Der Fall Mollath - Wer stört, wird zerstört

Verschwörungstheorien und Paranoia

"Wenn Sie so weitermachen, kommen Sie nie wieder heraus", offenbarte der Vorsitzende Richter, laut Nürnberger Nachrichten, bei der Urteilsverkündung am 8. August 2006 nach der Verhandlung gegen Gustl Mollath. Als Richter Otto Brixner diese Worte sprach, hatte er längst das Urteil gegen Mollath im Gerichtssaal verkündet: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Was muss alles geschehen, damit ein Richter solch eine Drohung ausspricht? Und welche Tat bringt einen bis dahin unbescholtenen Bürger für möglicherweise immer in die forensische Psychiatrie?

Es waren nicht allein die Mollath vermeintlich nachgewiesenen Taten, die dazu führten, dass er seiner Freiheit beraubt wurde. Diese hätten wohl nur eine Verurteilung zur Bewährung nach sich gezogen. Es war vor allem ein Zusammenspiel von Justiz und Psychiatrie, das in dem skandalösen Urteil mündete. Denn mit der Diagnose einer wahnhaften Störung war ein Mechanismus in Gang gesetzt, den man ansonsten nur aus verschiedenen Werken und Erzählungen Kafkas kennt.

Nun ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die einfache Behauptung, jemand habe einen Wahn, ausreicht, um mehrere Richter, Staatsanwälte, Psychiater und zahlreiche weitere involvierte Personen zu überzeugen, dass der Beschuldigte auch wirklich eine ver-rückte Wahrnehmung hat. In der Regel erkennt das schließlich jeder Mensch aufgrund der Alltagserfahrungen und der allgemeinen Menschenkenntnis ganz gut, ob jemand "irre" ist oder nicht. Was muss man im Deutschland der 2000er und 2010er Jahre von sich geben, damit mehrheitsfähig behauptet werden kann, derjenige sei doch ein Spinner?

Laut Urteil "war der Angeklagte schließlich überzeugt, dass seine Ehefrau, die seit 1990 bei der Hypovereinsbank arbeitete, bei einem 'riesigen' Schwarzgeschäft von Geldverschiebungen in die Schweiz beteiligt sei". Diese ständigen Behauptungen Mollaths, seine wiederholten Anzeigen, sein unermüdliches Beharren auf Gerechtigkeit und sein uneinsichtiges Bestehen auf der Wahrheit1 setzten mehrere Abwehrmechanismen in Gang. Sowohl psychische als auch soziale, institutionell-strukturelle Abwehrprozesse.

Wer wirre Behauptungen aufstellt, die auch noch auf die Grundfesten des Rechtsstaates abzielen, und wer darüber hinaus von den Erwartungen der dem Bürgertum zugedachten Normalität abweicht, der muss offensichtlich auf seinen Geisteszustand hin überprüft werden. Und so wird gerichtsfest2,

dass der Angeklagte in mehreren Bereichen ein paranoides Gedankensystem entwickelt habe. Hier sei einerseits der Bereich der 'Schwarzgeldverschiebung' zu nennen, in dem der Angeklagte unkorrigierbar der Überzeugung sei, dass eine ganze Reihe von Personen aus dem Geschäftsfeld seiner früheren Ehefrau, diese selbst und nunmehr auch beliebige weitere Personen, die sich gegen ihn stellten, z.B. auch Dr. Wörthmüller, der Leiter der Forensik am Europakanal, in der der Angeklagte zunächst zur Begutachtung untergebracht war, in dieses komplexe System der Schwarzgeldverschiebung verwickelt wären.

Ein System von Schwarzgeldverschiebung zu behaupten, kann also als Teil eines paranoiden Gedankensystems gedeutet werden, wenn der Betreffende unkorrigierbar an der Wahrheit festhält. Dass es dieses System der Schwarzgeldverschiebung gegeben hat, weiß man nicht erst seit dem Sonderrevisionsbericht der Hypovereinsbank. Hierdurch wird nur festgehalten, dass die ehemalige Ehefrau von Mollath und ihre Kollegen in genau solch ein System involviert waren - genauso, wie es Mollath behauptet hatte und wie es ihm als wahnhaftes Gedankensystem ausgelegt wurde.

