Der Festakt zum Missbrauch

Die Odenwaldschule wird hundert Jahre alt: Die Bewältigung der "sexuellen Altlasten" fällt schwer

Am Wochenende feierte die OSO, wie sie von Exschülern liebevoll genannt wird, ihr 100-jähriges Bestehen. Und das trotz oder gerade wegen all jener Missbrauchsfälle, die in den letzten Wochen ruchbar wurden. Aus diesem Grund hatte die Anstaltsleitung vor dem Festakt eine Podiumsdiskussion angesetzt, auf der prominente Altschüler und Altschülerinnen, darunter die Schriftstellerin Amelie Fried, über die "sexuellen Altlasten" diskutieren sollten.

Zu Erinnerung: Die Schule, Wallfahrtsort und ehrgeiziges Vorzeigeobjekt einer deutschen Pädagogik, die noch immer der Meinung ist, dass Schule und Erziehung anders gestaltet werden könnten, wenn man gut meinende Pädagogen nur ließe, war in die Schlagzeilen gekommen, weil vor ca. sechs Wochen zahlreiche Missbrauchsfälle bekannt geworden waren. Telepolis berichtete mehrmals (Knabenliebe zum pädagogischen Prinzip erhoben) und ausführlich (Den Missbrauchs-Sumpf trockenlegen - nur wie?) darüber.

Mittlerweile sprechen Schule und Schulleitung von rund 40 Opfern, die zwischen 1966 und 1991 von knapp einem Dutzend Lehrern und Erziehern sexuell missbraucht worden sind. Darunter auch und vor allem von dem ehemaligen Schulleiter Gerold Becker, der von 1969 bis 1985 an der Schule tätig war und sie insgesamt dreizehn Jahre lang leiten durfte. In einem knappen Brief hat der Lebensgefährte von Hartmut von Hentig, der Nestor der deutschen Reformpädagogik, einen Teil der Übergriffe auch zugegeben.

In der dreistündigen Diskussionsrunde am Freitagnachmittag verglich die Schulleiterin die Vorkommnisse mit einem "Erdbeben", das die Schule heimgesucht habe – ein rhetorischer Fehlgriff par excellence, vermittelt er doch ein überaus schiefes Bild von den Geschehnissen, die sich dort ereignet haben. Solche Naturkatastrophen kommen in aller Regel unerwartet, plötzlich oder aus heiterem Himmel. Im Falle der Odenwaldschule kann man das sicherlich nicht sagen. Spätestens seit 1998, als die Frankfurter Rundschau zum ersten Mal darüber berichtete, wussten die Verantwortlichen was Sache ist.

Warum der hiesige Journalismus seinerzeit nicht darauf angesprungen ist, weder die taz noch der Spiegel oder die Zeit das Thema aufgegriffen und verbreitet haben (Das Schweigen der Männer), gehört zu den Geheimnissen und Peinlichkeiten einer Medienlandschaft, die bestimmten Pädagogik und ihren Erzeugnissen wohlwollend gegenüberstehen, weil sie meinen, damit einem autoritären Rollback das Wort zu reden.

Ob Enthüllungen auf höchster journalistischer Ebene damals systematisch verhindert worden sind, weil sowohl Gerold Becker als auch und vor allem von Hentig einflussreiche Bekannte in diversen Redaktionen, darunter die langjährige Herausgeberin bei der Zeit, die verstorbene Marion Gräfin Dönhoff, sitzen hatten, darüber darf trefflich und heftig spekuliert werden.

All das hinderte die Geladenen und Gekommenen aber nicht, erneut nach Antworten Ausschau zu halten, warum Lehrer und Erzieher, nahezu unbehelligt von Eltern, Aufsichtsbehörden und Schülern, sich über zwei Jahrzehnte lang an minderjährigen Jungen vergehen und damit den pädagogischen Schon- und Schutzraum, den man den Schülern bieten wollte, in einen sexuellen Missbrauchsraum verwandeln konnten.

War es das Enklavendasein der Schule, das sowohl die Missgriffe als auch das "Schweigekartell" jahrelang begünstigt hat? War es jenes "liberale Klima", das in den Siebzigern nach der "sexuellen Revolution" in weiten Teilen der Gesellschaft herrschte und den sexuellen Missbrauch als auch die Vertuschung desselben begünstigt hat? Hat sich an der OSO eine parasitäre Clique von Erziehern, Lehrern und Betreuern eine scheinbar attraktive Theorie, die das Kind in den Mittelpunkt stellt, zurechtgebastelt, um eigene sexuelle Vorlieben und Neigungen auszuleben und zu legitimieren (Alte Verbote produzieren alte Gewalt)?

