Der Film aus La Mancha

Bild: © Concorde Filmverleih / Diego Lopez Calvin

Terry Gilliams "The Man who killed Don Quixote" als Fortsetzungsroman

15 Jahre lang ging Terry Gilliam angeblich mit dem Stoff schwanger, bevor im Jahr 2000 die Produktion seines Don-Quixote-Films begann - des ersten Versuchs! Nach einer zermürbenden Geschichte voller Krankheiten, Verzögerungen und Rechtsstreitigkeiten ist sein Film nun fertig. Man sieht ihm die intensive Auseinandersetzung mit Cervantes' Vorlage ebenso an, wie die lange Zeit, die in seine Fertigstellung investiert wurde. "The Man who killed Don Quixote" ist ein ebenso monumentales wie privates Werk - und vielleicht nach 403 Jahren eine würdige Fortsetzung des Roman-Zweiteilers.

Miguel de Cervantes' Anfang des 17. Jahrhunderts erschienener Roman "Don Quijote de la Mancha" gilt als der erste "echte" Roman der Literaturgeschichte und bei nicht wenigen als der wichtigste Roman der Weltliteratur. Auf mehr als 1300 Seiten bringt es die deutsche Übersetzung, die Ludwig Tieck um 1800 besorgt hat und die bis vor kurzem als die einschlägige deutschsprachige Ausgabe galt. (Zum 400. Geburtstag Cervantes' veröffentlichte dtv eine viel gepriesene Neuübersetzung von Susanne Lange.) Was macht diesen Stoff so "kanonisch", was prädestiniert ihn für eine filmische Adaption und welche Hürden bietet er einem Filmemacher wie Terry Gilliam?

1605 erscheint der erste Teil, in welchem die Abenteuergeschichte des Ritters Don Quijote und seines Knappen Sancho Pansa erzählt werden. Offenbar hat der Held des Romans selbst zu viele Ritterbücher gelesen, jedenfalls ist er überzeugt den Stand der fahrenden Ritter wieder ins Leben zu erwecken, schlägt sich selbst zum Ritter und überredet seinen Freund, den Bauern Sancho, dazu, seine Familie zurückzulassen und mit ihm auf Abenteuerjagd zu gehen. Er verspricht Sancho im Gegenzug Reichtum und Statthalterschaft über eine Insel. Die meisten dieser Abenteuer sind jedoch bloß eigebildet: Windmühlen werden zu Riesen, heruntergekommene Spelunken zu Burgen, Weinschläuche zu Widersachern und überall vermeint der Ritter böse Zauberer am Werk zu sehen, die seine Wahrnehmung trüben und Schicksal lenken. Trotzdem sein Knappe um den Wahnsinn seines Herrn weiß, lässt er ihn nicht allein.

The Man who killed Don Quixote (9 Bilder)

Bild: © Concorde Filmverleih / Diego Lopez Calvin

Schließlich gelingt es Freunden des "eingebildeten" Ritters, ihn mit einer List zurück nach Hause zu locken, um ihn dort vom Wahnsinn zu heilen. Doch bald schon brechen Don Quijote und Sancho Pansa zur zweiten Fahrt auf. Die Rittergeschichte bildet so etwas wie eine Rahmenhandlung, in die etliche langwierige "Novellen" eingeflochten sind - zumeist über Menschen, denen der Ritter auf seiner Irrfahrt begegnet, und die ihm ihre (Leidens)geschichten und Probleme erzählen, die der Don Quijote sodann für sie löst. Geschickt webt Cervantes diese Erzählungen am Ende so zusammen, dass sie sich gegenseitig erklären, ergänzen und sogar teilweise aufheben. Vieles wirkt dabei jedoch allzu konstruiert, es gibt unerklärte Zeitsprünge und einige erzählerische Ungereimtheiten.

Und genau die sind das Thema des zweiten Don-Quijote-Romans, der sich streckenweise wie eine Revision und Rezension zum ersten Roman liest. Auf seiner zweiten Fahrt begegnen der Ritter und sein Knappe nicht nur Leuten, die den ersten Roman, den ein Don Quijote unbekannter, maurischer Autor geschrieben hat, gelesen haben und die ihn mit den erwähnten erzählerischen Problemen konfrontieren und um Aufklärung bitten. Offenbar ist auch ein zweiter Ritter im Lande unterwegs und gibt sich als Don Quijote aus, was den echten Ritter dazu zwingt, sich ständig für nicht getane Heldentaten zu rechtfertigen und sich als der wahre Held zu authentifizieren. Da der Wahnsinn des richtigen Don Quijote aber mittlerweile auch landläufig bekannt ist, stößt er auch immer häufiger auf Menschen, die ihn foppen, sich über ihn lustig machen und ihm sogar Schmierentheater vorspielen, damit er ein neues "Abenteuer" erlebt.

Gerade wegen dieser ständigen Wechsel auf die Metaebene ist Cervantes' Roman vielleicht nicht allein der erste moderne, sondern sogar postmoderne Roman der Literaturgeschichte. Der Autor lässt darin überdies die zeitgenössische Ritter-Literatur kritisch Revue passieren (indem er seinen Helden ständig aus dieser und jener Geschichte zitieren lässt) und kommentiert das zeitgenössische spanische und europäische Weltgeschehen des 17. Jahrhunderts. Relativ bald wird dem Leser klar, dass die Don-Quijote-Figur nicht nur eine Karikatur ist, sondern vielleicht sogar ein "Schelm", wie er im deutschen Schelmenroman die Leser späterer Epochen hintergründig unterhält. Sein Wahnsinn entlarvt die Amoral der "Normalen" - oft in seitenlangen, hochvernünftigen Monologen (wie die übrigen Protagonisten zugeben).

Es erscheint mir nicht unwichtig den Roman und seine mögliche Deutung einer Besprechung des Films voranzustellen. Tatsächlich ist sogar fraglich, ob der Film überhaupt im vollen Umfang (von Intention möchte ich hier gar nicht sprechen) goutierbar ist, wenn man den Roman nicht kennt. Dabei soll eine solche Gegenüberstellung weniger die plumpe Frage, "was besser ist - Roman oder Film?" beantworten als die Frage nach der Notwendigkeit der formalen Aktualisierung eines solchen Stoffes ins Zentrum der Betrachtung rücken. Was muss ein Filmemacher leisten, um aus solch einer Geschichte einen Film zu machen, der - man erkennt es bereits am Titel - eine Erweiterung und sogar Fortsetzung des Stoffes darstellen soll?

Versuche Don Quijote filmisch zu adaptieren hat es nicht wenige gegeben: Arthur Hiller hat 1972 "Der Mann von La Mancha" gedreht, von Orson Welles gibt es eine über Jahrzehnte produzierte unvollendete Fassung mit dem Titel "Don Quixote". Außerdem existieren Mehrteiler, Kurzfilme und eine Zeichentrick-Serie, die es hierzulande in den 80er-Jahren sogar ins Fernsehen geschafft hat. Nicht unerwähnt darf auch die 2002 erschienene Dokumentation "Lost in La Mancha" über die ersten Dreharbeiten zu Gilliams Film bleiben. Diese Vorlagen sind teilweise so groß, dass sich Terry Gilliam dazu genötigt gesehen haben mag, seinen eigenen Beitrag als "Eskalation" zu formulieren.

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