Der Text von Sascha Pommrenke ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Staatsversagen auf höchster Ebene. Was sich nach dem Fall Mollath ändern muss" (208 Seiten, 12,99 Euro) und wurde mit freundlicher Genehmigung des Westend Verlags hier veröffentlicht. Herausgeber sind Sascha Pommrenke und der Telepolis-Autor Marcus Klöckner, der für Telepolis den Fall Mollath verfolgt hat.

Die Autoren, Experten aus Justiz, Psychiatrie, Politik, Medizin und Medien, nehmen sich der Affäre Mollath an, denken aber über den Einzelfall hinaus und verdeutlichen: Die Missstände in Justiz und Psychiatrie sind groß. Kann es wirklich jedem passieren, plötzlich weggesperrt zu werden?

Wie kommt es also, dass Psychiater und Richter dennoch von einer Wahnwahrnehmung ausgegangen sind? Können sich Richter und Psychiater nicht vorstellen, dass es Schwarzgeldverschiebungen in Deutschland gibt? Oder war ihnen einfach der behauptete Umfang zu abstrus?

So hatte Mollath in einer seiner Anzeigen geschrieben: "Was jetzt folgt, ist Teil von 400 Milliarden Franken." Anschließend schilderte er ein Prinzip von Steuerhinterziehung und Geldwäsche, das einige wenige Vermögensberater einer einzigen kleinen Filiale in Nürnberg betrieben. Es bedarf keines Wahns, nicht einmal einer besonders ausgeprägten Phantasie, um dieses Prinzip auf Deutschland hochzurechnen. Wenn in der kleinen Filiale in Nürnberg bereits Millionen hinterzogen werden, wieviel wird dann mit eben diesem Prinzip in der Bundesrepublik hinterzogen? War es ein paranoides Gedankensystem, das Mollath vom "größten und wahnsinnigsten Steuerhinterziehungsskandal" sprechen ließ?

Spiegel Online International berichtete im Mai 2008 von einer Studie, die die Deutsche Steuergewerkschaft gemeinsam mit der Bundesbank erstellt hatte. Demnach lagen damals etwa 500 Milliarden Euro unversteuertes Vermögen - also Schwarzgeld - der Deutschen in Steueroasen, etwa ein Drittel davon in der Schweiz. Im selben Artikel wird zudem von einer kriminellen Verschwörung zum Steuerbetrug berichtet. Hierin war in den Jahren 1996 bis 2002 auch die Hypovereinsbank involviert. 2006 kam es daraufhin in den USA zu Strafzahlungen wegen illegaler Beihilfe zur Steuerhinterziehung, wie das Manager Magazin und das Handelsblatt im Februar 2006 vermeldeten. Exakt die Zeiträume, in denen Mollath störte. Steuerbetrug? Verschwörung? Milliardensummen?

Vielleicht sind Akademiker und Funktionseliten aber auch genau die Klientel, die das Schwarzgeld in die Schweiz verschiebt und um ihre Pfründe fürchtet. Hat Mollath hier nicht nur prinzipiell gestört, sondern sogar ganz persönlich?

Doch ihm wurde nicht nur das Behaupten und Festhalten am Schwarzgeldsystem vorgeworfen, sondern vor allem auch, dass er angeblich beliebige weitere Personen in das komplexe System, in die Verschwörung gegen sich mit einbezieht3:

Eindrucksvoll könne am Beispiel des Dr. Wörthmüller ausgeführt werden, dass der Angeklagte weitere Personen, die sich mit ihm befassen müssten, in dieses Wahnsystem einbeziehe, wobei in geradezu klassischer Weise der Angeklagte eine für ihn logische Erklärung biete, dass Dr. Wörthmüller ihm angeboten habe, ein Gefälligkeitsgutachten zu schreiben, wenn der Angeklagte die Verwicklung des Dr. Wörthmüller in den Schwarzgeldskandal nicht offenbare.

