Den Lockdown-Gegnern ins Stammbuch geschrieben

Bild: NIAID/CC BY-2.0

In den letzten Tagen haben die Gegner des Lockdowns wie NRW-Ministerpräsident Laschet viel Platz in den Medien bekommen

Fangen wir bei den aktuellsten Meldungen an: Im Spiegel ruft Herr Castorf "zu 'republikanischem Widerstand' gegen die Pandemie-Maßnahmen auf". Und führt aus: "Wenn das Robert Koch-Institut klar sagen könnte, dass wir ohne drakonische Maßnahmen in wenigen Wochen 600.000 bis 1,5 Millionen Tote hätten, würde ich sofort einsehen, dass wir einen Ausnahmezustand haben."

Aber genau das sagen Wiehler und Drosten doch ständig? Dass wir den Ausnahmezustand bekommen, wenn wir nichts tun! Kann man sich das als Nicht-Wissenschaftler einfach nur mit gesundem Menschenverstand und Volksschul-Mathematik selbst erschließen? Ja, man muss sich einfach nur trauen.

Immerhin weiß Casdorf die Zahl von ca. 6000 Corona-Toten. Vielleicht weiß er auch, dass es erst Mitte März anfing - das wären 6 Wochen. Also 1000 Tote pro Woche linear. Dass das ansteigend war, wollen wir unberücksichtigt lassen, es verstärkt den Effekt nur. Bei einer Ausbreitung mit R(effektiv) = 2, also: Jeder steckt innerhalb einer Woche 2 weitere Menschen an, bekommen wir (mit ca. 14 Tagen Versatz zwischen Ansteckung und Exitus): 2000 Tote in Woche 2, 4000 in Woche 3 und 512.000 in Woche 10. Und ca. 2 Millionen in Woche 16 (14+2 Versatz) - das sind wohl "wenige Wochen", weniger als 4 Monate - und mehr als seine 1,5 Millionen Tote. Dazu muss man nicht wissen, dass R sich beginnt abzuschwächen, wenn mehr Menschen schon infiziert sind, denn der Effekt wird erst spät sichtbar, wenn schon einhunderttausend bei 3-5 Millionen Infizierten gestorben sind.

Aber ich gebe zu: Dieses Szenario ist den meisten Menschen, Journalisten, Politkern oder Handwerkerinnen nicht augenfällig - und niemand sollte sich dessen schämen, dass das so ist. Ich selbst bin mit einem fast autistischen Verständnis für Zahlen und Größenordnungen geboren worden und war damit oft genug sozial isoliert, weil mir so vieles gerade so selbstverständlich erschien, wie dass 2+2 eben 4 ist und niemals 20 oder 0,5 werden kann, und ich darüber in Ärger geriet. Es hat weit über 50 Jahre gebraucht, bis ich das verstanden habe.

Eine Komponistin wird niemals erklären können, warum sie mehrstimmige Musik im Kopf so hört, dass sie diese direkt in einer Partitur niederschreiben kann, Musik, von denen die meisten anderen noch nicht mal mit viel Übung gerade mal eine Stimme fehlerfrei nachsingen könnten. Ich kann so etwas jedenfalls nicht. Und ich will mein Zahlenverständnis ganz sicher nicht mit dem Talent einer Komponistin vergleichen, das ich zutiefst bewundere.

Nehmen wir ein Beispiel für Zahlen. Wenn von Letalität oder tödlichem Risiko die Rede ist, stelle ich mir sofort Vergleichsfragen (und vielleicht ist das der Schlüssel?). Ich frage mich also: Wie viele Menschen sterben denn normalerweise pro Tag? Fragen Sie (vor Corona) 100 Menschen, und Sie finden vielleicht eine, die das direkt weiß oder aber einen Weg, das herauszufinden.

Und was weiß ich, um das ausrechnen zu können? Nun, ich weiß (und mit mir wohl die Mehrheit), dass wir im Schnitt 82 Jahre alt werden. Und in Deutschland 82 Millionen Menschen sind. Dann müssen jedes Jahr ca. 1 Million von uns gehen. Da vielleicht kommt das intuitive Element bei mir ins Spiel: Ich muss nicht darüber nachdenken, dass das so ist. Warum aber ist das so?

