Der Euro als Teuro

In Spanien sind die Preise in zehn Jahren um fast 50%, die Löhne aber nur um 14% gestiegen

Angesichts der Preisentwicklung haben viele Verbraucher in Deutschland und in ganz Europa in den letzten Jahren den offiziellen Inflations-Angaben der Statistikbehörden nicht vertraut. Anlässlich der Euro-Einführung vor nunmehr zehn Jahren hatte sich in Deutschland das Modewort Teuro verbreitet. Nun hat die spanische Verbraucherschutzorganisation OCU nachgerechnet, wie sich seit der Einführung des Euro die Preise und die Löhne im Land entwickelt haben. Das Ergebnis: Preise für Grundnahrungsmittel sind zum Teil extrem gestiegen, aber auch für Briefe, Päckchen und Wohnungen.

"Zehn Jahre sind vergangen, seitdem wir unsere ersten Euro-Münzen in den Händen hielten. Heute erlebt weder die Europäische Union noch Gemeinschaftswährung ihre besten Zeiten mit einer der schwierigsten Krisen der Geschichte, die ihre Existenz bedroht", schreibt die spanische Verbraucherschutzorganisation OCU. Es sei Zeit, Bilanz zu ziehen. Die OCU prognostiziert den Landsleuten schon im Vorwort, dass man in "Nostalgie schwelgen" werde, wenn man an die Zeit zurückdenke, als eine Tasse Kaffee noch 100 Peseten (60 Cent) gekostet hat.

Die Verbraucherschutzorganisation stützt sich in ihrer Untersuchung Studie vor allem auf Angaben der Nationalen Statistikbehörde (INE). Sie bekräftigt die Einschätzung vieler Menschen, dass sich vor allem die Preise für Grundnahrungsmittel deutlich erhöht haben und zeigt auf, dass sich einige Preise sogar mehr als verdoppelt haben. So sind heute Kartoffeln in Spanien 116% teurer als 2001. Bei Eiern kletterten die Preise um 114% in die Höhe, aber auch Briefe und Päckchen wurden 107% teurer, womit sich zeigt, dass auch die öffentliche Hand kräftig zugelangt hat. Auch Milch (48%), Reis (45%), Rindfleisch (36%) oder Olivenöl (33%) haben sich deutlich verteuert.

Das Brot, das bei keiner spanischen Mahlzeit wegzudenken ist, gehört ebenfalls in die Spitzengruppe, auch wenn sich der Preis mit einem durchschnittlichen Anstieg von 85% noch nicht verdoppelt hat. Doch wer in der Grenzregion zu Frankreich lebt, kann seit Jahren feststellen, dass nun Brot in Spanien längst teurer als im Nachbarland ist. Setzt man die hohen Preise ins Verhältnis zum Mindestlohn, den in Spanien Millionen verdienen, dann ist er mit 641 Euro monatlich nur gut halb so hoch wie die 1254 Euro in Frankreich.

Vor allem Brot ist sofort nach der Euro-Einführung 2002 um insgesamt 24% teurer geworden, zeigt die OCU auf. Stark verteuerten sich auch sofort Besuche im Schwimmbad (21%) oder beim Friseur (12%) während Zeitungen, Parkplätze und Essen und Getränke in Kneipen sofort 7% teurer wurden. Den Bock schießt hier die staatliche Post ab, deren Dienstleistungen sich in nur vier Monaten um 51% verteuert haben. Insgesamt hatten es die Spanier mit einem schwierigen Umrechnungskurs von 1 zu 166 schwer, diesen starken Anstieg im Alltag schnell und einfach festzustellen.

Doch den Bürgern wurde nicht nur bei Nahrungsmitteln tief in die Tasche gegriffen, auch der Transport und Verkehr sind seit der Euro-Einführung sehr teurer geworden. Während sich Zug- und Bustickets im Überlandverkehr um 45 und 48% verteuert haben, wurden sie im öffentlichen Nahverkehr sogar um 58% teurer. Auch hier zeigt sich, dass die öffentliche Hand zugelangt hat, um an das Geld der Bürger zu kommen.

