Der Bologna-Prozess - eine "planwirtschaftliche Chimäre"?

Immer mehr Wissenschaftler proben den Aufstand gegen die geplanten oder voreilig umgesetzten Bildungsreformen. Scheitert das Modell "Unternehmen Hochschule" am Widerstand des Personals?

Im März 2009 hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung einmal mehr gute Nachrichten zu verteilen. Die Bologna-Reform:http://www.bmbf.de/de/3336.php komme zügig voran, und die Umstellung auf die gestuften Studiengänge mache gute Fortschritte. Immer mehr Hochschulen in Deutschland seien für den internationalen Wettbewerb gerüstet, schließlich stellten die Bachelor- und Masterstudiengänge bereits 75 Prozent des gesamten Studienangebots.

Lauter Anlass zur Freude für die zuständige Ministerin Annette Schavan (CDU), die als entschiedene Befürworterin des „Bologna-Prozesses“ nicht nur die Durchsetzung eines gestuften Studiensystems aus Bachelor und Master mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen, sondern auch eine effektive Qualitätssicherung und die Steigerung der Mobilität erreichen will.

Die Umstellung greift, die Umsetzung des Bologna-Prozesses gewinnt an Fahrt. Für die deutschen Hochschulen ist das ein Gewinn, denn der Bologna-Prozess ist ein wichtiger Beitrag zu ihrer Internationalisierung und bietet darüber hinaus die Chance, die Studienstruktur grundlegend zu reformieren.

Annette Schavan

Mitte Juni musste Annette Schavan allerdings zum wiederholten Male feststellen, dass viele Studierende die Lage ganz anders beurteilen. Bundesweit protestierten Nachwuchsakademiker für die soziale Öffnung der Hochschulen, die Abschaffung von Bachelor- und Masterstudiengängen in der derzeitigen Form, eine Demokratisierung des Bildungssystems und die Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen.

Die sichtlich indignierte Ministerin konnte mit dem massenhaften Widerspruch wenig anfangen. Die Ziele der Streikenden seien „zum Teil gestrig“, befand Schavan, die sich dann aber doch mit Studierenden und Vertretern der Hochschulpolitik an einen Tisch setzte, um über eine Reform der Reform nachzudenken. Anschließend hielt die Ministerin nicht nur eine Erneuerung der Curricula für geboten, sondern auch die Verlängerung des Bachelor-Studiengangs von aktuell sechs auf sieben oder acht Semester für möglich. Darüber hinaus sei es ratsam, den Übergang vom Bachelor zum Master zu vereinfachen, die Beratung und Betreuung der Studierenden zu verbessern und die Berufsperspektiven der späteren Absolventen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wir werden eine Studie in Auftrag geben, die untersucht, wo die Bachelor-Studenten nach ihrem Abschluss unterkommen - in Unternehmen, in der Wissenschaft oder in einem anderen Bereich. Das erlaubt dann konkrete Aussagen darüber, wie gut Bachelor-Absolventen für den Beruf qualifiziert sind.

Annette Schavan

Man hätte über all diese Aspekte deutlich früher nachdenken können, und vielen Vertretern der Studierenden ging das Zugeständnis nicht weit genug, weil es eine grundlegende Strukturreform nachgerade ausschloss. Anja Gadow, Mitglied im Vorstand des „freien zusammenschlusses von studentInnenschaften, bemängelte vor allem fehlerhafte Weichenstellungen bei der Föderalismusreform. Sie hätten dazu geführt, dass das Bundesbildungsministerin nun die praktischen und systemischen Probleme des „Bologna-Prozesses“ an die zuständigen Länder delegieren könne.

Nicht einmal in den nach der Föderalismusreform verbliebenen Kompetenzfeldern, nämlich in der Regelung von Hochschulzugang und Hochschulabschlüssen war Handlungsbereitschaft zu erkennen. Dabei wäre eine auf Bundesebene einheitliche Regelung von Bachelor- und Master-Abschlüssen eine gute Sache, um sowohl beim Übergang als auch in Fragen der Mobilität positive Akzente in der BRD zu setzen.

