Der Bundestrojaner fürs Volk

Wer nichts zu verbergen hat, der braucht sich auch keine Sorgen machen

In Zeiten, in denen sogar der Eiffelturm ins Visier von Terroristen geraten sein soll, besteht natürlich auch bei uns Handlungsbedarf. Und handeln will die Initiative Bundestrojaner.net, die auf ihrer Netzseite kürzlich einen offenen Brief an die deutsche Bevölkerung veröffentlicht hat.

Darin schreibt der Sprecher dieser Initiative, offenbar der Bundesinnenminister2.0 höchstpersönlich:

Sie haben es sicherlich durch die Medien erfahren, dass ich einen Bundestrojaner einsetzen möchte, um die freiheitlich-demokratischen Grundrechte der Bundesrepublik auch in Zukunft zu bewahren.
Wir leben in schweren Zeiten, ständig müssen wir Angst vor Terroranschlägen haben, es wird Amok gelaufen und es werden laufend neue Kinderpornos produziert.
Ich fordere: Schluss damit!
Ich habe die Wurzel allen Übels gefunden. Den Ort wo sich die Verbrecher und Terroristen verschwören und ihre Aktionen planen. Sie ahnen es sicher schon, es ist das Internet.
Daher fordere ich jeden anständigen Bundesbürger auf, sich den Bundestrojaner auf seiner Onlinefestplatte bzw. seinem Computer zu installieren - denn wer nichts zu verbergen hat, der braucht sich auch keine Sorgen machen.

Und bei Bundestrojaner.net werden nicht nur offene Briefe veröffentlicht. Nein, dort wird zur Tat geschritten, also der Bundestrojaner in der Version 0.8.15 zum Download angeboten: Kostenlos! Und wer ihn jetzt sofort installiert, der bekommt sogar als Zugabe das „Vorteils-Pack Bürgercontrol 2.0 inkl. Telefonüberwachung“ gratis dazu.

Wie toll der Bundestrojaner funktioniert, das kann man in ersten Praxis-Testberichten lesen – zwei Beispiele:

Beim Tippen auf eine Taste stoppt der Rechner für 6 Sekunden. Diese Funktion fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. In nur sechs Sekunden, registriert das Programm den Tastendruck, macht einen Screenshot, fotografiert mittels der Webcam die Umgebung, ermittelt anhand meiner Biometrischen Daten wer ich bin, berechnet mein Persönlichkeitsprofil und sendet alle Informationen ANSI-verschlüsselt an die Regierung.

Nachdem ich den Bundestrojanmer installiert hatte, fragte ich mich, warum immer mehr Firmen ins Ausland abwandern. So ein göttliches Stück Software kann nur aus eiserner deutscher Hand geschmiedet worden sein! Eine Lösung für fast alle Probleme auf der Welt: Kein Terrorismus mehr, keine Kinderpornographie, keine Piraterie und auch Aids vermag er zu bekämpfen. (...) Ich persönlich kann mir ein Leben ohne den Bundestrojaner nicht mehr vorstellen!

Zwei kleine Probleme gibt es dennoch. Auf Apple-Rechnern läuft der Bundestrojaner nämlich noch (!) nicht. Als Ausweg wird daher empfohlen:

Ich bitte Sie daher, Ihren Wohnungsschlüssel kurzzeitig bei der nächsten Polizeiwache abzugeben und in den Urlaub zu fahren. Nachdem Sie wieder zurück sind, wurden Ihre Wohnung und auch Ihr Mac durch geschultes Fachpersonal durchsucht.

Und wer tatsächlich immer noch mit Linux arbeitet, der sollte nach Ansicht des Bundesinnenministers2.0 vorsichtshalber schleunigst auf die sichere Seite wechseln. Schließlich, schreibt er in den FAQs, wurde der Bundestrojaner für Windows entwickelt,

aber dank unserem kompetenten Programmiererteam soll er gerüchteweise auch unter WINE zum Laufen zu bringen sein. Dennoch sollten Sie überdenken, ob Sie nicht von Linux (einem Terroristenbetriebssystem) zu Microsoft Windows wechseln sollten, schon allein um das Tuscheln hinter Ihrem Rücken zu vermeiden.

Sonst gerät man womöglich ins Visier der Sicherheitsbehörden.

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