Den Discman in der Hosentasche, den Deleuze-Wälzer in der Hand

Ein kleiner Rückblick auf ernsthafte Ansätze im weiten Feld der elektronischen Musik. Wolfgang Voigt, Curd Duca und Markus Popp revisited.

Es war irgendwann Mitte der 90er. So ganz genau lässt sich der Beginn jener bis dato kaum gekannten Fusionswelle in meinen Augen nicht zurückverfolgen. Es muss zu der Zeit gewesen sein, als Techno seinen Weg aus der Rave-Arena ins Wohnzimmer zurückgelegt hatte. Langsam begannen sich damit auch die Hörgewohnheiten den Dimensionen der eigenen vier Wände anzupassen. Elektronische Musik wurde im privaten Universum, zwischen Plattensammlung, Buchregal, Computer und TV wahrgenommen.

Ein Rückblick

Popstars wuchsen heran, so genannter Autoren-Techno machte von sich reden. Dabei begannen die MusikproduzentInnen an unser musikalisches Vorwissen zu appelieren: Ein bißchen klassische, etwas atonale Musik, natürlich Soundtracks, Noise aus Japan und dann 70er-Jahre-Krautrock. A-Musik sollte nicht nur der Name eines Plattenlabels werden, der dieses transuniverselle Soundkonglomerat nachhaltig förderte und immer noch fördert. A-Musik sollte auch das inoffzielle Label dieser Bewegung werden, die u.a. für die Verquickung von Pop- und Hochkultur auf musikalischem Level steht.

Verzahnt mit diesem Klangzuchtraum, ja geradezu unentwirrbar damit verbunden war die Fetischisierung von (meist post-strukturalistischer) Theorie. Wie sehr diese Facette das Produkt einer modischen Durchlauferhitzermaschine war- davon zeugt nicht allein der Zeitpunkt: Nachdem im deutschen Boheme-Millieu der Theoriekonsum Anfang der 90er inflationär um sich griff, durfte man Mitte der letzten Dekade von einem Boom auf Mainstream-Level sprechen, was nicht nur auf die medial-ästhetischen Konsequenzen des Golfkriegs zurückzuführen ist.

Den Discman in der Hosentasche, den Deleuze-Wälzer in der Hand - stationär, oder mobil, unterwegs im urbanen Dschungel. So durfte man sich die Rechnung elektronische Musik plus Theorie gleich Lifestyle vorstellen. Soweit der Rückblick. Doch was ist aus der Fusionswelle in der Zwischenzeit geworden?

Institutionalisierung

Was der Grund für die Abwesenheit im Musikgeschäft war, erfuhren wir meistens hinterher. Man hatte sich im Paralleluniversum verdingt; Musik gemacht für Modenschauen: Ryoji Ikeda für Issey Miyake, Oval für Prada, Panasonic für Commes des Garcons. Kulturelles Upgrading? So kann man es auch nennen. Erste Schritte in diese Richtung wurden bereits unternommen, als Leute wie DJ Spooky im White Cube Stellung bezogen, Markus Popp Sound-Installationen im Kunstkontext plazierte und Christoph Charles, sein späterer Kollaborateur, gleich den direkten Weg in japanische Museen machte. Parallel dazu machten sich Kritiker wie Martin Pesch daran, das Thema zu theoretisieren und Vorträge in Kunstvereinen zu halten.

Mittlerweile ist die internationale Szene bestens miteinander vertraut. Man kennt sich, trifft sich regelmäßig auf Festivals, ist unter sich. Die gleichen Namen, die gleichen Gesichter. Personel gibt es bei den Labels zwischen Köln, Helsinki, Tokio und Detroit nicht nur Überschneidungen; da scheint auch kaum noch etwas in Bewegung zu sein. Irgendwie scheinen bereits alle dank digitaler File-Exchangeroutine miteinander kollaboriert zu haben. Was natürlich nicht stimmt. Allerdings können einem die Kompilationen und Kollaborationen einfach nicht mehr den Enthusiamus entlocken, wie damals, ...als alles begann.

