Der Corona-Kardinal und die katholische Militärministerin

Kardinal Gerhard Ludwig Müller (rechts im Bild). Bild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Rechtsklerikale Verschwörer und unbekümmerte "Liberale" sabotieren gleichermaßen die Lebens-Botschaft des Papstes

Nach Berechnungen der Johns Hopkins University sind weltweit bislang etwa 300.000 Menschen der Corona-Pandemie aufgrund schwerer Infektionsverläufe zum Opfer gefallen. Die Ungewissheiten bezogen auf geeignete Präventionsstrategien, den Aussagewert der Statistiken und möglicherweise noch weitaus dramatischere Szenarien für die nähere Zukunft sowie die Gefahren eines politisch-ökonomischen Missbrauchs der Krisensituation werden in einem breiten öffentlichen Diskurs thematisiert.

Von dieser sachbezogenen Debatte zu unterscheiden ist ein seit Mitte März anschwellender Infokrieg von todesmutigen "Aufklärungshelden", der - flankiert von leicht erkennbaren Querfront-Strategien und selektiver Bürgerrechtsrhetorik ("Deutschland erhebt sich" u.s.w.) - einer angestrebten rechten Hegemonie im Netz und auf der Straße zuarbeitet.

Auch einige Kirchenleute, versammelt unter dem Bild des drachentötenden Erzengels Michael, wollten die Gunst der Stunde nicht ungenutzt lassen. Sie veröffentlichten ausgerechnet mit dem Unterzeichnungsdatum "8. Mai" einen dramatischen "Corona"-Aufruf, in dem sie von der "allerseligsten Jungfrau" Maria einen Sieg über die "alte Schlange" (d.i. der Teufel) und "die Pläne der Söhne der Finsternis" erbaten.

Denn es drohe jetzt der Zivilisation die Aufrichtung einer "verabscheuungswürdigen technokratischen Tyrannei", in welcher gottlose Menschen im Zuge einer virtuell bewerkstelligten Auflösung des Realen "über das Schicksal der Welt entscheiden können". Das diesem Text zugrundeliegende Paradigma ist aus der Antisemitismus-Forschung nur zu gut bekannt.

Der Papst spricht von einem anderen Ernstfall der Zivilisation

Die Prominenz in der Unterzeichnerliste des Alarmrufes "Die Wahrheit macht euch frei" wird angeführt von den einschlägigen innerkirchlichen Gegnern des Papstes. Zahlreiche Bischöfe und Laienvertreter, die einem freiheitlichen, aufgeklärten Katholizismus zuzuordnen sind, haben den Reaktionären hierzulande in denkbar deutlicher Form widersprochen, was u.a. im Corona-Dossier von katholisch.de ziemlich vollständig nachgelesen werden kann.

Im vorliegenden Beitrag geht es hingegen nicht um die Corona-Pandemie, sondern um die Sabotage des so euphorisch begonnenen Pontifikates des gegenwärtigen Petrus-Nachfolgers aus Argentinien. Hierbei sollen unter Berücksichtigung historischer Aspekte die Programme der klerikalen Rechten und des bürgerlichen Katholizismus gleichermaßen zur Sprache kommen, aber auch die persönlichen Begrenzungen des Papstes.

Die Sache ist unabhängig von religiösen oder weltanschaulichen Standorten bedeutsam, denn mehr als 16 Prozent der gesamten Weltbevölkerung zählen zu der mit Rom verbundenen Christenheit.

Die positiven Erwartungen, die ich 2013 in der Nacht nach dem letzten Konklave als katholischer Autor für Telepolis formuliert habe: Franziskus auf dem Stuhl Petri, waren mitnichten trügerisch. Franziskus von Rom ist zum bekanntesten Anwalt all jener Menschen geworden, die gemäß neoliberaler Doktrin wie Müll behandelt werden, den man entsorgen kann. Seine Diagnose des zivilisatorischen Ernstfalls zielt auf die aggressive Ideologie einer Wirtschaft, die über Leichen geht und Todesmauern um die Wohlstandszonen des Planeten errichtet.

Die unter hochkarätiger wissenschaftlicher Beratung erarbeitete Umwelt-Enzyklika "Laudato si" vom 24. Mai 2015 klärt darüber auf, dass wir die letzte Generation sind, die durch einen tiefgreifenden Kurswechsel unermessliche Leiden der nach uns Kommenden noch abschwächen kann.

Nur eine dialogisch ausgerichtete Weltgesellschaft könne Lösungen bezogen auf den vom homo sapiens verursachten Klimawandel angehen, denn die menschliche Gattung auf dem Planeten sei eine Schicksalsgemeinschaft und auf Zusammenarbeit angewiesen. Folgerichtig bricht Franziskus auch mit der tradierten Anschauung, es könne so etwas wie "gerechte Kriege" geben.

Tragische Gestalt eines dogmatischen Buchhalters: Kardinal Müller ist der "katholische Trump"?