Oder war es einfach der Mangel an Distanz, die zu große Nähe, die sich zwischen Lehrern und Schülern, Erziehern und Zöglingen in all den Jahren eingestellt hatte und jene gegenseitigen Abhängigkeiten geschaffen hat, die den Missbrauch so lange Jahre nicht nur möglich gemacht, sondern auch geholfen hat, ihn vor aller Augen zu vertuschen oder zu bagatellisieren? Und welche Rolle spielten dabei die Eltern, die zumindest in dem einen oder anderen Fall von den Vorfällen gewusst haben müssen. Zumal die pädophilen Neigungen der Täter weithin bekannt und häufig auch Anlass zu Spottgesängen waren. Eine eindeutige Antwort auf diese Fragen gibt es nicht und wird es wohl auch künftig nicht geben. Zu verwoben und vermanscht sind hier Theorie, Struktur und Praxis.

Bemerkenswert an der Runde war, dass nahezu alle Beteiligten immer wieder betonten, wie wichtig die Schule für ihre geistige, seelische und soziale Entwicklung gewesen ist. Als ob es eine derart gelungene nur hier und nicht auch an einer öffentlichen Schule und unter anderen Lebensumständen nicht auch geben könnte oder gegeben hätte.

Muss man, um ein guter Mensch sein, Gutes zu tun oder ein erfolgreicher Schriftsteller, Intendant oder Journalist zu werden, der Recht von Unrecht unterscheiden, fair handeln und Empathie und Mitgefühl zeigen kann, unbedingt eine Nonstop-Erziehung in die ländlichen Abgeschiedenheit des Odenwalds "genießen", wo der Handyempfang mickrig und die Abwechslung dürftig ist? Braucht es dafür unbedingt eine klösterliche Umgebung, die einen eigenen Kosmos kreiert, das Individuum in eine Schein- oder Parallelwelt eintauchen lässt, wo es weder Distanznahme noch Entkommen vor dem anderen gibt? Kann man all die charakterlichen Tugenden, die die OSO-Schüler gern hervorheben, nicht auch andernorts erwerben, in Hildesheim, Castrop-Rauxel oder München und/oder an einer anderen stinknormalen Schule, wo es Noten, strenge Lehrer und Prüfungen gibt und man sich jeden Tag aufs Neue beweisen muss?

In den Hintergrund tritt bei allen dermaßen verklärenden Reden nicht nur, dass auch die Erfolgreichen unter den Abgängern nicht in einem "pädagogischen Idyll" gelebt haben. Nicht nur, dass sie alle ihre Sorgen, Kümmernisse und persönlichen Mängel und Fehler mit nach Ober-Hambach geschleppt haben, sondern dass sie dort auch Teil eines "System" geworden sind, das diese Form des Missbrauchs ebenso begünstigt wie gefördert hat.

In den Hintergrund tritt auch, dass die Schule heute mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie andere auch: mit Mobbing unter Schülern wie Lehrern, mit Drogen-, Motivations- und Disziplinproblemen, die Erzieher und Betreuer physisch wie psychisch überfordern. Es ist ja nicht so, dass es dort nur Erfolgmeldungen gäbe, dass Schüler an der OSO plötzlich jenen Lernwillen entdeckten, der ihnen an einer staatlichen Schule systematisch ausgetrieben worden wäre.

Und in den Hintergrund tritt letztendlich, dass Ganzheitlichkeit schließlich auch bedeutet, dass die Erziehung keine Minute zur Ruhe kommt. Sie ist nicht nur für alles zuständig, sie ist auch stetig und rund um die Uhr im Einsatz am Schüler. Im Internat, aber auch im Landschulheim, gibt es kein Entrinnen vor der Nonstop-Pädagogik, zumal alles psychologisiert und kommuniziert werden muss, Beziehungskisten und Rollenkonflikte, und daher nur wenig vor anderen verborgen bleibt.

Erst recht in einer "Familie", bei der alle, Schüler wie Oberhäupter, zu einer Lebens- und Lerngemeinschaft verdammt und gezwungen sind, sich ständig, am Morgen wie zu Mittag oder zu Abend, sich auszutauschen. Im Landschulheim oder im Internat kennt der "pädagogischen Eros" keine Pause.

Sorge, dass der Missbrauchsskandal zu einem Abgesang auf die deutsche Reformpädagogik werden könnte, die das Wohl, die Freiheit und die Selbsttätigkeit des Kindes in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen Ambitionen stellt, hatte man wohl. Dies hindert die "Odenwaldgemeinde" aber nicht, auch in Zukunft sowohl an den "Familien", den "Oberhäupter-Strukturen" und der "emotionalen Nähe" von Erwachsenen und Jugendlichen als auch an jener deutschen Sondertheorie, die all das begründet, weiter festzuhalten.

