Der Angriff auf Afghanistan war kein Verteidigungsakt

Taliban-Kämpfer, die wieder mehr Gebiete kontrollieren können. Bild: Islamic Emirate of Afghanistan

Auch nach 15 Jahren Krieg kehrt kein Frieden ein und entwickeln Afghanen wieder Sympathien für die Taliban als "Befreier"

Seit rund fünfzehn Jahren führt die NATO Krieg in Afghanistan. Dieser Krieg scheint nicht zu enden. Stattdessen wird das Ende der "Demokratisierungsmission" stets aufgeschoben. Doch auch nach all den Jahren der Zerstörung lassen sich am Hindukusch weder Freiheit noch Demokratie finden. Stattdessen werden immer mehr Tote beklagt und immer mehr Flüchtlinge produziert.

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Im vergangenen Monat, während des NATO-Gipfels in Warschau, verkündete NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg eine Verlängerung der Mission "Resolute Support" in Afghanistan. "Über 2016 hinaus", hieß es dieses Mal. Damit wurde der vollständige Abzug der Truppen bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre aufgeschoben.

Die 12.000 verbleibenden Soldaten werden demnach weiterhin im Land bleiben. Einen neuen, konkreten Abzugstermin hat die NATO noch nicht festgelegt. Generalsekretär Stoltenberg wollte, wie er es selbst ausdrückte, "nicht spekulieren". Demnach kann der Krieg am Hindukusch noch jahrelang weitergehen.

Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit der als separat erscheinenden amerikanischen Mission "Freedom's Sentinel" (hier kommt auch ein weiteres Truppenkontingent hinzu), deren Ende ebenfalls nicht in Sicht zu sein scheint. Tatsächlich ist nicht einmal klar, inwiefern die NATO-Mission und die US-amerikanische Mission voneinander getrennt sind. In Anbetracht der Entwicklungen der letzten Jahre lässt sich allerdings nur das bestätigen, was Beobachter und Kritiker immer wieder betonten: Die NATO ist geprägt von US-amerikanischer Dominanz. Demnach bewegt Washington sämtliche Figuren wie ihre eigenen und greift beliebig und nach jeweiligem Interesse in die Spielkiste.

In Afghanistan ist genau dies seit dem ersten Tag des westlichen Militäreinsatzes der Fall. Eine kritische Analyse des Geschehens der letzten fünfzehn Jahre kann demnach nur vorgenommen werden, wenn man mit diesem allerersten Tag beginnt. Denn während die Intervention in Anbetracht der Anschläge des 11. Septembers für viele Europäer und US-Amerikaner weiterhin als angemessen oder gar selbstverständlich betrachtet wird, ist dies seitens der afghanischen Bevölkerung mitnichten der Fall.

Nicht nur aus Sicht der Afghanen war das militärische Eingreifen in Afghanistan genauso rechtswidrig wie jenes im Irak. Im Kontext des 2001 ausgerufenen NATO-Bündnisfalles wird dieser Punkt jedoch immer wieder verdrängt. Stattdessen stützt man sich auf verschiedene Scheinrechtfertigungen, die dank des einseitigen Handelns verschiedener Institutionen, etwa der UN, als juristisch akzeptabel betrachtet werden und sich mittlerweile im politischen Neusprech durchgesetzt haben. (Dazu interessant: The other illegal war).

Am 11. September wurden die Vereinigten Staaten allerdings nicht von einem anderen Staat angegriffen, sondern von mehreren Einzelpersonen, die Al-Qaida zugeordnet wurden. Keines dieser Individuen war Afghane. Doch die afghanische Bevölkerung wurde kollektiv bestraft. Währenddessen blieb Saudi-Arabien, das Herkunftsland der meisten Täter und enger Verbündeter der USA, in jeglicher Art und Weise verschont.

Der Angriff auf Afghanistan war auch keineswegs ein Verteidigungsakt, wie ihn manche Politiker bis heute darstellen wollen. Es handelte es sich schlichtweg um einen weiteren Angriffskrieg der NATO. Auch die verdammten Taliban, so schlimm ihr Regime auch gewesen ist, hatten nichts mit Anschlägen des 11. Septembers zu tun. Stattdessen war das Gegenteil der Fall. Nachdem Al-Qaida-Führer Osama bin Laden bereits zuvor von Afghanistan aus zum Krieg gegen die Vereinigten Staaten ausrief - ein Akt, der sich damals auch gegen die Interessen der Taliban richtete -, hatte er quasi sein Gastrecht verwirkt.

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Die Taliban suchten nach der nächstbesten Möglichkeit, bin Laden loszuwerden. Nach den Anschlägen in New York dachten sie, dass dieser Moment gekommen sei. Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar verlangte von den USA lediglich Beweise für die Täterschaft bin Ladens, um ihn auszuliefern. Diese wurden seitens der US-Administration allerdings nicht geliefert. Stattdessen regnete es Bomben.

Afghanistan wurde vorgeworfen, Terroristen auszubilden und ihnen Schutz zu gewähren. Deshalb, so wurde es allen weisgemacht, war die militärische Intervention notwendig. Laut dieser Logik hätten andere Staaten allerdings auch die USA angreifen dürfen. Es wäre demnach etwa das gute Recht der Iraner gewesen, die Vereinigten Staaten anzugreifen, nachdem sie 1979 den diktatorischen König Reza Pahlavi Schutz gewährten. Selbiges betrifft auch zahlreiche südamerikanische Staaten, in denen während des Kalten Krieges rechte Militärputschisten dank der CIA und Konsorten an die Macht kamen und zuvor ihre Foltermethoden in amerikanischen Militärschulen perfektioniert hatten.

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