Der Einfluss des Wohnviertels auf die kognitiven Fähigkeiten

Nach einer Langzeitstudie zur Entwicklung von Kindern in Chicago behindert das Leben in sehr benachteiligten Stadtvierteln die sprachliche Entwicklung und damit die künftigen Chancen von Kindern

Soziologen der Harvard Universität sprechen von einem "ökologischen Risiko" für Gruppen, die in benachteiligten Wohnvierteln leben. Sprachliche Kompetenz bei Kindern gilt weithin nicht nur als wichtige Voraussetzung für andere kognitive Fähigkeiten, sondern auch als Indikator, dass diese als Erwachsene gesellschaftliche gute Chancen haben, eine gute Bildung erlangen, Kriminalität vermeiden und gesund sind. Wer in besonders benachteiligten, armen Wohnvierteln aufwächst, spricht aufgrund mehrerer, sich in ihrer Wirkung addierender Faktoren meist schlechter und fällt auch im IQ hinter Kindern aus besseren Vierteln zurück. So wird, argumentieren die Soziologen gegen die Verfechter der angeborenen Intelligenz, über das Aufwachsen in bestimmten Umgebungen die Benachteiligung gesellschaftlich vererbt.

Für ihre Studie, die in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of National Academy of Sciences (www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0710189104) erschienen ist, haben die Soziologen Daten von über 2.000 Schülern, die in Chicago leben, im Alter zwischen 6 und 12 Jahren zwischen 1994 und 2003 auf bestimmte Eigenschaften wie sprachliche Kompetenz untersucht. Sie und ihre Eltern wurden jeweils dreimal im Abstand von zwei Jahren befragt, die Kinder füllten Tests aus. Auch wenn die Kinder aus dem Wohnviertel oder der Stadt weggezogen sind, wurden sie weiterhin in die Langzeitstudie einbezogen, um den Einfluss des Wohnviertels auf die kognitiven Fähigkeiten zu untersuchen, was bislang kaum gemacht worden sei. Wichtig für die Studie war etwa, ob die räumliche Mobilität, wenn Familien von einem Viertel in ein anderes ziehen, sich auf die kognitiven Fähigkeiten niederschlägt. Die Kinder wurden zufällig ausgewählt, ihre Verteilung war repräsentativ für die Wohnviertel im Zentrum Chicagos (16% europäisch-amerikanische Kinder, 35% afroamerikanische und 43% Latinos).

Sehr benachteiligte Wohnviertel werden von den Soziologen durch sechs Merkmale charakterisiert: Armut, Arbeitslosigkeit, alleinerziehende Mütter, ethnische Zusammensetzung (Anteil der Schwarzen), Sozialhilfe und Anzahl der Kinder. Sie machen das untere Viertel der Stadtteile aus. Auffällig sei, dass in Chicago keine weißen und auch kaum Latino-Kinder in sehr benachteiligten Wohnvierteln leben. Das sei auch so, wenn man den ethnischen Faktor herausnehme. 30 Prozent der afroamerikanischen Haushalte leben in sehr benachteiligten Stadtvierteln, 0 Prozent Weiße, 1 Prozent Latinos. In allen der sechs Merkmale schneiden die Schwarzen schlechter ab auch wenn die Unterschiede im Hinblick auf Armut oder der Anzahl der Kinder relativ gering sind. Im Vergleich leben 97 Prozent der schwarzen Haushalte in sehr benachteiligten Wohngegenden, 20 Prozent der Weißen und 64 Prozent der Latinos.

Ethnische Herkunft und Armut seien so, wie in den meisten US-Städten, ökologisch verknüpft. Daraus ergibt sich aber auch die Schwierigkeit, schwarze mit weißen und Latino-Kindern wirklich vergleichen zu können, weil die Ausgangslage so verschieden ist. Aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit konzentrierten sich die Soziologen für die Analyse der Auswirkungen des Lebens in sehr benachteiligten Wohnvierteln auf die schwarzen Kinder.

Zu Beginn haben die schwarzen Kinder bei der Sprachfähigkeit keinen Nachteil. Sie liegen mit 1,25 Punkten im IQ-Test über dem Durchschnitt, die Latinos 3 Punkte darunter, die weißen fast 10 Punkte darüber. Mit der Zeit wächst die Sprachkompetenz aber relativ bei den schwarzen Kindern langsamer und liegt bei der zweiten Überprüfung bereits 3,5 Punkte, nach der dritten gar um 7 Punkte unter dem Beginn. Auch wenn die Sprachkompetenz der Kontrollgruppe von schwarzen Kindern auch abfiel, so verhindert der Wegzug in ein besseres Wohnviertel ein weiteres Abrutschen, das dann ziemlich scharf bei denen auftritt, die in den sehr benachteiligten Wohnvierteln weiter leben. Auf der Grundlage dieser Daten wirkt sich das Leben in sehr benachteiligten Wohnvierteln nicht sofort aus, sondern verstärkt erst durch längeren Aufenthalt die kognitive Benachteiligung.

Das Leben in sehr benachteiligten Wohnvierteln hat langanhaltende negative Folgen für die kognitive Entwicklung der Kinder, so die Wissenschaftler in ihrem Resümee. Innerhalb von sieben Jahren sei dieser Einfluss damit vergleichbar, mindestens ein Jahr weniger in die Schule gegangen zu sein.

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