Natürlich hätte die einfache Behauptung der Aufdeckung eines Schwarzgeldrings nicht zu einer Einweisung in eine Psychiatrie geführt. Um jemanden einzuweisen, bedarf es schon gewichtigerer Begründungen. Zentral ist hier die Wahnausweitung auf beliebige andere. Nun wird allerdings nur eine einzige Person, nämlich der Psychiater und vorgesehene Gutachter Michael Wörthmüller, als beliebiger anderer beschrieben - ausgerechnet der hatte sich selbst für befangen erklärt.

Ein Nachbar von Wörthmüller, der tatsächlich mit den "Schwarzgeldkreisen" in Verbindung gebracht werden kann, hatte ihn im Vorfeld über die "Angelegenheit Mollath" informiert. "Aufgrund des so erhaltenen Meinungsbildes", konstatierte Wörthmüller in einem Schreiben an Richter Brixner, "und der damit verbundenen persönlichen Verquickung sehe ich mich außer Stande, mit der notwendigen Objektivität das von Ihnen angeforderte Gutachten zu erstatten." Nicht ohne jedoch mit den Worten zu schließen: "Ich hoffe, Ihnen nicht zu viele Unannehmlichkeiten zu bereiten, und verbleibe mit dem Wunsch nach weiterhin guter Zusammenarbeit und freundlichen kollegialen Grüßen."

Im Zuge der Recherchen zur "Wahnausweitung auf unbeteiligte Dritte" für den Wiederaufnahmeantrag der Staatsanwaltschaft wurden sowohl Wörthmüller als auch sein Nachbar befragt. Die Staatsanwaltschaft fasst zusammen:

Zumindest aus Herrn Mollaths Sicht war es aufgrund des Verlaufs und der Inhalte der zwischen ihm und Herrn Dr. Wörthmüller geführten Gespräche tatsächlich nicht abwegig oder gar wahnhaft, den Schluss zu ziehen, Dr. Wörthmüller habe ihm ein "Gefälligkeitsgutachten" angeboten, weil er mit "Schwarzgeldverschiebern" in Verbindung steht. Dies war zwar objektiv falsch, eine derartige Fehleinschätzung war aber keineswegs wahnbedingt, sondern lediglich eine unzutreffende, objektiv betrachtet auch abwegige, aber zumindest logisch erklärbare Schlussfolgerung Herrn Mollaths aus realen Begebenheiten.

Juristisch schwinden die Begründungen für die Verurteilung.

Anfang 2014 wird das Verfahren gegen Gustl Molath wieder aufgenommen. Die Justiz ist also, wenn auch im engen Rahmen, bereit und in der Lage, Abläufe zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Dennoch bleibt zu bedenken, dass die Wiederaufnahmeanträge zuerst abgelehnt wurden. Es gibt zwar Möglichkeiten zur Selbstkritik und zur Korrektur begangener Fehler. Aber es verbleibt häufig in der Persönlichkeit des Positionsinhabers, ob er Willens und in der Lage ist, sich selbst oder Standeskollegen zu kritisieren oder wo nötig zu korrigieren.

Paranoide Psychiatrie

Im Bereich der Psychiatrie scheint man nicht annähernd so weit zu sein, weder institutionell noch individuell. Obwohl die Gutachten seit Monaten, dank Mollath und seines Verteidigers Gerhard Strate, online zugänglich sind, finden sich kaum kritische Stimmen aus den psychologischen Professionen.

Es gibt vereinzelte und wichtige Kritik, aber weder haben sich Fach- oder Berufsverbände geäußert, noch haben prominente Vertreter von Psychologie und Psychiatrie ihre Stimme erhoben. Dabei wäre es ein Einfaches, sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, dass ja alles mit dem Wissen von heute selbstverständlich anders zu deuten wäre. Aber selbst dieser Minimaleinsicht scheint man sich zu verweigern.

