Der Bischof von Regensburg kämpft noch immer gegen Freimaurer

Die katholische Kirche tut sich schwer, mit der teils verkorksten Sexualität in den eigenen Reihen zurecht zu kommen

Von katholischer Seite sind in der letzten Zeit angesichts der sich ausweitenden Missbrauchsvorwürfe schon einige seltsame Abwehrversuche zu hören gewesen. Da gab Bischof Mixa irgendwie der 68er-Bewegung die Schuld, weil darüber eine größere sexuelle Öffnung stattgefunden habe. Als Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger auf die in der Vergangenheit wenig aktive Mithilfe der Kirche verwies, stellte ihr Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, gleich ein Ultimatum. Unisono wird von offiziellen Kirchenkreisen jeder Zusammenhang zwischen pädophilen Priestern und dem Zölibat oder überhaupt der kirchlichen Haltung zur Sexualität zurückgewiesen.

Das Murren auch in Kirchenreihen, endlich den schon lange umstrittenen Zölibat zu lockern oder aufzuheben, stößt bei Papst Benedikt XVI. auf taube Ohren. Er findet, dieser sei ein Geschenk Gottes – und was das Oberhaupt der in autoritären Strukturen erstarrten katholischen Kirche sagt, gilt, schließlich haben sich die Päpste zu Vertretern Gottes auf Erde ernennt.

Von Zollitsch hatte sich Benedikt zwar über das Ausmaß der Vorfälle in der Kirche unterrichten lassen und das Vorhaben der deutschen Bischöfe befürwortet, er selbst hält sich aber weiterhin zurück. Auch nachdem bekannt wurde, dass Ratzinger als Erzbischof von München 1980 die Versetzung eines Priesters nach München trotz Missbrauchsvorwürfen gebilligt und damit den Täter gedeckt hatte, der später wegen Misshandlungen verurteilt wurde, lehnt der Vatikan eine Stellungnahme ab. Um den Papst aus der Schusslinie der Kritik zu nehmen, übernimmt das Erzbistum alle Verantwortung.

Vatikan-Sprecher Federico Lombardi sieht hingegen eine Kampagne gegen Papst laufen (der sich hier mit Westerwelle verbünden könnte, da auch der FDP-Generalsekretär seinen Chef ähnlich verteidigen will). "Für jeden objektiven Beobachter ist klar, dass diese Bemühungen gescheitert sind", so Lombardi. Die Kirche, so versicherte er, habe den Weg, den sie gehen soll, deutlich vor Augen – "unter der sicheren und strengen Führung des Heiligen Vaters".

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller ist nicht zum ersten Mal unrühmlich hervorgetreten und zudem verantwortlich für die Aufklärung der mutmaßlichen Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen, in die auch Ratzingers Bruder verwickelt sein könnte, aber in Italien hat er, wie die italienische Zeitung La Stampa berichtet, vorerst den Gipfel des Absurden bezwungen.

Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hatte ja gewagt, die Kirche zu rügen und sie aufgefordert, aktiver bei der Strafverfolgung in Missbrauchsfällen mitzuwirken. Müller ist dazu nun eingefallen, dass Leutheusser-Schnarrenberger im Beirat der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union sitzt. Das sei, so munkelte in der Ferne den italienischen Lesern zu, "eine Art Freimaurer-Vereinigung". Womit man auch schon mal sieht, mit welchen Gespenstern aus der Vergangenheit die oberen Kirchenvertreter noch immer kämpfen. Und Müller wirft der Bürgerrechtsorganisation auch noch, dass sie "Pädophilie als Normalität darstellt, die entkriminalisiert werden soll". Der Angriff dient allein, wer hätte es sich nicht denken können, der Selbstverteidigung. Die Justizministerin "kritisiert uns, sie sollte aber eher ihre eigene Ideologie kritisieren". Und überhaupt würden die Medien ein großes Geschrei anstimmen und den Papst in Missbrauchsfälle einzubeziehen suchen, die "40-50 Jahre" zurückliegen, es gäbe aber in Deutschland andere Probleme. Die Kirche gehe "hart" gegen die Fälle vor, aber die meisten würden in der Vergangenheit liegen – "und die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern".