Anja Gadow

Dass sich der akademische Nachwuchs nicht mit den bildungspolitischen Rahmenbedingungen abfinden will, hinterlässt auf den Ebenen der Macht- und Entscheidungsträger in der Regel keinen großen Eindruck. Die mediale Bedeutung der Protestaktionen ist trotz bundesweitem Bildungsstreik und einigen Aufsehen erregenden Aktionen im Umkreis des Streitthemas Studiengebühren eng begrenzt – und die Möglichkeit, auf Entscheidungen und Umsetzungsprozesse politisch Einfluss zu nehmen, praktisch gleich Null.

Beim verbeamteten Hochschulpersonal stellt sich die Lage anders dar, denn von seiner Bereitschaft zur Kooperation hängen die Dauer und das Ergebnis des „Bologna-Prozesses“ in der täglichen Praxis ab. Als Marius Reiser, Professor am Fachbereich Katholische Theologie der Universität Mainz, seinen Lehrstuhl aus Protest gegen die Bildungsreformen Anfang des Jahres öffentlich räumte, appellierte er an das Verantwortungsbewusstsein der Professorinnen und Professoren, sich nicht kommentarlos zu Erfüllungsgehilfen einer defizitären Bildungspolitik degradieren zu lassen ("Ein deutliches Zeichen der Ablehnung setzen"). Die „Ungeheuerlichkeit“ der staatlichen Zumutungen an die Studierenden und Professoren werde momentan nur noch von der Bereitwilligkeit übertroffen, mit der sich die Betroffenen alles gefallen ließen.

Ohne diese Bereitwilligkeit der Betroffenen wäre die Umwandlung der Universität in eine Tretmühle und Lernfabrik gar nicht möglich.

Marius Reiser

Eine ernstzunehmende Bereitschaft, sich dieser Verantwortung zu stellen, konnte Reiser im Kreis der akademischen Führungskräfte seinerzeit nicht feststellen.

In Gesprächen erklären alle Kollegen unisono, man dürfe die neuen Vorschriften nicht so ernst nehmen, man müsse sie hinbiegen, durchlöchern, unterlaufen, Etikettenschwindel betreiben und so „das Beste daraus machen“. (…) Ältere Kollegen erklären ohne jede Ironie: „Nach mir die Sintflut!“

Marius Reiser

Dass der renitente Theologe hier bewusst übertrieb, um die Kollegen zum Nachdenken oder Handeln zu provozieren, steht wohl außer Frage. Immerhin meldeten sich Wissenschaftler unterschiedlichster Fakultäten schon frühzeitig zu Wort, um auf grundlegende Fehlentwicklungen im „Bologna-Prozess“ hinzuweisen. Eine entsprechende Analyse des Vorsitzenden des Juristischen Fakultätentages, Peter M. Huber, datiert bereits aus dem Jahr 2004, wurde jüngst noch einmal bekräftigt und zur Warnung vor einer schweren Schädigung der deutschen Rechtskultur verdichtet, aber auch andere Forscher und Verbände wagten sich zunehmend aus der Deckung der schweigenden Mehrheit.

Ein koordinierter Widerstand gegen die Zumutungen des „Bologna-Prozesses“ mit klaren Alternativvorschlägen resultierte daraus allerdings nicht, wobei der Fairness halber festzuhalten ist, dass die Möglichkeiten der Hochschullehrer begrenzt sind. Ein Streik zur Durchsetzung ihrer eigenen oder auch studentischer Interessen ist im Dienstrecht nicht vorgesehen, und so bleibt den Professorinnen und Professoren nur der Rückzug à la Reiser oder die nimmermüde Absendung öffentlicher Protestnoten nach dem bekannten Motto des steten Tropfens, der den Stein irgendwann höhlen könnte.

Wenn sich die Hochschullehrer dabei selbst in die Verantwortung nehmen, erhöht dieser Umstand zweifelsohne die Glaubwürdigkeit, und so verdient ein Offener Brief des Instituts für Geschichte der TU Dresden an den Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zum Bologna-Prozess und zum Bachelor-Studium nähere Betrachtung. Die Dresdner Historiker beschäftigen sich darin zunächst mit der eigenen Rolle als „Vollzugsbeamten und Vollstrecker eines Systems, das sie nicht gut finden und das nach Überzeugung vieler weder dem Ausbildungsziel wissenschaftlicher und berufsbefähigender Kompetenz dient noch dem wissenschaftlichen Standard ihres Faches entspricht“.