Es wirkt so, als fürchteten die Verbände um ein Einfallstor. Gebe man einmal zu, dass es Fehlbegutachtungen gibt, dann würde es auch zu einer öffentlichen Diskussion um die Nachvollziehbarkeit und vielleicht auch Wissenschaftlichkeit von Gutachten und möglicherweise auch gleich der gesamten Profession Psychiatrie kommen. Man könnte dies als Verweigerung der Anerkennung von Realität interpretieren. Denn die Diskussion ist bereits im Gange. Es ist nur die Frage, wie und vor allem vom wem diese Diskussion bestimmt werden wird.

Der Jurist Oliver García war einer der ersten, der die Gutachten nach der Veröffentlichung analysiert hat. Klaus Leipziger ist Leiter der Bayreuther Psychiatrie, in der Mollath lange Zeit untergebracht war, und er erstellte das erste Gutachten, auf das sich in der Folge alle weiteren Gutachten stützten. García bringt das Grundproblem aller Gutachten, allen voran eben Leipzigers Gutachten, auf den Punkt:

Doch die Frage, die sich hier stellt, ist: Wenn er seine Aussage begründen konnte, warum tat er es nicht? Wenn er sie nicht begründen konnte, dann war sie […] jedenfalls juristisch wertlos - und nach psychiatrischem Ethos sollte sie es auch sein.

Das ist der Kern, von dem sich jeder Interessierte selbst überzeugen sollte. Allen Gutachten fehlt die sogenannte innere Validität. Beschreibung und Deutung stehen zusammenhanglos nebeneinander. Es ist völlig unklar, wie die Interpretationen und Diagnosen zustande gekommen sind.

Das erinnert eher an Psychoratgeber, Esoterik oder an das, was man nicht zu Unrecht despektierlich Küchenpsychologie nennt. Ein beliebiges Heraussuchen und Zusammenstellen von vermeintlich objektiven Beobachtungen wird gekoppelt mit einem vorgegebenen und unbedingt zu erreichendem Ziel. Das Ergebnis bestimmt also die Beobachtungen. Deshalb ist auch kein Schlussfolgern möglich und nötig, da die Meinung und das Urteil über den Probanden bereits feststehen. Man muss nur noch die entsprechende Stimmung in den Gutachten erzeugen. Und wer wolle jemanden nicht für wahnsinnig halten, der Stimmen hört. Auch wenn das tatsächlich wiederum nur ein Anzeiger für die Willkür psychiatrischer Gutachten ist. Denn aus einer sarkastischen Antwort Mollaths: "Er höre eine innere Stimme, die ihm sage, er sei ein ordentlicher Kerl, er spüre sein Gewissen", wird im Urteil die Annahme, das Mollath möglicherweise Stimmen höre.

Die Diagnose F22.0 steht für "wahnhafte Störung"4 oder auch Paranoia. Dabei beeindruckt besonders, dass in der Psychiatrie gar keine Einigkeit darüber besteht, was denn Paranoia oder Wahn eigentlich ist. Prinzipiell wäre das natürlich kein Problem. Die menschliche Psyche ist eben kein Objekt, das sich in seine Bestandteile zerlegen lässt. Vielmehr müssen die menschlichen Psychen verstanden und gedeutet werden. Und da bestehen selbstverständlich unterschiedliche Zugangsweisen, unterschiedliche theoretische Ansätze, die die Interpretation, die Analyse bedingen.

Es wird erst dann zu einem Problem, wenn es sich nicht um akademische Forschung handelt, sondern um Begutachtungen, die die Aufhebung oder Einschränkung von Grundrechten eines Menschen bedeuten können. Hier bedarf es so großer Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit wie nur irgend möglich.

Besonders bei der Beschäftigung mit einer komplexen Erkrankung wie dem Wahn ist es wesentlich, auf den Verstehenszusammenhang zu achten. Der Versuch eines atheoretischen Erfassens würde andernfalls implizite, nicht oder kaum bewusste Einstellungen und Hypothesen ausklammern, vor allem dann, wenn es keine Auseinandersetzung mit bereits bestehenden, oft sehr komplexen Theorien gab.