Genau in diesem Umfeld liegt aber auch die Crux für eine gezielte und echte Aufarbeitung. Solange sich die Verantwortlichen nicht den ideologischen Vorgaben ihres Vordenkers und ihrer Vordenker kritisch stellen, das gesamte "geistige Umfeld" jener verquasten und schrägen Ideen ihrer Gründungsväter "Paulus" Geheeb und, mit Abstrichen, Gustav Wyneken ausleuchten und endlich als Teil des Problems und nicht als dessen Lösung erkennen, werden grundlegenden Probleme, die dieser typisch deutschen Bewegung eigen sind, nicht gelöst, sondern nur verschoben oder verdrängt.

Vor allem in Hohen-Hambach muss oder sollte man endlich tiefer bohren als bislang geschehen. Man sollte sich fragen, woher die deutsche Reformpädagogik all ihr "Wissen" und ihre Ideen bezieht. Sie sollte sich etwa fragen, warum viele ihrer Heroen sich mehr oder minder auf Stefan George, den Dichter und "Übervater der Reformpädagogik" beziehen? (Päderastie aus dem Geist Stefan Georges?).

Gustav Wyneken, der Gründer der Landschulheimerziehung, hat sich immer und überall zu George und seinen Ideen bekannt und ihn auch in seinem 1906 veröffentlichten "Programm der Freien Schulgemeinde" ausgiebig zitiert. Er hat das, was er in den Schriften und Gedichten Georges fand, etwa die Knabenliebe und das antike Ideal der Meister-Schüler-Beziehung, für seine pädagogischen Ziele und Neigungen benutzt und entsprechend umgedeutet.

Gerold Becker, der Kopf der Missetäter, wurde wiederum von Hellmut Becker, der 1937 in die NSDAP eingetreten, beim Carl-Schmitt-Schüler Ernst Rudolf Huber Assistent und Anfang der sechziger Jahre nicht nur Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin war, sondern auch Mitglied des Deutschen Bildungsrates und Vordenker der deutschen Bildungsreformen, zur Anstellung an der Odenwaldschule empfohlen.

Über Gerold Beckers Neigungen wusste Hellmut Becker aus eigener Anschauung bestens Bescheid. Wie übrigens auch Hartmut von Hentig, der bis auf den heutigen Tag bestreitet, jemals etwas von der Pädophilie seines Freundes und Lebenspartners Gerold Becker mitbekommen zu haben (Was habe ich damit zu tun?). Gerold hatte sich seinerzeit, als er bei Hellmut Becker zu Gast war, nachts zu dessen Patensohn ins Bett legen wollen. Schon damals hat man, auch im Hause des Juristen Hellmut Becker, anscheinend derlei Homoerotik und Päderastie ohne den Staatsanwalt, dafür quasi von Mann zu Mann, zu klären versucht.

Bekannt ist auch, dass die Erziehung der Bildungsreformer ein durchweg elitäres Projekt war, das von einem bildungsbürgerlichen Netzwerk, manche sprechen von einer "protestantischen Bildungsmafia", ins Werk gesetzt wurde und von einem "anderen Deutschland" träumte (Rhizome des Geheimen Deutschlands). Zu diesem Netzwerk gehörten neben den Familien Weizsäcker, Picht und Becker auch Hartmut von Hentig und die Gräfin Dönhoff. Mit publizistischer Unterstützung und dem geschickten Knüpfen von Seilschaften, die sich gegenseitig stützten, schützten und sich die Posten zuschanzten, konnten sie diese Form von Pädagogik bis in die Mitte der Gesellschaft durchboxen (Das Netzwerk wankt, reformpädagogische Leuchttürme stürzen).

Schließlich sollte man sich auch fragen, wieso an solchen Schulen wie der OSO ausgerechnet so schräge, schrullige und kauzige Typen wie die genannten Personen so verehrt worden sind und man sich bis heute sich derer auch noch rühmt? Dabei ist deren absonderliche Herkunft und verquaster Theoriekosmos doch weithin bekannt. Wyneken war ein bekennender Päderast, Hermann Lietz ein Antisemit und Peter Petersen, der Begründer des Jenaplanes und Erfinder der Gruppenpädagogik, ein Antidemokrat; Ellen Key war Eugenikerin, Maria Montessori kurzzeitig eine Verehrerin Mussolinis und Paul Geheeb, grob gesagt, ein abgedrehter Spinner. Wie kommt es, dass man auf diese Typen und deren schräge Ideen vom Leben, Bildung und Erziehen ganze pädagogische Theorien gegründet hat?