Der Urheber der eingangs genannten Corona-Esoterik wider eine angeblich akut drohende Weltdiktatur, globalistische Freimaurerei usw. ist Erzbischof Carlo Maria Viganò, der dem Papst nicht verzeihen kann, dass er wohl nie den roten Kardinalshut aufsetzen darf. Der prominenteste Unterzeichner des Traktats ist der pensionierte deutsche Kurienkardinal Ludwig Gerhard Müller.

Als Hochschullehrer hat dieser sich durch eine gewissenhafte Buchhaltung der dogmatischen Lehre profiliert, ohne jedoch irgendeine neue theologische Perspektive für das Christentum im dritten Jahrtausend zu erschließen. Als Bischof von Regensburg stellte er seine autoritäre Auffassung von Kirche u.a. durch die Maßregelung kritischer Laien und nonkonformer Theologen unter Beweis.

Um seine eigene Agenda auch zukünftig abzusichern, ernannte der deutsche Papst im Juli 2012 - einige Monate vor seinem Amtsverzicht - L.G. Müller zum obersten "Glaubenswächter" der Weltkirche. Die Rechnung ging auf, denn der nachfolgende Papst aus Argentinien beließ Müller im Amt und machte ihn sogar zum Kardinal.

Aus Gründen der Kirchendisziplin stand der deutsche Glaubenspräfekt mit den eigentlichen Traditionalisten aus der Pius-Bruderschaft nicht auf gutem Fuß. Obwohl er den Grundansatz der lateinamerikanischen Befreiungstheologie mitnichten teilt und diese stattdessen auf ein braves Soziallehre-Format zurechtstutzen will, konnte er sich zeitweilig auch als Anhänger einer Kirche der Armen präsentieren.

Eng verbunden ist Ludwig Gerhard Müller mit der reichen und konfessionalistisch fixierten Fürstin Mariae Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis. Diese wünscht sich einen Papst, der - wie zuletzt der Pontifex aus Deutschland - glanzvoll auftritt nach Art der englische Königin, und hat ihrem Lieblings-Kardinal vor einiger Zeit das vorausschauende Lob gespendet, der "katholische Donald Trump" zu sein. Die Fürstin bewundert rechte Politiker und will wissen, dass die katholische Kirche ohne Zölibat zugrunde geht.

Daneben steht dann noch passend als Kardinal Müllers Schützling der ehemalige Retrofeudalismus-Bischof von Limburg. Dieser hatte zigtausende Katholiken zum Kirchenaustritt bewegt und zwar durch seine Umformung des bischöflichen Dienstamtes zur Plattform einer persönlichen Luxus-Lebensplanung der Spitzenklasse.

Schon als Glaubenspräfekt konnte Müller dem derzeitigen Papst signalisieren, dass er und seine Seilschaft (u.a. insbesondere weitere deutsche Kardinäle) zum Widerstand auch gegen kleine und kleinste Reförmchen bereit wären. Dies war z.B. gegen Forderungen gerichtet, wie man sie auch in frühen Schriften eines Joseph Ratzingers finden kann.

Seit Verlust seines Amtes als Glaubenspräfekt, welches er theologisch durchaus nicht zur Förderung der Kernagenda von Franziskus ausgefüllt hat, ist L.G. Müller seit Mitte 2017 erst recht bei allen Initiativen gegen Reformer und den Papst aus Lateinamerika anzutreffen.

Ab dieser Zeit trat der deutsche Kardinal wiederholt als eine tragische Gestalt in Erscheinung, die der Öffentlichkeit erstaunlich bereitwillig Einblicke in Gefühle narzisstischer Kränkung gewährt. Seine Sorge um externe Verschwörungen ist allerdings schon viel früher zutage getreten.

2010 verglich Müller z.B. die Aufklärungsarbeit der Medien zur Aufdeckung sexueller Gewalttaten von Klerikern mit kirchenfeindlichen Aktionen der Nationalsozialisten! Die Kirche kann gemäß seiner Dogmatik nämlich nur Opfer, aber nie Täterin sein. Anfang 2013 wollte er wiederum eine Pogromstimmung (!) gegen die katholische Kirche in der ganzen westlichen Welt erkennen.

L.G. Müllers Stellungnahme zur Kritik an seiner Unterschrift unter den von Carlo Maria Viganò initiierten "Corona"-Aufruf wirkt erneut so, als fühle er sich als Opfer einer Kampagne: Namentlich dem erzbischöflichen Initiator sei "böse mitgespielt" worden. Allerdings gehen dieser Tage auch einige rechtskonservative Sympathisanten auf Distanz zum deutschen Kardinal.

Joseph Ratzinger - Papst der kirchlichen Verschwörungstheoretiker

Zu dem von Eugen Drewermann erhellten Kleriker-Psychogramm gehören seit Jahrhunderten paranoide Erlebnisweisen, die aus einer großen Not kommen und die Entwicklung wirklicher Beziehungen hintertreiben. Die Heilung bzw. Überwindung von Angst ist für jeden Menschen das zentrale lebensgeschichtliche Thema.