Hans Fabisch, Karin Fabisch, "Klinik und Verlauf der paranoiden Störung"

Das Ergebnis wären Gutachten, bei denen niemand nachvollziehen kann, wie es zu der Diagnose kam. Das wahllose und willkürliche Aneinanderreihen von Stimmungsbildern, wenn auch geschönt durch Fachbegriffe, die selbst mehr verschleiern denn präzisieren, ist weder wissenschaftlich redlich noch der Sache angemessen: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Neben der völligen Abstinenz theoretischer Annahmen bestechen einige Gutachten mit einer unfassbaren Entmenschlichung des Probanden. Der Psychiater Klaus Dörner hat dieses Phänomen "Pannwitzblick" genannt, jenen Blick, "der einen Menschen in ein Dingsda verwandelt"5. Dahinter verbirgt sich die Frage: "Was machen wir Bürger mit denen, die nicht so sind wie wir, deren Leistungswert sie industriell unbrauchbar macht; wofür sind sie da und wie gehen wir mit ihnen um?" Was macht man mit einem Mollath, der die ganze Zeit "nur stört", der seinen Mitbürgern "auf die Nerven geht", der einfach nicht aufhören will und das vermeintlich Unabänderbare nicht akzeptieren lernt?

Die Abneigung solchen Menschen gegenüber führt zur Entmenschlichung. Mollath wird beobachtet, ist zum Objekt wissenschaftlicher Studien degradiert, was in zynischen Notizen endet, die sein "Alltagsverhalten" protokollieren - den Alltag in einer geschlossenen forensischen Psychiatrie. Wie viel alltägliches, "normales" Verhalten ist wohl in einer totalen Institution überhaupt möglich? Aus der Sozialpsychologie ist bekannt, dass selbst Ärzte und Pfleger unter der totalen Situation einer totalen Institution leiden - aber Patienten, Inhaftierte sollen in ihrem Alltagsverhalten beobachtet und bewertet werden.6 Die Abstinenz von Theorien kann so unmenschliche Entwicklungen bedingen, zumal der Mangel an Verstehen auch einen Mangel an Erklärung bedeutet, und in der Konsequenz der voreiligen Medikamentierung gipfelt. Ruhigstellen ist einfacher als verstehen.

Die Diagnose wahnhafte Störung bzw. Paranoia wird häufig gleichgesetzt mit Verfolgungswahn oder Verschwörungswahn. Das ist allerdings nur zu einem Teil richtig. Letztlich kann die Endung "-wahn" an so ziemlich alles angehängt werden. Man möchte fast von einer Wahnausweitung bei Psychiatern sprechen. Im Falle Mollaths ist es nicht nur die behauptete Verschwörung gegen ihn, die zu dieser Diagnose führte, sondern vor allem auch sein vermeintlich querulatorisches Verhalten. So schreibt der Gutachter Friedemann Pfäfflin in seinem Gutachten:

Wahnhaftes Erleben geht nicht selten von einem konkreten Kern beobachteten oder selbst erfahrenen Unrechts aus, das keine angemessene Würdigung bzw. Genugtuung erfährt, wie dies in klassischer Form in Kleists Novelle Michael Kohlhaas beschrieben ist. ln der wahnhaften Entwicklung wird der Kreis derer, die in das Unrechtssystem einbezogen werden, sukzessive ausgeweitet, so dass immer mehr Personen als Verfolger bzw. als an dem Unrechtssystem aktiv Beteiligte identifiziert werden.

Diese Stelle wurde von einigen Journalistinnen aufgenommen, um die Diagnose "wahnhafte Störung" zu begründen und medial zu kommunizieren.

Nun ist Kleists Novelle allerdings denkbar ungeeignet, um diese als Illustrierung des Falles Mollath zu verwenden - zumindest in dem von Pfäfflin gedachten Sinne. So schreibt der Insel Verlag, der die Novelle herausgibt7:

Mit unerschütterlicher Überzeugung glaubt der Pferdehändler an die Macht des Gesetzes. Als er eines Tages hinterhältigen Machenschaften zum Opfer fällt, wendet er sich an die Obrigkeit - die ihn jedoch, korrupt wie sie ist, um sein Recht betrügt. Kohlhaas beginnt einen unbeugsamen Rachefeldzug, in dem er keinen seiner Widersacher verschont … Bis heute hat Kleists berühmteste Erzählung über den Kampf eines betrogenen Mannes gegen korrupte Rechtsverdreher und Staatsklüngel nichts an Aktualität eingebüßt.

