angesichts der schwachen produktiven Basis ihrer Volkswirtschaften bedarf es Exportschlager außerhalb der Güterproduktion, mit denen sich Geld verdienen lässt. Solche sind Finanzdienstleistungen aller Art. Das folgende Schaubild zeigt die bedeutende und tendenziell wachsende Rolle der Finanzwirtschaft in beiden Staaten.

In Bezugnahme auf den hier verwendeten Begriff "Bruttowertschöpfung" merkt Albrecht Müller an, dass es sich bei dem Gros der Finanzdienstleistungen nicht um Werte, sondern um volkswirtschaftlich unnütze Tätigkeiten handelt:

Die Spitzen der Finanzwirtschaft, die Investmentbanker, Broker, Börsen und Agenten haben entdeckt, dass sie mit dem Betrieb von Casinos, mit Spekulationen, mit Wetten und allerlei sonstigen neu erfundenen Finanzprodukten sehr viel mehr verdienen. Sie haben weiter entdeckt, dass sie mit ständigen Transaktionen von Vermögenswerten, von Aktienpaketen und ganzen Unternehmen auf leichte Weise um Potenzen mehr verdienen als mit der traditionellen Aufgabe des Kapitalmarktes, der Vermittlung zwischen Sparern und investierenden Unternehmen. Also haben sie ihre Energie auf den Casinobetrieb konzentriert und dabei Milliarden beiseite geschafft.

Albrecht Müller

Das Geschäft mit Finanzprodukten ist deshalb besonders attraktiv, weil die Anleger das volle Risiko tragen. Bei den in Rechnung gestellten Leistungen sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. So werden Beratungs-, Vermittlungs-, Bearbeitungs- und Transfergebühren erhoben, Kauf-, Verkaufs-, Umschichtungs- und Aufbewahrungskosten verlangt sowie Provisionen, Sonderabgaben, Depotkosten, Kontogebühren und Aufwandsentschädigungen berechnet. Diese Liste lässt sich beliebig verlängern.

Die dominante Stellung der angelsächsischen Finanzplätze

Von den Einnahmen aus Finanzgeschäften profitieren allen voran die Londoner City und die Wallstreet als weltgrößte Finanzplätze. So lagen die USA 2011 mit 12,5 Billionen $ ausländischer Geldanlagen vorn, gefolgt von Großbritannien mit 7,6 Billionen $. Mit 4,4 Billionen $ befindet sich Deutschland abgeschlagen auf Platz drei. Gemessen an der Offshore Intensity Ratio stehen zehn Steueroasen gegenwärtiger oder ehemaliger britischer und US-Kolonien an der Spitze. Erst an 11. Stelle findet sich Luxemburg. Allein auf den Cayman-Inseln lagern ausländische Assets im Wert von 3,5 Billionen $, d.h. nur rund 20 Prozent weniger als in Deutschland. Da jene Ministaaten vollkommen auf die Gnade ihrer "Mutterländer" angewiesen sind, kann getrost von Außenstellen des Finanzplatz-Spitzenduos gesprochen werden.

Die Interessendifferenzen lassen sich anhand der Reaktionen auf die Panama-Papers erkennen. Bei der Anschwärzung Putins und anderer in Ungnade gefallener Herrscher gab es noch den Schulterschluss. Bald zeigte sich aber, dass die Forderungen der Kontinentaleuropäer jenseits des Atlantiks kaum Gehör finden. Stattdessen locken US-amerikanische Steueroasen wie Delaware, Wyoming und Nevada Finanzinvestoren an, die bislang ihr Vermögen in Panama oder in der Schweiz in Sicherheit glaubten. Gleichzeitig hat sich das Thema "Panama-Papers" wie durch eine unsichtbare Hand gesteuert aus der Medienberichterstattung weitgehend verabschiedet.

Bedeutende Finanzmetropolen finden sich nicht nur im Einflussbereich der USA und Großbritanniens. Auch Singapur gehört dazu, und anderswo unternehmen Länder und Städte Anstrengungen, um an den wachsenden Aktivitäten im Finanzsektor zu partizipieren. Deren Lebenssaft bilden anlagesuchende Geldmittel, die sich in der Hand von wohlhabenden Privathaushalten, bei institutionellen Anlegern sowie im Besitz von Staaten mit enormen Außenhandelsüberschüssen befinden. Steigende Vermögen sind daher der wichtigste Garant für einen andauernden Boom an den globalen Finanzplätzen.