Der Corona-Kardinal und die katholische Militärministerin

Kardinal Gerhard Ludwig Müller (rechts im Bild). Bild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Rechtsklerikale Verschwörer und unbekümmerte "Liberale" sabotieren gleichermaßen die Lebens-Botschaft des Papstes

Nach Berechnungen der Johns Hopkins University sind weltweit bislang etwa 300.000 Menschen der Corona-Pandemie aufgrund schwerer Infektionsverläufe zum Opfer gefallen. Die Ungewissheiten bezogen auf geeignete Präventionsstrategien, den Aussagewert der Statistiken und möglicherweise noch weitaus dramatischere Szenarien für die nähere Zukunft sowie die Gefahren eines politisch-ökonomischen Missbrauchs der Krisensituation werden in einem breiten öffentlichen Diskurs thematisiert.

Von dieser sachbezogenen Debatte zu unterscheiden ist ein seit Mitte März anschwellender Infokrieg von todesmutigen "Aufklärungshelden", der - flankiert von leicht erkennbaren Querfront-Strategien und selektiver Bürgerrechtsrhetorik ("Deutschland erhebt sich" u.s.w.) - einer angestrebten rechten Hegemonie im Netz und auf der Straße zuarbeitet.

Auch einige Kirchenleute, versammelt unter dem Bild des drachentötenden Erzengels Michael, wollten die Gunst der Stunde nicht ungenutzt lassen. Sie veröffentlichten ausgerechnet mit dem Unterzeichnungsdatum "8. Mai" einen dramatischen "Corona"-Aufruf, in dem sie von der "allerseligsten Jungfrau" Maria einen Sieg über die "alte Schlange" (d.i. der Teufel) und "die Pläne der Söhne der Finsternis" erbaten.

Denn es drohe jetzt der Zivilisation die Aufrichtung einer "verabscheuungswürdigen technokratischen Tyrannei", in welcher gottlose Menschen im Zuge einer virtuell bewerkstelligten Auflösung des Realen "über das Schicksal der Welt entscheiden können". Das diesem Text zugrundeliegende Paradigma ist aus der Antisemitismus-Forschung nur zu gut bekannt.

Der Papst spricht von einem anderen Ernstfall der Zivilisation

Die Prominenz in der Unterzeichnerliste des Alarmrufes "Die Wahrheit macht euch frei" wird angeführt von den einschlägigen innerkirchlichen Gegnern des Papstes. Zahlreiche Bischöfe und Laienvertreter, die einem freiheitlichen, aufgeklärten Katholizismus zuzuordnen sind, haben den Reaktionären hierzulande in denkbar deutlicher Form widersprochen, was u.a. im Corona-Dossier von katholisch.de ziemlich vollständig nachgelesen werden kann.

Im vorliegenden Beitrag geht es hingegen nicht um die Corona-Pandemie, sondern um die Sabotage des so euphorisch begonnenen Pontifikates des gegenwärtigen Petrus-Nachfolgers aus Argentinien. Hierbei sollen unter Berücksichtigung historischer Aspekte die Programme der klerikalen Rechten und des bürgerlichen Katholizismus gleichermaßen zur Sprache kommen, aber auch die persönlichen Begrenzungen des Papstes.

Die Sache ist unabhängig von religiösen oder weltanschaulichen Standorten bedeutsam, denn mehr als 16 Prozent der gesamten Weltbevölkerung zählen zu der mit Rom verbundenen Christenheit.

Die positiven Erwartungen, die ich 2013 in der Nacht nach dem letzten Konklave als katholischer Autor für Telepolis formuliert habe: Franziskus auf dem Stuhl Petri, waren mitnichten trügerisch. Franziskus von Rom ist zum bekanntesten Anwalt all jener Menschen geworden, die gemäß neoliberaler Doktrin wie Müll behandelt werden, den man entsorgen kann. Seine Diagnose des zivilisatorischen Ernstfalls zielt auf die aggressive Ideologie einer Wirtschaft, die über Leichen geht und Todesmauern um die Wohlstandszonen des Planeten errichtet.

