Der Aufstieg der arabischen Frauen..

..in weiter Ferne? Der aktuelle "Arab Human Development Report" erkennt massive Diskriminierung

Vorurteile - "rassistische Stereotypen" - monierte ein Kommentator, als hier der zweite Teil des "Arab Human Development Reports" vorgestellt wurde (vgl. Stille Nacht, heilige Nacht). Ähnliche Reaktionen könnten auch zum vierten (und letzten) Bericht dieser anspruchsvollen Reihe des United Nations Development Programme auftauchen. Denn der am Donnerstag vorgestellte Bericht erhärtet, was in Diskussionen gerne mal als westliches Vorurteil abqualifiziert wird: die nachhaltige Diskriminierung der Frauen in der arabischen Welt.

Das Besondere an den UNDP-Berichten: ihre Verfasser kommen allesamt aus der arabischen Welt, 100 Wissenschaftler, Intellektuelle, Diplomaten und Entwicklungsfachleute. Der erste Teil, erschienen im Sommer 2002 (vgl. Stillstand und Aussichtslosigkeit), beschäftigte sich generell mit dem damaligen Status quo der "menschlichen Entwicklung" in der arabischen Welt, der zweite Teil (vgl.Stille Nacht, heilige Nacht) konzentrierte sich auf den Stand der Wissensgesellschaft und Informationsvermittlung in der Region und der dritte Teil (vgl. Der lange Weg zur arabischen Renaissance) - Titel: "Towards Freedom in the Arab World" - suchte die Antwort auf die Frage: "Warum haben Araber so wenig Freiheit?".

Der aktuelle Report heißt "Towards the Rise of Women in the Arab World". Wie seine Vorgänger folgt er der Ambition, Hindernisse auf dem Weg zu einer "arabischen Renaissance" (ein vor wenigen Jahren noch beliebter Schlüsselbegriff, der in den westlichen Medien schon länger nicht mehr auftauchte) genau kenntlich zu machen und Impulse und Vorschläge zu einem Aufbruch zu liefern. Der Aufstieg der Frauen zu Gleichberechtigung und Gleichbehandlung gilt den Autoren als kardinale Vorbedingung, um die arabischen Länder aus ihrer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Stagnation zu befreien. Ihre Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse konstatiert eine weitreichende, tief sitzende Diskriminierung der Frauen in den arabischen Ländern.

"Fundamentale Vorurteile gegenüber Geschlechterrollen" würden in der Region vorherrschen, die wirklichen Entscheidungen in der arabischen Welt lägen auf allen Ebenen in den Händen der Männer. Zwar habe sich beispielsweise der Zugang der Frauen zu politischen Ämtern in den letzten Jahren deutlich gebessert, nicht zuletzt auch auf Druck von Außen, aber mit einem Durchschnitt von 10 Prozent weiblichen Parlamentsmitgliedern hat man die proportional niedrigste Rate in der Welt. Aber immerhin: Im Jahre 2002 wurden nur 3,5 Prozent der Parlamentssitze von Frauen eingenommen, wie der erste Bericht noch feststellte.

Allerdings bemängeln die Verfasser, dass hier der Symbolwert größer sei als der Zuwachs an wirklicher politischer Macht: willkommene Kosmetik für die Machthaber. Gleichwohl ist die Forderungen nach Quotenregelungen wichtiger Bestandteil des Empfehlungskatalogs des Berichts. Erfolge mit diesem System werden von den Verfassern in Marroko, Jordanien, Tunesien und im Irak gesehen.

Frauen in der arabischen Welt geht es gesundheitlich schlechter als den Männern, ihre Bildungschancen sind weitaus schlechter, obwohl die schulischen Leistungen der Mädchen im Durchschitt besser sind als die der Jungen. Dass die Hälfte der Frauen Analphabeten sind, während von den Männern nur ein Drittel unter diese Kategorie gezählt wird, zeigt, dass der Weg zur Chancengleichheit noch sehr weit ist. Auch die Rechtsprechung favorisiert meist die Männer und Frauen sind allzuoft noch Opfer von häuslicher Gewalt und Ehrenmorden, ein Skandal, der in öffentlichen Diskussionen in der arabischen Welt eher verschwiegen wird.

Was das öffentliche Leben angeht, spricht ein eher trockener Satz, der in der Vorstellung des UNDP-Berichts auftaucht, Bände:

Im öffentlichen Leben verhindern kulturelle, legale, soziale, ökonomische und politische Faktoren den gleichwertigen Zugang von Frauen zu Chancen in der Ausbildung, im Gesundheitsbereich, auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Feld der Bürgerrechte und der Repräsentation von Bürgern.

Man fragt sich nach dieser Aufzählung unwillkürlich, was da an Wirkungsmöglichkeiten für die eine Hälfte der arabischen Bevölkerung noch bleibt - außer der privaten Sphäre.

Dass die Verfasser aus arabischen Ländern kommen und die Dinge doch anders sehen als viele Westler, zeigt sich vor allem in einem Punkt: Der Islam wird von ihnen nicht als Hauptgrund für die Diskriminierung der Frauen angeführt. Die Ursachen dafür seien in einem breiteren Kontext zu suchen, etwa in patriachalen Stammestraditionen, welche die Vorherrschaft einer maskulinen Kultur etablierten und weiter bestätigen. Dagegen würden aktuelle islamische Bewegungen die Sache der Frauen eher vorantreiben. Die meisten der islamischen Mainstream-Bewegungen hätten einen deutlichen Zuwachs an "aufgeklärter Führung", meist aus der jüngeren Generation. Die Forderungen nach mehr Demokratie und damit auch nach einer anderen Rolle der Frauen würden aus diesen Graswurzel-Bewegungen immer lauter werden.

Grund zum Optimismus trotz der gegenwärtig schlechten Lage für die Frauen, zu der auch die Kriege in der Region essentiell beitragen, erkennt der Bericht auch in Meinungsumfragen, die im Zusammenhang mit dem Bericht durchgeführt wurden. Deutlich habe sich da ein "breites Verlangen in der Bevölkerung für eine weitaus höhere Ebene der Gleichberechtigung, als jene, die gegenwärtig existiert", gezeigt. Schließlich verweist man in diesem Zusammenhang auch auf eigene Traditionen: Das Konzept der Gleichberechtigung von Frauen finde sich in Ägypten beispielsweise schon in der Gründung der "women’s educational society” 1881.

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