Daran anschließend beschreiben sie eine kritische Position, die weit über die Forderung nach Einzelfall- oder Schönheitskorrekturen hinausgeht. Der „Bologna-Prozess“, so der Tenor, ist in der beschlossenen Form grundsätzlich ungeeignet, eine qualitative Verbesserung des Studiums, eine Optimierung individueller Ausbildungsprozesse mit Blick auf die spätere Berufstätigkeit oder auch eine Internationalisierung des akademischen Lebens herbeizuführen.

Die Internationalisierung des Studiums durch die Homogenisierung des europäischen Hochschulraums ist eine planwirtschaftliche Chimäre. Faktisch folgt das sechssemestrige modularisierte Bachelor-Studium den Gesetzen des Taylorismus und verfolgt das Ziel, das Studium in zahlreiche kleine, mit credits honorierte Arbeitsschritte zu zerlegen. Daraus resultiert – und das hat unter dem Gesichtspunkt der Effizienz nur vordergründigen Charme – die Einpassung der Studierenden in ein straffes Zeitregime mit standardisierten Abläufen, die freilich keineswegs europa- oder deutschlandweit einheitlich sind. (…)

Vor allem aber erlaubt das straffe Zeitregime in Verbindung mit einem nur sechssemestrigen Studium kaum Seitenblicke, geschweige denn Planungs- und Unterbrechungszeiten für ein Auslandsstudium. Die Folgen sind ganz eindeutig: Flexibilisierung und Internationalisierung als eine Kernforderung der Studienreform bleiben auf der Strecke.

Institut für Geschichte der TU Dresden

Die Universität solle ein „Raum des offenen Diskurses“ sein, drohe infolge der Bildungsreformen nun aber zum „Repertoriensaal für standardisiertes Basiswissen“ zu verkommen. Die Dresdner Historiker knüpfen mit dieser harschen Kritik an die Einwendungen diverser Naturwissenschaftler an und versuchen ihrerseits, eine „differenzierte und methodisch anspruchsvolle Fachkultur zu verteidigen“.

Geschichte betreiben heißt, Arbeitstechniken zur exakten Recherche, die Fähigkeit zum kritischen Umgang mit Quellen, Theorien und Methoden zur vergleichenden Analyse und Kontextualisierung historischer Sachverhalte und damit auch zur analytischen Entschlüsselung von aktuellen Problemen und Fragestellungen zu vermitteln und zur selbständigen Forschung anzuleiten. Dieser qualitative Anspruch, an dem festzuhalten eine Frage des wissenschaftlichen Ethos ist, erfordert mehr als eine lediglich sechssemestrige Vermittlung von Basiswissen.

Institut für Geschichte der TU Dresden

Die Einwände gegen ein Schnellstudium mit dem Abschluss „Bachelor“ könnte eine neue Allianz zwischen Wissenschaftlern unterschiedlichster Fakultäten und Arbeitgebern unterschiedlichster Branchen stiften. Im Mai dieses Jahres äußerte Herbert Bodner, Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, ganz ähnliche Befürchtungen wie die Historiker aus Sachsen.

Die Auswirkungen der Bologna-Hochschulreformen auf die Qualifikation des Bauingenieurnachwuchses betrachten wir mit Sorge. Wenn wir nicht augenblicklich gegensteuern, werden viele Studenten die Hochschulen ohne ausreichende Berufsbefähigung verlassen.

Herbert Bodner

Die Wiederholung des Immergleichen scheint dann also tatsächlich ein probates Mittel zu sein, den politischen Diskurs wenigstens am Rande mit zu gestalten. Immerhin wird die Verlängerung des Bachelor-Studiums, wie oben erwähnt, nun sogar im Bundesministerium für Bildung und Forschung diskutiert.