Allerdings ahmt nun die Humanistische Union ein wenig dem Gestus der katholischen Kirche nach und stellte ihrerseits dem Regensburger Bischof ein Ultimatum. Müller soll bis zum 15. März seine Unterstellungen und Verleumdungen widerrufen, sonst behalte man sich rechtliche Schritte vor. Die in der Tat dämliche Unterstellung, die Humanistische Union würde Pädophilie billigen, weisen die Bürgerrechtler zurück und sehen darin ein "trauriges Ablenkungsmanöver" der Kirche. In einer Pressemitteilung wird Professorin Will zitiert, die im Namen der Organisation spricht: "Die Bürgerrechtsorganisation habe sich mit den Argumenten der Befürworter pädophiler Beziehungen auseinander gesetzt, diese aber verworfen. "Wir haben als Verband eine klare Position bezogen, wo die Grenze für legitime sexuelle Handlungen von Erwachsenen liegt. Wir gehen davon aus, dass es eine 'einvernehmliche Sexualität' zwischen Kindern und Erwachsenen nicht geben kann." Man dürfe aber den Missbrauch von Kindern auch nicht "allein mit den Mitteln des Strafrechts bekämpfen und die Täter dämonisieren".

Die Glaubenskongregation der katholischen Kirche hat, so erklärte Promotor Iustitiae Charles J. Scicluna, seit 2001 Anzeigen über etwa 3.000 Fälle von Diözesan- und Ordenspriestern wegen sexuellen Missbrauchs erhalten. Sie würden 50 Jahre zurückreichen und vor allem aus den USA stammen, als es 2003 und 2004 zu einer Welle von Klagen gekommen sei. Das könnte sich nun freilich in Deutschland, Österreich und der Schweiz wiederholen. Scicluna präzisierte:

Wir können sagen, dass es sich grosso modo in sechzig Prozent dieser Fälle vor allem um Akte von Ephebophilie handelt, das heißt: Akte, die mit dem sexuellen Hingezogensein zu Heranwachsenden desselben Geschlechts zusammenhängen. Weitere dreißig Prozent beziehen sich auf heterosexuelle Beziehungen, und zehn Prozent sind tatsächlich Akte der Pädophilie, also bestimmt durch das sexuelle Hingezogensein zu Kindern im vorpubertären Alter. Die Fälle von Priestern, die der Pädophilie im strengen Sinn des Wortes beschuldigt werden, sind also etwa dreihundert binnen neun Jahren. Das sind – um Gottes willen! – immer noch zu viele Fälle, aber man sollte doch anerkennen, das das Phänomen nicht so verbreitet ist, wie einige glauben machen wollen.

Charles J. Scicluna

Radio Vatikan springt zur Entlastung herbei und meldet, die islamkritische Soziologin Necla Kelek würde von zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs im Umfeld islamischer Einrichtunge ausgehen. Sie verwies auf "konspirative Koran-Internate", was immer das sein mag. Also, so könnte man Radio Vatikan, ausgelegen, so viele sind es bei uns nicht und die anderem machen es auch. Das wird die Opfer beruhigen. Noch viel mehr wird sie beruhigen, dass Radio Vatikan noch eine Meldung nachschiebt. Nach einer UN-Studie würden nämlich 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Knaben jährlich Opfer sexueller Gewalt. Weitere 400 Millionen Minderjährige seien häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Die Zahlen, so berichtet Radio Vatikan, wurden während der 13. Vollversammlung des UN-Menschenrechtsrates vorgestellt:

Bei der gleichen Vollversammlung hatte bereits am Mittwoch der Beobachter des Heiligen Stuhls, Erzbischof Silvano Tomasi, sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche verurteilt. Es gebe keine Entschuldigung für ein solches Betragen, sagte Tomasi. "Der Schutz vor sexuellen Übergriffen bleibt ganz oben auf der Prioritätenliste aller kirchlichen Einrichtungen", versicherte der Kirchendiplomat. Die katholische Kirche werde ihre Anstrengungen fortsetzen, das Problem "definitiv zu lösen".

Radio Vatikan

Auf die "definitive" Lösung kann man gespannt sein.

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