Der Crash als Lösung?

Matthias Weik und Marc Friedrich halten den Zusammenbruch des Weltfinanzsystems für unvermeidlich

Die Wirtschaftswissenschaftler Matthias Weik und Marc Friedrich veröffentlichten vor zwei Jahren ein Buch über die Finanzkrise, das zum Überraschungserfolg wurde und sich fast zwei Jahre lang in der Bestsellerliste hielt: Der größte Raubzug der Geschichte - Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. In ihrem neuen Buch Der Crash ist die Lösung propagieren sie, dass der große Zusammenbruch des Weltfinanzsystems erst noch kommt und unvermeidlich ist.

Herr Friedrich - wenn Jean-Claude Juncker Präsident der EU-Kommission wird - kommt der finale Crash des Weltfinanzsystems dann früher oder später?
Marc Friedrich: Das ist eine berechtigte Frage. Wenn wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, die zumeist ein guter Ratgeber ist, kann es gut sein, dass er den Zerfallsprozess mit seiner dogmatischen und fast schon fanatischen Politik beschleunigen wird. Seine bisherige "Erfolgsbilanz" als EU-Politiker deutet leider darauf hin, dass er mit allen Mitteln versuchen wird, am Status quo festzuhalten. Und genau dieses Festhalten, das wir in unserem neuen Buch aufgezeigt haben, hat uns in diese desperate Situation gebracht.
Sie propagieren den Crash als Lösung. Wäre eine Lösung ohne Crash nicht doch möglich und vielleicht die bessere Alternative? Den Ersten Weltkrieg erwarteten manche Beobachter ja auch freudig als "reinigendes Gewitter".
Marc Friedrich: Wir haben uns nach unserem ersten Buch auf die Suche begeben, um mögliche Lösungen zu finden. Leider sind wir nach einem Jahr Recherche und vielen Gesprächen zu dem Ergebnis gekommen, dass die andauernde Krise nicht mehr lösbar ist. Auch sehen wir bei den verantwortlichen Protagonisten nicht den Willen oder den Mut, eine Lösung ernsthaft in Erwägung zu ziehen.
Die Politik und die Finanzbranche haben lediglich Hand in Hand die Probleme in die Zukunft verschoben - mit Milliarden und Billionen an Geldern. Damit erkaufte man sich teuer Zeit auf Kosten von uns allen, löste aber die Probleme nicht. Die türmen sich immer weiter auf und werden immer größer und mächtiger.
Leider lernt die Menschheit selten aus der Vergangenheit - und meistens nur durch Scheitern. Es bedarf wohl eines katastrophalen Ereignisses, damit der notwendige Wandel erzwungen wird - siehe zum Beispiel die Energiewende in Deutschland. Ob diese nun richtig oder falsch war, sei mal dahingestellt. Aber erst musste in Japan ein Atomkraftwerk explodieren, bis Frau Merkel ihren Standpunkt der Alternativlosigkeit aufgegeben hat. So bitter es auch sein mag, bedarf es wohl eines finanziellen Fukushimas, damit sich wirklich etwas ändert.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, vergleichen Sie die bisherigen Bankenrettungsmaßnahmen mit Luft, die man in einen löchrigen Ballon pumpt. Den kann man Ihren Worten nach "nicht ewig aufblasen". Warum eigentlich nicht?
Marc Friedrich: Dies wird momentan zweifelslos versucht. Dass dies getan wird, zeigt aber auch, wie desperat und ratlos die Damen und Herren in den oberen Gefilden sind. Sie haben wohl realisiert, dass es keine Lösung gibt und darum wird massiv auf Zeit gespielt - einhergehend mit verheerenden Kollateralschäden.
Das Aufblasen des Ballons wird solange funktionieren, bis eine der etlichen Variablen aus den Fugen gerät und den Ballon schlussendlich zum platzen bringt. Auslöser kann alles Mögliche sein: Das Vertrauen der Menschen in das Geld schwindet, die Inflation kommt in der Realwirtschaft an, die Menschen wollen nicht mehr durch die Niedrigzinsphase enteignet werden und ziehen ihr Geld von den Banken ab oder kündigen ihre Lebensversicherungen, das Schattenbankensystem in China implodiert oder die dortige Kreditblase platzt, eine große Bank kippt um und reißt alle anderen mit sich oder die über 40-50 Prozent arbeitslosen Jugendlichen unter 25 Jahren in Spanien, Italien oder Griechenland gehen auf die Straße und fordern ihr Recht auf Zukunft ein.
Warum ist die Inflation trotz extrem gewachsener Geldmenge bislang ausgeblieben?
Marc Friedrich: Die unglaublichen Geldmengen, die produziert werden, um das Finanzsystem künstlich am Leben zu erhalten, vagabundieren um die Welt und suchen nach lukrativen Anlagemöglichkeiten. Aus diesem Grund sehen wir inflationär aufgeblasene Aktien- und Immobilienmärkte. ein Bild sagt dazu mehr als tausend Worte.
Anhand dieses Charts erkennt man deutlich wie zum Beispiel die Notenbank der USA, die Fed, mit dem Kollaps von Lehman Brothers ihre Bilanz massiv aufblähte, um das ganze System zu stützen - und dann peu à peu den Markt nach oben gehievt hat. Wie in unserem neuen Buch beschrieben, hat die Fed an 85 Prozent aller Handelstage in die Märkte eingegriffen. Das hat mit Kapitalismus nichts mehr zu tun.