Das Centrum für Hochschulentwicklung wurde 1994 von der Bertelsmann-Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz gegründet und fungiert seither als selbsternannte „Reformwerkstatt für das deutsche Hochschulwesen“. Im Zentrum der vielfältigen Aktivitäten steht das CHE-HochschulRanking, bei dem es sich nach eigenen Angaben um das „umfassendste und detaillierteste Ranking deutschsprachiger Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien“ handelt. Die „faire, informative und qualifizierte Informationsquelle“ bewertet in regelmäßigen Abständen Hochschulen und Fachbereiche und folgt dabei den Leitbildern „Autonomie, Wissenschaftlichkeit, Wirtschaftlichkeit, Profilbildung, Wettbewerb, Internationalisierung und Virtualisierung“.

Das CHE, das in den Augen seiner Kritiker de facto eine "Lobbygruppe mit gesellschaftspolitischen Zielen" darstellt, verfolgt im Rahmen der Projektförderung und mit zahlreichen Veröffentlichungen das Ziel, die Ausbildungsstätten der Fachhochschulen und Universitäten zu unternehmerisch denkenden Hochschulen umzufunktionieren, die engen Kontakt zu Vertretern der Wirtschaft halten oder von diesen über den Umweg der Hochschulräte kontrolliert werden.

Die wissenschaftlichen Methoden und die ideologischen Ausrichtungen des CHE-Ranking werden bereits seit Jahren kritisiert, doch nun zeichnet sich der Verlust einer beachtlichen und geografisch weit gestreuten Datenmenge ab. Das Historische Seminar der Goethe-Universität Frankfurt am Main, die Historischen Institute der Technischen Universität Dresden und der Universität Paderborn, die Historischen Seminare der LMU München und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, das Historische Institut der Universität Duisburg-Essen und die Kollegen der Universität Stuttgart, das Seminar für Altorientalistik der Georg-August-Universität Göttingen sowie die Abteilung Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld wollen offenbar nicht am "fachfremden" Ranking der deutschen Geschichtswissenschaft teilnehmen.

Auch das Pilotprojekt des Wissenschaftsrates Forschungsrating in den Geisteswissenschaften wurde von den Historikern beanstandet. Zwar verdiene das Bemühen, die Fachverbände aktiv "bei der Verständigung über disziplinäre Standards zu beteiligen und gemeinsam disziplinspezifische Kriterien für Forschungsqualität zu erarbeiten", grundsätzlich Anerkennung.

Dem geplanten Rating kann der Verband gleichwohl nicht zustimmen, denn die Mehrheit der historischen Institute und Seminare, die zu dieser Frage Stellung genommen hat, äußerte grundsätzliche Bedenken. Hierzu gehörten die unklaren Kriterien und die nicht absehbaren Konsequenzen eines Ratings, das als Pilotprojekt mit offenem Ergebnis konzipiert ist, dessen Repräsentativität und Reichweite daher nicht exakt bestimmt werden können.

Zudem wurden Fragen der Gutachtergewinnung, des zeitlichen Mehraufwandes, der konzeptionellen Ausdifferenzierung des Faches, der Standortbedingungen oder der Besonderheiten einzelner Teildisziplinen innerhalb der Geschichtswissenschaft aufgeworfen.

Historikerverband

Der Ausstieg aus den normierten Rankings kann durchaus als Teil einer Gegenbewegung zu den allenfalls markttauglichen und ganz sicher arbeitgeberfreundlichen Bildungs- und Hochschulreformen der vergangenen Jahre gewertet werden. Zumal er nicht auf die Geschichtswissenschaftler begrenzt ist.

Ohne großes Medienecho, dessen Ausbleiben in diesem Fall allerdings bezeichnend ist, haben sich Wissenschaftler der renommierten Christian-Albrechts-Universität in Kiel ebenfalls aus dem CHE-Ranking verabschiedet. Physikprofessor Lutz Kipp begründete den Schritt in der Zeitschrift Forschung und Lehre nicht nur mit dem „erheblichen personellen und zeitlichen Mehraufwand“. Die Verweigerung solle auch ein „ein Zeichen gegen die nachweislich zunehmende Einflussnahme wirtschaftsnaher Verbände und Stiftungen auf die Hochschulpolitik in Deutschland“ sein.

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