"Der Führer ist sehr eingenommen"

Mordsache Jud Süß - Teil 1

Warum hat Bernd Eichinger für Der Baader-Meinhof-Komplex keinen Oscar bekommen? Weil es ein schlechter Film ist? So etwas hat bei der Oscarverleihung noch nie eine Rolle gespielt. Der Grund ist ein ganz anderer. Eichinger hat nicht ausreichend deutlich gemacht, dass Meinhof, Ensslin und Baader gegen eine durch die Nazi-Verbrechen belastete Generation rebellierten und Schleyer eine SS-Vergangenheit hatte. Einen Oscar durfte daher nur der Regisseur von Spielzeugland entgegennehmen. Als Faustregel gilt: Deutsche Produktionen (oder österreichisch-deutsche wie Die Falschmünzer) erhalten dann einen Oscar und andere Preise, wenn es um Nazis geht. Man kann das noch präzisieren: Die Handlung sollte möglichst in der Zeit von 1933 bis 1945 angesiedelt sein. Es war daher ein geschickter Schachzug von Volker Schlöndorff, sich auf den Teil von Grass' Blechtrommel zu konzentrieren, der im Dritten Reich spielt. Und Atze Brauner hatte durchaus Recht, als er sich darüber empörte, dass Deutschland Helmut Dietl und nicht ihn ins Rennen um den Oscar schickte. Schtonk! war der bessere Film. Aber Hitlerjunge Salomon hätte bessere Chancen gehabt, weil die Zeit stimmte.

Ist es zynisch, so etwas zu sagen und dann auch noch darauf hinzuweisen, dass es sich bei den Auswanderern im oscarprämierten Nirgendwo in Afrika um deutsche Juden handelt, die nicht irgendwann ins Ausland fliehen, sondern 1938 und vor Hitler? Es beschreibt nur die Realität. Wahrscheinlich hat auch die Stasi-Schmonzette Das Leben der anderen den Oscar der Tatsache zu verdanken, dass es da um eine deutsche Diktatur geht, die so in Szene gesetzt wird, wie andere es mit dem 12-jährigen Reich gemacht haben. Oskar Roehler, einst mit Die Unberührbare völlig chancenlos, zieht daraus jetzt die Konsequenzen. Er verfilmt den Teil des Lebens von Ferdinand Marian, der sich um dessen Darstellung des Joseph Süß Oppenheimer im gleichnamigen Propagandafilm von Veit Harlan dreht: Jud Süß - Sympathie für den Teufel (Mick Jagger ist aber nicht dabei).

Wenn Sympathie für den Teufel nächstes Jahr in die Kinos kommt, werden wir also miterleben, wie ein österreichischer Schauspieler eine Rolle in einem Film verkörpert, von dem jeder gehört hat und den die meisten von uns nicht kennen, weil er in der Bundesrepublik Deutschland mit einem Tabu belegt wurde. Einen Vorgeschmack darauf, wie das sein wird, erhalten wir derzeit durch Felix Moellers Dokumentarfilm Veit Harlan - Im Schatten von Jud Süß. Bei Moeller erfahren wir, wie es ist, Sohn, Tochter oder Enkelkind des Regisseurs zu sein, der den berüchtigsten Film der NS-Zeit inszeniert hat - einen Film, den unsere Eltern oder Großeltern wahrscheinlich gesehen haben (die Chancen stehen 1:2), wir, die Nachgeborenen, aber nur, wenn wir zu einer kleinen Minderheit gehören, weil er verboten ist. Was ist das für ein Film, der als so gefährlich eingeschätzt wird, dass die Allgemeinheit nur einige Schnipsel daraus sehen darf, dass er in voller Länge lediglich in geschlossenen Veranstaltungen gezeigt werden darf und im Beisein eines Experten, mit Einführung und Diskussion?