Wenn wir uns vorstellen, dass alle Altersgruppen gleich verteilt wären, dann gäbe es in jeder Alterskohorte 1 Million, also eine Million 1-Jährige, 25-Jährige und 73-Jährige. Natürlich sterben manche vor der Zeit, es werden aber eben auch viele älter als 82. Nehmen wir einfach an, jeder würde genau mit 82 sterben, was ja der Durchschnitt ist. Bei einer Lebenserwartung von 82 eben genau 1/82tel von 82 Millionen, also eine Million pro Jahr. Nun muss ich nur noch diese 1 Million durch 365 teilen. Wenn ich durch 3 teile (x100) werden es zu viele, durch 4 (x100) zu wenige, es sind also weniger als 3000 (300.000/100) und mehr als 2500 pro Tag (1 Mio / 4 = 250.000 / 100 = 2.500). Das genügt doch schon mal.

Die Wirklichkeit ist etwas detailreicher (es sind ca. 2600), aber das spielt keine Rolle, wenn die Größenordnung stimmt. Jetzt wissen wir nämlich, dass in den 6 Wochen Corona schon jetzt zusätzlich so viele Menschen gestorben sind wie sonst in 2 Tagen, demnach ca. 1/20 mehr. Das klingt nicht so viel, aber dafür, dass es ja nur wenige Hotspots waren, wie Heinsberg und Tirschenreuth, ist es eben doch erschreckend. Und anhand der Verdoppelungsregel wissen wir: Das können sehr schnell sehr viel mehr werden. Muss man sich da beklagen, man wolle sich nicht von Frau Merkel vorschreiben lassen, dass man sich die Hände waschen solle?

Reproduktionszahl und Zahl der Tests

Des Weiteren wird folgendes Faktum gegen den Lockdown angeführt: Die Ausbreitungszahl R(eff) sei ja schon Mitte März auf 1 gesunken, also eine Woche vor dem Lockdown. Daher habe der Lockdown gar keine Auswirkung haben können, die Epidemie laufe sich offenbar von selbst tot, der Lockdown sei überflüssig.

Zunächst mal so viel: Ein Nullergebnis ist niemals ein Beweis für eine Nullhypothese, solange ich nicht beweisen kann, dass der bestrittene Faktor (Lockdown) auch der einzige ist, der eine Rolle spielt. In unserem Fall: Schon Mitte Februar begannen die Deutschen sich selbst zu disziplinieren, die ersten Hamsterkäufe betrafen Desinfektionsmittel, und die waren schon am 15. Februar erstmalig ausverkauft. Darüber hinaus gab es schon Anfang März einen Teil-Lockdown mit dem Verbot von Großveranstaltungen - und es waren ja genau diese, also das Fußballspiel in Mailand (40.000 Teilnehmer), Sing- und Bet*woche* in Mulhouse (2000 Teilnehmer) und der Internationale Frauentag in Madrid (120.000 auf dem Demonstrationsmarsch), die die epidemische Ausbreitung in Italien, Frankreich und Spanien ausgelöst hatten.

Nun beweist uns der Psychologieprofessor Kuhbandner mit vielen Grafiken, dass der Lockdown übeflüssig gewesen und der Anstieg der Zahlen nur durch vermehrte Tests "erzeugt" worden sei. Schon Letzteres ist nur sehr eingegrenzt richtig: Da vor allem anhand von Symptomatik getestet wurde, kann man auch bei doppelt so vielen Tests nicht mehr Erkrankte finden, wenn sich nicht mehr krank melden. Mittlerweile liegt bei uns die Rate von positiven Tests bei nur noch 7%: 160.000 "Cases" bei mehr als 2 Millionen Tests. Da ist für die obige Behauptung und eine große Dunkelziffer einfach keine Begründung mehr zu sehen.