Von einer gewissen Nervosität befallen, krame ich angesichts der neuen Scheibe von Wolfgang Voigt unter dem Projektnamen GAS die älteren hervor (übrigens alle auf Mille Plateaux erschienen). Die erste, mit dem gelben Cover und den Beats, die regelmässig "plopp" machen, wie eine Tischtennismaschine; die zweite, die gewissermaßen einen Meilenstein darstellt: Tangerine Dream meets "Isoldes Liebestod" von Richard Wagner, bzw. das moderate Stück aus Gustav Mahlers fünfter Sinfonie - an den besten Stellen zumindest. Und dann die dritte Scheibe, die, kaum gehört, von mir lediglich "archiviert" wurde. Voigt schien auf der Stelle zu treten, redete vom deutschen Wald und deutschem Soul im deutschen Feuilleton. Das war ca. 1998. Die Rezeption dieser Musik, der es scheinbar allein um die Verfeinerung ihrer selbst ging, war zwischen den Erwartungen von TageszeitungsleserInnen und Musikologen auf der Suche nach Quellenverweisen in eine tiefe Kluft gefallen. Voigts neustes GAS-Album "Pop" wurde dann von der Fachpresse mit einem enthusiastischen "Warum nicht gleich so?!" empfangen. (Sehr witzig.) Erfrischende Harmonien entströmen dem Boxenpaar, erstmals scheinen die Töne Frühlingsluft zu atmen. Die Schwere ist gewichen, nicht aber die verhaltene Nostalgie. Eine Platte pro Jahreszeit? Sommer hatten wir noch nicht.

Eine Frage der Zeit

Minimale Abweichungen bei der Covergestaltung, der gleiche Sound mal unter anderen klimatischen Bedingungen... Der digitale Stillstand, wenn man es so nennen kann, scheint bei einem wie Curd Duca, der bei Telepolis bereits umfangreich vorgestellt und interviewed wurde, jedoch Programm zu sein. Darüber wird seine jüngst erschienene "Elevator 3" (Mille Plateaux) wohl beim ersten Hören noch nicht Aufschluss bieten. Ganze 48 Stücke sind es diesmal geworden! Die Klangminiaturen werden nun zum ersten Mal auch von einer weiblichen Gesangsstimme (Carin Feldschmid) verziert, was als willkommene Erweiterung des Klangspektrums zu begrüßen ist. Die Titel tragen wie gewohnt bezeichnende Namen a la "Macintosh Suite".

Doch nun zum Programm: Ducas Musik wurde hier und da mit dem Prinzip Soundtrack verglichen. In der Tat komponierte er bereits für Filme. Was dabei entscheidend ist, hat etwas mit dem zu tun, was fehlt, was HörerInnen beim Verzehr seiner Schnipsel hinzufabulieren (Bilder, Szenarien, Duftnoten), kurz, dass sie die Vorgabe weiterspinnen. Die Musik dient hier als Anreiz, als eine Art Vorschlag, ein modularer Baukasten, der den User aus der Reserve lockt. Total Recall: Mitmachen ist angesagt.

Die Kurztracks zeichnen sich allerdings nicht durch zenhafte Leere aus, die es durch Projektion zu füllen gilt. Vielmehr sind es Stellen voller Dichte, emotional und atmosphärisch kompakt. Für wenige Sekunden nur, in den wenigsten Fällen für Minuten, zapfen sie unser (teils imaginäres) unterbewusstes Klangarchiv an. Die somit skizzierten Graphen brauchen jedoch Zeit, um eine plastisch greifbare Gestalt anzunehmen. Nur so kann ich es mir erklären, dass sich mir die räumliche Tiefe manch einer älteren Veröffentlichung erst diesen Frühling nach wiederholtem Hören zu erkennen gab: Gletscherhafte Meteoriten bahnten sich ihren Weg durch den linken Lungenflügel der zwölften Galaxis. Die Zeit schien still zu stehen. Ruhe kehrte die spannungsreichen Audiomomente um ihre eigenen Windungen. Hochkonzentrierte Ruhe.

Die Musik zurückgeben

Wie es der Zufall will, meldet sich eine weitere Lichtgestalt dieser Bewegung ebenfalls in diesem Frühjahr mit einem neuen Album zurück. Lange hatte man darauf gewartet. Sommer 1997 war es, als ich Markus Popp damals noch für Wired Japan in seinem Studio in Berlin besuchte, um mich über sein neustes Projekt aufklären zu lassen. Demonstrationen hatte er sogar parat. Zu dem Zeitpunkt schien alles eine Frage von Wochen zu sein. Nun hat es drei Jahre gedauert. Wer den Umfang des Unternehmens überblickt und Popps Drang zur Perfektion kennt, wird die Zurückhaltung nachvollziehen können "OvalProcess" auf den Markt zu lassen.

