Der Aufstieg des "Neuen Newt"

Im Wettlauf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur hat plötzlich der politische Altmeister Newt Gingrich die Nase vorn. Aber ist er der richtige Mann für die GOP?

Die wochenlangen Negativ-Schlagzeilen über sexuelle Belästigungen und außereheliche Affären haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Am Wochenende gab Herman Cain seinen Kampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur auf. Welcher der Konkurrenten in seinem inoffiziellen Lebenslauf graben ließ, wird Cain wohl nie erfahren. Sicher ist, er wird nicht das letzte Opfer dieser alle vier Jahre erfolgreich eingesetzten Taktik der dirty politics sein. Wer in den Umfragen in Führung liegt, der muss seine Vergangenheit fürchten. Das dies gegenwärtig der 68-jährige Newt Gingrich ist, einer der wichtigsten und umstrittensten politischen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts, müsste das Feld der Konkurrenten eigentlich freuen.

Newt Gingrich verspricht den Wählern, die "richtigen Lösungen" zu haben. Bild: newt.org

1979 als republikanischer Abgeordneter des US-Bundesstaats Georgia in den US-Kongress gewählt, Mitte der 90er Jahre zum mächtigen "Sprecher des Repräsentantenhauses" aufgestiegen, Ende der 90er zurückgetreten, Buchautor, drei Ehefrauen, Fox-Tv-Kommentator, Gründer etlicher millionenschwerer Organisationen und Beratungsfirmen - es ist eine dreißigjährige Laufbahn, die mehr politische und private Negativ-Höhepunkte bietet, als alle Karrieren von Gingrichs Konkurrenten zusammengerechnet.

Der Sünder

Bereits sein Aufstieg 1988 aus den hinteren Reihen ins politische Spotlight ist die Verkörperung von Doppelmoral. Er wirft dem damaligen demokratischen House Speaker Jim Wright ethisches Fehlverhalten bei einem Buchvertrag vor, der daraufhin vom Amt zurücktreten muss. Erst später kommt heraus, Gingrich hatte zur gleichen Zeit seinen ganz eigenen krummen Bücherdeal laufen. Mitte der 90er wird Gingrich vom Ethikkomitee des Hauses zu einem Rekordbußgeld von 300.000 Dollar in einer Affäre um Spendengelder verurteilt. Er hatte das Komitee bei ihrer Untersuchung belogen.

Als legendär aber gilt Gingrichs moralisch zweifelhaftes Privatleben: Seiner ersten von drei Ehefrauen überbringt er die Scheidungspapiere angeblich, während diese im Krankenhaus gegen Krebs ankämpft. Sie sei "weder jung noch schön genug, um die Frau eines Präsidenten der Vereinigten Staaten zu werden", erinnert sich ein enger Mitarbeiter an Gingrich Worte. Bei weitem nicht seine schlimmste Äußerung über seine sieben Jahre ältere Frau.

Als er sich Mitte der 90er Jahre zum obersten Inquisitor gegen Bill Clintons außereheliche Eskapaden aufschwingt, und ein Amtsenthebungsverfahren vorantreibt, vergnügt er sich, noch verheiratet mit Ehefrau Nummer zwei, zeitgleich mit einer 23 Jahre jüngeren Kongressmitarbeiterin - immerhin seine gegenwärtige Ehefrau.

Nasses Zündpulver

Wer so ein Leben lebt, könnt man denken, der braucht sich um das Amt des US-Präsidenten nicht bewerben. Gingrichs Vergangenheit birgt genug Zündstoff, dass ihn seine Konkurrenten ad hoc zurück ins politische Abseits schießen könnten.

Die offensichtliche Erklärung, warum es noch nicht geschehen ist, könnte lauten, dass Gingrich erst seit kurzem zum Favoriten aufgestiegen ist, während die Romneys und Pauls noch ihre Kräfte sammeln, bevor sie zum Gegenschlag ausholen. Tatsache aber ist: Gingrichs Leben bietet so viel Explosionspotential wie nasses Zündpulver. Keines. Seine Fehltritte sind beides: so berüchtigt, dass Gingrich eine Aura des zwielichtigen Politikers anhaftet, von dem man sowieso das Schlimmste erwartet; und so alt, dass sie gerade deshalb kaum noch eine Angriffsfläche bieten. Aus ihnen politisches Kapital zu schlagen, wäre, als würde man Clintons Oval Office Eskapade als brandneuen Skandal verkaufen.