Wollte Pfäfflin eine Hintertür für Mollath öffnen, indem er auf korrupte Rechtsverdreher und Staatsklüngel anspielte? Indem er Kohlhaas anführte, der zum Opfer illegaler Machenschaften wurde, der sein Eigentum, seine Frau und sein eigenes Leben verlor, weil er für Gerechtigkeit stritt? Wohl kaum. All das wird ausgeblendet, und es verbleibt die bildungsbürgerliche Interpretation der Novelle: sinnloser Rachefeldzug eines Querulanten. Man scheint vergessen zu haben, dass Grund- und Menschenrechte nicht vom Himmel fielen, sondern erkämpft wurden.

Querulantenwahn ist die letzte Verteidigungslinie einer Kumpanei von Justiz und Psychiatrie. Wer stört, wird zerstört. Wen wundert es da, wenn die so Diffamierten und Stigmatisierten beginnen, hinter solchen Machenschaften Verschwörungen zu vermuten. Das Prinzip, das seitens der Funktionseliten dahinter steckt, beschreibt Martin Runge in diesem Sammelband, als er den ermittelnden Steuerfahnder zitiert: "Also, ich kann nicht mit einem Zeugen argumentieren, der offiziell für nicht zurechnungsfähig erklärt ist."

Es bedarf tatsächlich keiner Verschwörung, um zu dem fatalen Ergebnis des Falles Mollath zu kommen. Denn noch "immer finden wir dumme Arroganz vermeintlicher Psycho-Experten, anders denkende und handelnde Menschen, die nach anderen Werten und Zielen leben, zu pathologisieren".8

Hier ist eine Fehlentwicklung zu beobachten, die einer genauen Überprüfung bedarf. Wie ist es um die Wissenschaftlichkeit der Psychiatrie bestellt? Sind die Ansprüche der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), einer "medizinische Fachgesellschaft", an die Erstellung psychiatrischer Gutachten erfüllt? Wie ist es um die Qualitätsstandards einer "wissenschaftlichen Fachgesellschaft" bestellt, die für sich in Anspruch nimmt, sie setze die "Qualitätsstandards. Deshalb hat sie das Zertifikat 'Forensische Psychiatrie' eingeführt." Wäre es nicht genau an dieser Fachgesellschaft, die Stimme zu erheben und die Gutachten entweder zu kritisieren oder sich eindeutig zu positionieren und die Gutachten zum state of the art zu erklären.

Seit Wochen sind die Gutachten für alle Interessierten zugänglich, man kann durchaus davon ausgehen, dass nicht nur Laien, sondern auch zahlreiche Mitglieder der Scientific Community diese Chance genutzt haben. Und dennoch: kein Wort vom Fachverband.

Es liegt die Vermutung nahe, dass die DGPPN weniger ein wissenschaftlicher Fachverband ist als eine berufsständische Vertretung. Ein Lobbyverband. Spezialisiert auf die Forderungen nach mehr Macht, Einfluss und Geld. Wie anders sind solche Stellungnahmen in der Broschüre Psychiatrie 2020 plus der DGPPN zu verstehen:

Die zunehmende Übernahme der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung durch Psychologen brachte auch eine Verschiebung der Honorierungsschwerpunkte zu Ungunsten psychiatrischer Leistungen mit sich. Derartige Ungleichgewichte müssen korrigiert werden. Zur Optimierung der "berufsständischen" Vertretung der Psychiatrie im Kanon der psychiatrisch-psychotherapeutisch-psychosomatischen Leistungserbringung ist eine Stärkung der ständigen Konferenz ärztlicher psychotherapeutischer Verbände (StäKo) für unser Fach von besonderer Wichtigkeit.

