Der Elvis des Massenmords

Charles Manson und die Tate-LaBianca-Morde

Charles Manson, „the most dangerous man alive“, lässt Amerika nicht zur Ruhe kommen. Jetzt wurde im Tal des Todes wieder einmal nach den Leichen seiner Opfer gesucht, die er dort vergraben haben soll. Und Susan Atkins steht wieder weltweit in der Zeitung, weil sie an einem Gehirntumor erkrankt ist und darum bittet, in Freiheit sterben zu dürfen.

Er steht hinter schusssicherem Glas im Bezirksgefängnis von Los Angeles […]. Er legt eine Hand mit der Handfläche an das Glas. Eine merkwürdige Geste. Eigenartig. Die Knochen selbst scheinen sich zu verbiegen. Er verrenkt seinen Körper mit der Kontrolle eines Fakirs – in eine Gestalt, die nicht menschlich ist. Sein Skelett scheint wie aus Gummi zu sein, unzerbrechlich; verblüffend. Die kleinen Hände, die dünnen länglichen Finger mit langen, rechteckig abgefeilten Nägeln, quetschen sich plötzlich ineinander. Sie bewegen sich schützend über den Körper, verknoten sich vor der Brust. Er kauert sich hin (das ist ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er Wirkung erzielen will), und dabei macht er das hässlichste aller möglichen Gesichter: die Wangenknochen selbst biegen sich nach oben, mit einem heftigen Ruck, während sich die Augenbrauen mürrisch nach unten in Falten legen; das ganze Gesicht faltet sich in sich selbst zusammen. Es dauert nur einen Moment, und die Haut ist ein gummiartiges Etwas, das sich ganz eng zusammenzieht, sich strafft wie die Bespannung einer Trommel. Die Augäpfel sehen aus wie nach innen gesaugt, und genau da sind auch die sehr eindringlichen Konturen seines Schädels. Man ist schockiert. Er ist ein Monster.

Der unheimliche Gummimensch, den John Gilmore und Ron Kenner da beschreiben (in ihrem Buch The Garbage People), wurde am 12. Oktober 1969, dem Geburtstag von Aleister Crowley, verhaftet. Bei der groß angelegten Razzia auf der Barker Ranch, am Rand des Death Valley Nationalparks, wurden vor ihm bereits viele seiner Anhänger („The Family“) festgenommen. Die Ranch ist ein schmuckloses, aus Steinen und Mörtel zusammengefügtes, L-förmiges Haus mit ein paar Räumen und einem blauen Badezimmer mit einer aus Beton gegossenen Wanne und einem blauen Waschbecken. In das Badezimmer warf einer der Polizisten, Officer Pursell, in den Abendstunden dieses 12. Oktober noch einmal einen Blick. Im Schein seiner Kerze sah er Haare, die aus einem kleinen Schränkchen unter dem Waschbecken hervorstanden. In dem Schränkchen saß, die Knie unter dem Kinn, ein Mann. Während er sich langsam aus dem Schränkchen heraus wand, stellte er sich vor: „Hi, ich bin Charlie Manson“.

Charles Miles Manson hat es seitdem weit gebracht. Er ist, möglichst neutral formuliert, zum amerikanischen Mythos geworden – oder, weniger neutral, zur Verkörperung des Bösen. Der Schwarze Mann. Manson wird schon deshalb nie mehr freikommen, weil er stellvertretend für ein amerikanisches Trauma steht, das mit ihm im Gefängnis sterben soll. So wirkt es auch wie ein versuchter Exorzismus, wenn jetzt wieder einmal rund um die Barker Ranch nach Leichen gesucht wurde, die Manson und die Family dort vergraben haben sollen (24, heißt es, oder 30, oder auch noch mehr). Das ist wie in Geistergeschichten. Die Opfer der Vergangenheit müssen gefunden, identifiziert und in geheiligter Erde beigesetzt werden. Erst dann ist der Fluch gebannt. Bis dahin wird der Sheriff von Inyo County damit leben müssen, dass von finsteren Mächten, Okkultismus und jedenfalls von Charles Manson mit Familie geraunt wird, wenn in seinem Bezirk Mysteriöses geschieht wie 1996, als vier deutsche Touristen in der Nähe der Barker Ranch spurlos verschwanden.