Die unter hochkarätiger wissenschaftlicher Beratung erarbeitete Umwelt-Enzyklika "Laudato si" vom 24. Mai 2015 klärt darüber auf, dass wir die letzte Generation sind, die durch einen tiefgreifenden Kurswechsel unermessliche Leiden der nach uns Kommenden noch abschwächen kann.

Nur eine dialogisch ausgerichtete Weltgesellschaft könne Lösungen bezogen auf den vom homo sapiens verursachten Klimawandel angehen, denn die menschliche Gattung auf dem Planeten sei eine Schicksalsgemeinschaft und auf Zusammenarbeit angewiesen. Folgerichtig bricht Franziskus auch mit der tradierten Anschauung, es könne so etwas wie "gerechte Kriege" geben.

Tragische Gestalt eines dogmatischen Buchhalters: Kardinal Müller ist der "katholische Trump"?

Der Urheber der eingangs genannten Corona-Esoterik wider eine angeblich akut drohende Weltdiktatur, globalistische Freimaurerei usw. ist Erzbischof Carlo Maria Viganò, der dem Papst nicht verzeihen kann, dass er wohl nie den roten Kardinalshut aufsetzen darf. Der prominenteste Unterzeichner des Traktats ist der pensionierte deutsche Kurienkardinal Ludwig Gerhard Müller.

Als Hochschullehrer hat dieser sich durch eine gewissenhafte Buchhaltung der dogmatischen Lehre profiliert, ohne jedoch irgendeine neue theologische Perspektive für das Christentum im dritten Jahrtausend zu erschließen. Als Bischof von Regensburg stellte er seine autoritäre Auffassung von Kirche u.a. durch die Maßregelung kritischer Laien und nonkonformer Theologen unter Beweis.

Um seine eigene Agenda auch zukünftig abzusichern, ernannte der deutsche Papst im Juli 2012 - einige Monate vor seinem Amtsverzicht - L.G. Müller zum obersten "Glaubenswächter" der Weltkirche. Die Rechnung ging auf, denn der nachfolgende Papst aus Argentinien beließ Müller im Amt und machte ihn sogar zum Kardinal.

Aus Gründen der Kirchendisziplin stand der deutsche Glaubenspräfekt mit den eigentlichen Traditionalisten aus der Pius-Bruderschaft nicht auf gutem Fuß. Obwohl er den Grundansatz der lateinamerikanischen Befreiungstheologie mitnichten teilt und diese stattdessen auf ein braves Soziallehre-Format zurechtstutzen will, konnte er sich zeitweilig auch als Anhänger einer Kirche der Armen präsentieren.

Eng verbunden ist Ludwig Gerhard Müller mit der reichen und konfessionalistisch fixierten Fürstin Mariae Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis. Diese wünscht sich einen Papst, der - wie zuletzt der Pontifex aus Deutschland - glanzvoll auftritt nach Art der englische Königin, und hat ihrem Lieblings-Kardinal vor einiger Zeit das vorausschauende Lob gespendet, der "katholische Donald Trump" zu sein. Die Fürstin bewundert rechte Politiker und will wissen, dass die katholische Kirche ohne Zölibat zugrunde geht.

Daneben steht dann noch passend als Kardinal Müllers Schützling der ehemalige Retrofeudalismus-Bischof von Limburg. Dieser hatte zigtausende Katholiken zum Kirchenaustritt bewegt und zwar durch seine Umformung des bischöflichen Dienstamtes zur Plattform einer persönlichen Luxus-Lebensplanung der Spitzenklasse.

Schon als Glaubenspräfekt konnte Müller dem derzeitigen Papst signalisieren, dass er und seine Seilschaft (u.a. insbesondere weitere deutsche Kardinäle) zum Widerstand auch gegen kleine und kleinste Reförmchen bereit wären. Dies war z.B. gegen Forderungen gerichtet, wie man sie auch in frühen Schriften eines Joseph Ratzingers finden kann.

Seit Verlust seines Amtes als Glaubenspräfekt, welches er theologisch durchaus nicht zur Förderung der Kernagenda von Franziskus ausgefüllt hat, ist L.G. Müller seit Mitte 2017 erst recht bei allen Initiativen gegen Reformer und den Papst aus Lateinamerika anzutreffen.

