Der Fachkräftemangel kommt - auf jeden Fall!

"Watchregulating"; Foto: Lez Zetlein; gemeinfrei

Die Unternehmen machen sich ihren Fachkräftemangel selbst. Denn wer nicht bereit ist, über den eigenen Tellerrand zu sehen, übersieht potentielle Kandidaten

Es ist schon eine schwierige Sache mit dem Fachkräftemangel. Das arbeitgeberfinanzierte Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnte in diesem Jahr, dass bis 2029 bis zu 390.000 Ingenieure fehlen könnten. Eine beachtliche Zahl. Nur: In der Vergangenheit hat sich das Institut immer wieder mal geirrt. In einem Interview erklärt ein Wissenschaftler des IW, wie das Institut zu seinen Zahlen kommt.

"Aus Betriebsbefragungen wissen wir, dass Unternehmen nur jede dritte bis fünfte Stelle in den technischen und naturwissenschaftlichen Berufen melden", sagt Axel Plünnecke, Bildungsökonom im IW. Die Unternehmen hätten schlicht keinen Anreiz, die unbesetzten Stellen zu melden. Eine erstaunliche Interpretation. Denn wenn der Fachkräftemangel so dramatisch ist, wie er von einigen Arbeitgeberverbänden und -instituten angegeben wird, welcher Anreiz fehlt dann den Unternehmen?

"Von einem pauschalen Fachkräftemangel kann nicht die Rede sein"

Wer bei den Gewerkschaften nachfragt, bekommt dem entsprechend auch eine völlig andere Antwort. "Von einem pauschalen Fachkräftemangel kann nicht die Rede sein. Wir gehen davon aus, dass es in einigen Branchen, z.B. in der Krankenpflege, aber auch in einigen Regionen zu Fachkräfteengpässen kommen wird", sagt Marion Knappe, Pressesprecherin beim DGB-Vorstand in Berlin, zu Telepolis. In anderen Branchen und Regionen dagegen fänden längst nicht alle Fachkräfte einen Arbeitsplatz, so Knappe weiter.

Der Unternehmer und Autor Martin Gaedt antwortete in einem Interview mit der Wirtschaftswoche auf die Frage, woher das "Gejammer" von Unternehmen und Verbänden käme:

Die Bewerber rennen den Firmen nicht mehr die Türen ein, wie früher. Das schmerzt. Die gönnerhafte Gutsherrenart funktioniert nicht mehr. Die junge Generation ist selbstbewusster geworden. Sie weiß, was sie verlangen kann, sowohl finanziell als auch von der Unternehmenskultur her.

Ein Vorwurf, den sich Unternehmen und Institute immer häufiger anhören müssen, lautet: Unternehmen legen bei ihrer Suche nach Mitarbeitern ihre Priorität auf eine 100%-Passgenauigkeit. Quer- oder Seiteneinsteiger haben dabei kaum eine oder gar keine Chance.

Thomas Kottenhoff, Geschäftsführer der Personalberatung ESGroup, sagte in einem Interview mit finanzen.net:

Wir sehen jeden Tag, dass guten Leuten der Zugang zu Jobs verwehrt wird, sobald sie die fachlichen Forderungen nur zu 90% abdecken. Die wichtigsten Gründe hierfür sind die Angst vor hohen Weiterbildungskosten, sowie fehlende Kapazitäten in der Einarbeitung.

Dass eine Öffnung der Unternehmen für Quereinsteiger durchaus möglich und sinnvoll sein kann, zeigen Beispiele aus der Praxis. Das Unternehmen Lange Uhren GmbH stellt Uhren mit einem Verkaufswert von bis zu 2 Millionen Euro her.

Lange Zeit hatte Lange Uhren große Schwierigkeiten, entsprechendes Fachpersonal zu finden. Insbesondere Finisseure, die Spezialisten, die für die Veredelung der Uhren verantwortlich sind, waren auf dem Arbeitsmarkt kaum zu finden. Durch eine gezielte Anwerbung von ähnlich spezialisierten Handwerkern, wie beispielsweise Zahntechnikern, konnte das Unternehmen sein Fachkräfteproblem lösen.

Mehr Einsatz für die Aus- und Fortbildung von Arbeitslosen

Dass diese Methode nicht so einfach funktioniert, wie eine durchschnittliche Stellenbesetzung, wird schnell klar, wer der Personalchefin des Unternehmens, Christine Land, zuhört. "Wir haben die Personen, denen wir einen Quereinstieg ermöglicht haben, nicht nur in einer sechs-monatigen Probezeit beurteilt. Wir haben in diesen Fällen befristete Verträge über 2 Jahre abgeschlossen." Dabei habe man die Erfahrung gemacht, dass es auch Geduld brauche, wenn man Quereinstiege ermögliche.

Am Ende des Tages bringen sie alle eine tolle Leistung, aber es dauert eben unterschiedlich lang.

Auch in Regensburg wird dieser Weg beschritten. Mit dem Projekt ELEK15 versucht die Regensburger Elektroinnung, die Handwerkskammer und die Agentur für Arbeit Fachkräfte für das Elektrohandwerk auszubilden. 14 möglichen Quereinsteigern werden die Grundlagen der Elektrotechnik beigebracht, um sie für einen Berufseinstieg in diesem Bereich zu qualifizieren.

Auch die Gewerkschaft fordert mehr Einsatz für die Aus- und Fortbildung von Arbeitslosen. "Kurzfristig schlagen wir ein steuerfinanziertes Bundesprogramm "Zweite Chance" vor, das für Arbeitslose, die Hartz IV-Leistungen beziehen, das Nachholen von Berufs- und Schulabschlüssen fördert", sagt Knappe vom DGB. Eine Forderung, die sicherlich auch auf Quereinsteiger übertragen werden kann.

Warum Unternehmen, anstatt das Problem anzugehen, lieber über einen Fachkräftemangel klagen, bleibt indes unklar. In gerade einmal 1,2 % der Stellenanzeigen in den ersten drei Quartalen 2014 wurden gezielt Quereinsteiger angesprochen. Auch die Anzahl der Unternehmen, die Quereinsteiger suchen, geht eher zurück. Vielen Unternehmen scheinen die Investitionen in Quereinsteiger entweder zu hoch zu sein oder der allseits beklagte Fachkräftemangel ist einfach nicht so dramatisch, wie er dargestellt wird. (Ralf Heß)