Den staatlichen Rundfunk hässlich gerechnet

Eine Replik auf den "Kommentar" von Viktor Heese

Vor ein paar Tagen hat Telepolis einen Kommentar veröffentlicht, in dem dem staatlichen Rundfunk vorgeworfen wird, viel zu hohe Lohnkosten zu haben. Dass der Text mit älteren Zahlen schon mal weitgehend identisch im Mai 2017 woanders erschienen ist, spricht nicht automatisch gegen ihn oder für eine Schmutzkampagne. Der Inhalt hingegen schon, vor allem in der ersten Version. Da spricht Viktor Heese sogar von der "Abschaffung" des Rundfunkbeitrags und wünscht "die grundlegende Politikwende" (was auch immer das sein soll) und eine "Mitsprache über die Politikinhalte der ARD", also eine direkte politische Steuerung herbei.

Dem Artikel sind einige Tage nach Erscheinen einige Erläuterungen, "Update" genannt, hinzugefügt worden, weil es viel Kritik gegeben haben soll. "Es war nicht die Absicht des Verfassers, irgendwelche Neiddebatten oder politische Diskussionen zu entfesseln", steht da, was ich als Lüge betrachte. In der ersten Version steht schließlich sogar: "Die Zahlungsverweigerungen der GEZ-Gebühren sind erst der Anfang, dem bald 'Neid-Debatten' um die Gehälter folgen könnten." Heese will sich offensichtlich nicht ernsthaft mit Vorteilen und Stärken der deutschen Öffentlich-Rechtlichen auseinandersetzen, sondern mit undifferenziertem Kampagnenjournalismus ihre Grundlagen angreifen.

Es beginnt schon mit einer Suggestivfrage, die nicht begründet wird: "Werden Gebührenerhöhungen gefordert, um die üppigen Gehalter zu sichern?" Dass die Gehälter üppig seien, ist also schon Voraussetzung des Artikels, der allerdings genau das belegen soll. Zur Beweisführung ermittelt der Autor die durchschnittlichen Personalkosten beim staatlichen Rundfunk und stellt sie irgendwelchen Werten privater Unternehmen gegenüber. Das Ergebnis: Der Rundfunk ist unverschämt teuer.

Gegen Heeses Ansatz sprechen aber mehrere Argumente. Grundsätzlich überzeugt das Arbeiten mit Durchschnittswerten ebenso wenig wie der Vergleich des staatlichen Rundfunks mit Firmen. Hinzu kommt ein verfälschender Umgang mit den Zahlen.

Nichtssagende Durchschnitte

Die Verwendung des arithmetischen Mittels, landläufig Durchschnitt genannt, führt in die Irre. Durchschnittlich 9400 Euro pro Angestelltem gibt der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk monatlich aus, errechnet Heese, was sogar zur reißerischen Überschrift gemacht wird. Doch was soll dieser Durchschnittswert? Was sagt er schon aus?

Wenn ein Abteilungsleiter ein Monatsgehalt von 20.000 Euro hat, seine neun Untergebenen aber jeweils nur 1000 Euro kriegen, dann kann das als ungerecht, vielleicht sogar skandalös gelten. Durchschnittlich verdienen aber alle in der Abteilung 2900 Euro, das klingt doch nicht schlecht. Im arithmetischen Mittel wirken sich Extremwerte bisweilen stark aus.

Warum errechnet der langjährige Finanzanalyst Heese nichtssagende Werte? Mehr noch: Der Autor relativiert sich sogar selbst, wenn er schreibt: "Der Median könnte bei einer schiefen Gehaltsverteilung (viele verdienen wenig, wenige verdienen viel - Daten liegen im KEF nicht vor) wesentlich niedriger ausfallen." Mit dieser Bemerkung wird der Artikel weitgehend hinfällig. Er ist zwar nicht eben kurz, behandelt aber nur Durchschnittswerte, die nichts über das Gehaltsgefüge aussagen. Heese beantwortet eben nicht die von ihm zu Beginn aufgeworfene Frage: "Sind die ARD-Gehälter wirklich so extrem hoch, wie vermutet wird?" (Wer auch immer da was vermutet). Über konkrete Gehälter, gar die "Gehaltsprivilegien des ARD" (unverständlicherweise ist die ARD bei Heese wiederholt maskulin) und "Traumvergütungen", erfahren wir bei ihm nichts.

Bei Heeses Vorgehen wäre es theoretisch möglich, dass der Großteil der Rundfunkangestellten selbst nach seinen Kriterien in Ordnung bezahlt wird, Führungskräfte und Sonderabteilungen hingegen exorbitant hoch. Die Forderung müsste dann sein, die exorbitanten Gehälter einzuschmelzen und das gesparte Geld ins Programm zu investieren oder für die Senkung des Rundfunkbeitrags zu nutzen. Heese hingegen redet über nichtssagende Durchschnitte, um zu rechtfertigen, dass der staatliche Rundfunk als ganzer bei angeblich immer mehr Menschen unbeliebt wird.

Unbegründete Vergleiche mit Firmen

Der Außenvergleich geht ebenfalls fehl, und das aus mindestens drei Gründen. Erstens begründet Heese nicht, warum er den staatlichen Rundfunk mit irgendwelchen Firmen vergleicht. Einer marktorientierten Unternehmensleitung ist es heutzutage tendenziell egal, wie gut ihre Produkte sind, solange damit gute Gewinne gemacht werden können. Qualitätsorientierter Journalismus hat da einen anderen Anspruch, und Qualität kostet nun mal was - unabhängig von der politischen Ausrichtung der einzelnen Beiträge, die durchaus kritikabel sein kann.

Zweitens betrachtet Heese nicht mal die Frage, was für Berufsgruppen in den unterschiedlichen Einrichtungen arbeiten. Beim Rundfunk ist das Kerngeschäft Journalismus, in dem überwiegend studierte Leute arbeiten, und die Angestellten mit technischen Ausbildungsberufen (Studiotechnikerin, Kameramensch) üben relativ anspruchsvolle Tätigkeiten aus. Bei der von Heese beispielsweise erwähnten Lufthansa hingegen kommen auf ein paar hochbezahlte PilotInnen etliche niedrige Berufsgruppen. Drittens leuchtet es nicht ein, dass sich staatliche Gehälter an irgendeinem Marktgeschehen orientieren sollen. Vielleicht sind ja viele Löhne in vielen Firmen zu niedrig.

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