Ab dieser Zeit trat der deutsche Kardinal wiederholt als eine tragische Gestalt in Erscheinung, die der Öffentlichkeit erstaunlich bereitwillig Einblicke in Gefühle narzisstischer Kränkung gewährt. Seine Sorge um externe Verschwörungen ist allerdings schon viel früher zutage getreten.

2010 verglich Müller z.B. die Aufklärungsarbeit der Medien zur Aufdeckung sexueller Gewalttaten von Klerikern mit kirchenfeindlichen Aktionen der Nationalsozialisten! Die Kirche kann gemäß seiner Dogmatik nämlich nur Opfer, aber nie Täterin sein. Anfang 2013 wollte er wiederum eine Pogromstimmung (!) gegen die katholische Kirche in der ganzen westlichen Welt erkennen.

L.G. Müllers Stellungnahme zur Kritik an seiner Unterschrift unter den von Carlo Maria Viganò initiierten "Corona"-Aufruf wirkt erneut so, als fühle er sich als Opfer einer Kampagne: Namentlich dem erzbischöflichen Initiator sei "böse mitgespielt" worden. Allerdings gehen dieser Tage auch einige rechtskonservative Sympathisanten auf Distanz zum deutschen Kardinal.

Joseph Ratzinger - Papst der kirchlichen Verschwörungstheoretiker

Zu dem von Eugen Drewermann erhellten Kleriker-Psychogramm gehören seit Jahrhunderten paranoide Erlebnisweisen, die aus einer großen Not kommen und die Entwicklung wirklicher Beziehungen hintertreiben. Die Heilung bzw. Überwindung von Angst ist für jeden Menschen das zentrale lebensgeschichtliche Thema.

Doch wer sich als Kleriker bei der Formung einer sakralen Ersatz-Identität nicht selbst tiefer kennenlernen und annehmen darf, muss geradezu zwangsläufig die Welt um sich herum als feindselig und gefährlich wahrnehmen: als große Verschwörung. Misstrauen ist deshalb ein Hauptmerkmal des Klerikalismus. Die Teufel und Zerstörer lauern überall …

Ein prominenter und sehr profilierter Verschwörungstheoretiker in der römisch-katholischen Hierarchie unserer Tage ist Kardinal Müllers Förderer Joseph Ratzinger. Während seiner langjährigen Tätigkeit als oberster Glaubenspräfekt (1981-2005) sah er das wahre Christentum vor allem in Lateinamerika durch marxistische Infiltration bedroht.

Im Jahr 1985 belehrte J. Ratzinger - vielfach zitiert - die Welt folgendermaßen über das HI-Virus: "Man muss nicht von einer Strafe Gottes sprechen. Es ist die Natur, die sich wehrt."

Die römische Weltkirche verlor in der Folgezeit unzählige Priester durch die Immunschwäche-Krankheit AIDS. Derweil begann Joseph Ratzinger mit seinem hysterischen, jahrzehntelangen Feldzug gegen eine homosexuelle Weltverschwörung.

Die Emanzipationsbewegung unter der Regenbogenfahne bedrohe das Wohlergehen ganzer Völker, führe mit ihren politischen Erfolgen zu einem "Austritt aus der gesamten moralischen Geschichte der Menschheit" und einer gravierenden "Auflösung des Menschenbildes". Die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften sei schädlich "für die gesunde Entwicklung der menschlichen Gesellschaft" (Stichwort: "Volksgesundheit").

Angesichts der von diesem bayerischen Kardinal in Rom angezettelten Volksverhetzungen durfte man hierzulande wirklich dankbar sein für die unermüdliche Solidarität und Rationalität der liberalen Katholikin Rita Süssmuth. Vertrauen konnten wir als katholische Pflegekräfte und Aidshilfe-Mitarbeiter in Düsseldorf bei Patienten nur bewahren mit der Klarstellung, dass der oberste Glaubenspräfekt auch in unseren Augen als Irrlehrer den Weg Jesu bekämpfte.

Am Vorabend des Todes von Karol Wojtyla hatte Joseph Ratzinger ein neues Bedrohungspotential ausgemacht. Anlässlich der Verleihung des "Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa" warnte er gut zwei Jahre nach Beginn des US-Angriffskrieges gegen den Irak:

In den letzten Jahrzehnten haben wir auf unseren Straßen und Plätzen zur Genüge sehen können, wie der Pazifismus [sic!] in einen zerstörerischen Anarchismus und in den Terror abgleiten kann.

