Der Corona-Kardinal und die katholische Militärministerin

Die deutsche Bombe: Wie "katholisch" ist Annegret Kramp-Karrenbauer?

Das freiheitliche Anliegen des zum Mainstream gewordenen bundesdeutschen "Reformkatholizismus" ist ohne Abstriche zu loben (und hat erst einmal mit "Nationalkirchlichkeit" rein gar nichts zu tun). Seine stillschweigende, oft unbewusste Begrenzung durch politische nationale Interessenslagen kann man hingegen auch als skandalös bewerten.

Namentlich die Volksparteifunktionäre in den katholischen Laiengremien scheinen dafür zu sorgen, dass man dem Papst in Überlebensfragen von Weltbedeutung nicht wirksam assistiert.

Die Problematik sei an einem neueren Beispiel anschaulich gemacht: Am Karfreitag trägt der Prediger des päpstlichen Hauses vor, eine theologische Doktrin zur Corona-Pandemie sei nicht möglich. Wir könnten jetzt aber die krisenbedingte Sensibilität und Lernbereitschaft dazu nutzen, die Zivilisation von der Last des Kriegskomplexes zu befreien, und die dadurch frei werdenden Ressourcen endlich zur Förderung des menschlichen Leben verwenden. (Waffenproduktionen kann man bekanntlich nicht essen. Ihr Zweck ist die Vernichtung von Leben und die Erzielung hoher Profite.)

Dieser Vorschlag aus Rom beinhaltet den denkbar größten Gegensatz zur Agenda der christdemokratischen Ministerin für das Militärressort, die hierzulande unverdrossen an dem vom US-Imperium vorgegebenen Aufrüstungskurs festhält und sehr erfolgreich damit ist.

Die Sache kommt leider noch schlimmer: Nur kurze Zeit nach der Karfreitagsbotschaft aus dem Vatikan kündigte die Katholikin Annegret Kramp-Karrenbauer an, es würden bald (für insgesamt bis zu 18,5 Milliarden Euro) 93 "Eurofighter"-Maschinen und zusätzlich 30 neue US-Atombomber angeschafft.

Dies ist noch offenkundiger eine geradezu anti-katholische Politik, denn der Bischof von Rom hat sich durch innerkirchliche Beschwichtigungen nicht davon abbringen lassen, schon die Herstellung und Lagerung von atomaren Massenvernichtungsmittel als moralisch verwerflich zu verurteilen, ganz zu schweigen von der einsatzbereiten Aufstellung (wie in Büchel).

Erstaunlicherweise kam der Einspruch gegen den Kurs der deutschen Atombombenteilhabe dann nicht von einer kirchlichen Stimme, sondern vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich.

Erst jetzt meldete sich in Deutschland katholischerseits die Kommission Justitia et Pax zu Wort. Doch das Statement des jungen bischöflichen Vorsitzenden fiel erschreckend zahm aus und kann von der CDU-Militärministerin, die auch Mitglied der ZdK-Vollversammlung ist, ohne Schwierigkeiten wie folgt verstanden werden: Nein, man muss die päpstliche Verdammung nicht sooo wörtlich nehmen, dass wir jetzt etwa sofort und zwar bei uns selber an die Umsetzung herangehen.

Damit sein Statement nicht etwa als Bestätigung für den atombombenkritischen Sozialdemokraten gelesen werden konnte, betonte der deutsche Bischof staatstragend seinen "Zweifel, dass ein deutscher Alleingang uns in der Sache voranbringt".

Also: Macht erstmal einfach weiter so, liebe Atombombenpolitiker*innen. Wartet unterdessen darauf, dass ein Wunder jenseits von "deutschen Alleingängen" geschieht und etwa Frankreich mit ins Boot der Nuklearkritiker kommt.

Der deutsche Katholizismus wird euch jedenfalls erst dann - also am jüngsten Tag - in die Quere kommen, denn er hat bezogen auf Apologie sowie Duldung der Atomwaffen-Szenarien einen jahrzehntelangen Erfahrungsschatz und namentlich auch in seinen Laiengremien ein weites Herz für alles, was die CDU zur Staatsdoktrin erhebt.

Der Abgesang auf das Pontifikat liegt schon in den Redaktionsschubladen

Auf dem Petersplatz zu Rom waren in den letzten sieben Jahren neue Weisen zu hören. Sie betrafen drängende Überlebensfragen der ganzen menschlichen Familie. Doch die Klerikalen und die Liberalen mochten sich gleichermaßen nicht zum Tanz einladen lassen.

Innerkirchliche Reformen und doktrinäre Klärungen, die zu Konflikten zwischen den Flügeln hätten führen können, sind derweil - von einer Fußnote abgesehen - ausgeblieben. Gehört dies lediglich zur Franziskus-Strategie oder ist es ein untrüglicher Beweis dafür, dass der "Papst der Armen" bezogen auf die innerkirchlichen Reformfragen nicht einmal ansatzweise bereit ist, den "Bürgerlichen" bzw. "Liberalen" entgegenzukommen?

Schon 2013 gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass der neugewählte Pontifex aus Argentinien in Fragen des Zölibats oder der fixierten "Sittenlehre" irgendwelche Änderungen beabsichtigte. Daran hat sich bis zur Stunde nichts geändert. In die neue Kommission zur Beurteilung des Frauendiakonates wurde z.B. ein Dogmatiker berufen, der biologistisch die Debatte u.a. mit einem Hinweis auf das fehlende Y-Chromosom der Frauen "bereichert" hat.