The Big Dig

Vielleicht wäre die Barker Ranch selbst dann ein gruseliger Ort, wenn es Manson nie gegeben hätte (wer könnte das jetzt noch sagen?). Man erreicht sie nur mit vierradgetriebenen Fahrzeugen, und auch das ist schwierig. Auf einer unbefestigten Serpentinenstraße geht es fünf Meilen den Goler Wash hinauf, einen engen, felsigen Canyon in der Panamint-Bergkette. 1969 gab es da ein paar Goldsucher (das Wort wash bezeichnet eine geologische Auswaschung, aber auch die goldhaltige Erde), von denen einer L. Ron Hubbard gelesen hatte, weshalb Manson ihm magische Kräfte zuschrieb und sich von den Scientologen verfolgt fühlte. Heute trifft man dort v.a. auf Chuckwallas (Leopardgeckos) und wilde Burros, kleine Packesel.

Den Anstoß zu den neuerlichen Grabungen gab Detective Paul Dostie, der in der Kleinstadt Mammoth Lakes Verbrechen untersucht und wohl davon träumt, als Held der Aufklärung in die Kriminalgeschichte einzugehen. Dostie besitzt einen schwarzen Labrador namens Buster. Buster ist ein Leichenspürhund. Im Februar dieses Jahres schien er an zwei Stellen der Barker Ranch fündig geworden zu sein. Andere Spürhunde gerieten an denselben Stellen in einen Erregungszustand. Im Mai begann dann „The Big Dig“. Dostie ließ wissen, dass er mit der Aktion seine Reputation aufs Spiel setze. Soweit sich das ermitteln ließ, hat er besonders den Ruf, bei seinen Fällen gern Wissenschaftler aller möglichen Fachrichtungen hinzuzuziehen. Auf der Barker Ranch waren das: Ethnologen der University of Tennessee; ein Archäologe der Universität Long Beach; Forensik-Experten des Generalstaatsanwalts von Utah; und ein Team eines privaten Kriminallabors aus Virginia. Natürlich hatten sie die neuesten Geräte mit dabei. Und Bill Lutze, der Sheriff von Inyo County, bereitete in Erwartung eines großen Medienansturms eine Presseerklärung vor:

Das ist so wie in der Fernsehserie CSI. Ein Teil dieser Ausrüstung ist so sehr auf dem allerletzten Stand, dass man sie auf dem freien Markt noch gar nicht kaufen kann. Dieser Fall wird die Art, wie Polizeibehörden Tatorte im offenen Gelände untersuchen, auf dramatische Weise verändern.

Charles Manson. Bild State of California

Hier die wesentlichen Funde: Eine Patronenhülse Kaliber 38, die erst seit kurzem da herumlag sowie das unterirdische Nest einer Buschratte. Bei einer der insgesamt vier untersuchten Stellen entdeckte man außerdem Tierknochen, eine Aschegrube und einige Steine, die zum Herstellen von Pfeilspitzen verwendet wurden. Das lässt darauf schließen, dass hier irgendwann Indianer gelebt haben. Weitere archäologische Untersuchungen sollen folgen. Die auf vier Tage veranschlagten Grabungen wurden vorzeitig abgebrochen. Offenbar gibt es auf der Barker Ranch magnethaltige Steine und Pflanzen, die seltene Chemikalien freisetzen. Darunter litt die Messgenauigkeit der hochmodernen Geräte. Die Erkenntnisse eines Herrn vom Nationalen Forschungsinstitut in Oak Ridge lassen sich so zusammenfassen: Probieren geht über Studieren. Zufrieden scheint nur Rock Novak zu sein, der in seinem Laden in der Geisterstadt Ballarat Mineralien, alte Flaschen und Erfrischungsgetränke verkauft. Er wurde mehr Manson-T-Shirts los als sonst um diese Jahreszeit.

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