Joseph Ratzinger

Zum Konklave im April 2005, aus dem er als Pontifex hervorgehen würde, unterwies J. Ratzinger dann die Papstwähler über eine die Kirche bedrohende Verschwörung durch den "Relativismus". ("Relativismus" ist ein In-Beziehung-Setzen jeglicher Wahrheitssuche, was im Kontext von Aufklärung und Pluralismus unerlässlich ist.)

Ratzingers päpstlich-wissenschaftliche Expertise zur HIV-Pandemie bestand dann noch im Mai 2010 u.a. aus der Feststellung, Kondome verschlimmerten die Entwicklung (nur bei männlichen Prostituierten wollte er an anderer Stelle eine Ausnahme erwägen). Zur sexualisierten Klerikergewalt ließ er Ende 2010 als Deutung verlauten, der "Teufel habe der Kirche Schmutz ins Gesicht geworfen".

Die Verantwortlichen für die Verbrechen von Priestern wechseln bei ihm jedoch; zuletzt waren es anstelle des Teufels die linken "1968er", die die Priester zum Bösen angestiftet haben.

Das Buch "Sodom" von Frédéric Martel vermittelt keinen günstigen Eindruck vom sittlichen Zustand der allerhöchsten Kleriker-Riege in den beiden letzten Pontifikaten. Auch durch eine kritische Filmdokumentation sieht Joseph Ratzinger sein Lebenswerk nicht richtig gewürdigt.

Er betrachtet sich nunmehr als Inhaber eines erstmalig von ihm selbst geschaffenen neuen Amtes ("emeritierter Papst") und hat als solcher auch in diesem Monat wieder der Öffentlichkeit eine dramatische Zeitansage zukommen lassen: Es gebe "Gründe dafür, dass man einfach meine Stimme ausschalten will". Die Kirche sei durch eine "weltweite Diktatur von scheinbar humanistischen Ideologien" bedroht. Denn:

Die moderne Gesellschaft ist dabei, ein antichristliches Credo zu formulieren, dem sich zu widersetzen mit der gesellschaftlichen Exkommunikation bestraft wird.

Joseph Ratzinger

Zentral im jüngsten Verschwörungsszenarium J. Ratzingers ist wiederum die vom Teufel verursachte gesellschaftliche Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Die Ökumenische Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche" weist nun darauf hin, "dass Homophobie häufig in verdrängter eigener Homosexualität wurzelt. Wenn diese homophobe katholische Kultur in der modernen Gesellschaft nicht mehr gehört wird, ist dies kein Grund zum Klagen, sondern zum Feiern!".

Das Erbe von 1870: Populistische Massenhysterie, Freiheitsfeindlichkeit und Doppelleben

Die durch Bischof Franziskus von Rom seit Amtsbeginn (2013) scharf kritisierte klerikale Selbstanbetungsreligion konnte sich während des "deutschen Pontifikates" (2005-2013) nicht nur durch pompöse - rosa-queer gefärbte - Zeremonien bestätigt sehen. Sie ist für zahllose Amtsträger sowie für viele von diesen mental abhängige "Laien" Basis der eigenen Lebensplanung und Angstbetäubung.

Wie aber kann man eine solche "heilige Kuh" auch nur anrühren, ohne zugleich das mit ihr verbundene Pulverfass zur Explosion zu bringen?

Der Priesterselbstanbetungs-Komplex, der sich bis heute anschickt, eine glaubwürdige "Kirche im zivilisatorischen Ernstfall" zu sabotieren, ist ohne Kenntnis von Entwicklungen des 19. Jahrhunderts nur schwer zu verstehen. Pius IX. setzte 1870 seine autoritäre Kirchenvision auf dem ersten Vatikanischen Konzil ohne Rücksicht auf Verluste durch.

Das totale Führerprinzip (von oben nach unten) und die neue Doktrin einer unfehlbaren Lehrautorität des Papstes (ex sese - "aus sich heraus") wurden dogmatisiert. Beides sollte die Kirche gegen den gottlosen Verschwörungskomplex der Moderne wappnen.

