Der Fluch des Öls

Ob niedriger oder hoher Ölpreis, die noch vorhandenen Reserven müssen aus Klimaschutzgründen zu etwa zwei Dritteln im Boden bleiben

Der Klimazirkus bewegt sich noch immer im Schneckentempo nach vorn. Genauso wie es die deutsche Bundesregierung nach dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau vorgemacht hat: Erst wurde die Fahne der "Dekarbonisierung" hochgehalten, viel Beifall dafür kassiert, aber dann sind Merkel und Gabriel schon drei Tage später vor der Macht der Kohlelobby eingeknickt und haben auf eine bescheidene CO2-Steuer auf alte Braunkohle-Kraftwerke verzichtet.

Jetzt vor der Weltklima-Konferenz in Paris ist der Ölpreis so billig wie lange nicht mehr. Und zwar so billig, dass Shell seine Absicht, in der Arktis vor Alaska nach neuem Öl zu bohren, aufgegeben hat.

Das ist seit Monaten die erste gute und überraschende Nachricht fürs Klima. Früher galt bei Umweltverbänden und Umweltpolitikern die Devise: Je teurer das Öl, desto weniger wird verbraucht und damit desto besser fürs Klima.

Jetzt aber gilt umgekehrt: Je billiger das Öl, desto geringer der Gewinn für die Konzerne und desto weniger können sie aufwendig bohren. Und das Bohren wird immer aufwendiger, weil das billig zu gewinnende Öl längst verbraucht ist. Das ist die neue Dialektik der alten Ölwirtschaft.

2009 stand der Ölpreis mit 148 Dollar pro Barrel auf einem Rekordhoch. Heute liegt dieser Preis wegen des Fracking-Booms bei etwa 50 Dollar. Greenpeace befürchtete noch vor kurzem, dass der niedrige Ölpreis den Klimaschutz um Jahre zurückwerfen wird. Doch das stimmt heute nicht mehr. Weil mit dem niedrigen Ölpreis auch die Gewinn-Marge der Konzerne sinkt, lohnen sich aufwendige Bohrungen nicht mehr.

In Deutschland wird trotz niedriger Öl- und Benzinpreise weniger getankt. Der Hauptgrund sind die effizienteren Fahrzeuge. Allerdings: Niedrige Spritkosten führen auch dazu, dass nur wenige Elektro-Autos gekauft werden. Beim energetischen Sanieren der Häuser ist es ähnlich. Der niedrige Ölpreis verschiebt die längst fälligen Sanierungen zeitlich nach hinten, aber saniert wird dennoch, meldet die Förderbank KfW.

Es ist der Fluch des Öls: Ob niedriger oder hoher Ölpreis, die noch vorhandenen Reserven müssen aus Klimaschutzgründen zu etwa zwei Dritteln im Boden bleiben. Doch es wird der Ölwirtschaft nicht leicht fallen, auf mögliche Milliarden-Gewinne freiwillig zu verzichten. Deshalb müssen politische Rahmenbedingungen nachhelfen.

Die effektivste Nachhilfe in Paris heißt: CO2-Steuern auf fossile Rohstoffe weltweit beschließen. Nur dann werden die alten Konzerne auf ihren Reichtümern sitzen bleiben. Hoffnungsvoll ist, dass weltweit potente Investoren wie die Pensionsfonds durch die Divestment-Bewegung Milliarden Dollar und Euro aus fossilen Rohstoffen zurückziehen. Fachleute schätzen, dass allein in den letzten Monaten schon Aktien von über 2.000 Milliarden Dollar abgezogen wurden.

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(Franz Alt)

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