Der Corona-Kardinal und die katholische Militärministerin

Das Erbe von 1870: Populistische Massenhysterie, Freiheitsfeindlichkeit und Doppelleben

Die durch Bischof Franziskus von Rom seit Amtsbeginn (2013) scharf kritisierte klerikale Selbstanbetungsreligion konnte sich während des "deutschen Pontifikates" (2005-2013) nicht nur durch pompöse - rosa-queer gefärbte - Zeremonien bestätigt sehen. Sie ist für zahllose Amtsträger sowie für viele von diesen mental abhängige "Laien" Basis der eigenen Lebensplanung und Angstbetäubung.

Wie aber kann man eine solche "heilige Kuh" auch nur anrühren, ohne zugleich das mit ihr verbundene Pulverfass zur Explosion zu bringen?

Der Priesterselbstanbetungs-Komplex, der sich bis heute anschickt, eine glaubwürdige "Kirche im zivilisatorischen Ernstfall" zu sabotieren, ist ohne Kenntnis von Entwicklungen des 19. Jahrhunderts nur schwer zu verstehen. Pius IX. setzte 1870 seine autoritäre Kirchenvision auf dem ersten Vatikanischen Konzil ohne Rücksicht auf Verluste durch.

Das totale Führerprinzip (von oben nach unten) und die neue Doktrin einer unfehlbaren Lehrautorität des Papstes (ex sese - "aus sich heraus") wurden dogmatisiert. Beides sollte die Kirche gegen den gottlosen Verschwörungskomplex der Moderne wappnen.

Konzilseingaben, die mit großer Dringlichkeit weltkirchliche Voten gegen Nationalismus, Imperialismus, Militarismus und Rassismus einklagten, blieben hingegen ungehört. Die autoritäre Kirche profilierte sich hernach bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als ideale Partnerin autoritärer, menschenverachtender Systeme. Die heiligen Befindlichkeiten der Pius-Päpste blieben auf Jahrzehnte hin stets wichtiger als eine unmissverständliche Verurteilung der Massenmord-Apparaturen (Ausnahme: Benedikt XV.).

Ein maßgeblicher Ideengeber für den endgültigen Umbau der Kirche zum geistlichen "Kriegsschiff" im Jahr 1870 war der deutsche Jesuit Joseph Kleutgen (1811-1883), den die oberste Glaubensbehörde noch acht Jahre vor dem Konzil wegen Häresie, Verletzung des Beichtgeheimnisses und seines sexuellen Heuchler-Lebens verurteilt hatte.

Ganz im Sinne dieses innerlich von Angst angetriebenen Fundamentalisten zementierte die Pius-Kirche eine strenge Aufteilung der Christen in Lehrende und Hörende, Befehlende und Gehorchende. Errungenschaften wie Religionsfreiheit, Schutz des individuellen Gewissens, Aufklärung, kritische Forschung und Demokratie wurden zu Irrlehren erklärt.

Als Prototyp rechtspopulistischer Komplexe nutzte die ultramontane - d.h. romfixierte - Kirchenrevolution der Reaktionäre jedoch die Möglichkeiten einer neuen Mobilität (Massenwallfahrten) und alle massenmedialen Instrumente der modernen Zeit (z.B. Fotografie, neue Druckverfahren, gelenkte Zeitungskampagnen, industrielle Devotionalienproduktion, Bindung der Basis durch systematische Gratifikationsverfahren). Somit war es den modern agierenden Antimodernen ein Leichtes, die Massen zu begeistern oder in Erregung zu versetzen.

"Fake-News" statt Historie: Ohnmacht und nationale Fixierung der "Liberalen"

Eine vergleichbare Bildmächtigkeit und geistige Breitenwirkung konnten die kritischen bzw. freiheitlich ausgerichteten Kräfte im Katholizismus des 19. Jahrhunderts nicht erlangen. Sie mussten sich - wie im Märchen von Hase und Igel - auf einen aussichtlosen Wettlauf einlassen:

Im Gefolge der Aufklärung setzten die "Liberalen" auf solide historische und theologische Forschungen. Doch kaum hatten sie mit Gelehrtenfleiß und Ausdauer eine fundierte Expertise erarbeitet, gewannen die klerikalen Strategen im Machtapparat durch Falschzitate und griffige Formeln im Handumdrehen wieder die Oberhand.

Populistische "Fake-News", "alternative Fakten" etc. sind also keine Erfindung von Donald Trump, sondern gehörten schon 1870 zum Werkzeugkasten der "Ultramontanisten". Wenn die Historiker "unsere Doktrin" in Frage stellen, so meinte der englische Papstanbeter Bischof Henry Edward Manning (1808-1892), dann muss das Dogma eben die Geschichte besiegen.

Die kritischen Theologen hatten meist auch keine Gabe, sich leicht verständlich mitzuteilen. Bei Vorträgen gegen einen absoluten Machtanspruch der Hierarchie machten sie mitunter sogar Bekanntschaft mit der Gewalttätigkeit eines aufgehetzten Kirchenvolks.

Zur Kehrseite der gebildeten "Liberalen" gehörte es nun allerdings, dass sie bei ihrem Aufbegehren gegen den römischen Kirchenzentralismus oft von Deutschtum oder Nation sprachen und sich früher "patriotisieren" ließen als die erklärten Romkatholiken. Auch die von manchen Klerikalen vergleichsweise früh entdeckte "Soziale Frage" war bei ihnen kein vordringliches Thema.

Die Reform-Agenda der liberalen Katholiken heute

Die rechtskatholische Internet-Hetzszene, die den Kölner Kardinal Meisner besonders gerne zitierte und in der Zeit des Ratzinger-Pontifikates zur Höchstform auflief, steht in der Tradition der "ultramontanistischen Medienkompetenz" des 19. Jahrhunderts.

Der noch verbliebene "bürgerliche Katholizismus" hierzulande bewegt sich hingegen heute in den Fußstapfen der aufgeklärten und freiheitlich gesonnenen Kritiker des 1. Vatikanums. Seine Laienvertreter im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wollen im Verein mit einer sehr großen Mehrheit der Bischöfe verhindern, dass die katholische Kirche in Europa als Sekte endet.

In einem von Kardinal Müller als "Ermächtigungsgesetz" (!) verunglimpften synodalen Prozess soll neu nachgedacht werden über Machtstrukturen, priesterliche Lebensform, repressive Sexuallehren ohne Wirklichkeitsbezug und das Ende der Ausschließung von Frauen durch die selbstherrlichen Männerbundstrukturen.

Das späte Ringen um Freiheit, Reform und Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland ist auch deshalb wieder möglich geworden, weil Papst Franziskus nicht dem autoritären Paradigma der beiden letzten Pontifikate folgt. Doch wo findet man in diesem liberalen - deutschen - Modernisierungsprogramm die weltkirchliche Agenda: die ökologische Bedrohung der menschlichen Familie, die Kirche der Armen, die Kritik der remilitarisierten Politik und die Absage an jene todbringende Form des Wirtschaftens, von der Deutschland so unendlich viel profitiert?