Der Attentäter von Ansbach war angeblich langjähriges Mitglied des IS

Laut einer Veröffentlichung der Terrororganisation war der Dschihadist aus Syrien schon vor Ausbruch des Bürgerkriegs im Land Mitglied der al-Qaida-Organisation ISI

Der Attentäter von Ansbach sei ein langjähriger Dschihadist gewesen, seine Zugehörigkeit zur al-Qaida-Formation, die sich seit Juni 2014 als IS bezeichnet, datiere aus Zeiten noch vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs, meldete gestern der französische Journalist und Spezialist für die Dschihado-Sphäre, Wassim Nassr. Der Mann namens Muhamad Dalil habe als IS-Soldat im Irak gekämpft und dann für ISIL in Syrien, bevor er nach Europa ging. Auch ein anderer französischer Experte äußerte ähnliches zu dem Mann, der sich als "syrischer Flüchtling" präsentierte und seit mehreren Jahren Mitglied des IS war.

Als Quelle für diese Informationen gaben die beiden französischen Experten die Veröffentlichung al-Naba (korrekt eigentlich: an-Naba) an. Sie wird in englischsprachigen Fachkreisen als IS-Newsletter bezeichnet. Nach dem Anschlag in Ansbach wurde dem Attentäter ein langer Text mit Foto gewidmet (die Orginalquelle, der Newsletter #40 findet sich hier).

Orginalseite aus al-Naba

Der Text ist in Arabisch verfasst. Die Bild-Zeitung berichtet heute davon. Ihre Übersetzung bestätigt die oben geäußerte Behauptung und liefert noch ein paar zusätzliche Informationen aus der "Mäyrtyerbiographie" in al-Naba.

Um es vorweg zu nehmen: Das Bild des Attentäters klart an manchen Punkten auf, an anderen stößt man auf große Lücken in der übermittelten Biografie. Auszugehen ist davon, dass das Porträt Beschönigungen, Glättungen und Überzeichnungen enthält, es geht schließlich um Heldenverehrung.

Eine der vielen Fragen der jüngsten Zeit wird jedoch noch einmal deutlich beantwortet: Auch wenn ein Täter als "nicht besonders religiös" erscheint, steht dies nicht im Widerspruch dazu, dass er einen Terror-Akt im Namen des IS/al-Qaida verüben kann. Es ist vor allem das Bekenntnis zur Organisation, das zählt, und dann die Verbindungen. Für die Organisation sind die persönlichen Umstände ("traumatisiert", "Borderline-Perdsönlichkeit?") völlig unbedeutend, nur das große Bild zählt.

Der Attentäter von Ansbach war jedenfalls ein überzeugter Terrorist, ein Dschihadist (was die übergroße Mehrheit der Muslime nicht ist, das sei hier noch einmal herausgestellt). Sein Treueschwur für den IS, den er auf seinem Video, wahrscheinlich, aufgenommen in seinem Zimmer in Ansbach, vor der Tat leistete, war eine Erneuerung eines schon früher geleisteten Schwurs.

Screenshot aus dem Video

Dass er in seinem Video weitere Taten ankündigte, wie die SZ berichtet - "Dieser gesegneten Operation werden andere Operationen folgen. Nächstes Mal wird es kein Sprengsatz sein oder ein Sprenggürtel, sondern Autobomben" -, verweist auf die Möglichkeit, dass sich weitere IS-Mitglieder in Deutschland aufhalten, eventuell sogar Hintermänner, die bei der Vorbereitung der Tat geholfen haben. Drei Monate lang soll dies gedauert haben.

Damit deutet sich ein größeres Kontrollproblem an. Zum Beispiel bei der Einreise. Wie so oft gibt es zu den unterschiedlichen übermittelten Zeitpunkten große Lücken. Nach vorliegenden Informationen lässt sich nur festhalten, dass Mohammad Dalil (bzw. Daleel) lange vor der "Durchwink-Anordnung" der Bundeskanzlerin im September 2015 nach Europa gelangt ist.

Geht es nach dem IS-Newsletter, so ist der Name Mohammad Dalil möglicherweise falsch. Beim IS wird er unter dem Namen Abu Yusuf al-Karar geführt, ob "Mohammad Daleel sein realer Name ist, erscheint fragwürdig", folgert die Bild-Zeitung daraus.

