Der Abschied des Neandertalers

Ober- und Unterkieferknochen (Maxilla und Mandibula) eines späten Neandertalers aus der Grotte de Spy in Belgien. Bild: Royal Belgian Institute of Natural Sciences/Patrick Semal

Seit längerem wird darüber diskutiert, wann genau der Neandertaler abtrat. Eine neue Studie belegt erneut ein früheres Verschwinden als bisher angenommen.

Die Neandertaler waren ein Erfolgsmodell der menschlichen Evolution. Hunderttausende Jahre lang durchstreiften sie Eurasien, bauten Hütten, fertigten sich ausgefeilte Werkzuge, Schmuck und Kleidung, kümmerten sich um Kranke und begruben ihre Toten.

Vor rund 400.000 lebte Homo neanderthalensis bereits in Europa (Vom Werden und Vergehen des Neandertalers) und er zeugte Nachkommen sowohl mit den geheimnisvollen Denisova-Menschen als auch mit unseren direkten Vorfahren, die vor 45.000 Jahren aus Afrika zuwanderten (Frühmenschlicher Sex-Reigen).

Heftig diskutiert wird in der Wissenschaftswelt immer noch darüber, wann und warum die Neandertaler ausstarben. Lange galt als gesichert, dass Neandertaler und anatomisch moderne Menschen mehr als zehntausend Jahre gemeinsam Europa bevölkerten. Aber durch immer präzisere, neue Datierungen wird das Zeitfenster ihrer Koexistenz immer kleiner.

Alte Funde neu datiert

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftszeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) stellt das internationale Team aus Belgien, Großbritannien und Deutschland um Thibaut Devièse von der University of Oxford seine Neudatierung von Neandertaler-Funden aus Belgien vor.1

Sie untersuchten Neandertaler-Knochen aus der Grotte de Spy am Fluss Orneau in der Region Namur, die bereits im 19. Jahrhundert gefunden wurden. Die bisherige Datierungen lag bei einem Alter von circa 36.000 bis zu 24.000 Jahren (eines Schulterblattes) und galten als Beweis, dass die Ur-Europäer sehr lange im Nordwesten des Kontinents Seite an Seite mit dem Homo sapiens überlebten. Sie wären unter den Letzten ihrer Art gewesen, aber das waren wohl sie nicht wirklich, wie die neuen Daten zeigen.

Die ersten drei Altersbestimmungen des Schulterblatts mit der Radiokarbonmethode hatten bereits zu vielen Fachdebatten geführt, denn eine davon ergab ein etwas höheres Alter. Insgesamt erschien es einigen Experten unwahrscheinlich, dass Neandertaler in dieser Höhle noch vor 24.000 gelebt hätten. Sie vermuteten eine Verunreinigung dieses besonders jungen Schulterblatt-Knochens.

Was das Team um Thibaut Devièse jetzt bestätigen konnte, denn die Datierung beruht deutlich auf einer Kontamination, vermutlich ist eine im 19. Jahrhundert verbreitete Konservierungsmethode mit Leim aus Rinderknochen dafür verantwortlich. Es gelang auch bei der aktuellen Untersuchung mit dem neuen Ansatz nicht, diesen Knochen präzise zu datieren.

Das Forscher-Team untersuchte Proben verschiedener Individuen aus der Grotte de Spy, indem sie sich auf eine einzelne Aminosäure aus dem Kollagen von Knochen namens Hydroxyprolin fokussierten, um so jede Verunreinigung bei den neuen Radiokarbondatierungen auszuschließen. Sie extrahierten sauber isoliert diese spezielle Aminosäurevariante und datierten sie präzise. Ihre Resultate erbrachten Abweichungen bis zu 10.000 Jahren, alle Knochen waren deutlich älter als bislang angenommen.

Zur Sicherheit verglichen die Wissenschaftler noch Proben von Neandertaler-Relikten aus zwei weiteren belgischen Fundstätten, der Schmerling-Höhle von Engis und den Höhlen von Fonds-de-Forêt in der Prvinz Liège, die nun ähnliche Neudatierungen ergaben. Darunter der Schädel des Neandertaler-Kinds von Engis, der vor fast zweihundert Jahren 1829 von Philippe-Charles Schmerling, einem der Wegbereiter der Paläoanthropologie, ausgegraben wurde.

Die Ergebnisse der Forschergruppe um Thibaut Devièse sind eindeutig: Tatsächlich lebte der letzte Neandertaler in der Region des heutigen Belgien vor 44.200 - 40.600 Jahren.

Radiokohlenstoffdatierung und Kalibrierung

Eine weitere Bestätigung für die vielen Zweifler, die schon lange einen kritischen Umgang mit in den Lehrbüchern stehenden C-14-Datierungen einfordern. Vor allem in den letzten zehn Jahren hat sich viel getan mit neuen Datierungen alter Funde. Die Radiokarbondatierung ist ein lang etabliertes und wichtiges Werkzeug für die Archäologen und Paläontologen. Es gibt sie seit 1949, ihr Erfinder, Willard Libby bekam dafür den Nobelpreis.