Konzilseingaben, die mit großer Dringlichkeit weltkirchliche Voten gegen Nationalismus, Imperialismus, Militarismus und Rassismus einklagten, blieben hingegen ungehört. Die autoritäre Kirche profilierte sich hernach bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als ideale Partnerin autoritärer, menschenverachtender Systeme. Die heiligen Befindlichkeiten der Pius-Päpste blieben auf Jahrzehnte hin stets wichtiger als eine unmissverständliche Verurteilung der Massenmord-Apparaturen (Ausnahme: Benedikt XV.).

Ein maßgeblicher Ideengeber für den endgültigen Umbau der Kirche zum geistlichen "Kriegsschiff" im Jahr 1870 war der deutsche Jesuit Joseph Kleutgen (1811-1883), den die oberste Glaubensbehörde noch acht Jahre vor dem Konzil wegen Häresie, Verletzung des Beichtgeheimnisses und seines sexuellen Heuchler-Lebens verurteilt hatte.

Ganz im Sinne dieses innerlich von Angst angetriebenen Fundamentalisten zementierte die Pius-Kirche eine strenge Aufteilung der Christen in Lehrende und Hörende, Befehlende und Gehorchende. Errungenschaften wie Religionsfreiheit, Schutz des individuellen Gewissens, Aufklärung, kritische Forschung und Demokratie wurden zu Irrlehren erklärt.

Als Prototyp rechtspopulistischer Komplexe nutzte die ultramontane - d.h. romfixierte - Kirchenrevolution der Reaktionäre jedoch die Möglichkeiten einer neuen Mobilität (Massenwallfahrten) und alle massenmedialen Instrumente der modernen Zeit (z.B. Fotografie, neue Druckverfahren, gelenkte Zeitungskampagnen, industrielle Devotionalienproduktion, Bindung der Basis durch systematische Gratifikationsverfahren). Somit war es den modern agierenden Antimodernen ein Leichtes, die Massen zu begeistern oder in Erregung zu versetzen.

"Fake-News" statt Historie: Ohnmacht und nationale Fixierung der "Liberalen"

Eine vergleichbare Bildmächtigkeit und geistige Breitenwirkung konnten die kritischen bzw. freiheitlich ausgerichteten Kräfte im Katholizismus des 19. Jahrhunderts nicht erlangen. Sie mussten sich - wie im Märchen von Hase und Igel - auf einen aussichtlosen Wettlauf einlassen:

Im Gefolge der Aufklärung setzten die "Liberalen" auf solide historische und theologische Forschungen. Doch kaum hatten sie mit Gelehrtenfleiß und Ausdauer eine fundierte Expertise erarbeitet, gewannen die klerikalen Strategen im Machtapparat durch Falschzitate und griffige Formeln im Handumdrehen wieder die Oberhand.

Populistische "Fake-News", "alternative Fakten" etc. sind also keine Erfindung von Donald Trump, sondern gehörten schon 1870 zum Werkzeugkasten der "Ultramontanisten". Wenn die Historiker "unsere Doktrin" in Frage stellen, so meinte der englische Papstanbeter Bischof Henry Edward Manning (1808-1892), dann muss das Dogma eben die Geschichte besiegen.

Die kritischen Theologen hatten meist auch keine Gabe, sich leicht verständlich mitzuteilen. Bei Vorträgen gegen einen absoluten Machtanspruch der Hierarchie machten sie mitunter sogar Bekanntschaft mit der Gewalttätigkeit eines aufgehetzten Kirchenvolks.

Zur Kehrseite der gebildeten "Liberalen" gehörte es nun allerdings, dass sie bei ihrem Aufbegehren gegen den römischen Kirchenzentralismus oft von Deutschtum oder Nation sprachen und sich früher "patriotisieren" ließen als die erklärten Romkatholiken. Auch die von manchen Klerikalen vergleichsweise früh entdeckte "Soziale Frage" war bei ihnen kein vordringliches Thema.

Die Reform-Agenda der liberalen Katholiken heute

Die rechtskatholische Internet-Hetzszene, die den Kölner Kardinal Meisner besonders gerne zitierte und in der Zeit des Ratzinger-Pontifikates zur Höchstform auflief, steht in der Tradition der "ultramontanistischen Medienkompetenz" des 19. Jahrhunderts.