Solches finden hierzulande heute auch Katholikinnen aus traditionell geprägten Landgemeinden gruselig. Soll also jene reine Männerbund-Hierarchie, die den Abgrund an sexualisierter Gewalt hervorgebracht hat, unangetastet bleiben, indem Rom die Hälfte der Getauften (jene "ohne Y-Chromosom") aufgrund des Frau-Seins unverdrossen ausschließt? In Europa kann ein solcher Kirchenkurs nur "suizidal" verlaufen, aber zukunftsträchtig ist er nirgendwo auf dem Globus.

Vieles spricht dafür, dass die römische Kirche ohne durchgreifende strukturelle, innere Veränderungen nicht zur "Kirche im zivilisatorischen Ernstfall" und zur Anwältin der Elenden auf dem Globus werden kann. Demnach würde - neben Traditionalisten und "Liberalen" - auch der Papst selbst die Umsetzung der Agenda seines eigenen Pontifikates blockieren?

Die Klerikalen toben und sehen sich unter großem Geschrei als Opfer, weil Franziskus sie mit der Diagnose "spirituelles Alzheimer" konfrontiert hat. In Wirklichkeit ist ihnen aber keine einzige Sache von Gewicht zugemutet worden (vom Entzug bestimmter "Ehrentiteln" und anderem Firlefanz abgesehen).

Auf der anderen Seite hatten die "Liberalen" 2013 aufgeatmet, weil katholische Christ*innen nach zwei autoritären Päpsten wieder Meinungs- und Redefreiheit genießen konnten. Bewegt hat sich in ihrem Sinne über sieben Jahre lang aber so gut wie nichts, soweit es konkrete Reformschauplätze betrifft.

Franziskus verliert mit ihnen seit geraumer Zeit einen durchaus nennenswerten Teil seiner Anhängerschaft. Die bürgerlichen Zeitungen, denen die päpstliche Kapitalismus-Kritik entschieden zu weit geht, schreiben dazu gerne einen entsprechenden Abgesang.

Kann ein 83-jähriger Papst die "fromme Revolte" noch inspirieren?

Kirchenrechtlich (wie dogmatisch) gesehen ist Franziskus von Rom mit einer absoluten Jurisdiktions- und Lehrvollmacht - bis hinein in die letzten Winkel der Weltkirche - ausgestattet. Einerseits scheint hierin auf paradoxe Weise die einzige Möglichkeit zu liegen, eine totale Institution aus ihrer Erstarrung zu lösen.

Andererseits kann und darf ein Papst, der die christliche Botschaft als Befreiung bezeugt, auf das absolutistische Instrumentarium nicht zurückgreifen. Diese Aporie sollte bei der berechtigten Klage über ausbleibende Reformen nie vergessen werden.

Nur wenn die Kirche in Abkehr der zentralistischen Ideologie von 1870 zur Synodalität (Weg der gleichberechtigten Beratschlagung, global-lokal) zurückfindet, kann sie auch bedeutsames Modell für eine ganz andere "Globalisierung" werden, in der eine von außen/oben zentral diktierte Uniformität ersetzt wird durch eine dialogische Verbundenheit freier Lebensräume und Gemeinschaften auf dem ganzen Erdkreis.

Doch unter den gegebenen Voraussetzungen kann eine solche Transformation innerhalb eines einzigen Pontifikates kaum gelingen. Denkbar ist, dass ein durchgreifender Wandel nie oder zu spät kommt. Vermutlich wird Franziskus die Sturmzeit einer inneren Kirchenreform einem jüngeren Nachfolger überlassen müssen, der dann auf jeden Fall ein besser bestelltes Haus vorfinden würde als er selbst bei Amtsantritt.

Doch ist es unbarmherzig, von ihm trotz des fortgeschrittenen Alters noch ein wirklich bedeutsames Zeichen zur "Sendung der Kirche in der Welt" zu erwarten? Katholische Pazifisten haben über Generationen den nationalkirchlichen Irrlehrern gewehrt.

Sie warten weiterhin auf ein päpstliches Grundsatzdokument über die Kraft der aktiven Gewaltfreiheit und das Ende der militärischen Heilslehre. Gewaltfreier Widerstand ist die einzige Revolution, die den Agenten einer aggressiven Ökonomie, die über Leichen geht, Sorge bereitet.

Gerade die Kirche kann durch praxisorientierte Werkstätten auf dem ganzen Globus ihren diakonischen Auftrag erfüllen und dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen - nicht nur Christinnen und Christen - vertraut werden mit der intelligenten Methode einer Veränderung der Verhältnisse ohne Blut und einer wirkungsvollen Verteidigung des Lebens: ohne Mordwaffen, die noch niemals in der Geschichte Gutes bewirkt haben.

Wenn die ökologische Enzyklika "Laudato Si" sich wirklich an eine letzte Generation wendet, die durch Kursänderung unermessliche Leiden der nach uns Kommenden noch abwenden kann, dann darf die katholische Christenheit doch erwarten, dass dies in einem neuen liturgischen "Hochgebet" der gesamten Weltkirche - einer "Messe des Lebens" für das dritte Jahrtausend - auch zur Sprache kommt.

Wenn schließlich schon für die nähere Zukunft Szenarien von rassistischer Barbarei, Genozid und noch brutalerer Grenzregime gegen Migranten wahrscheinlicher werden, dann wäre es doch kein verzichtbarer Luxus, wenn der Bischof von Rom in Gemeinschaft mit allen Ortskirchen, Konfessionen und Religionen auf höchstem Verbindlichkeitsniveau das Dogma der Einen Menschheit bezeugt.

Auf ein solches richtungsweisendes Fest des ganzen Erdkreises für den weiteren Verlauf der menschlichen Geschichte warten die Jungen - und die Alten, die getröstet das Zeitliche segnen wollen, auch.

(Peter Bürger)