Der Bauer und der Millionär

Chruschtschow und Kennedy – ein ungleiches Duo

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und John Fitzgerald Kennedy – zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein konnten. 1036 Tage lang standen sie sich als die zwei mächtigsten Männer der Welt gegenüber – der eine als leidenschaftlicher Kämpfer für den Kommunismus, der andere als strahlende Verkörperung des amerikanischen Traums.

Nikita Chruschtschow war 1953 mit 59 Jahren nach Lenin und Stalin dritter Führer der Sowjetunion geworden, wobei er einige Konkurrenten aus dem Feld geschlagen hatte. Im gleichen Jahr hatte John F. Kennedy mit 36 Jahren in der Hochzeit des Jahres Jackie Onassis geheiratet. Während Kennedy die Manieren der Gesellschaft kennt, fällt der Bergmann, Schlosser und Bauer Chruschtschow mitunter bei gesellschaftlichen Ereignissen etwas aus dem Rahmen. So fragte er einmal die Frau des britischen Premierministers, wie viele Atombomben es wohl benötige, um ihre Insel zu zerstören. Als sie die Antwort nicht wusste, antwortete er lachend: „Fünf. Und wir haben sie – ebenso wie die Raketen, um sie abzuschicken!“.

Chruschtschow und Kennedy – beide Protagonisten sind sich in ihrem Leben nur zwei Mal direkt begegnet. Das erste Mal 1959 während der USA-Tour von Chruschtschow am 16. September in Washington. Nikita Chruschtschow, der mächtigste Mann der kommunistischen Welt, hatte zum Nachmittagstee geladen. John F. Kennedy, der jugendliche Senator von Massachusetts, kam in der prominenten Runde noch nicht zu Wort, dennoch wird sich Chruschtschow später an diese erste Begegnung erinnern:

Ich bin von Kennedy sehr beeindruckt gewesen. Ich erinnere mich noch daran, dass mir sein Gesicht gefiel. Manchmal wirkte es etwas streng, aber immer wieder erschien ein gutmütiges Lächeln auf seinen Zügen.

Eine schicksalhafte Begegnung? Beide ahnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie sich zwei Jahre später schon als Staatschefs und Hauptakteure der heißesten Phase des Kalten Krieges gegenüber stehen sollten. Das Kräftemessen der zwei begann im Januar 1961, als der 43-jährige John F. Kennedy sein Präsidentenamt antrat. Der kampferprobte 67-jährige Chruschtschow strebte gerade dem Höhepunkt seiner politischen Karriere zu und glaubte, leichtes Spiel mit seinem jugendlichen Herausforderer in den USA zu haben. Kennedy bat nun um ein Gipfeltreffen zum Kennenlernen, solange keine Krise ansteht. Doch er gerät mit dem Schweinebucht-Debakel gleich zu Beginn seiner Amtszeit unter Druck. Nun stimmt Chruschtschow dem Gipfeltreffen am 3. Juni 1961 in Wien in der US-Botschaft zu.

Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy (Bild: Mitteldeutscher Rundfunk)

Das Kräftemessen der beiden Politiker glich zunehmend einem Schachspiel. Niemand konnte agieren, ohne die möglichen nächsten Züge des Gegners durchzuspielen. Am nächsten Tag will Chruschtschow den Status von Berlin klären: Er will von Kennedy den Abzug seiner Truppen aus Westberlin und droht andernfalls mit dem Atomkrieg. Kennedy antwortet nur: „Dann wird es einen kalten Winter geben“.

Am 1. September, am Weltfriedenstag und drei Wochen nach dem Berliner Mauerbau, kündigt Chruschtschow mit einem Atombombentest einseitig das zuvor ausgehandelte Testmoratorium zwischen USA und UDSSR. Es folgen 39 weitere Atombomben inklusive einer 100-Megatonnen-Monsterbombe am 30. Oktober 1961, die allerdings „nur“ 57 Megatonnen Sprengkraft hatte – um die radioaktive Verseuchung nicht eskalieren zu lassen, hatten die Russen den ursprünglichen Uran-238-Mantel als dritte Fissionsstufe der Bombe bei diesem Test weggelassen und sie „nur“ aus Atom- und Wasserstoffbombe konstruiert. Einen militärischen Nutzen hatte diese Bombe ohnehin nicht – es gab keine Flugzeuge oder Raketen, mit denen sie weiter als bis zum Testgelände hätte transportiert werden können. Die Sowjets hatten zu diesem Zeitpunkt 20 Interkontinentalraketen, die Amerikaner 500.

Danach folgt die Kuba-Krise. In Baikanur wird eine Atomrakete auf New York gerichtet. Im letzten Moment lässt Chruschtschow über Radio Moskau verkünden, dass die Raketen auf Kuba abgebaut werden. Außerdem lässt Kennedy vier Monate später die die UDSSR störenden Atomraketen aus der Türkei abziehen. Ein Jahr nach der Kuba-Krise wurde wieder ein Atomteststopp vereinbart.

Am 22. November 1963 endet Kennedys Leben in Dallas und damit auch das Duell mit Chruschtschow. 11 Monate später wird Nikita Chruschtschow durch eine Intrige Leonid Breschnews aller Ämter enthoben. Am 11. September 1971 stirbt er als Pensionär.

Heute ist der Kalte Krieg, das Spannungsverhältnis zwischen USA und UDSSR nach dem Ende des II. Weltkriegs, fast vergessen. Eine Arte-Dokumentarfilmreihe wirft einen Blick auf die noch nicht so alte Geschichte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Der Blick hinter die Kulissen der großen Politik lässt nicht nur das Psychogramm zweier maßgeblicher Persönlichkeiten der Weltgeschichte entstehen, sondern zugleich auch eine Art Psychogramm der heißesten Phase des Kalten Krieges.

Der Bauer und der Millionär:Chruschtschow und Kennedy, Deutschland 2000, Dokumentation von Jürgen Ast und Kerstin Mauersberger 52 Minuten, Arte TV, Mittwoch 25. Mai 2005, 20.40 Uhr, Wiederholungen: Freitag 27. Mai 2005, 16.45, Dienstag, 31. Mai 2005, 01.55

Geschichte am Mittwoch: Der Kalte Krieg, Dokumentarfilmreihe auf Arte TV, Mittwoch 18. Mai 2005 bis Mittwoch 15. Juni 2005, jeweils um ca. 20.45 Uhr

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