Der noch verbliebene "bürgerliche Katholizismus" hierzulande bewegt sich hingegen heute in den Fußstapfen der aufgeklärten und freiheitlich gesonnenen Kritiker des 1. Vatikanums. Seine Laienvertreter im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wollen im Verein mit einer sehr großen Mehrheit der Bischöfe verhindern, dass die katholische Kirche in Europa als Sekte endet.

In einem von Kardinal Müller als "Ermächtigungsgesetz" (!) verunglimpften synodalen Prozess soll neu nachgedacht werden über Machtstrukturen, priesterliche Lebensform, repressive Sexuallehren ohne Wirklichkeitsbezug und das Ende der Ausschließung von Frauen durch die selbstherrlichen Männerbundstrukturen.

Das späte Ringen um Freiheit, Reform und Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland ist auch deshalb wieder möglich geworden, weil Papst Franziskus nicht dem autoritären Paradigma der beiden letzten Pontifikate folgt. Doch wo findet man in diesem liberalen - deutschen - Modernisierungsprogramm die weltkirchliche Agenda: die ökologische Bedrohung der menschlichen Familie, die Kirche der Armen, die Kritik der remilitarisierten Politik und die Absage an jene todbringende Form des Wirtschaftens, von der Deutschland so unendlich viel profitiert?

Die deutsche Bombe: Wie "katholisch" ist Annegret Kramp-Karrenbauer?

Das freiheitliche Anliegen des zum Mainstream gewordenen bundesdeutschen "Reformkatholizismus" ist ohne Abstriche zu loben (und hat erst einmal mit "Nationalkirchlichkeit" rein gar nichts zu tun). Seine stillschweigende, oft unbewusste Begrenzung durch politische nationale Interessenslagen kann man hingegen auch als skandalös bewerten.

Namentlich die Volksparteifunktionäre in den katholischen Laiengremien scheinen dafür zu sorgen, dass man dem Papst in Überlebensfragen von Weltbedeutung nicht wirksam assistiert.

Die Problematik sei an einem neueren Beispiel anschaulich gemacht: Am Karfreitag trägt der Prediger des päpstlichen Hauses vor, eine theologische Doktrin zur Corona-Pandemie sei nicht möglich. Wir könnten jetzt aber die krisenbedingte Sensibilität und Lernbereitschaft dazu nutzen, die Zivilisation von der Last des Kriegskomplexes zu befreien, und die dadurch frei werdenden Ressourcen endlich zur Förderung des menschlichen Leben verwenden. (Waffenproduktionen kann man bekanntlich nicht essen. Ihr Zweck ist die Vernichtung von Leben und die Erzielung hoher Profite.)

Dieser Vorschlag aus Rom beinhaltet den denkbar größten Gegensatz zur Agenda der christdemokratischen Ministerin für das Militärressort, die hierzulande unverdrossen an dem vom US-Imperium vorgegebenen Aufrüstungskurs festhält und sehr erfolgreich damit ist.

Die Sache kommt leider noch schlimmer: Nur kurze Zeit nach der Karfreitagsbotschaft aus dem Vatikan kündigte die Katholikin Annegret Kramp-Karrenbauer an, es würden bald (für insgesamt bis zu 18,5 Milliarden Euro) 93 "Eurofighter"-Maschinen und zusätzlich 30 neue US-Atombomber angeschafft.

Dies ist noch offenkundiger eine geradezu anti-katholische Politik, denn der Bischof von Rom hat sich durch innerkirchliche Beschwichtigungen nicht davon abbringen lassen, schon die Herstellung und Lagerung von atomaren Massenvernichtungsmittel als moralisch verwerflich zu verurteilen, ganz zu schweigen von der einsatzbereiten Aufstellung (wie in Büchel).

Erstaunlicherweise kam der Einspruch gegen den Kurs der deutschen Atombombenteilhabe dann nicht von einer kirchlichen Stimme, sondern vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich.

