"Der Dieselmotor ist tot"

Meereseiskonzentration auf dem arktischen Ozean Mitte September 1980 (links) und 2012 (rechts). Ein Bedeckungsgrad von unter 30 Prozent wird nicht angezeigt. Bild: Arctic Climate Research at the University of Illinois, USA

Die Energie- und Klimawochenschau: Von teurem Atomstrom, einer neuen Runde im Abgasskandal und dem Zustand des arktischen Meereises

Die britische Zeitung Guardian berichtet Anfang der Woche von einer Studie, die zu dem Schluss kommt, in Großbritannien könne an Land künftig Windkraftanlagen Strom zum gleichen Preis wie ein neues Gaskraftwerke liefern. Der Strom aus dem geplanten AKW Hinkley Point im Südwesten des Landes werde hingegen fast doppelt so teuer sein.

Dort soll den zukünftigen Betreibern, unter anderem der in argen Schwierigkeiten steckende französische Staatskonzern EDF eine Einspeisevergütung von 0,0925 britische Pfund (11,2 Cent nach derzeitigem Kurs) pro Kilowattstunde bekommen, die über die Garantiezeit von 35 Jahren sogar noch an die Inflation angepasst werden. Für Windfarmen an Land würde es aber reichen, wenn sie ein Abnahmepreis von 0,05 bis 0,055 Pfund (5 bis 6 Cent) pro Kilowattstunde bekommen.

Das reiche, die Investitionsrisiken zu vermindern und Kredite für derlei Vorhaben zu bekommen, gibt die Zeitung die Ansicht des Versorgungsunternehmens Scottish Power wieder. Diese hatte die Studie in Auftrag gegeben und fordert jetzt von der konservativen Regierung in London eine Umkehr. Diese habe es in den letzten Jahren so gut wie unmöglich gemacht, Windkraftanlagen an Land zu errichten, so die Zeitung.

Wirklich überraschend kommt es nicht, nach dem der Abgas-Skandal der Automobilindustrie schon seit fast zwei Jahren seine sich stets weitenden Kreise zieht. In der vergangenen Woche hat der Spiegel nun die Existenz eines Kartells der deutschen Autohersteller BMW, Daimler und VW (incl. Audi und Porsche) aufgedeckt (Bezahlschranke). Die Bundesregierung habe davon erst aus den Medien erfahren, legt das Blatt in seiner Online-Ausgabe nach.

Die Unternehmen sollen die Kartellbehörden selbst informiert haben. Ob das schon eine Selbstanzeige ist, bleibt unklar. Die beschuldigten Unternehmen haben sich bisher nicht in Pressemitteilungen zu dem Vorgang geäußert. Vorgeworfen wird ihnen, organisiert und über einen langen Zeitraum zahlreiche Absprachen getroffen zu haben.

Bereits seit den 1990ern habe man sich in etlichen Dutzend Arbeitskreisen über "Technik, Kosten, Zulieferer, Märkte und Strategien" (Handelsblatt) abgestimmt. Nach einem Bericht des Handelsblatt will die EU-Kommission die Ermittlungen zur Chefsache machen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker habe das Thema für den heutigen Mittwoch auf die Tagesordnung der Kommissionssitzung gesetzt. Dabei sollten alle Aspekte des "Dieselskandals" zusammengetragen werden.

Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), zeigt sich alarmiert. Sollte sich der Verdacht der Kartellabsprachen bestätigen, würde es sich "um vorsätzliche organisierte Verbrauchertäuschung" handeln. Außerdem habe er keinerlei Verständnis dafür, dass der Verbraucherverband nicht beim sogenannten Diesel-Gipfel mit am Tisch sitzt.

Zu diesem bittet die Bundesregierung für den 2. August nach Berlin. Eingeladen sind die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, also jener Länder, in denen der größere Teil der Industrie ansässig ist. Außerdem werden auch die Regierungschefs aus Hamburg und Berlin erwartet, da diese stark von überhöhten Stickoxidwerten (NOx) betroffen sind.

Mit dabei sind des Weiteren die Vorstände von VW, Audi, Porsche, BMW, Daimler, Ford Deutschland und Opel, der Verband der Automobilindustrie (VDA) sowie der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK), der Deutsche Städtetag, die IG Metall und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).

Nicht mit am Tisch sitzen werden hingegen der schon erwähnte vzbv, die Verbraucherschutzminister, Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC). Dieser ist sich offenbar mit dem vzbv einig, dass "die Bundesregierung (...) die Interessen der Verbraucher aus den Augen" verliert, wie ADAC-Vize Ulrich Klaus Becker gegenüber dem Merkur kritisierte. Die DUH hatte schon seit Jahren immer wieder auf die Ungereimtheiten bei den Abgaswerten hingewiesen und auch eigene Messungen in Auftrag gegeben.

Derweil erklärte Ferdinand Dudenhöfer, der an der Universität Duisburg Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft lehrt, den Dieselmotor gegenüber der Berliner Zeitung für tot. Die deutschen Unternehmen, die so sehr wie keine anderen auf diesen Antrieb gesetzt haben, hätten sich mit den Skandalen international um ihre Reputation gebracht.

Seit September 2015 war nach und nach ans Licht gekommen, dass die Wagen zahlreicher in- wie ausländischer Hersteller mehr Stickoxide (NO und NO2 meist als NOx zusammengefasst) emittieren als angegeben und in den Typenzulassungen vorgesehen. Zum Teil ist bereits klar, dass zu diesem Zweck vorsätzlich bordeigene Software manipuliert wurde, sodass die Fahrzeuge auf Prüfständen bessere Werte lieferten als in der Alltagspraxis. Zum Teil, wie im Falle Daimlers, ermittelt aber noch die Staatsanwaltschaft, ob Vorsatz vorlag.

Als für den Verbraucher durchaus kostspieligen Nebeneffekt der Manipulationen darf gelten, dass die Fahrzeuge meist erheblich mehr Kraftstoff verbrauchen, als von den Herstellern angegeben. Entsprechend sind natürlich die Treibhausgasemissionen pro 100 Kilometer deutlich höher, als von der Industrie behauptet. Vermutlich ist hier einer der Gründe zu sehen, weshalb die Treibhausgasemissionen des Straßenverkehrs seit 1990 kaum abgenommen haben und zuletzt sogar wieder gestiegen sind.

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