Der Alien-Faktor im SF

Unendliche Weiten - unendlich viele (feindliche) Zivilisationen? - Anmerkungen zu den "Außerirdischen" im Science-Fiction-Genre

Bislang liegt noch kein eindeutiger, von der Wissenschaft allgemein akzeptierter Beweis für die Anwesenheit außerirdischen Lebens vor. Das Fundament, auf denen Science-Fiction-Autoren ihre Fantasiegebäude mitsamt allen Außerirdischen errichten, ist daher sehr virtuell und höchst fiktiv. Obwohl sehr viele SF-Autoren in ihren Geschichten außerirdische Lebensformen beschreiben und ihre Fantasie in dieser Hinsicht eigentlich nicht zu zügeln brauchen, geben sich feindseelige und menschenähnliche Aliens im SF-Universum die Türklinken in die Hand. Sind wir Menschen im SF das Maß aller Dinge, letzten Endes sogar das Maß für intelligente Aliens?

"Von Aristoteles bis Kant haben sich die klügsten Männer den Kopf zerbrochen, ob in unserem Universum andere Erden und andere Lebensformen existieren. Und jetzt stehen wir kurz davor, endlich dieses Jahrtausend alte Geheimnis zu lüften", schwärmte noch vor wenigen Jahren der weltweit bekannte Planetenforscher Dr. Geoffrey W. Marcy.

Während die irdischen Astronomen, Planetenjäger und Exobiologen in der Tat gerade erst ihre Fühler in Gestalt von Radioteleskopen (SETI), Weltraumobservatorien (z.B. Hubble), Raumsonden (z.B. Viking) ausgestreckt haben, um außerirdisches Leben zu detektieren, tummeln sich in den fiktiven Universen der SF-Autoren andere "Erden", bewohnte fremde Welten und unterschiedliche Lebensformen en masse. Gäbe es ein Wachsfigurenkabinett, in dem alle bisherigen in Literatur, Film und Hörspiel an- und ausgedachten extraterrestrischen Figuren als kunstvolle Plastiken ausgestellt wären, platzte selbst das großräumige Metropolitan Museum in New York zwangsläufig aus allen Nähten.

Allein im Star-Trek-Kosmos geisterten bislang mehrere Hundert verschiedene Lebensformen herum, von den unzähligen fremdartigen Geschöpfen in den farbenfrohen Star-Wars-Epen oder abenteuerlichen Perry-Rhodan-Episoden ganz zu schweigen. Wie viele davon seit Beginn der Science-Fiction insgesamt in den virtuellen Romanwelten schon zu Hause waren, können sogar versierte SF-Experten nur schwer abschätzen, zumal dieser schillernde Alien-Zoo wöchentlich neue Gestalten, Ungestalten und Geistwesen willkommen heißt. Ein bunt gemischtes Konglomerat von Außerirdischen, die ihren gemeinsamen Nenner allenfalls darin finden, reine Fantasiegebilde jenseits aller "Science" zu sein.

Schließlich haben wir bislang nicht den geringsten wissenschaftlich fundierten Anhaltspunkt, wo sie sind, wie sie aussehen und ob es sie überhaupt gibt, auch wenn vieles dafür spricht, dass es sie geben muss. Selbst mit einer einzigen außerirdischen Mikrobe, geschweige denn wissenschaftlich verifizierbaren Spuren außerirdischer Intelligenzen, können die Exo-, -Astro- Xenobiologen und Bioastronomen unserer Tage nicht aufwarten. Auch wenn die Planetenjäger, die seit 1995 mehr als 167 bestätigte Exoplaneten (Stand: 2. September 2005) detektiert haben, im Computerexperiment bereits hochrechneten, dass allein in der Milchstraße mehr als 30 Milliarden erdähnliche Planetensysteme existieren könnten, ist bis auf den heutigen Tag noch keine zweite Erde in Sichtweite.

Selbst ein Kosmogramm mit außerirdischem Absender oder ein intelligentes Piepsen aus den Tiefen des Alls ist bislang noch nicht eingegangen. Die Fangquote der weltweit verstreuten SETI-Fischer (SETI = Search for Extraterrestrial Intelligence), die mittlerweile seit 45 Jahren mit verschiedenen Suchprogrammen und -methoden weltweit nach der interplanetaren Flaschenpost im kosmischen Wellenmeer händeringend Ausschau halten, ist desillusionierend. Seitdem Frank Drake im Jahr 1960 die SETI-Idee ins Leben rief, zog kein einziger Radioastronom das lang ersehnte Treibgut ans Erdufer. Nur einige Fehlalarme, meistens verursacht von Militärsatelliten, unterbrachen bisweilen den eintönigen Routinebetrieb der SETI-Angler. Anstelle eines intelligenten Piepsers geben im Äther vielmehr das Rauschen der Hintergrundstrahlung, das Pulsieren der Neutronensterne und das Zischen der Nebel- und Gaswolken den Ton an. Von einer interplanetaren Flaschenpost im kosmischen Wellenmeer keine Spur. Nichts driftete ans Erdufer. Auch das SETI-Optical-Programm, das nach stark gebündelten Laserblitzen künstlichen Ursprungs Ausschau hält, kann bislang mit keiner Erfolgsmeldung aufwarten. Ja, selbst die legendäre Greenbank-Gleichung (Drake-Formel) von 1960, die Aufschluss über die mögliche Anzahl intelligenter Zivilisationen im Universum geben soll, hilft nicht weiter, weil ihre Faktoren ad libitum austauschbar sind. Dennoch wissen wir, dass es sie geben muss - irgendwo da draußen.