Erst jetzt meldete sich in Deutschland katholischerseits die Kommission Justitia et Pax zu Wort. Doch das Statement des jungen bischöflichen Vorsitzenden fiel erschreckend zahm aus und kann von der CDU-Militärministerin, die auch Mitglied der ZdK-Vollversammlung ist, ohne Schwierigkeiten wie folgt verstanden werden: Nein, man muss die päpstliche Verdammung nicht sooo wörtlich nehmen, dass wir jetzt etwa sofort und zwar bei uns selber an die Umsetzung herangehen.

Damit sein Statement nicht etwa als Bestätigung für den atombombenkritischen Sozialdemokraten gelesen werden konnte, betonte der deutsche Bischof staatstragend seinen "Zweifel, dass ein deutscher Alleingang uns in der Sache voranbringt".

Also: Macht erstmal einfach weiter so, liebe Atombombenpolitiker*innen. Wartet unterdessen darauf, dass ein Wunder jenseits von "deutschen Alleingängen" geschieht und etwa Frankreich mit ins Boot der Nuklearkritiker kommt.

Der deutsche Katholizismus wird euch jedenfalls erst dann - also am jüngsten Tag - in die Quere kommen, denn er hat bezogen auf Apologie sowie Duldung der Atomwaffen-Szenarien einen jahrzehntelangen Erfahrungsschatz und namentlich auch in seinen Laiengremien ein weites Herz für alles, was die CDU zur Staatsdoktrin erhebt.

Der Abgesang auf das Pontifikat liegt schon in den Redaktionsschubladen

Auf dem Petersplatz zu Rom waren in den letzten sieben Jahren neue Weisen zu hören. Sie betrafen drängende Überlebensfragen der ganzen menschlichen Familie. Doch die Klerikalen und die Liberalen mochten sich gleichermaßen nicht zum Tanz einladen lassen.

Innerkirchliche Reformen und doktrinäre Klärungen, die zu Konflikten zwischen den Flügeln hätten führen können, sind derweil - von einer Fußnote abgesehen - ausgeblieben. Gehört dies lediglich zur Franziskus-Strategie oder ist es ein untrüglicher Beweis dafür, dass der "Papst der Armen" bezogen auf die innerkirchlichen Reformfragen nicht einmal ansatzweise bereit ist, den "Bürgerlichen" bzw. "Liberalen" entgegenzukommen?

Schon 2013 gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass der neugewählte Pontifex aus Argentinien in Fragen des Zölibats oder der fixierten "Sittenlehre" irgendwelche Änderungen beabsichtigte. Daran hat sich bis zur Stunde nichts geändert. In die neue Kommission zur Beurteilung des Frauendiakonates wurde z.B. ein Dogmatiker berufen, der biologistisch die Debatte u.a. mit einem Hinweis auf das fehlende Y-Chromosom der Frauen "bereichert" hat.

Solches finden hierzulande heute auch Katholikinnen aus traditionell geprägten Landgemeinden gruselig. Soll also jene reine Männerbund-Hierarchie, die den Abgrund an sexualisierter Gewalt hervorgebracht hat, unangetastet bleiben, indem Rom die Hälfte der Getauften (jene "ohne Y-Chromosom") aufgrund des Frau-Seins unverdrossen ausschließt? In Europa kann ein solcher Kirchenkurs nur "suizidal" verlaufen, aber zukunftsträchtig ist er nirgendwo auf dem Globus.

Vieles spricht dafür, dass die römische Kirche ohne durchgreifende strukturelle, innere Veränderungen nicht zur "Kirche im zivilisatorischen Ernstfall" und zur Anwältin der Elenden auf dem Globus werden kann. Demnach würde - neben Traditionalisten und "Liberalen" - auch der Papst selbst die Umsetzung der Agenda seines eigenen Pontifikates blockieren?

Die Klerikalen toben und sehen sich unter großem Geschrei als Opfer, weil Franziskus sie mit der Diagnose "spirituelles Alzheimer" konfrontiert hat. In Wirklichkeit ist ihnen aber keine einzige Sache von Gewicht zugemutet worden (vom Entzug bestimmter "Ehrentiteln" und anderem Firlefanz abgesehen).

Auf der anderen Seite hatten die "Liberalen" 2013 aufgeatmet, weil katholische Christ*innen nach zwei autoritären Päpsten wieder Meinungs- und Redefreiheit genießen konnten. Bewegt hat sich in ihrem Sinne über sieben Jahre lang aber so gut wie nichts, soweit es konkrete Reformschauplätze betrifft.

