Der Führer, der anscheinend doch keiner sein wollte

Eine Widerspruchsschau zum Rücktritt von Nigel Farage in deutschen Medien

Am 4. Juli 2016 - ironischerweise dem amerikanischen Unabhängigkeitstag - verkündete der UKIP-Chef Nigel Farage seinen Rücktritt von der politischen Bühne Großbritanniens, da er nach eigener Aussage nun, da er sein Land zurückhabe, sein Leben zurück wolle. Er werde aber seinen Sitz im Europäischen Parlament vorerst behalten, um den Brexit-Prozess weiter zu beobachten. Nach David Cameron und Boris Johnson ist er somit nun der Dritte, der personelle bzw. berufliche Konsequenzen aus dem britischen Votum zog.

Die Reaktionen der deutschen Medienlandschaft fallen erwartungsgemäß eindeutig aus: "Nigel Farage zeigt mit seinem Rücktritt, was von Populisten zu halten ist. (...) Wie unfassbar feige das ist. Was für ein Hochstapler", heißt es in der Süddeutschen. Andere versuchen sich lieber in verschwörungstheoretischen Ergüssen: "Sie spielen mit ihrem Volk und seinen Nöten wie an einem Pokertisch im Elite-College, und als die Sache mit den gezinkten Karten nach dem Sieg auffliegt, machen sie sich durch die Hintertür davon."

Nigel Farage. Foto: Jari Jakonen. Lizenz: CC BY 2.0

In eben jene Ecke stellt sich auch Christoph Waltz, der Farage sogleich als "Head Rat" bezeichnete, die nun als erste das Schiff verlasse, um in anderen Bereichen Geld zu machen. In der Zeit wird Farage schließlich indirekt zitiert: "Nun sei ihnen das Lachen vergangen, da er das Königreich aus einem erbärmlichen Dasein als Vasallenstaat in die Unabhängigkeit geführt habe", nur um sofort anzuschließen: "Den letzten Satz formulierte er nicht genau so, aber so in etwa wurde er von jedem verstanden."

In selbigem Artikel tritt dann auch der deutsche Geist besonders deutlich hervor, wenn zum Schluss mokiert wird: "Und niemand fragte ihn, welches Recht er habe, 'sein eigenes Leben zu leben', nachdem er das Land gemeinsam mit Boris an den Rand des Absturzes geführt habe." Nicht zuletzt die Verwendung des Vornamens Johnsons verdeutlicht die ekelhafte Distanzlosigkeit, welche als absolut prototypisch für das deutsche Politikverständnis gelten kann. Farage, dem man mit Sicherheit politisch einiges, mangelnde Geselligkeit jedoch keineswegs vorhalten kann, nimmt sich die Freiheit "zu kündigen", ohne vorher weit um Erlaubnis zu bitten.

Problem der Deutschen

Die Deutschen, die mit Hitler erst ein Problem bekamen, als sich ihr Führer durch Suizid "seiner Verantwortung entzogen habe", die "ihrem" Papst Benedikt XVI. nicht verzeihen konnten, dass sich dieser entgegen der Sitte schon vor und nicht erst mit seinem Tod zur Ruhe setzte, und die Volker Beck seinen Meth-Besitz mit Sicherheit schnell nachsehen würden, wenn sich herausstellte, dass er dies zwecks Verwertbarkeit und nicht aus irgendwelchen hedonistischen Motiven konsumierte, scheinen nun sehr einheitlich persönlich von der "Verantwortungslosigkeit" Farages betroffen zu sein, die mit dessen politischer "Berufung" scheinbar einherzugehen habe.

Aus eben solcher Disposition speist sich die auch hierzulande viel zu weit verbreitete verständnis- und neidvolle Bewunderung für islamische Selbstmordattentäter, welche sich komplett der konsequenten Haltung verschreiben, die sie neben unzähligen Opfern schließlich auch selbst mit dem Leben bezahlen.

Einzig in der Welt erschien ein Kommentar, der es verdient, im wohlwollenden Sinne etwas ausführlicher zitiert zu werden:

Dabei verkünden die beiden britischen Spitzenpolitiker eine fundamentale Wahrheit, deren politische Strahlkraft weit über ihre operativen Fähigkeiten hinausreicht: Die Freiheit des Einzelnen ist das Wesen jeder freiheitlichen Demokratie. (…) In Deutschland hängen Politiker auch dann noch an ihren Ämtern, wenn es längst sinnvoll wäre, diese jüngeren, frischeren und überraschenderen KollegInnen zur Verfügung zu stellen. Farage wie Johnson können loslassen. Sie verwechseln sich nicht mit ihrem politischen Amt. Sie betonieren eine Rollendistanz, die bei uns fast undenkbar ist. Es ist dies auch Grundlage des wunderbaren britischen Humors. (…)

Die German Angst würde eine solche Implosion des Vertrauten nicht verkraften. Das Land wäre traumatisiert. Die Briten stehen einfach auf und legen los. Leerräume sind Freiheitsversprechen. Deswegen tritt Farage auch gut gelaunt ab. Er hat scharf gepokert und gewonnen und überlässt den Gewinn und das Spiel jetzt den anderen."

Farage hat mit seiner Entscheidung die Erwartungen seiner Gegner an ihn unterlaufen

Eigen ist den übrigen Kommentaren und "Meinungen", dass in ihnen in aller Deutlichkeit zutage tritt, dass Farage mit seiner Entscheidung die Erwartungen seiner Gegner an ihn völlig unterlaufen hat. "Enttäuscht" dürften deshalb wohl vor allem seine politischen Gegner sein. In der Zeit wird dies unverhohlen ausgedrückt: "Farage - ach, irgendwie werden wir ihn vermissen."