Der Versuch von Ron Paul, Gingrich als den pathologischen "Flip-Flopper" zu diskreditieren, der er nachweislich ist, konnte man im Lichte seiner moralisch weit schwerwiegenderen Sünden nur müde belächeln. Scheinbar ebenso verblassen Glaubwürdigkeitsskandale neueren Datums. Rechnungen in sechsstelliger Höhe beim Edeljuwelier Tiffanys oder fast 2 Millionen in Beratungsgeldern von Hypothekengigant Freddie Mac, ausgezahlt bis kurz vor der Finanzkrise.

Der Kämpfer

Freilich gibt es auch substanzielle Gründe, warum Gingrich als ernsthafter Favorit auf die republikanische Nominierung gehandelt werden kann, als eine Art Immunität gegen Schmutzkampagnen. Gingrichs politische Bilanz offenbart außer den Niederlagen auch weit reichende Siege.

Er gilt als das Mastermind hinter der republikanischen Übernahme des US-Kongresses 1994. Eine historische Leistung, beendete sie doch die die fast vierzigjährige demokratische Mehrheit. Er hat sich einen Namen als strenger und ehrgeiziger Parteiideologe gemacht, als er hunderte republikanische Kandidaten vor dem Kapitol versammelte und sie einen Eid auf seinen "Vertrag mit Amerika" ablegen ließ - ein Paket konservativer Wahlversprechen an die eigenen Bürger und die Basis für die erfolgreichen Kongresswahlen.

Er zwang Clinton zur Sparpolitik, setzte schmerzhafte Kürzungen im Wohlfahrtssystem durch, und der ausgeglichene Haushalt wird auch seiner Hartnäckigkeit zugeschrieben. Das TIME Magazin besiegelte seine Großtaten und wählte ihn zur Person des Jahres 1995.

Konservative Verdienste. Im Kampf gegen Mitt Romney um die Nominierung sind sie der ausschlaggebende Puffer. Sie sind ein Grund, weshalb das konservative Parteiestablishment die liberalen Ausflüge wie Klimaschutz und Krankenversicherungspflicht bei Gingrich erträgt, bei Mitt Romney dagegen mit Misstrauen vergütet. Könnte Gingrich also tatsächlich unbehelligt an seinem größten Konkurrenten vorbeimarschieren? Nicht ganz.

Einige Medien glauben, das Lindenblatt in Gingrichs Mangel an Glauben ausgemacht zu haben. Die evangelische Rechte werde ihm die Gefolgschaft verwehren, sie können ihm seine etlichen Ehebrüche und Affären einfach nicht verzeihen, prophezeien sie. Dabei gibt es laut Gingrichs eigenen Aussagen an seinen moralischen Qualitäten keinerlei Zweifel mehr. Vor zwei Jahren trat er zum Katholizismus über, der Glaubensrichtung seiner Frau. Seitdem ist er ein neuer, geläuterter und friedvollerer Newt Gingrich. Einer, der den Wert des Glaubens für das Land und den Menschen vor konservativen Organisationen preist, sonntags seiner Frau im Kirchenchor lauscht, zur Jungfrau Maria betet, sogar einen Film über den Papst ließ er drehen.

Kann man einen reuigen Sünder aus dem Süden, der seinen inneren Frieden gefunden hat, wirklich verstoßen? Die andere Wahl wäre ein moderater Mormone, dazu aus einem Staat, der die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt.

Der neue Newt

Ob ehrliche Bekehrung oder fristgemäße Wahltaktik, wie gut "der neue Newt" funktioniert, zeigte sich in den vergangen TV-Debatten.