Franziskus verliert mit ihnen seit geraumer Zeit einen durchaus nennenswerten Teil seiner Anhängerschaft. Die bürgerlichen Zeitungen, denen die päpstliche Kapitalismus-Kritik entschieden zu weit geht, schreiben dazu gerne einen entsprechenden Abgesang.

Kann ein 83-jähriger Papst die "fromme Revolte" noch inspirieren?

Kirchenrechtlich (wie dogmatisch) gesehen ist Franziskus von Rom mit einer absoluten Jurisdiktions- und Lehrvollmacht - bis hinein in die letzten Winkel der Weltkirche - ausgestattet. Einerseits scheint hierin auf paradoxe Weise die einzige Möglichkeit zu liegen, eine totale Institution aus ihrer Erstarrung zu lösen.

Andererseits kann und darf ein Papst, der die christliche Botschaft als Befreiung bezeugt, auf das absolutistische Instrumentarium nicht zurückgreifen. Diese Aporie sollte bei der berechtigten Klage über ausbleibende Reformen nie vergessen werden.

Nur wenn die Kirche in Abkehr der zentralistischen Ideologie von 1870 zur Synodalität (Weg der gleichberechtigten Beratschlagung, global-lokal) zurückfindet, kann sie auch bedeutsames Modell für eine ganz andere "Globalisierung" werden, in der eine von außen/oben zentral diktierte Uniformität ersetzt wird durch eine dialogische Verbundenheit freier Lebensräume und Gemeinschaften auf dem ganzen Erdkreis.

Doch unter den gegebenen Voraussetzungen kann eine solche Transformation innerhalb eines einzigen Pontifikates kaum gelingen. Denkbar ist, dass ein durchgreifender Wandel nie oder zu spät kommt. Vermutlich wird Franziskus die Sturmzeit einer inneren Kirchenreform einem jüngeren Nachfolger überlassen müssen, der dann auf jeden Fall ein besser bestelltes Haus vorfinden würde als er selbst bei Amtsantritt.

Doch ist es unbarmherzig, von ihm trotz des fortgeschrittenen Alters noch ein wirklich bedeutsames Zeichen zur "Sendung der Kirche in der Welt" zu erwarten? Katholische Pazifisten haben über Generationen den nationalkirchlichen Irrlehrern gewehrt.

Sie warten weiterhin auf ein päpstliches Grundsatzdokument über die Kraft der aktiven Gewaltfreiheit und das Ende der militärischen Heilslehre. Gewaltfreier Widerstand ist die einzige Revolution, die den Agenten einer aggressiven Ökonomie, die über Leichen geht, Sorge bereitet.

Gerade die Kirche kann durch praxisorientierte Werkstätten auf dem ganzen Globus ihren diakonischen Auftrag erfüllen und dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen - nicht nur Christinnen und Christen - vertraut werden mit der intelligenten Methode einer Veränderung der Verhältnisse ohne Blut und einer wirkungsvollen Verteidigung des Lebens: ohne Mordwaffen, die noch niemals in der Geschichte Gutes bewirkt haben.

Wenn die ökologische Enzyklika "Laudato Si" sich wirklich an eine letzte Generation wendet, die durch Kursänderung unermessliche Leiden der nach uns Kommenden noch abwenden kann, dann darf die katholische Christenheit doch erwarten, dass dies in einem neuen liturgischen "Hochgebet" der gesamten Weltkirche - einer "Messe des Lebens" für das dritte Jahrtausend - auch zur Sprache kommt.

Wenn schließlich schon für die nähere Zukunft Szenarien von rassistischer Barbarei, Genozid und noch brutalerer Grenzregime gegen Migranten wahrscheinlicher werden, dann wäre es doch kein verzichtbarer Luxus, wenn der Bischof von Rom in Gemeinschaft mit allen Ortskirchen, Konfessionen und Religionen auf höchstem Verbindlichkeitsniveau das Dogma der Einen Menschheit bezeugt.

Auf ein solches richtungsweisendes Fest des ganzen Erdkreises für den weiteren Verlauf der menschlichen Geschichte warten die Jungen - und die Alten, die getröstet das Zeitliche segnen wollen, auch.