So ironisch dies zwar gemeint sein soll, klingt in dem bemühten Charakter jenes Fünkchen Wahrheit an, das in den meisten Scherzen steckt. Für den hier vorliegenden Fall heißt das schlichtweg, dass ein Großteil der Kritik an Farage maßgeblich auf Projektionen beruht. Anders als es in zahlreichen medialen Horrorszenarien als Bild aufschien, war nie ein britisches '33 mit Machtübergabe und Fackelmärschen zu befürchten. En vogue zu sein scheint, deutsche Zustände auf die Insel zu übertragen, deren Bewohner man eh für zurückgebliebene "Inselaffen" hält, weil und nicht obwohl sie sich historisch wie aktuell als einigermaßen immun gegen gewisse regressive Erscheinungen Kontinentaleuropas erwiesen haben.

Die Süddeutsche ist auch hier ganz vorne mit dabei: "Das Land braucht mehr Führung und Orientierung als je zuvor. Und in genau der Phase treten genau jene Politiker ab, die das Land in den Schlamassel geführt haben." Erst unterstellt man Farage also faschistische, populistische und sonstige Tendenzen, um dann zu bemängeln, dass er diese Erwartungen nicht ausfülle, sondern sich in die Privatheit zurückzuziehen gedenke.

Nahezu alle Kommentare betonen: Schon nach der Unterhauswahl im Jahr 2015 habe Farage, wie vorher für den Fall einer Niederlage versprochen, seinen Rücktritt verkündet, der jedoch - anders als es in vielen Darstellungen durchscheint - von seiner eigenen Partei nicht angenommen wurde. Mit Häme halten sie ihm Konsequenzlosigkeit vor - nahezu egal, was er tut.

Urdemokratisches Prinzip

Der Unterschied ist nur: 2015 ging es um eine Wahlniederlage, nun jedoch um einen Wahlgewinn. Nach einem solchen sein Amt niederzulegen, ist strenggenommen ein urdemokratisches Prinzip. Schon Solon (ca. 640-560 v.Ch.), der Großvater der attischen Demokratie, welcher nach seinem Vorgänger Drakon, dem Namensgeber der drakonischen Gesetze, zum außerordentlichen Archonten berufen wurde, um das athenische Gemeinwesen umzustrukturieren, legte nach seinem umfangreichen Reformwerk eben dieses Amt, das mit einer enormen Machtfülle versehen war, nieder und verließ die Polis, obwohl er von den Athenern bedrängt wurde, den Vollzug seiner Reformen zu lenken.

Solon jedoch nahm die angebotene Tyrannis nicht an, sondern begab sich auf eine zehnjährige Reise, was ihm den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit einbrachte, den Athenern jedoch die Pflicht auferlegte, ihr politisches Leben selbst zu gestalten. Die Weigerung Solons, seinen großen Namen in politische und somit auch ökonomische Macht zu transformieren, wurde im Scherbengericht in gewisser Weise sogar institutionell verankert.

Dieser Vergleich sollte selbstverständlich nicht überstrapaziert werden, denn Farage hat kein grundlegendes Reformpaket auf den Weg gebracht - und inwieweit der Brexit ein einschneidendes Kapitel der britischen Geschichte ist, wird sich erst noch zeigen. Dem Rückzug beider Personen aus dem öffentlichen Leben bzw. vor allem aus der ersten politischen Reihe wird aber kaum eine Kritik gerecht - vor allem jene nicht, die anscheinend selbst völlig gefangen ist in der Sehnsucht nach einem starken Mann im Staate.

Gegen solche Sehnsucht müsste sich die Kritik des Populismus, welche gegen Politiker wie Farage permanent und völlig phrasenhaft wiederholt wird, richten, wollte sie sich selbst im Ansatz gerecht werden. Auch Cäsarismus, Bonapartismus oder Napoleonismus sind Begriffe, mit denen im ausgehenden 19. Jahrhundert versucht wurde, den Führerkult der entstehenden Massengesellschaften zu beschreiben, die jedoch kurze Zeit später fallengelassen wurden, nachdem sich abzeichnete, dass die Begriffe das neuartige Phänomen nur bedingt erfassen konnten, da kurze Zeit nach dem französischen Bürgerkönig schon kein hauptsächlich monarchischer Bezug mehr existierte - außer in Deutschland, wo die Begeisterung für die Krautjunker Hindenburg und Ludendorff noch weit über den Ersten Weltkrieg hinaus Bestand hatte.

Der Begriff des Populismus, der sich auf die Partei der Popularen in der späten römischen Republik bezieht, für welche namentlich vor allem die Gracchen-Brüder, Marius, der junge Pompeius oder Caesar stehen, meint also eine Figur, die jenen historischen Personen in gewissen Zügen nachgeahmt ist, vergisst dabei momentan aber, dass es sich bei diesen Politikern, um eben solche handelte, die mehrheitlich erst durch ihren gewaltsamen Tod aus dem Amt schieden und einen selbstgewählten Ausstieg aus der Politik nach dem Erreichen gewisser konkreter Ziele - sofern sie sie hatten - überhaupt nicht in Betracht zogen. Gegen eben jenes für Deutsche so reizvolle Ideal zu verstoßen, ist nun das Vergehen des Nigel Farage, wie der Zeit-Artikel in aller Offenheit darlegt: "Nichts bringt ihn um: kein Teer in der Lunge, kein Alkohol in der Leber, kein abstürzendes Flugzeug, kein Brüsseler Bürokrat. Ein Nigel Farage entfernt sich selbst." (Paulette Gensler)