"Der Euro-Beitritt Italiens war ein Fehler"

Bild: Statistisches Bundesamt

Die italienische Wirtschaftswissenschaftlerin Annamaria Simonazzi über die deutsche Dominanz in Europa und die Zukunft des Euros

Die europäische Vereinigung und der Euro sind in der Krise - aber warum? Fehlt es den anderen Euro-Ländern an der nötigen "Haushaltsdisziplin", um ihre Währung mit Deutschland zu teilen? Worauf beruht die Macht der Deutschen in der Europäischen Union? Dazu hat Telepolis Experten aus Ungarn, Frankreich ("Die Finanzkrise hat Deutschland genutzt"), Italien und Großbritannien befragt.

Teil 1: "Die Finanzkrise hat Deutschland genutzt": Guillaume Duval, Chefredakteur der Alternatives Economiques und Autor von "Modell Deutschland? Nein Danke!", über die deutsche Dominanz in Europa und die Zukunft des Euros.

Die italienische Wirtschaftswissenschaftlerin Annamaria Simonazzi forscht und unterrichtet an der Sapienza-Universität in Rom. Sie beschäftigt sich mit der Ökonomie der Eurozone, Sorgearbeit und Arbeitsmarktpolitik. Simonazzi gehörte zu den wenigen Ökonomen in Italien, die vor den Gefahren des Euro und einer Währungsunion ohne politische Union warnten. In jüngster Zeit hat sie Beiträge zu den Sammelbänden "Spaltende Integration - Der Triumph gescheiterter Ideen in Europa " und "Southern Europe? Italy, Spain, Portugal, and Greece from the 1950s until the present day" veröffentlicht.

Frau Professorin Simonazzi, in Deutschland wird die Geschichte des Euros oft folgendermaßen erzählt: Obwohl wir unsere geliebte Deutsche Mark nur widerwillig aufgeben wollten, haben wir uns von Italien und Frankreich dazu überreden lassen. In manchen Versionen dieser Legende verlangte Präsident François Mitterand von Kanzler Helmut Kohl den Euro, sozusagen als Gegenleistung zur französischen Zustimmung zur Wiedervereinigung. Wie war es wirklich - warum wollten die Südeuropäer den Euro?
Annamaria Simonazzi: Die Deutschen, vor allem die Vertreter der Bundesbank, waren nicht erpicht darauf, den Euro einzuführen, bevor nicht alle Mitglieder die sogenannten Konvergenzkriterien erreicht hatten. Da ging es bekanntlich um eine gewisse Preisstabilität, eine bestimmte Obergrenze bei der Staatsverschuldung, wie es die Maastricht-Verträge festlegen.
Aber besonders die Franzosen wollten die gemeinsame Währung unbedingt. Innerhalb des europäischen Systems, mit dem bis dahin die Wechselkursschwankungen begrenzt wurden, war es ihnen nicht gelungen, die Inflation zu drücken und ein ähnlich niedriges Zinsniveau wie Deutschland zu erreichen. Die Finanzmärkte honorierten ihre Anstrengungen bei den Ausgabenkürzungen einfach nicht. Deshalb wollten sie ihre schwache Währung loswerden. Zweitens gab es politische Gründe: Die erstarkende deutsche Nation wegen der Wiedervereinigung bedrohlich. Sie wollten Deutschland europäisch einbinden. Damals glaubten ja viele, die politische Integration Europas werde viel schneller voranschreiten, als dann der Fall war.
Sie haben schon 1998 vor den Gefahren des Euro für Italien gewarnt. Einer Ihrer Aufsätze über Italien und Europa trägt den Titel "Eine angekündigte Krise". Haben Sie vorhergesehen, dass die schwachen Mitgliedsstaaten noch schwächer werden würden?
Annamaria Simonazzi: Das war nicht schwer. Viele haben vor den möglichen Fehlentwicklungen gewarnt. Hans Reckers, ein Vorstandsmitglied der Bundesbank, beispielsweise sagte im Jahr 2000 öffentlich, Griechenland solle dem Euro nicht beitreten. Ohne eigene Währung und die Möglichkeit, ihren Wechselkurs zu steuern, sei die griechische Wirtschaft nicht produktiv genug, um in einem gemeinsamen Markt zu bestehen. Er hatte recht. Es war für die Mittelmeerländer falsch, Mitglied in einer Union zu werden, in der zwar die Währung, aber nicht die Wirtschaftspolitik geteilt wird.
Was gut für Deutschland ist, muss nicht unbedingt gut für die anderen Mitgliedsstaaten sein, das lag auf der Hand. Ihr Land hat eine starke Industrie, daher kann es über die Qualität statt über den Preis konkurrieren. Das bedeutet auch, dass sich die Deutschen einen höheren Wechselkurs leisten können. Mit einer starken Währung führt Deutschland Konsumgüter billig ein und hält so die Löhne niedrig. In Italien geht das nicht.
Absehbar war auch, dass die Staatsverschuldung und die Inflation ganz unterschiedlich beurteilt werden würde. Die wirtschaftspolitischen Ansichten Deutschlands dominierten von Anfang an. Die EZB muss sich um die Inflation kümmern, um sonst nichts. Sie konnte nicht verhindern, dass die die Inflation in den verschiedenen Ländern der Eurozone unterschiedlich ist. All das ging so lange gut, bis die Eurokrise ausbrach und die Märkte begannen, den Zusammenhalt der Währungsunion auf die Probe zu stellen. Dann kam alles ins Rutschen.
Warum wurde diese Warnungen nicht berücksichtigt?
Annamaria Simonazzi: Nun, die ökonomische Fixierung auf Preiskonkurrenz und Inflation waren auch in den Südländern der Mainstream. In Italien äußerte sich zum Beispiel die Banca d'Italia so. Niedrige Zinsraten galten als Erfolgsgarant. Für die Randstaaten war der Gedanke sehr verführerisch, dass eine Modernisierung so einfach und günstig erreichbar wäre. Die Aufschläge auf die Staatsanleihen, der sogenannte Spread, waren eine riesige Belastung. Italien beispielsweise musste zwischen 1990 und 1997 zehn Prozent oder mehr des Bruttoinlandsprodukts für den Schuldendienst aufwenden. Der Euro versprach eine Lösung. Nur war die Idee naiv, dass es genügen würde, die Maastricht-Kriterien einzuhalten, um diese Last loszuwerden.
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