Stärker gestiegen sind allerdings die Preise für Wohnungen. Noch heute kann festgestellt werden, wie stark sich eine Immobilienblase aufgebläht hat. Obwohl die Immobilienpreise wieder deutlich gefallen sind, nachdem die Blase 2008 geplatzt ist, sind Wohnungen im Land noch immer überteuert. 2011 waren neue Wohnungen noch immer 66% teurer als 2001, Wohnungen aus zweiter Hand in Barcelona sogar 70% und in der Hauptstadt Madrid 78%. Es ist also kein Wunder, wenn eine Million neue Wohnungen leer stehen, weil die Preise weiter überhöht sind.

Das ist nur möglich, weil ein Großteil der Wohnungen in die Bücher der Banken und Sparkassen übernommen wurden. Die werfen die Wohnungen nicht auf den Markt, um die Preise nicht zu stark fallen zu lassen, weil sie mit Milliarden vom Staat gestützt werden. Es gab insgesamt zwei Sparkassenreformen und immer neue Pakete zur verdeckten Bankenrettung werden aufgelegt. Das Modell der sozialistischen Vorgänger haben die konservativen Wahlsieger nun übernommen. Doch der letzte Banken-Stresstest hat deutlich gemacht, dass die Lage der spanischen Banken trotz aller Milliardenstützen immer dramatischer wird (Europäische Banken brauchen 115 Milliarden Euro).

Billiger sind nach Angaben der OCU nur technische Geräte geworden. Die Preise für Fernseher, Musikgeräte und Fotokameras sind zwischen 62% und 72% gefallen. Videokameras, DVD-Brenner oder Haushaltsgeräte wurden seit 2011 nur zwischen 4% und 6% billiger. Insgesamt kann das den enormen Anstieg der Preise kaum dämpfen. Der Warenkorb habe sich in den vergangen zehn Jahren um 48% verteuert.

Die Löhne haben dagegen mit der Inflation nicht mithalten können. Sogar in der Phase des Immobilienbooms sind die Löhne zwischen 2001 und 2009 im Durchschnitt nur um knapp 14% gestiegen. Seit 2009 dürften sie im Durchschnitt kaum noch gestiegen sein. Neuere INE-Daten liegen dazu noch nicht vor. Sie könnten sogar gefallen sein, denn in vielen Sektoren wurden in der tiefen Krise die Löhne eingefroren oder gekürzt. Erinnert sei daran, dass die sozialistische Vorgängerregierung die Einkommen im öffentlichen Dienst 2010 um durchschnittlich 5% gekürzt hat. Seither sind sie eingefroren.

Damit bleiben die Löhne deutlich sogar hinter der offiziellen Inflationsentwicklung zurück, welche mit 23% bis 2009 beziffert wird. Bis 2011 haben die Statistiker 32% berechnet. Damit zeigt sich zwischen 2009 und 2011 ein deutlicher Inflationsschub. Derzeit gibt Eurostat die Inflation mit 2,9% an, womit das Land im Durchschnitt liegt. Doch zwischenzeitlich lag es mit 3,4% oder mehr auch schon deutlich über dem Durchschnitt.

Die Verbraucherschützer kritisieren aber auch die Berechnung der offiziellen Inflationsrate, da sich nach ihrer Rechnung der Warenkorb bis 2011 eben um 48% verteuert hat. Kostete er Mitte 2001, als in Spanien noch in Peseten bezahlt wurde, umgerechnet 4800 Euro, waren es Mitte 2011 schon 6800 Euro. "Wenn die Löhne mit der Inflationsrate gestiegen wären, dann hätten die Spanier 2011 im Durchschnitt Brutto 3600 Euro mehr verdienen müssen", stellt die OCU-Studie fest.

Angesichts der Zahlen muss man sich nicht wundern, dass Spanien tief in der Krise versinkt, weil auch die Kaufkraft derer deutlich gesunken ist, die noch einen Job haben. Bei mehr als fünf Millionen Arbeitslosen (23%) ist auch das nicht mehr der Fall. Der neue Wirtschaftsminister Luis de Guindos (Ein neuer Bock für freie Gärtnerstelle) gibt nun auch zu, dass Spanien nach der Stagnation im dritten Quartal in die Rezession abrutschen wird. Der starke Sparkurs, den die neue konservative Regierung angekündigt hat, wird die Konjunktur weiter belasten und auch die Arbeitslosigkeit noch weiter steigen lassen.

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