Es ist ja nicht so, als ob man auf den Gründer der Odenwaldschule Paul Geheeb, einem Sonderling, Außenseiter und Eigenbrödler der deutschen Pädagogenzunft, unbedingt stolz sein müsste. Schon sein langer weißer Bart und die Art sich zu kleiden; oder die Tatsache, im durchsichtigen Nachthemd gymnastische Dehn- und Streckübungen auf dem Feld mitsamt seinen Schülern vor aller Augen zu praktizieren, erinnert eher an einen Sektenführer, Guru oder Jünger vom Monte Verita als an einen verlässlichen und allseits Vertrauen erweckenden Lehrer und Erzieher.

Vieles von dem, was er zu Zeiten verlauten ließ, fällt unter die Rubrik esoterischer Quark und Nonsense. All das, was ihm zugeschrieben wird und als neuer "Erziehungsgedanke" von bestimmten Stellen gefeiert wird: Koedukation, Mitbestimmung, Partnerschaft von Lehrern und Schülern usw., war und ist an eine diffuse Erlösungsrhetorik geknüpft, die sich aus anthroposophischen bzw. theosophischen Quellen speist und tatsächlich den pädagogischen Eros als alternative Praxis beschwört.

Man muss nicht unbedingt dem Philosophen Peter Sloterdijk folgen, der den Rousseauismus für weit folgenreicher und opferintensiver hält als den Leninismus. Aber dass man Kinder und Jugendliche zum wahren Menschsein oder Menschentum bringt, indem man sie möglichst lange von allen "Übeln der Zivilisation" fernhält, von denen die "Welt da draußen" voll ist, sollte bei jedermann, und nicht nur den in pädagogischer Theorie Bewanderten, Magengrimmen verursachen und heftiges Kopfschütteln oder zumindest Stirnrunzeln abverlangen.

Schon immer flüchtete sich die deutsche Reformpädagogik gern in Parallelwelten, die von Charismatikern wie Gerolf Becker oder Hartmut von Hentig beschworen wurden. Wer von Hentig wenigstens einmal öffentlich erlebt hat, wie er Aufsichtsbehörden und Kontrollorgane mit schwülstiger Rhetorik und selbstbewussten Auftreten vereinnahmt und eingelullt hat, wird wissen, was damit gemeint ist.

Nicht nur, dass man zuzeiten die "Gemeinschaft" in Gegensatz zur "Gesellschaft" brachte und der "schlechten Welt" somit eine "heile Welt" entgegenstellte, die man in der klösterlichen Abgeschiedenheit eines Landerziehungsheimes zu verwirklichen suchte; der traditionellen sollte auch eine "neue und andere Erziehung" zur Seite gestellt werden, die das Kind ins Zentrum aller Bemühungen rückt, dem Erzieher aber schier übermenschliche Eigenschaften abverlangt und zuschreiben will (Verständnis, Vertrauen, Einfühlungsvermögen usw.).

Dass der Zögling wegen dieser Distanzlosigkeit in emotionale Abhängigkeit zu seinem Lehrer und Erzieher gerät, die sich weder umstandslos noch möglicherweise in Mündigkeit, Freiheit und Autonomie auflösen lässt, dieses Problem hat die deutsche Reformpädagogik bis heute nicht für sich entdeckt. Am Korpsgeist und Elitenbewusstsein, das die Altschüler insgesamt weiter und nach außen demonstrieren, kann man das gut erkennen. Sie sind vielfach doch größer als der Wille zum schonungslosen Hinterfragen.

So nimmt es nicht wunder, dass eine Vielzahl von Altschülern trotz der skandalösen und schrecklichen Vorfälle, ihre Zeit an der OSO auch weiter und im Rückblick glorifiziert. Um das zu zementieren, lud man statt eines echten Kritikers vom Schlage eines Jürgen Oelkers (Was bleibt von der Reformpädagogik) lieber den braven und verständnisvollen Tübinger Bildungshistoriker Ulrich Herrmann (Auf der pädagogischen Insel) zu sich, der die Schandtaten der "finsteren Jahre" zwar verurteilte und sie auch nicht verschwieg, aber seinerseits und vor allem die Vorzüge und Segnungen der Internatserziehung heraushob.

Der versammelten Schulgemeinde aus Alt- und Neuschülern wurde so doch wieder der Eindruck vermittelt, dass alles nicht so schlecht oder schlimm gewesen sein könne wie es die Presse, Öffentlichkeit und einige der Missbrauchsopfer derzeit von der Schule malen. (Rudolf Maresch)

Anzeige