Doch wer sich als Kleriker bei der Formung einer sakralen Ersatz-Identität nicht selbst tiefer kennenlernen und annehmen darf, muss geradezu zwangsläufig die Welt um sich herum als feindselig und gefährlich wahrnehmen: als große Verschwörung. Misstrauen ist deshalb ein Hauptmerkmal des Klerikalismus. Die Teufel und Zerstörer lauern überall …

Ein prominenter und sehr profilierter Verschwörungstheoretiker in der römisch-katholischen Hierarchie unserer Tage ist Kardinal Müllers Förderer Joseph Ratzinger. Während seiner langjährigen Tätigkeit als oberster Glaubenspräfekt (1981-2005) sah er das wahre Christentum vor allem in Lateinamerika durch marxistische Infiltration bedroht.

Im Jahr 1985 belehrte J. Ratzinger - vielfach zitiert - die Welt folgendermaßen über das HI-Virus: "Man muss nicht von einer Strafe Gottes sprechen. Es ist die Natur, die sich wehrt."

Die römische Weltkirche verlor in der Folgezeit unzählige Priester durch die Immunschwäche-Krankheit AIDS. Derweil begann Joseph Ratzinger mit seinem hysterischen, jahrzehntelangen Feldzug gegen eine homosexuelle Weltverschwörung.

Die Emanzipationsbewegung unter der Regenbogenfahne bedrohe das Wohlergehen ganzer Völker, führe mit ihren politischen Erfolgen zu einem "Austritt aus der gesamten moralischen Geschichte der Menschheit" und einer gravierenden "Auflösung des Menschenbildes". Die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften sei schädlich "für die gesunde Entwicklung der menschlichen Gesellschaft" (Stichwort: "Volksgesundheit").

Angesichts der von diesem bayerischen Kardinal in Rom angezettelten Volksverhetzungen durfte man hierzulande wirklich dankbar sein für die unermüdliche Solidarität und Rationalität der liberalen Katholikin Rita Süssmuth. Vertrauen konnten wir als katholische Pflegekräfte und Aidshilfe-Mitarbeiter in Düsseldorf bei Patienten nur bewahren mit der Klarstellung, dass der oberste Glaubenspräfekt auch in unseren Augen als Irrlehrer den Weg Jesu bekämpfte.

Am Vorabend des Todes von Karol Wojtyla hatte Joseph Ratzinger ein neues Bedrohungspotential ausgemacht. Anlässlich der Verleihung des "Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa" warnte er gut zwei Jahre nach Beginn des US-Angriffskrieges gegen den Irak:

In den letzten Jahrzehnten haben wir auf unseren Straßen und Plätzen zur Genüge sehen können, wie der Pazifismus [sic!] in einen zerstörerischen Anarchismus und in den Terror abgleiten kann.

Joseph Ratzinger

Zum Konklave im April 2005, aus dem er als Pontifex hervorgehen würde, unterwies J. Ratzinger dann die Papstwähler über eine die Kirche bedrohende Verschwörung durch den "Relativismus". ("Relativismus" ist ein In-Beziehung-Setzen jeglicher Wahrheitssuche, was im Kontext von Aufklärung und Pluralismus unerlässlich ist.)

Ratzingers päpstlich-wissenschaftliche Expertise zur HIV-Pandemie bestand dann noch im Mai 2010 u.a. aus der Feststellung, Kondome verschlimmerten die Entwicklung (nur bei männlichen Prostituierten wollte er an anderer Stelle eine Ausnahme erwägen). Zur sexualisierten Klerikergewalt ließ er Ende 2010 als Deutung verlauten, der "Teufel habe der Kirche Schmutz ins Gesicht geworfen".

Die Verantwortlichen für die Verbrechen von Priestern wechseln bei ihm jedoch; zuletzt waren es anstelle des Teufels die linken "1968er", die die Priester zum Bösen angestiftet haben.

Das Buch "Sodom" von Frédéric Martel vermittelt keinen günstigen Eindruck vom sittlichen Zustand der allerhöchsten Kleriker-Riege in den beiden letzten Pontifikaten. Auch durch eine kritische Filmdokumentation sieht Joseph Ratzinger sein Lebenswerk nicht richtig gewürdigt.

Er betrachtet sich nunmehr als Inhaber eines erstmalig von ihm selbst geschaffenen neuen Amtes ("emeritierter Papst") und hat als solcher auch in diesem Monat wieder der Öffentlichkeit eine dramatische Zeitansage zukommen lassen: Es gebe "Gründe dafür, dass man einfach meine Stimme ausschalten will". Die Kirche sei durch eine "weltweite Diktatur von scheinbar humanistischen Ideologien" bedroht. Denn:

Die moderne Gesellschaft ist dabei, ein antichristliches Credo zu formulieren, dem sich zu widersetzen mit der gesellschaftlichen Exkommunikation bestraft wird.

Joseph Ratzinger

Zentral im jüngsten Verschwörungsszenarium J. Ratzingers ist wiederum die vom Teufel verursachte gesellschaftliche Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Die Ökumenische Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche" weist nun darauf hin, "dass Homophobie häufig in verdrängter eigener Homosexualität wurzelt. Wenn diese homophobe katholische Kultur in der modernen Gesellschaft nicht mehr gehört wird, ist dies kein Grund zum Klagen, sondern zum Feiern!".