Den Zug verpasst: Young Britain erwacht zu spät

Die britische Ohrfeige sitzt und offenbart Europas Schwäche, aber das Brexit-Votum lässt vor allem am Verstand der Jungen zweifeln

Jetzt schreien sie und demonstrieren. Es scheint, als wäre Großbritanniens junge Generation aufgewacht, endlich! Reichlich spät. Das Referendum ist Fakt, ist dabei, zu einem europäischen Meilenstein zu werden. Eine knappe Mehrheit, überwiegend ältere Semester, hat für den Brexit gestimmt. Sind also die Alten schuld (EU-Anhänger wollen Senioren Wahlrecht entziehen)? Das möchten manche gerne glauben, aber es ist nur die halbe Wahrheit.

So auch der britische Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch (72), seit 2011 Emeritus Professor an der Warwick Business School, er sieht den Volksentscheid als Aufstand von Reaktionären und räsoniert: "Der Brexit war ein Aufstand von Menschen, die der Vergangenheit nachhängen und die zugleich eine Zukunftsrhetorik benutzten".1

Sicher ist daran etwas Wahres, zumal in Zeiten, in denen geliebte Ordnungen wegbrechen, Angst und Unsicherheit zunehmen. Aber ist damit alles gesagt? Der Brexit, nur ein verrücktes Komplott der Ewig-Gestrigen? Das Votum von der Insel, ein Pyrrhussieg der Alten über die Jungen? Könnte man meinen, auf den ersten Blick.

Leider eine Tatsache: Fast zwei Drittel der jungen Erstwähler haben die Stimmabgabe schlicht verpennt. Stänkern jetzt aber gegen "die Alten". Die gleichgültige Tatenlosigkeit der Jungen ist für den Brexit mit verantwortlich, wie eine Statistik des britischen Nachrichtensenders Sky News beweist: Danach dümpelte die Wahlbeteiligung der 18- bis 24-Jährigen mit 36 Prozent deutlich unter der Wahlbeteiligung der 65-Jährigen, die bei stolzen 83 Prozent lag. Und spiegelt etwas wieder, was tatsächlich bangen lässt: Ein Europa ohne Elan, ein Anspruchsdenken ohne Idealismus. Die jungen Briten - ein Teil von Europas Zukunft - zeigen sich erschreckend apathisch. Purer Leichtsinn? Überheblichkeit?

"Erstwähler sind rechtslastig"

Und noch ein starkes Stück: Diejenigen der potenziellen Erstwähler, die überhaupt gewählt haben, dürften konservativ gestimmt haben: "Erstwähler sind rechtslastig", zitiert der KStA Klaus-Peter Schöppner vom Meinungsforschungs-Institut Mentefactum: "In Sachsen-Anhalt wählten sie zuletzt mehrheitlich AfD". Eine europaweite Untersuchung hat überdies 2015 erst gezeigt, dass es gerade unter Jüngeren große Ressentiments gegenüber Flüchtlingen gibt. In der Altersgruppe ab 25 Jahren wächst laut Schöppner dann der Anteil an grünen und sozialdemokratischen Wählern, diese "mittlere Generation habe den Eindruck, dass sie zu kurz komme. Deshalb (ist) in ihr der Anteil an Protest- und Wechselwählern am größten."

Von dieser Mittelgruppe, d.h. den 24- bis 34-Jährigen, waren es in GB 58 Prozent, die zur Wahlurne gingen. Auch nicht überwältigend angesichts der Herausforderung. Schöppners länderübergreifendes Resümee klingt denn auch nicht gerade vergnüglich. Was zuletzt in einer Metropole wie London geschehen sei, wäre seiner Auffassung nach in Hamburg, Köln, München und Stuttgart ebenso möglich. (Arno Kleinebeckel)

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