Der Einfluss der WM auf die Börsenkurse

Niederlagen von Nationalmannschaften im Fußball mindern nach einer Untersuchung von Wissenschaftlern kurzzeitig die Aktienwerte auf den nationalen Börsen des jeweiligen Teams

Die deutsche Fußballmannschaft muss sich anstrengen. Nicht nur weil das Volk einen Sieg und damit auch sich selbst feiern will, sondern auch aus volkswirtschaftlichen Gründen. Verliert die Mannschaft droht der deutschen Wirtschaft, die vor dem nächsten Steuererhöhungsschock gerade wieder ein wenig angesprungen ist, schön der nächste Knick. Das meinen zumindest Wissenschaftler, die sich die Folgen von Niederlagen in der WM in den Aktienmärkten einmal näher angeschaut haben.

Die WM erzeugt nationale Stimmungen der Begeisterung, wenn die Nationalmannschaft siegt. Aber wenn sie verliert?

Nach den Analysen von Alex Edmans vom MIT, Diego Garcia vom Dartmouth College und Oeyvind Norli von der norwegischen Managementschule in Sports sentiment and stock returns, erschienen im Journal of Finance, hat die Erregung der Massen, die in den Stadien und vor den Bildschirmen ihre jeweiligen nationalen Mannschaften bejubeln und mit ihnen mitfiebern, auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Verliert die Nationalmannschaft in der Weltmeisterschaft, geht das am darauf folgenden Tag oder, falls sie am Freitag oder Samstag stattgefunden haben, am nächsten Montag mit einer Einbuße von durchschnittlich 0,38 Prozent der nationalen Aktienkurse einher. Das klingt wenig, macht aber doch einige Milliarden Dollar aus, die volkswirtschaftlich schnell verloren sein können. Betroffen sind vor allem kleinere Aktienwerte, die auch eher lokal sind, so dass sich bei ihnen nationale Stimmungen auch stärker auswirken müssen. Und die Verluste sind größer, je wichtiger die Spiele sind, also am höchsten bei der Weltmeisterschaft.

Ab dem Achtelfinale während der Knockout-Runde fallen die Aktien, wenn eine Mannschaft verliert, in deren Land sogar durchschnittlich um 0,49 Prozent. Im Fall von England hätten Ende 2005 0,40 Prozent des britischen Aktienmarktes 11,5 Milliarden Dollar ausgemacht, die den Aktienbesitzern verloren gegangen wären. Ein Ausscheiden in der Qualifizierungsrunde für die Weltmeisterschaft hinterlässt hingegen kaum Spuren.

Für ihren Bericht haben die Wissenschaftler letztes Jahr die Aktienkurse von 39 Ländern, in denen Fußball gespielt wird, vor der Weltmeisterschaft und anderen internationalen Begegnungen zwischen Januar 1973 und Dezember 2004 analysiert. Ausgangsannahme für ihre Untersuchung war, dass der Markt von den Gefühlen der Menschen beeinflusst wird und dass es eine enge Beziehung zwischen Ergebnissen im Sport und Stimmungen gibt. Ähnliches lässt sich daher, wie die Wissenschaftler ebenfalls nachzuweisen versucht haben, auch bei anderen Sportarten wie Rugby, Eishockey, Kricket oder Basketball zeigen, wobei allerdings die Verluste kleiner und damit offenbar die Gefühle vieler Menschen in den jeweiligen Ländern, in denen diese wichtig sind, nicht so betroffen sind. Fußball hingegen wird als nationale Sache verstanden und erlebt.

Die Wissenschaftler haben versucht, die durch Gefühle der Investoren bedingte Verluste von denjenigen zu unterscheiden, die rational aufgrund eines verlorenen Spiels etwa in Form von geringeren Umsätzen im Konsum, sinkenden Verkäufen von Fanprodukten oder weniger Werbung, aber auch durch geringere Handelstätigkeit am Tag nach dem Spiel eintreten können. All das kann die Folgen eines verlorenen Fußballspiels auf die nationalen Aktienmärkte nicht erklären. Interessant ist dann freilich, ob sich die Ergebnisse der Analyse auch in eine gewinnbringende Strategie umsetzen, die sich die erwartbaren Verluste zunutze machen würde. Die Wissenschaftler glauben allerdings, dass solche Ereignisse zu wenig oft stattfinden und die Aktienkurse von kleineren Unternehmen betreffen, was eine gezielte Ausbeutung unwahrscheinlich mache.

Interessant ist natürlich auch, dass zwar Niederlagen auch im nationalen Aktienmarkt zu spüren sind, Siege aber keine Folgen zu haben scheinen. Das würde etwa bedeuten, dass Deutschland, wenn es denn die Weltmeisterschaft gewinnen sollte, durch die bessere Stimmung keinen wirtschaftlichen Schub erhalten würde, aber ein Verlust durchaus spürbare Folgen haben könnte. Aber wer nicht verlieren will, muss eben gewinnen. Ein Sieg müsste sich aber kurz darauf nicht messbar ökonomisch niederschlagen, sondern könnte durch gehobene Stimmung langfristigere Folgen zeigen. Das scheint zumindest die Hoffnung der Bundeskanzlerin zu sein, die am Donnerstag im Bundestag in der Generaldebatte um die Erwähnung der Weltmeisterschaft nicht herumkam und auch die Deutschlandspiele besuchte, um selbst von der Stimmung zu profitieren:

Wenn ich sehe, welches Potential an Begeisterung und Fröhlichkeit in diesem Lande steckt, wenn ich sehe, wie andere von außen auf uns in diesen Tagen schauen, dann wird mir nicht bange, dass dieses Land auch die Herausforderungen meistert, vor denen wir insgesamt stehen.

(Florian Rötzer)

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