Normalität um jeden Preis

In der öffentlichen Debatte wurde die Aufmerksamkeit sofort abgelenkt von den Vorwürfen zu Steuerhinterziehung, Schwarzgeldgeschäften, Geldwäsche und der Verwicklung der Hypovereinsbank. Ebenso wie Mollath in den Bereich des Verrückten abgeschoben wurde, so wurde gleich der gesamte Bereich der Schwarzgeldgeschäfte in den Bereich des Irrationalen verschoben. "Dies ist der Kern der ganzen Verschwörungstheorien. Angeblich soll ja Herr Mollath mundtot gemacht werden, um die Hypovereinsbank und Steuerhinterzieher zu schützen. Diese Behauptung kann ich nur als absurd bezeichnen", verkündete die bayerische Justizministerin Beate Merk.9

Das Stigma Verschwörungstheorie ist in der Folge der Terroranschläge des 11. September 2001 zu einer wirkungsvollen Waffe im Kampf um die Deutungshoheit von gesellschaftlicher Wirklichkeit geworden. Das hochgradig emotionale Ereignis lässt keinen Widerspruch und keine Ambivalenz zu. Es wird eine Eindeutigkeit der Ereignisse benötigt und gefordert, die selbst kritisches Nachfragen im Keime erstickt.

Es ist ein gesellschaftliches und vor allem medial gestütztes Klima entstanden, bei dem alle abweichenden Wirklichkeitsinterpretationen als irrational oder krank diffamiert werden. Der Vorwurf Verschwörungstheorie kommt einem Denk- und Sprechverbot gleich. Will man sich nicht der sozialen Ächtung aussetzen, schweigt man lieber. Das Tabu dient dabei nur einem Zweck: Die verordnete Wirklichkeit darf nicht hinterfragt werden. In der Regel ist das auch gar nicht möglich, da die Informationsquellen monopolisiert sind. Wissen ist Macht.

Der Fall Mollath ist nur durch die massive Öffentlichkeitsarbeit der Unterstützer zu einem solchen geworden. Erst durch die Möglichkeit, sich Primärquellen selbst zu erschließen, war die Deutungshoheit der Macht- und Funktionseliten gebrochen. Diese haben sich an die neuen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung immer noch nicht gewöhnt. So versuchte die Justizministerin, ganz verhaftet in alten hegemonialen Denkstrukturen, von oben herab Informationshäppchen zu reichen. Selten ist dieser Versuch so eindrucksvoll an der Realität gescheitert wie in dem Interview von Report Mainz am 13. November 2012 mit Beate Merk.

Der Fall Mollath berührt unzählige Bereiche, in denen Fehler gemacht wurden und in denen es an demokratischer Kontrolle fehlt. Der Anschein der Normalität und der unfehlbaren Rechtsstaatlichkeit soll mit allen Mitteln aufrecht erhalten bleiben, sei es im Bereich Politik, Justiz, Psychiatrie oder der Medien. Überall werden Grundsätze des Gesellschaftsvertrages einer freiheitlichen Demokratie gebrochen, wenn es um die berufsständischen Interessen, wenn es um Geld, Macht und Prestige der Involvierten geht.

Es sind bestimmte und bestimmbare Personen, die hier gegen den wichtigsten Grundsatz unserer Verfassung verstoßen haben und weiterhin verstoßen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Es gibt ganz offensichtlich Personen, deren Menschenbild und deren Vorstellung von der Gleichwertigkeit aller Menschen korrumpiert ist. Ein elitäres Selbstbild geht einher mit der Höherbewertung der Menschen, die zur eigenen Gruppe gehörig betrachtet werden, und einer Abwertung derjenigen, die als anders, als fremd oder krank wahrgenommen werden. Norbert Elias, ein Klassiker der Soziologie, hat diese Verwechslung von Macht mit höherem menschlichem Wert in seinem Werk Etablierte und Außenseiter beschrieben.

Offensichtlich gibt es sowohl in Wissenschaft und Politik als auch bei Funktionseliten ebenso eine Verwechslung von Macht mit Wahrheit. Sie verwechseln ihre Macht, Normen zu setzen, mit der Entdeckung von Wahrheiten - ein Phänomen, das nicht nur systemisch bei Politikern ist, sondern offensichtlich auch in der Psychiatrie eine Rolle spielt.