Fiel er einst unangenehm durch besserwisserische Antworten und Arroganz auf, hält Gingrich sich nun dezent zurück. Er steht hinter seinem Rednerpult, die Hände auf dem gemütlich vorgestreckten Bauch abgelegt, die dunklen Augen unter seinem silbernen Haarhelm fahren ruhig über die eigenen Notizen, während sich um ihn herum seine Mitstreiter gegenseitig als Lügner verunglimpften. Aufforderungen des Moderators, die Angriffe zu kommentieren, lehnt er staatsmännisch ab. Kleinliche innerparteiliche Streitereien würden die Partei nicht weiterbringen. So spricht jemand, der Präsident werden will.

Auf die kompromittierende Frage eines Reporters, wofür Freddie Mac ihm denn nun die rund 1.5 Millionen US-Dollar bezahlt hätte, reagiert er nicht feindselig wie früher. Heute legt in pastoraler Geste die Hände an das Pult und punktet beim Publikum mit entwaffnender geistiger Wendigkeit: "I offered them advice on precisely what they didn’t do." Da müssen sogar die liberalen CNBC Journalist schmunzeln. Erst als er sich wieder aus der Arena zurücklehnt, blitzt ein selbstgefälliges Lächeln auf. Ein bisschen vom "alten" Newt lebt eben auch im "neuen" weiter. Er wird wissen warum.

Obama der gescheiterte Außenseiter

Die gängige Meinung vieler Medien und Experten ist, dass Gingrichs politische Vergangenheit ihn spätestens im großen Wahlkampf gegen Barack Obama zu Fall bringen würde. Aber was wäre, wenn sie die Stimmung im Land falsch einschätzen?

Obama münzte seine fehlende politische Erfahrung in den Außenseiterbonus um. "Change" wollte er nach D.C. bringen, und den dortigen Politikfilz ein für alle Mal auseinanderpflücken. Jetzt, drei Jahre später, ist das Land mitten in seiner größten Krise, die Wirtschaft auf den Knien, die Arbeitslosigkeit hoch, die Menschen unzufrieden. Im öffentlichen Bewusstsein ist Obama gnadenlos gescheitert. Washington ist blockierter als jemals zuvor.

Der Präsident wirkt seltsam schwach, als könne er sich einfach nicht gegen die parteipolitischen Stänkereien durchsetzen. Kann man sich den Luxus Hoffnung vier weitere Jahre leisten, wenn der Kühlschrank heute leer ist? In den USA bekommt jeder seine Chance. Wer aber das Problem nicht löst, da ist das Land ebenso pragmatisch wie edelmütig, muss seinen Platz räumen.

Am Ende werden Probleme eben immer von Problemlösern gelöst, nicht von idealistischen Träumern. Sollte bei den Wählern dieser Eindruck aufkeimen und an Fahrt gewinnen, wäre nichts einleuchtender, ihnen als Problemlöser jemand zu präsentieren, der genau das Gegenteil von Obama symbolisiert: Newton Leroy Gingrich. Wer über 30 Jahre in Washington D.C. arbeitet, der hat alles gesehen, der kennt die nötigen Tricks und Kniffe, um die Blockade zu lösen, der weiß wie man Politiker mit harter Hand in Reih und Glied bringt und Amerika zurück zu alter Stärker führt. So könnte die Botschaft von Gingrichs großer nationaler Kampagne lauten.

Um sich vorzustellen wie ein TV-Duell zwischen Obama und Gingrich abliefe, braucht man nicht viel Einbildungskraft. Gingrich mit gefalteten Händen und langem Bauch, an dem Obamas rhetorisch einwandfreie Angriffswellen wirkungslos abrollen, wie an einem Deich bei Hochwasser.

Obama der gescheiterte Idealist, der um zwei weitere Jahre bittet, und Gingrich der gewitzte Konservative. Ein ähnliches Duell gab es schon einmal. 1980 zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan. Am Ende fragte Reagan in das Publikum: "Are you better off today than you were four years ago?" und gewann. Die Idee für den Satz stammte aus einem Memo an Reagans Berater. Der Absender war ein neues Mitglied des Repräsentantenhaus: Newt Gingrich. (E. F. Kaeding)