Nach deren Übersetzung hat der Mann einige Monate im Irak für ISI ("Islamischer Staat im Irak") gekämpft, bevor er "mit Beginn des syrischen Aufstandes gegen den Diktator Assad" nach Aleppo ging. Das müsste dann 2011 gewesen sein. Eine Zeitangabe gibt es dazu im Text nicht. In Syrien soll er mit Freunden eine eigene Zelle gegründet haben, die Sprengstoffanschläge auf syrische Polizeiautos ausführte. Danach habe er sich "verschiedenen Gruppen" angeschlossen, so der Bild-Bericht.

Wie der französische Journalist Nassr erwähnt auch der Bild-Bericht, dass sich der Ansbacher Attentäter der al-Nusra-Front angeschlossen habe. Die Dschihadisten-Kampftruppe war von al-Qaida im Irak nach Syrien geschickt worden. Die Trennung zwischen IS und al-Nusra erfolgte erst später.

2012 soll Mohammad Dalil bei Kämpfen in Aleppo verwundet worden sein und sich schwere Splitterverletzungen zugezogen haben, weswegen er sich laut Bild "ins Ausland zur Behandlung begab".

Im April 2013, so der Bericht, befand er sich "bereits in Europa". Dazu heißt es:

Er hätte sich dann wieder seinen alten Kampfgefährten anschließen wollen, doch sei es ihm wegen Grenzkontrollen nicht gelungen nach Syrien zu reisen, so die Märtyrerbiographie.

Gestern gab Bundesinnenminister de Maizière bekannt, dass der Syrer im August 2014 einen Asylantrag in Deutschland gestellt habe. Dabei habe sich gezeigt, dass er "bereits in Bulgarien und später in Österreich" einen Antrag gestellt habe. (Ansbach: Syrer zündet Bombe).

Zwischen dem Zeitpunkt, wo er sich bereits in Europa befand, und dem Zeitpunkt, an dem er seinen Asylantrag in Deutschland gestellt hatte, fehlen also etwa anderthalb Jahre.

Zwei Monate lang war der Dschihadist in Bulgarien in einem Gefängnis, berichtet die SZ, gestützt auf einen Therapeuten, dem Mohammad Dalil dies erzählt haben soll. Eine Geschichte mit einer wunderbaren Wende.

In Bulgarien soll Dalil einen Wohltäter gefunden haben, der ihm einen Flug nach Österreich spendiert haben soll. Bei der Leiche des Selbstmordattentäters fanden die Ermittler, wie berichtet, "eine Rolle 50-Euro-Scheine". So viel Geld ist ungewöhnlich für einen Asylsuchenden, wie auch ein syrischer Wohltäter in Bulgarien, der einem unbekannten Landsmann einen Flug spendiert.

Möglich wäre auch, dass es sich bei den Hilfen für den Dschihadisten um Unterstützungsleistungen von Verbündeten für die Sache handelt und die Europa-Reise Dalils nicht nur die medizinische Versorgung zum Ziel hatte.

Dalil hatte einige Erfahrung im Bau von Sprengschätzen, wäre demnach aus der IS-Biografie zu entnehmen. Dass er für die "dilettantisch gebaute" (SZ) drei Monate benötigte, wie Bild aus dem IS-Newsletter zitiert, erstaunt etwas. Noch mehr erstaunt allerdings, dass dies in der Unterkunft niemandem auffiel. Auch die Polizei habe die Bombe nicht entdeckt, als sie in der zum Flüchtlingsheim umfunktionierten Pension war.

Von dem Polizei-Besuch hatte Abu Yusuf al-Karar aka Mohammad Dalil dem IS Bescheid gegeben, woher sonst soll al-Naba die Information für den Artikel haben. Daraus wäre zu folgern, dass der IS über die Anschlagpläne informiert war und Mohammad Dalil während seines Aufenthalts in Ansbach in gutem Kontakt zur Terrororganisation stand.

Laut Innenminister Hermann hatte Dalil auch kurz vor dem Attentat einen "intensiven Chat mit einem Hintermann:

Es hat offensichtlich einen unmittelbaren Kontakt mit jemandem gegeben, der maßgeblich auf dieses Attentatsgeschehen Einfluss genommen hat. (...) Der Chat endet unmittelbar wohl vor dem Attentat.

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