Der Fluch der Städte

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen dokumentiert das erschreckende Ausmaß der Umweltzerstörung der letzten Jahrzehnte anhand von vergleichenden Satellitenfotos

1950 lebten etwa dreißig Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahr 2003 waren es 48 Prozent und im Jahr 2030 werden es über 60 Prozent sein, berichtet das United Nations Environment Programme (UNEP). Der städtische "Wohlstand" (in vielen Ländern wohl eher die Ausbreitung von Slums) hat aber einen hohen Preis. Denn nach Ansicht der UNEP tragen die Stadtbewohner am meisten zum Klimawandel bei. Drastisch führt das nun der UNEP-Atlas "One Planet Many People" vor, der anlässlich des Weltumwelttages präsentiert wurde. Gezeigt werden Satellitenfotos aus vergangenen Jahrzehnten, die aktuellen gegenübergestellt werden.

Shenzen, China, 1986

Industrialisierte Städte verbrauchen Unmengen Wasser, Nahrung, Energie und Holz. Sie produzieren soviel industriellen und häuslichen Müll, Abwässer und Abgase, dass weit über die Stadtgrenzen hinaus ganze Regionen und letztlich der gesamte Planet davon betroffen ist, erinnerte UNEP-Direktor Klaus Töpfer bei der Atlas-Präsentation. Das Buch macht die Auswirkungen des Lebensstils der industrialisierten Welt in den letzten Jahrzehnten sichtbar.

Shenzen, China, 2000

Die Aufnahmen wurden vom Geologischen Dienst der USA und der US-Weltraumbehörde NASA gemacht. Das Buch zeigt verschiedene Fallbeispiele. Dramatische Veränderungen in der Umbebung von Städten wie Dhaka, Delhi, Santiago und Peking werden vorgeführt: zerstörtes Ackerland, verschmutzte Flüsse und das Verschwinden von Wasservorräten.

Ein interessantes Beispiel ist Las Vegas. 1950 wurden gerade mal 24.000 Einwohner gezählt. Doch die Spielerstadt in der Wüste Nevadas nahm seit den 70er-Jahren einen spektakulären Aufschwung. Heute leben bereits eine Million Menschen dort. Schätzungen zufolge werden es 2015 bereits doppelt so viele sein. Ganz zu schweigen von den Touristen-Schwärmen, die jeden Tag in Las Vegas einfallen. Das rasante Wachstum führte zu einem Abfall des Wasserspiegels des nahe gelegenen Lake Meade von 18 Metern alleine in den Jahren zwischen 2000 bis 2003. Schuld daran war vor allem die Wasserversorgung der Stadt. Denn heute werden mit dem Wasser die Golfplätze bewässert und das Grundwasser dient auch für Toilettenspülungen.

Satellitenaufnahme von Mexico City mit 9 Millionen Einwohnern 1973

In Mexico City wiederum sticht die ausufernde Abholzung ins Auge. Viele Städte Afrikas und Asiens leiden unter geradezu explodierenden Bevölkerungszahlen. Überbevölkerung wird etwa in Delhi das zentrale Problem, wenn man sich vor Augen hält, dass die Stadt 1975 nur 4,4 Millionen Einwohner zählte, 2000 aber bereits 12 Millionen und 2010 wollen dort Schätzungen zufolge 21 Millionen Menschen versorgt werden.

Mexico City mit 14 Millionen Einwohnern im Jahr 2000

Dramatisch die Situation auch in China. Der wirtschaftliche Aufschwung geht Hand in Hand mit zunehmender Umweltverschmutzung, wie erst kürzlich auch die chinesischen Behörden wieder mit Besorgnis feststellten. Wie die Bilder von Peking zeigen, fielen der Expansion ganze Wälder zum Opfer. Von den Reis- und Winterweizen-Feldern bis zu den Gemüse-Beeten, die früher die Stadt umgaben und wichtige Ressourcen für die Versorgung der städtischen Bevölkerung waren, ist kaum mehr etwas zu sehen.

Während in den letzten Jahren schon viel über die Schäden in den tropischen Regenwäldern berichtet wurde, weist die UNEP auch auf ein Problem hin, das noch kaum ins Bewusstsein der Bevölkerung der westlichen Industriestaaten vorgedrungen ist: die schädliche Ausbreitung von Shrimp-Farmen in Asien und Lateinamerika.

Mosaik aus vier Bildern 1973-1976 vom Mesopotamischen Marschland

Doch nicht nur unser Wohlstand schadet der Natur. Kriege tun ein Übriges. Die Trockenlegung der Mesopotamischen Marschlands trug u. a. zur Zerstörung des größten Dattelpalmenwalds der Erde entlang des Schatt-el-Arab im Irak und Iran bei. Mehr als 14 Millionen Bäume - 80 Prozent der Bäume, die dort 1970 standen - sind verschwunden und damit die Lebensgrundlage von Millionen Menschen.

Übriggeblieben sind kleine Reste

In diesem Fall konnte der Einzelne wohl wenig ausrichten. In vielen anderen Fällen kann Ressourcen schonendes Verhalten aber sehr wohl Positives bewirken. Klaus Töpfer appellierte anlässlich des Weltumwelttages insbesondere an die Städter der industrialisierten Länder: "Menschen, die in San Francisco oder London leben, werden die Bilder von Rodung oder das Schmelzen des arktischen Eises sehen und sich fragen, was das mit ihnen zu tun hat." Aber diese Veränderungen sind "das Resultat des Lebensstils und Konsumverhaltens von Menschen wären, die Hunderte und Tausende Kilometer entfernt leben". Und Töpfer schließt mit einem Appell: "Ich bitte die Städter der ganzen Welt und vor allem der Industrieländer, im Interesse der lokalen und weltweiten Umwelt sparsam mit Ressourcen umzugehen" (Brigitte Zarzer)

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