Der ESC als politisches Stimmungsbarometer

Europa ist zerrissen, Deutschland als europäischer Hegemon der Paria

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist zumindest schon seit Jahren kein Wettstreit um musikalische Qualität mehr, wenn er dies jemals gewesen sein sollte. Die Lieder waren dieses Jahr kaum unterscheidbar, wohltuend ironisch distanziert war vor allem der schwedische Beitrag, die Präsentation wird sowieso immer wichtiger, es geht um eine Art Gesamtkunstwerk, naja, um ein möglichst pompöses Spektakel.

Gefeiert wurde der ESC im Vorfeld mal wieder als eine Europa vereinende Veranstaltung, die mittlerweile auch über Europa hinausgeht und Israel, Aserbeidschan oder Australien einbegreift. Ausgezeichnet wurde der ESC, parallel zur Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus, im Vorfeld mit der Karlsmedaille für europäische Medien, um damit "die Verdienste des Eurovision Song Contests als transnationale beziehungsweise europaübergreifende Veranstaltung" zu würdigen.

Was aber sind die Verdienste? Die Preisverleiher sagen, der ESC habe sich "in besonderer Weise um den Prozess der europäischen Einigung und um die Herausbildung einer europäischen Identität" verdient gemacht, diese also gefördert. Nun kann man schon sagen, dass der ESC ein europäisches Publikum vor dem Bildschirm versammelt, das sich damit wieder einmal jenseits der Politik gewahr wird, wie vielgestaltig Europa ist. Vereint ist man in der Art der Präsentation, nicht unbedingt bei der Musik, da gibt es oft deutliche Unterschiede gerade zwischen Ost und West, und auch nicht bei der Selbstdarstellung der Künstler. Auch hier haben der Osten und der Westen unterschiedliche Stile.

Wie schon letztes Jahr ist auch, ist vor allem die Haltung gegenüber Deutschland und in Bezug auf Russland auffällig. Deutschland hat sich wirtschaftlich und politisch als Machtzentrum innerhalb Europas positioniert, aber es wird deutlich, dass die Menschen in Ost- und Westeuropa und auch die Jurys aus diesen Ländern wohl eben dies abstrafen. Musikalisch oder in der Präsentation ist es nicht wirklich begründbar, dass die deutsche Kandidatin dieses Mal zwar ein paar Punkte mehr als letztes Jahr erhalten hat, aber wieder auf dem letzten Platz gelandet ist. Letztlich wurde sie von allen anderen Ländern geschnitten. Da muss niemand beleidigt reagieren, vielmehr sollten die deutsche Politik, aber auch die deutsche Wirtschaft und die Medien aufhorchen, dass hier irgendetwas in der europäischen Grundstimmung nicht mehr stimmig ist, dass Deutschland innerhalb Europas zum Paria wird, eben zu einem halben Hegemon, dessen Macht zähneknirschend erduldet wird, aber den man nicht mag und möglichst boykottiert.

Das dürfte im Osten, im Westen, im Süden und im Norden Europas unterschiedliche Gründe haben, denen man nachgehen sollte, wenn man den ESC als einen Seismographen akzeptiert, der eine politische Stimmung ausdrückt, vielleicht sollte man auch sagen: eine nationalistische. Das zeigt sich auch bei den Siegern. Nach den Jurys hätte Australien gewonnen, ein neutrales Land. Doch mit dem Voting der Zuschauer blieb zwar Australien auf dem zweiten Platz, aber es schob sich die Konkurrenz zwischen der Ukraine und Russland in den Vordergrund. Damit wurde auch die politische Orientierung justiert - zwischen dem transatlantischen, der USA und der Nato zugewandten Lager, das gegen Russland Stellung bezieht und sich aufrüstet, verstärkt durch die Lage in der Ukraine, die "russische Aggression" und die Übernahme der Krim durch Russland, und dem Lager, das entweder ein Bündnis mit Russland sucht, die Nato-Aggression kritisiert oder die Konfrontation zwischen Osten und West nicht wünscht.

Die Ukraine hat mit einem politischen, sehr pathetischen und zum Kitschigen tendierenden Statement am meisten Stimmen auf sich vereinigen können. Aber der ESC zeigt auch, dass Europa zerrissen ist, schließlich haben auch viele Russland favorisiert, dessen Beitrag ziemlich langweilig und konventionell war, höchstens durch Präsentationsschnickschnack punktete. Aber es waren sicher nicht die Songs, die für die Gewichtung verantwortlich waren, sondern es ging um die politische Aussage für oder gegen Russland.

Was Deutschland angeht, ist die Entscheidung eindeutig. Keiner mag es. Mit Jamie-Lee hat es nichts zu tun. Sollte sich die deutsche Politik und die politische Lage in Europa nicht verändern, wäre vielleicht ein guter Rat für das nächste Mal an mögliche Kandidaten, sich nicht stellvertretend zum Sündenbock machen zu lassen. Und Merkel, Schäuble und Gabriel sollten einmal in sich gehen, ob die Austeritätspolitik wirklich das Gelbe vom Ei ist, ob die Flüchtlingspolitik mit allen Schlenkern und jetzt der Huldigung von Erdogans Türkei im Gegensatz zu den Regierungen, die auf Grenzen setzen, optimal ist und ob es nicht an der Zeit wäre, sich gegenüber der USA einmal richtig und eindeutig zu positionieren. (Florian Rötzer)

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