Ein Großteil des billigen Geldes kommt gar nicht in der Realwirtschaft an - unter anderem, weil die Banken heute restriktiver bei der Kreditvergabe sind. Die Ausfallsraten von Krediten in den EU-Krisenländern - Griechenland 35%, Italien 10%, Spanien circa 14% et cetera - haben allesamt historische Hochs erreicht und die Banken werden vorsichtiger.
Wir alle bemerken auch schon die Inflation bei den Preisen für Energie, Mieten und Essen.
Wenn - wie Sie in Ihrem Buch ausführen - Konten durch eine Hyperinflation wertlos gemacht, Staatsanleihen mit der CAC-Klausel enteignet und Immobilien mit einer Vermögenssteuer kassiert werden, sollte man dann sein Geld nicht vor allem in Bunker, Waffen, Munition und lang haltbare Lebensmittelvorräte anlegen?
Marc Friedrich: Um Gottes willen, dann ist das Leben nicht mehr lebenswert. Wir sind keine Pessimisten sondern Realisten!
Noch nie war es wichtiger, sich um sein Erspartes Gedanken zu machen und Vorsorge zu betreiben. Ein jeder hat eine andere Vorstellung davon und bereitet sich anders darauf vor. Wir sagen ganz klar, dass wir momentan einen epochalen Wandel erleben. Wir hatten hier vor zwei Jahren das Ende der Kapitallebensversicherung ausgerufen und wurden dafür teilweise scharf angegriffen. Nun wurde die Garantieverzinsung auf 1,25% gesenkt, die Überschüsse werden nicht mehr fair an die Kunden weitergereicht und es ist in der Allgemeinheit angekommen, dass Kapitallebensversicherungen ausgedient haben und keinen Sinn mehr machen.
Wir empfehlen: raus aus Papierwerten und rein in Sachwerte. Damit wird man weniger verlieren als mit Papierwerten. Verlieren werden wir alle. Auch monetär.
Was empfehlen Sie zur Vermeidung neuer Crashs?
Marc Friedrich: Wir brauchen einen gravierenden Wandel, ein komplette Trendumkehr, einen Schnitt - erst dann können wir neue Crashs in Zukunft vermeiden.
Vor allem müssen wir endlich aus der Vergangenheit lernen und Lehren ziehen, Alle Fehler, die zur jetzigen Krise geführt haben, müssen wir im neuen System vermeiden:
Wir brauchen ein neues und gedecktes Geldsystem, die Giralgeldschöpfung der Banken aus dem Nichts muss unterbunden werden, der Zinseszins muss überdacht werden, die Einführung des Trennbankensystems wäre sinnvoll. Wir fordern außerdem, die Verursacherhaftung einzuführen, damit Politiker, Beamte und Manager genauso privat mit Haus und Hof haften müssen wir alle anderen. Damit würden spekulative Exzesse und unverantwortliche Projekte sicherlich vermieden werden.
Steuergeldverschwendung sollte genauso hart bestraft werden wie Steuerhinterziehung. Und die Themen Geld und Altersvorsorge sollten Pflichtfächer in allen Schulen sein. Vor allem moralisch und ethisch muss sich einiges ändern: bei den Banken, in der Politik - aber auch bei uns allen. Wir alle sind Teil der Krise - aber wir alle können auch Teil der Lösung sein.
Wir haben nicht nur eine Finanzkrise. Nein, wir müssen viel tiefer gehen. Wir haben vor allem eine Systemkrise und eine menschliche Krise. Diese ist nicht mit Austeritätspolitik, Rettungspaketen und Geld lösbar. Aus diesem Grund haben wir am Ende unseres Buches auch einen völlig untypischen Stilbruch für ein Sachbuch begangen.
Marc Friedrich und Matthias Weik. Foto: © Christian Stehle, Asperg
Was machen Sie am Ende des Buchs konkret?
Marc Friedrich: Wir gehen auf das Fundament einer jeden Krise ein: auf den Menschen. Um wirklich eine langfristige Wirkung zu haben, müssen wir bei der Bildung ansetzen. Nur wer weiß, wie Geld und Wirtschaft funktionieren, kann sich auch schützen und sinnvoll investieren. Wir zeigen auf, dass wir auf der Wohlstandleiter nach oben vieles verloren haben: Moral, Ethik - und statt miteinander leben wir nur noch nebeneinander. Wir haben uns vom Menschsein zu weit entfernt.
Noch eine Frage zu Ihren theoretischen Grundlagen: Sie berufen sich auf die Kreditexpansionstheorie von Ludwig von Mises, zitieren Ayn Rands Atlas Shrugged - und plädieren für eine stärkere Regulierung des Finanzsystems - wie passt das zusammen?
Marc Friedrich: Wir sind keine Dogmatiker, keiner Politik oder Denkrichtung verpflichtet, sondern Realisten und daran interessiert, zielführende Lösungen zu finden, die zur Besserung führen. Außerdem sind wir felsenfest davon überzeugt, dass es nicht die eierlegende Wollmichsau gibt, sondern dass der Königsweg für das nächste System eine Mischung aus vielen guten Ansätzen aus verschiedenen Denkrichtungen sein wird. Wir möchten Brücken bauen zwischen den verschiedenen Lagern und die Menschen verbinden. Je mehr Menschen an einem Strang ziehen, umso stärker werden wir und umso stabiler das neue System.
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