Der Erreger, dessen Übertragungsweg die Mediziner nicht verstehen

Coronavirus mit kranzförmig angeordneten S-Protein-Peplomeren. Grafik: Gemeinfrei. Bearbeitung: TP

Außer in China wurden inzwischen auch in Thailand, Japan und Südkorea 2019-Novel-Coronavirus-Fälle registriert

Das am 7. Januar vom chinesischen Virologen Xu Jianguo entdeckte 2019-novel Coronavirus ist inzwischen außer in China auch in drei weiteren asiatischen Ländern aufgetaucht: Bei einem Auslandschinesen in der japanischen Provinz Kanagawa, bei zwei Frauen in Thailand und bei einer Frau im südkoreanischen Incheon, die gestern unter Quarantäne gestellt wurde. Alle vier Erkrankten hatten sich vorher in der zentralchinesischen Elf-Millionen-Stadt Wuhan aufgehalten.

Dort wurden am Wochenende 136 neue Erkrankte im Alter zwischen 25 und 89 Jahren registriert. Von den nun insgesamt 198 Infizierten in dieser Metropole starben bislang drei - der vorerst letzte erst gestern. Neun weitere, die sich in einem sehr kritischen Zustand befinden, könnten folgen. Bei weiteren 35 ist der Zustand kritisch, bei 126 stabil. Und 25 der Angesteckten geht es schon wieder so gut, dass sie als geheilt gelten. In anderen chinesischen Städten ist der Erreger bislang nur bei drei Personen festgestellt worden, die kurz vorher in Wuhan waren.

Englisches Computermodell deutet auf noch mehr Infizierte hin

Das MRC Centre for Global Infectious Disease Analysis am Londoner Imperial College vermutet allerdings, dass es noch mehr Infizierte gibt, nämlich über 1.700. Auf diese Größenordnung kommen die Forscher dort mittels einer Computeranalyse, für die sie ihre Software mit Daten wie den drei bis Samstag im Ausland entdeckten Kranken und den 3.400 durchschnittlichen täglichen Auslandsflügen der 19 Millionen Menschen in der Metropolregion Wuhan fütterten. Angesichts dessen, dass die Symptome bei leichtem Verlauf auch mit denen einer (gerade zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlichen) Erkältung verwechselt werden können, scheint das zumindest möglich.

Bei Passagieren aus Wuhan misst man mittlerweile an den Flughäfen in Singapur, Hongkong, Kuala Lumpur, Bangkok, San Francisco, Los Angeles und New York vorsorglich die Körpertemperatur. Man weiß nämlich noch nicht, wie die Übertragung des Erregers vor sich geht. Die Spur der ersten Erkrankten ließ sich noch zum (inzwischen geschlossenen) Huanan-Fischmarkt zurückverfolgen, weshalb die Mediziner erst glaubten, der Weg ginge nur über den Kontakt mit dort gehandelten Lebensmitteln.

Bei den vier Erkrankten im Ausland war jedoch kein solcher Kontakt feststellbar, weshalb inzwischen auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch nicht mehr ausgeschlossen wird. Auch deshalb, weil der Erkrankte in Japan seinen eigenen Schilderungen nach zwar nicht auf dem Fischmarkt war, aber Kontakt zu einem möglicherweise Infizierten in Wuhan gehabt haben könnte. Auch bei einem Ehepaar aus Wuhan, bei dem beide Partner erkrankten, war nur einer auf dem mit der Ansteckung assoziierten Gelände.

Von der Fledermaus?

Coronaviren, die wegen ihrer kranzförmig angeordneten S-Protein-Peplomere so heißen, sind genetisch hochvariabel und dafür bekannt, Artenbarrieren zu durchbrechen. Bei unterschiedlichen Spezies lösen sie dann unterschiedliche Symptome aus. Phylogenetisch ähnelt Xu Jianguos 2019-Novel Coronavirus-Isolat nicht etwa (wie man wegen des Fischmarkts annehmen könnte) Coronaviren von Fischen, sondern von Fledermäusen. Manche Beobachter bringen das damit in Verbindung, dass auf dem Markt auch andere Tiere angeboten wurden - der BBC zufolge auch Fledermäuse, die Bestandteil der Küchen in Indonesien, Thailand, Laos, Vietnam und Teilen Chinas, Japans, des Pazifikraums und Afrikas sind.

Eine weitere Ähnlichkeit weist das 2019-Novel-Coronavirus zum Sars-Virus auf, das 2002 vom Larvenroller auf den Menschen übersprang und in China und weiteren 36 Ländern insgesamt 8.098 Menschen infizierte und 774 tötete (vgl. SARS - Angst vor dem Ungewissen). Dem Ausbruch dieser durch Tröpfchen übertragbaren Krankheit bekam man wieder unter Kontrolle: Seit Mai 2004 sind keine neuen Ansteckungen mehr bekannt. Acht Jahre später sprang dann aber auf der arabischen Halbinsel das Mers-Virus vom Dromedar auf den Menschen über und tötete 858 von bislang 2.494 Infizierten. (Peter Mühlbauer)