Das erste Audio-Album kommt Anfang Mai raus. Weitere konventionelle Releases mit gleichem Konzept sollen folgen. Der eigentliche Quantensprung besteht darin, dass Popp dieses neue Klangrepertoire als Software offen legen will. Elektronische Musik als Open Source-Projekt, Oval als Public Domain. HörerInnen werden zu Usern. Mittels eines Grafik-Interfaces werden OvalProcess-Klangdatateien zu ver- und zusammenfügbaren Elementen. Das Do-it-yourself-Prinzip. Popp, Ovals langjähriger Drahtzieher und nunmehr einziger Repräsentant, liefert den Baukasten und gibt, wie er es zu sagen pflegt, "die Musik zurück an die Leute". Der Weg für eine neue Art von Musik solle somit geebnet werden. Die Tatsache, dass die meisten Drum-and-Bass ProduzentInnen bereits unter technologisch vergleichbaren Bedingungen arbeiten, lässt das Graphik-Interface nicht ganz so revolutionär erscheinen, wie es vielleicht vor drei Jahren gewesen wäre. Doch liegt Popps Verdienst sicherlich auch darin, dass er an der Realisierung einer umfassenden Infrastruktur gearbeitet hat. Dazu gehören auch öffentlich zugängliche OvalProcess-Terminals. Eine erste Version eines solchen Soundobjekts ist ein so genanntes "process public beta", ein transparenter Pelxiglascontainer auf Basis eines Apple Macintosh G4. In Berlin ist es im Sony Center am Potsdamer Platz vorzufinden.

Kommen wir zum Sound des ersten Albums aus dieser Reihe: Der auf Zomba Records erscheinende Tonträger ist vielleicht der erste von Oval, der "extrem laut" gehört werden soll. Oval - bislang an der Ästhetik von Großraumbüros und Home Offices orientiert - kommt nun überraschenderweise extrem rockistisch daher. Ein Warehouse könnte man damit gut beschallen, so multi-mega-monumental schieben sich die einzelnen, übereinandergeschichteten Klangwände aus den Lautsprechern. Das Feedback-Noise von Gitarren dient in vielen Fällen als Quelle, die Popp dekonstruiert in seinem amorphen Klanggewebe freisetzt.

Pan Sonic drängt sich als Vergleich auf, zumindest daran gemessen, dass Oval, ähnlich wie GAS und Duca bislang eher mit subtileren Hörweisen in Verbindung gebracht wurde. Der Schritt von Ambient zu Noise eben. Vis a vis des neuen Einstürzende-Neubauten-Albums "Silence is Sexy" muss es als Ironie der Ungleichzeitigkeiten unserer Zeit wirken. Wie man letzteres auch bewerten will - Punktabzug gibt es auf jeden Fall für mangelnden Einfallsreichtum in Sachen Beatstruktur. Noch immer steuert das Haspeln eines hängengebliebenen CD-Spielers den holprigen Groove.

Große Ohren, große Hirne?

Ob auf englisch oder deutsch - auch Markus Popp redet gerne über den theoretischen Überbau seiner Musik. Dabei drängt sich der Verdacht auf, er habe zu viel Medientheorie gelesen, Kittler und dergleichen. Nun war aber auch seine Musik dafür verantwortlich, dass mein Interesse für andere Musiken (z.B. Stockhausen, Cage, Takemitsu) geweckt wurde. Zum Musik hören braucht man eben nach wie vor in erster Linie große Ohren, nicht große Hirne. Wer würde auch schon ins Schwitzen kommen, weil das von langer Hand vorbereitete theoretische Buchprojekt von Mille Plateaux nun doch auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt wurde? Wenn Theorie zwecks Musikkonsum, dann bitte so sprunghaft und intuitiv, wie sich der Komponist elektronischer Musik heutzutage durch musikalische Texturen bewegt. Wie es in einem mit "Die 1000 Rhizome des Achim Szepanski" betitelten Feature des Frankfurter Magazins Groove heißt, könne man Deleuze/Guattari halt auch "querlesen". (Krystian Woznicki)

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