Als Psychologe hätte Kuhbandner aber auch berücksichtigen müssen: Den Rückgang von R(eff) hat die Selbstdisziplinierung der Bevölkerung zu nicht geringem Teil verursacht. Eben ab Mitte Februar. Und jeder normale Erdenbürger weiß, wie sich das mit guten Vorsätzen so verhält, dazu muss man kein Psychologe sein: Rauchen aufhören zu Silvester - hält in der Regel 3-4 Wochen. Dito Fitnessstudio-Abo: 3-4 Wochen volles Engagement, und wenn dann der Freundeskreis genug hat von den "Erfolgsmeldungen", findet man schnell Ausreden, doch nicht mehr hin zu gehen. Das Abo behält man, es beruhigt das schlechte Gewissen genauso wie die Halbliterflasche Sterillium, auch wenn man es gar nicht mehr benutzt. Und so kam der große Lockdown gerade rechtzeitig, um die nachlassende Selbstdisziplin zu unterstützen - jetzt müssen wir ja. Hätte ein Psychologe unbedingt einpreisen müssen.

Und dass wir zwar nicht von jedem, aber von Wissenschaftlern schon erwarten dürfen, dass sie nicht allzu schwierige Zahlenwerke über den Daumen peilen können, darauf vertraut doch jeder. Und wenn dann ein Finanzfachmann wie Professor Homburg einfach mal absolute Zahlen zweier Länder miteinander vergleicht, von denen das eine aber über achtmal größer ist als das andere, dann ist das so, als wolle man die absolute Wirtschaftsleistung des kleinen Saarlandes mit der Nordrhein-Westfalens vergleichen. Da sieht NRW immer gut aus. Natürlich vergleicht man das pro Kopf, und da wird’s dann deutlich ähnlicher.

Unähnlich den deutschen sind aber die schwedischen Todeszahlen: Faktor dreimal höher (233:75 je 1 Million EW). So etwas zu verschweigen, ist eindeutig Lügen mit Statistik, die absoluten Zahlen korrekt, die Interpretation vollkommen unzulässig. Würde in jeder Mathearbeit als ungenügend bewertet. Und der Mann leitet das Institut für öffentliche Finanzen der Uni Hannover. Und wer bin ich, ihm mit seinem eindrucksvollen Titel zu widersprechen? Auch das muss man sich halt trauen, zu prüfen und nachzurechnen, ob Behauptungen stimmen können, egal ob der Nachbar oder ein Institutsdirektor sie geäußert haben.

Und Schweden

Kommen wir zum traurigsten Kapitel, dem schwedischen Regierungsepidemiologen Tegnell. Wie man liest, meint er, Schweden mit seinem Kurs nähere sich einer Herdenimmunität. Das ist die Rate von Menschen, die durch Impfung oder überstandene Infektion gegen eine Ansteckung immun ist. Je höher die Reproduktionszahl R° ist, desto höher die Schwelle, ab der sich das Virus nicht weiter ausbreitet und die Welle sich totläuft.

Bei den Masern mit R°=15 liegt sie bei knapp 94%. Bei einer Grippe mit R=1,5 bei 33%. R° für C-19 sei 3-3,5 wird angenommen. Dann liegen wir bei 66% Herdenimmunität oder darüber. Von 9,9 Millionen Schweden wären das 6,6 Millionen.

Jetzt treffen wir eine Annahme sehr zugunsten von Herrn Tegnell: Die Letalität sei nur 1% (wir haben fast überall höhere Zahlen, 2%, 3,4%, 3,8% und mehr). Und noch diese auch sehr günstige Annahme: 33% der Bevölkerung seien durch frühere Corona-Erkältungsviren, schon per se "hintergrundimmun", wie Prof. Drosten das nennt. D.h. die 6,6 Millionen reduzieren sich auf 3,3.

Wie viele haben wir denn schon? 2200 Tote entsprechen bei 1% Letalität 220.000 Infizierten (tatsächlich weist Schweden nur ganze 20.000 "cases" aus). Das ist gerade mal jeder 15. von den 3,3 Millionen. Bis zur Herdenimmunität müssten wir also auch mit 2200 x 15 = 33.000 Toten rechnen. In Schweden, wo im Jahr nicht ~1 Million Einwohner sterben wie bei uns, sondern eben nur knapp 120.000 oder weniger. Mehr als 25% Tote zusätzlich - das folgt aus der Logik von Herrn Tegnell. Und wie er, bei sehr großzügig gerechneten 7% der benötigten Herdenimmunität davon sprechen kann, man nähere sich ihr an, das ist - nein, ich kann es nicht anders sagen: Volksverdummung. Bei 2% Letalität sähe es ja noch deutlich schlimmer aus, und die sind deutlich wahrscheinlicher als die 1%.