Die Idee ist genial: Das Alter eines organischen Materials wird mittels des Zerfalls eines bestimmten Kohlenstoffisotops bestimmt, des schwach radioaktiven C-14, das jedes Lebewesen, z. B. ein Baum oder ein Mensch, während seiner Lebenszeit mit dem Kohlenstoff in der Nahrung aufgenommen hat.

Leider ist es aber nicht ganz so einfach, denn der Anteil dieses Kohlenstoffisotops in der Atmosphäre schwankte über die Zeit immer wieder, deswegen bedarf es genauer Analysen und der entsprechenden Kalibrierung durch den Vergleich mit den Daten anderer Methoden, wie der Baumringe aus der Dendrochronologie oder der Uran-Thorium-Datierung.

Seit 2004 gibt es die internationale Arbeitsgruppe IntCal, einen Zusammenschluss internationaler Wissenschaftler, die in regelmäßigen Abständen sogenannte IntCal-Kurven als jeweils aktuellen Datierungsstandard veröffentlicht. Im vergangenen Jahr erschienen wieder Updates in der Fachzeitschrift Radiocarbon.2

Neandertaler und Homo sapiens

Erkenntnisse müssen immer wieder überprüft und infrage gestellt werden. So funktioniert Wissenschaft. Alles im Fluss, und sowohl in der Geschichte der Menschheit als auch bei den Datierungen gab es in den letzten Jahren viele Überraschungen und neue Erkenntnisse. Das Bild unserer Vorgeschichte wird neu zusammengesetzt.

Dazu hat Thibaut Devièse vor der aktuellen Studie auch schon 2017 beigetragen, als er mit seinem Team die Neandertaler-Überreste aus der Vindija-Höhle in Kroatien mit dem gleichen Verfahren neu datierte - auf ein deutlich höheres Alter von mehr als 40.000 Jahren3. Wahrscheinlich haben die Neandertaler dort keine anatomisch moderne Menschen mehr getroffen, denn die trafen erst später in der Region ein. Die Vorstellung beide Menschen-Formen hätten für eine Weile gemeinsam in der Vindija-Höhle gekuschelt, ist hübsch, aber leider revidiert.

Rekonstruktion einer jungen Neandertalerin. Bild: Public Library of Science, Bacon Cph / CC-BY-2.5

"Wann die Neandertaler-Populationen verschwanden und wann Homo sapiens in Eurasien auftauchte, gehört zu den Schlüsselfragen der Paläoanthropologie", schreiben Thibaut Devièse und seine Kollegen in ihrem aktuellen Artikel.

Das Zeitfenster, in dem sich Homo neanderthalensis und Homo sapiens in Europa hätten treffen können, wird in den letzten Jahren immer enger. Dabei ist die Frage, ob und wie sich verständigt, verstanden und ausgetauscht haben könnten, und ob der moderne Mensch den Anderen bekämpft oder sogar vertrieben hat, natürlich höchst interessant.

Umpolung der Erde vor 41.000 Jahren

Letztes Jahr veröffentlichten Forscher um Edouard Bard von der Radiokarbon-Arbeitsgruppe IntCal ihre ernüchternde Aktualisierung on C-14-Daten für den Zeitraum, in dem die beiden Menschen-Formen gingen und kamen4. Sie hatten festgestellt, dass sich vor 40.000 bis 48.000 Jahren das geomagnetische Feld abgeschwächt hatte, vor rund 41.000 Jahren kam es zu einer kurzfristigen Umpolung des Erdmagnetfelds.

Während der Abschwächung erreichten mehr geladene Teilchen die Erdoberfläche, die Konzentration des Kohlenstoffisotops C-14 änderte sich signifikant.

Die Radiokarbonuhr für diese Zeit musste an die neuen Fakten angepasst werden und das hat entscheidende Folgen für die Datierungen im Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum. Eine Fülle von veränderten Zeitpunkten der Altersbestimmungen mit der Konsequenz, dass für die gemeinsame Zeit Neandertaler und Homo sapiens nun nur noch weniger als 4.000 Jahre infrage kommen - zuvor waren es noch 6.000.

Der älteste Fund eines anatomisch modernen Menschen in Europa, in der bulgarischen Bacho-Kiro-Höhle hatte erst kurz zuvor Schlagzeilen gemacht5, sein Alter hat sich nun um 700 auf 45.100 Jahre verjüngt. Umgekehrt sind Neandertalerfunde wie der aus Saint-Césaire jetzt einige Hundert Jahre älter als gedacht - der Abstand wächst.

Das Warum des Aussterbens des Homo neanderthalensis ist ein weiteres Rätsel. Bis jetzt gibt es viele denkbare Gründe, die möglicherweise zusammenspielten. "Die möglichen Ursachen dieses Aussterbens könnten mit Klimawandel, Wettbewerb oder Inzucht zusammenhängen, aber diese Zusammenhänge liegen außerhalb des Rahmens dieses Artikels", hält das Team um Thibaut Devièse fest. (Andrea Naica-Loebell)