ESO 269-57 - So die Katalognummer der 155 Millionen Lichtjahre entfernten im Sternbild Stier (Centarus) gelegenen Spiralgalaxie. Mit einem Durchmesser von 200.000 Lichtjahren ist sie annähernd doppelt so groß wie unsere Galaxie, in der zumindest eine intelligente Lebensform beheimatet ist. Wie viele mögen in dieser Welteninsel real leben oder gelebt haben? Bildnachweis: ESO

Aber noch haben sie sich nicht gemeldet - zumindest auf "publikumswirksame" Art und Weise. Und da noch kein eindeutiger, von der Wissenschaft allgemein akzeptierter Beweis für die Anwesenheit außerirdischen Lebens vorliegt, ist das Fundament, auf denen Science-Fiction-Autoren ihre Fantasiegebäude mitsamt extraterrestrischen "Mitbewohnern" errichten, samt und sonders ein höchst fiktives, das auf Wahrscheinlichkeiten oder persönlichem Glauben fußt, da eine handfeste, greifbare Vorlage schlichtweg fehlt.

Autoren, die in ihren Geschichten Außerirdischen den Vortritt lassen, haben also fürwahr alle Freiheiten und brauchen ergo ihre Fantasie nicht zu zügeln. Schließlich liegen in Bezug auf außerirdische Lebensformen keine wissenschaftlich verwertbaren konkreten Daten vor, die irgendwelche Extrapolationen erlauben. Nein, der Alien-Faktor bleibt eine Unbekannte, eine Größe ohne Zahlenwert. Und wo keine Fakten vorliegen, ist die Erfindungsgabe der SF-Schriftsteller gefragt. Dass sie in dieser Hinsicht geradezu vor Ideen sprühen, dokumentiert das reichhaltige, oft sehr unterhaltsame mediale Angebot an ET&Co., das uns immerfort daran erinnert, dass wir vielleicht doch nicht alleine sind.

Auffallend an den mehr oder weniger auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus lebenden Aliens, die vor allem über die Leinwand flimmern, ist deren oft gewählte humanoide Erscheinungsform. In den benachbarten TV-Serien, Trivialromanen oder SF-Klassikern, in denen Außerirdische in Erscheinung treten, gibt es ebenfalls eine spürbare Tendenz zu menschenähnlichen Geschöpfen. Ist dies Zufall, fehlende Fantasie, pure Intention oder drückt sich hier anthropozentrische Hybris aus? Sind wir Menschen sogar im SF das Maß aller Dinge, letzten Endes sogar das Maß für intelligente Aliens? Und wo steht eigentlich geschrieben, außer in mehrheitlich trivialen SF-Romanen, dass das Gros der außerirdischen Kulturen unseren Planeten in kriegerischer Absicht besucht?

Der Weg zu den Sternen ist weit: Selbst mit solch einer angedachten Antimaterie-Rakete ließe sich eine Reise zum Mars von 11 Monaten auf "nur" einen Monat reduzieren. Bildnachweis: NASA

Starten Sie doch einmal den Selbstversuch und denken Sie an einige, Ihnen in Erinnerung gebliebene Aliens, die Ihnen irgendwann in Film, Funk, Fernsehen oder im Roman begegnet sind! Sobald Sie diese vor ihrem geistigen Auge visualisiert haben, dominieren feindlich gesinnte ETs das Bild. Friedsame und freundliche Außerirdische à la ET sind im SF-Universum rare Geschöpfe. Beispiele für angriffslustige Aliens gibt es gerade im TV- bzw. Kinobereich reichlich: "Independence Day", "Alien", "Mars Attacks" - und den Klassiker schlechthin: "Krieg der Welten", dem ersten literarisch und zugleich filmisch umgesetzten interplanetaren Krieg zwischen unserer Spezies und einer außerirdischen Intelligenz.

Wohl nicht zu Unrecht schrieb Stanislaw Lem einmal über den Roman "War of the worlds" von H. G. Wells, dass dieser den Beginn der Genealogie des Science-Fiction-Genres markiere. Diese Geschichte bewege sich, so Lem, auch nach so vielen Jahrzehnten "noch immer wie ein nur einmal erreichter Gipfel über das Gewühl der Science-Fiction". Natürlich drängt sich auch hier die Frage auf, warum in den meisten SF-Fantasien unser blauer Planet von größtenteils bösen, meist blatternarbigen und triefäugigen Monstern heimgesucht wird. Woher kommt dieses Faible für bizarre, kriegerische Kreaturen? Gewinnen hier menschliche Urängste bzw. atavistische Instinkte die Oberhand oder versuchen die Schöpfer solcher Zeilen schlichtweg nur einen Spannungsbogen aufzubauen - oder gar eine bestimmte Botschaft zu lancieren? Repräsentiert der Alien-Faktor automatisch das Böse?

Der großartige H.G. Wells jedenfalls tat dies in "War of the Worlds". In seinem interplanetaren Konflikt gehen die Marsmenschen auf ihrem Eroberungsfeldzug genauso gnadenlos vor wie Wells "reale" Vorbilder: die Großmächte des ausgehenden Zeitalters des Imperialismus. Doch im Gegensatz zu den 'Erdlingen' die noch vor 100 Jahren den afrikanischen Kontinent aus Geltungssucht und Machtgier kolonialisierten und ausplünderten, kämpfen bei Wells die Invasoren vom Roten Planeten immerhin nicht zur Befriedigung jedweder Eroberungslust, sondern ums nackte Überleben. Wäre ihre Heimatwelt nicht dem Untergang geweiht gewesen, hätten diese mit den 'Erdlingen' möglicherweise weiterhin in friedlicher Koexistenz gelebt. Nicht alle vermeintlich "bösen" Aliens im SF sind wirklich böse.

Homepage Harald Lesch (Harald Lesch und Harald Zaun)

Anzeige