Das Wunder Griechenland

Was ein harter Lockdown wirklich bewirken kann, sieht man an Griechenland: Mit sogar 8% mehr Einwohnern als Schweden gibt es dort gerade mal 138 Tote, ganze 6% des schwedischen Wertes. Ist das glaubhaft? Und wie kam es dazu?

Die griechische Regierung hat blitzschnell reagiert, sagt Bormann (SWR-Griechenland-Korrespondent), der selbst in Athen lebt. Im Februar schon, gleich als der erste Corona-Fall in Griechenland festgestellt wurde, hat die Regierung alle Karneval-Umzüge verboten. Sie hat Anfang März schon die Schulen geschlossen und schließlich auch alle Cafés und Tavernen." Und einen harten Lockdown verordnet, eine regelrechte Ausgangssperre verhängt.

"Meine Nachbarn hier in Athen haben mir gesagt, dass sie über ihr eigenes Volk und seine Disziplin staunen."

Und auch er staune - darüber, wie gut die griechische Regierung die Krise managt, erzählt Bormann. Aber: Die Regierung hätte auch einen guten Berater, nämlich den Virus-Experten Sotiris Tsiodras. Der tritt jeden Abend um 18 Uhr im griechischen Fernsehen auf und gibt seinen Rat. Zuletzt meinte er: Lieber Geschäfte und Schulen noch geschlossen halten. So bleiben die Infektionsraten niedrig und die Krankenhäuser nicht überlastet.

SWR

Mittlerweile wissen wir auch, dass keineswegs, wie oft vermutet, nur die Über-80-Jährigen sterben. Und keineswegs, wie Herr Palmer meint, nur solche, die ohnehin nur noch wenige Monate zu leben haben. Weit über 10 Millionen Menschen hier im Land haben Vorerkrankungen, die eine C-19-Infektion sehr gefährlich macht, Asthma, Diabetes, Bluthochdruck, es könnte ein Viertel aller Deutschen betreffen. Und die sind ganz sicher nicht alle über 80.

Der Alters-Median der Menschen, die in Schweden wegen Corona in die Intensivstation verlegt werden und dort im Schnitt 11 Tage verbleiben, liegt gemäß einer schwedischen Studie bei 61 Jahren, das arithmetische Mittel bei 59 (0-90). Dreiviertel von diesen Menschen haben eine oder mehrere Vorerkankungen, "any risc factor", also Diabetes (24%), chronische kardiovaskuläre Lungenkrankheit (24%) oder Bluthochdruck (38%). Aber ein Viertel, also 25% hat all das nicht - das sei dem Pathologen Püschl aus Hamburg gemeldet - mit besten Grüßen der schwedischen Kollegen.

Sollen wir diese vielen Menschen, ob mit oder ohne Vorerkankung, zum Tode verurteilen?

Schuldig geblieben bin ich noch eine Begründung zu Herrn Laschet, der offenbar mit Zahlen nicht viel anfangen kann und sich laut beklagt, dass die Vorgaben der Politik sich ändern, wenn sich Umstände und damit auch Zahlen ändern. Als Horst Seehofer die Grenzen schließen wollte, hat sich Herr Laschet, wegen des wichtigen kleinen Grenzverkehrs zu Belgien und den Niederlanden, "durchgesetzt", es gab keine Grenzschließung dort.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Niederlande sechsmal und die Belgier achtmal mehr Tote pro Kopf als NRW, was jeder im Morgenpost-Monitor ablesen konnte und auch heute noch ablesen kann. Da naturgemäß dazu auch entsprechend viele Infizierte gehören, war das logischerweise eine Entscheidung für den Infektionsimport. Aus meiner Sicht völlig unverantwortlich. (Lorenz Borsche)