Der Erregungszustand von Millionen Besuchern deutscher Fußgängerzonen

Augenkameras, Gesichtserkennung und Ermittler

Offener Brief an Axel E. Fischer, CDU, den Vorsitzenden der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft.

Lieber Axel E. Fischer,

im Frühjahr hatte ich Sie um ein Interview gebeten. Daraufhin haben Sie mich wissen lassen:

Bitte beachten Sie, dass E-Mails nur dann bearbeitet werden, wenn die E-Mail mit Namen und Anschrift versehen ist, damit der Absender eindeutig ermittelt werden kann. Bitte teilen Sie die noch fehlenden Angaben mit.

"Ermittelt" - Die Vokabel hat mich stutzig gemacht: Ich kenne sie eigentlich nur im Zusammenhang mit strafrechtlich relevanten Vorwürfen?! Oder halten Sie alle Journalisten für Kriminelle, die nichts anderes im Sinn haben, als einem ehrbaren Politiker wie Ihnen ans Fell zu gehen?

Ich hatte geantwortet, dass Name und Anschrift am Ende einer Mail leicht geändert werden könnten und insofern zur "Ermittlung" der Identität eines Gesprächspartners reichlich ungeeignet seien. Stattdessen hatte ich meine elektronische Signatur beigefügt und im Gegenzug um Ihre gebeten. Leider scheinen auch diese Angaben für Sie nicht hilfreich gewesen zu sein und Sie haben den Kontakt zu meinem Bedauern abgebrochen.

Ich muß natürlich zugestehen: Das Thema "elektronische Signatur" ist nicht so leicht in einer der "Axel E. Fischer fordert"-Formeln unterzubringen, mit denen Ihre Fans Sie berühmt gemacht haben, nachdem Sie 2010 das Vermummungsverbot im Internet gefordert hatten.

Aber - juhuuu!! - es gibt auch in der Informationsgesellschaft die Möglichkeit, seine Identität nachzuweisen. Und das nicht nur mit diesem schwierigen Krypto-Zeugs, sondern auf umgangssprachliche, für jedermann/frau leicht verständliche Art und Weise. Eine wurde jetzt bei der Berliner Polizei eingeführt.

DemoApps

Seit einigen Tagen müssen Berliner Polizisten beschriftet Dienst schieben: Entweder der Name oder die Dienstnummer müssen künftig auf einem Schild am Revers angebracht sein. Also jedenfalls solange die Damen und Herren keine Pullis tauschen (wie die Herren beim Fußball) ist jegliche Verwechslung ausgeschlossen! Jetzt jedenfalls wissen die Bürger wenigstens, mit wem sie es bei der Polizei zu tun haben.

Wobei das Namensschildchen ja eigentlich ein wenig anachronistisch ist im Informationszeitalter - da muß man ja den Namen erst mal abschreiben und weitere Personalien ermitteln, um die netten Leute dann - etwa nach der Demo gegen den Flughafen Schönefeld - zu Hause besuchen zu können! Ich finde, ein solcher Medienbruch ist einer e-Gesellschaft unwürdig. Könnten Sie da nicht mal fordern, eine "DemoApp" zu entwickeln, mit deren Hilfe sich die anwesenden Demonstranten mit den Polizisten dann ein wenig vernetzen können?

Augenkameras

Womöglich aber haben Sie aber auch schon den nächsten Schritt in der IT-Evolution im Blick: Die Gesichtserkennung. Gesichter zu erkennen gibt’s ja schon reichlich - etwa in Bahnhöfen, Flughäfen, Banken, Tankstellen, Einkaufszentren und den Umkleidekabinen von Jeans-Hersteller Diesel - die Kameras sind dort jedenfalls bereits installiert. Und es scheint für die Hobbyfotografen keinerlei Schamgrenze bei der Auswahl der Motive zu geben: Die ECE Gruppe verfolgt ihre Kunden bis aufs Klo. Die Bundespolizei setzt mit Kameras bewaffnete Flugdrohnen ein.

Die Gesellschaft für Informatik hält es für denkbar, dass solche Flugdrohnen künftig die Politessen ersetzen und Falschparker oder illegale FKK-Bader ermitteln könnten. Und die Vertriebsdirektion Hannover der Deutschen Post schlug einem Kunden vor, "mit einem Augenkamera-Test seine Werbemittel untersuchen zu lassen". Zur Erklärung: Die Post will die Reaktion von Fußgängern auf ein Plakat oder ein Schaufenster ermitteln.

Mit solcher Technik kennt sich der Designer Andreas Weishaupt aus. In einer Broschüre [PDF]) erklärt er die "Leistungsfähigkeit" von Litfaßsäulen:

Augenkameras registrieren die Veränderung der Pupillen der Versuchspersonen beim Betrachten eines Plakates. Aus diesen Veränderungen lesen die Forscher ab, wie aufmerksam das Gesehene registriert wird. Einen zusätzlichen Effekt haben die Beobachtungen mit den Augenkameras für den Gestalter: Weil der Blick und der Wahrnehmungsverlauf des Probanden erfasst wird, können wichtige und unwichtige Gestaltungsdetails ausgemacht werden.

Zustände

Mit anderen Worten: Demnächst ist der Erregungszustand von Millionen Besuchern deutscher Fußgängerzonen öffentlich bekannt. Das läßt sich prima kombinieren: Diesel zum Beispiel dient "seine" Aufnahmen aus den Umkleidekabinen konsequent der Facebook-Weltöffentlichkeit an. Warum also nicht auch gleich noch die Reaktion anderer Kunden auf die anprobierten Klamotten feststellen und veröffentlichen?

"juuuport.de" erklärt, wie das Erkennen der Personen auf den hochgeladenen Bilder im Reich des Mark Zuckerberg funktioniert:

Beim Autotagging werden Fotos beim Hochladen auf Facebook automatisch gescannt und mit den Gesichtern der Freunde abgeglichen. Nach dem Hochladen schlägt Facebook dann automatisch Freunde vor, die sich auf dem Foto befinden. Wenn Freunde dich auf einem Foto markieren, wirst du vorher nicht vom System um dein Einverständnis gebeten. Es ist allerdings möglich, eine Markierung von dir zu löschen. Dafür klickst du auf "Markierung entfernen". Den Link findest du unter dem jeweiligen Foto neben deinem Namen, in der Zeile "Auf diesem Foto".

Das sind Aussichten! - Da könnten jetzt alle Bildersammler die Ergebnisse ihrer Beobachtungen zu Facebook einsenden, um die Verdächtigen zu deanonymisieren?! Womöglich finanziert ja Facebook demnächst auch Schlafzimmerkameras?! Sie könnten dann mit "Axel E. Fischer, CDU, fordert Maut für Verkehr im Schlafzimmer" Schlagzeilen machen!

Lieber Axel E. Fischer: Wie Sie sehen, brechen paradiesische Zeiten für Ermittler wie Sie an. Aber vergessen Sie Ihre Tarnkappe nicht, wenn Sie auf die Jagd gehen! (Joachim Jakobs)

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