Der Anti-Anti-Amerikanismus

Oder: Das Imperium schlägt zurück, denn wer Amerika kritisiert, soll die Rechten stärken - Ein Kommentar

Wie sich die Zeiten ändern: War es früher einmal unbedingtes Ziel eines jeden linken Humanisten, die Verbrechen amerikanischer Regierungen beim Namen zu nennen, so ist diese Haltung heute einfach nicht mehr en vogue. Natürlich, das Bashing gegen Trump kennt keine Grenzen. Doch betrachten die meisten Kritiker nur seine Persönlichkeit als Bedrohung, nicht jedoch das hegemoniale Streben der USA an sich.

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Ein Grund für diese Zurückhaltung dürfte sein, dass der sogenannte Anti-Amerikanismus seit ein paar Jahren auch von rechter Seite aus befeuert wird. Und natürlich haben die Menschen Angst davor, dem rechten Pöbel zugeordnet oder gar als Nazi beschimpft zu werden. In Sachen Diffamierung wäre "Kinderschänder" wohl die einzige echte Steigerung.

Und so wagt kaum jemand, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den zahllosen völkerrechtswidrigen und menschenrechtsverachtenden Interventionen der USA in der islamischen Welt und dem Aufkommen des islamistischen Terrors. Die Konsequenz ist das wohl absurdeste Tabu im politischen Diskurs der Gegenwart: Praktisch niemand fragt nach den Ursachen des Hasses gegen den Westen. Und wenn doch, dann scheint das Problem eher am "Clash of Civilizations" zu liegen, an der Unvereinbarkeit der hehren Werte des Westens mit den reaktionären Vorstellungen des Islam. Oder einfacher formuliert: Der gemeine Moslem findet den dekadenten Westen eben doof.

Wenn aber doch mal jemand den Verdacht ausspricht, dass wir selbst schuld sein könnten am Terrorismus, dann Gnade uns die Presse. Im ARD-Politmagazin Kontraste wurde schon am 24. Oktober 2001 über die vermeintlich gleichlautenden Kommentare aus dem linken und rechten Milieu zum Thema 9/11 berichtet. Ein Vertreter der PDS verstieg sich etwa zu den Worten: "Was die Vereinigten Staaten gesät haben, schlägt jetzt mit erheblicher Heftigkeit zurück."

Obwohl selbst die CIA das Phänomen kennt, dass Interventionen in fremden Ländern grausame Reaktionen zur Folge haben können (sie nennen es "Blowback"), beeilt sich die Redaktion, eben diesen Vertreter der PDS bestmöglich zu diskreditieren. Die Moderation verkündet mit sinistrem Ton: "Und da treffen sich Links- und Rechtsextreme. Denn NPD-Chef Udo Voigt sieht es genauso." Die Doppelbotschaft lautet: Es gibt diesen Zusammenhang gar nicht, und wer es doch behauptet ist im Grunde schon ein Nazi. In der Anmoderation legt Kontraste sogar noch eine Dosis Verleumdung oben drauf:

Wenn Deutsche den Frieden so sehr lieben - kann man eine Gänsehaut kriegen. Bewegte Menschen, die eigentlich ideologisch sehr weit auseinander stehen - klingen mit einem Mal unheimlich ähnlich: "Sowas kommt von sowas". Ein bisschen mit schuld? Das hatten wir schon mal. Waren die Juden nicht auch ein kleines bisschen mit schuld, damals? Da ist es wieder: dieses verräterische "Aber". Menschen umzubringen ist ja nicht richtig, aber… da waren doch der Vietnamkrieg, die CIA in Chile und Nicaragua.

Kontraste

Soll heißen: Kontraste stellt Menschen, die einen Zusammenhang zwischen Imperialismus und Islamismus erkennen, auf eine Stufe mit solchen, die meinen, die Juden seien selbst Schuld am Holocaust. Anbetracht einer solchen Ignoranz, einer solchen Hetze fällt es schwer, die Contenance zu bewahren.

Zugegeben: Es ist befremdlich, dass rechte Menschenverächter heute einige ursprünglich linke Standpunkte übernommen haben. Man könnte das vielleicht einordnen unter der Rubrik "Ein blindes Huhn ..." Man könnte aber auch einfach sagen: Ist mir wurscht, was die Nazis denken. Auch wenn es für manchen politisch Korrekten nach Aufwertung des rechten Mobs klingen mag, aber tatsächlich wird die Wahrheit nicht unwahrer dadurch, dass sie der Falsche ausspricht.

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