Die Welturaufführung von Jud Süß fand am 5. September 1940 anlässlich der deutsch-italienischen Filmwoche in Venedig statt. Extra angereist waren der Regisseur Veit Harlan und seine beiden Hauptdarsteller, Kristina Söderbaum und Ferdinand Marian. Die italienischen Kritiker waren sehr angetan. In dem, was sie später schrieben, ging es um die Filmkunst, nicht um den Antisemitismus. Daraus kann man entweder schließen, dass diese Kritiker sich nicht am Antisemitismus störten oder aber, dass sie ihn ignorierten und einen anderen Film sahen als den, den Goebbels haben wollte. Michelangelo Antonioni, damals noch nicht der berühmte Regisseur, meinte im Corriere Padano: "Wir sagen es ohne Umschweife: wenn es sich hier um Propaganda handelt, dann begrüßen wir Propaganda. Dies ist ein packender, eindringlicher, außergewöhnlich wirkungsvoller Film." Und über Marian in der Titelrolle: "Das Spiel der Hände, der Blicke, Tönungen der Stimme, Bewegungen des Körpers, alles ist vollendet." Das war ein guter Anfang für einen Film, den bis zum Ende des Krieges etwa 40 Millionen Menschen sahen, die Hälfte davon Deutsche (im Deutschen Reich also ungefähr jeder Dritte).

Kristina Söderbaum und Ferdinand Marian in Jud Süß

Ein paar Jahre nach dem Krieg wollte man in Deutschland gern glauben, dass an den Verbrechen des Dritten Reichs eine kleine Clique von Nazi-Bonzen schuld war, die irgendwie abartig und pervers gewesen waren und alle anderen verführt hatten. Für Harlan hatte die Reise nach Venedig deshalb unerwartete Folgen. Als man ihm wegen Jud Süß den Prozess machte, trat auch Otto Jacobs als Zeuge auf, kürzlich noch Pressesprecher und Stenograph von Joseph Goebbels. Jacobs wurde über das angebliche Nacktbaden von Harlans Gattin Kristina Söderbaum in Venedig befragt, das - wieder angeblich - auf Film festgehalten wurde, damit sich der daheim gebliebene Goebbels damit verlustieren konnte. Das war scheinbar so wichtig, dass es in einem wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" angestrengten Prozess erörtert werden musste. Aber so weit sind wir noch nicht.

Auch deutsche Journalisten berichteten über die Aufführung in Venedig. Hans-Walther Betz begeisterte sich in Der Film (7.9.1940) daran, dass Jud Süß eine "profunde Auseinandersetzung mit entscheidenden weltanschaulichen Fragen (und hier biologischen Problemen der Volks-Existenz)" biete. Seine Leser konnte Herr Betz beruhigen: "In Deutschland ist dieses Problem gelöst, anderwärts in Europa reift es seiner Bereinigung entgegen." Texte wie diese stimmten die Kinogeher auf den Film ein, der am 24. September 1940, im Ufa-Palast am Zoo, feierliche Deutschland-Premiere hatte.

Der Ufa-Palast war das größte und prächtigste Kino der Hauptstadt. Zur Premiere erschienen fast das gesamte Kabinett, Offiziere des Oberkommandos der Wehrmacht, Professoren, hohe Parteifunktionäre, Ministerialdirektoren, sonstige Vertreter des öffentlichen Lebens. Harlan und Marian durften neben dem Propagandaminister in dessen Loge sitzen. Goebbels trug die Gala-Uniform der SA, und auch alle anderen, die eine Uniform besaßen, hatten diese angezogen. Am Schluss gab es rauschenden Beifall. Der Film erhielt die Prädikate "Staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" und "Jugendwert". Die Kritiker schrieben wahre Hymnen. "Der Führer ist sehr eingenommen vom Erfolg von Jud Süß", notierte Goebbels am 26. September in sein Tagebuch. "Alle loben den Film über den grünen Klee, was er auch verdient."

Ein solches Lob, kann man einwenden, ist nicht verwunderlich, weil Goebbels es selbst verordnet hatte und es in Deutschland eine gleichgeschaltete Presse gab. Als Erklärung reicht das jedoch nicht aus. Wenn es so einfach gewesen wäre, hätten auch andere Hetzfilme des Dritten Reichs Stürme der Begeisterung entfacht. Sie wurden aber zumeist viel kritischer gesehen als Jud Süß, der für Karl Korn, Feuilletonchef von Das Reich (29.9.1940), die "Wende der deutschen Filmkunst zum Ideenfilm" einleitete, denn: "Man spürt und erkennt aus diesem Film, daß das jüdische Problem in Deutschland innerlich bewältigt ist." Das Reich war ein Wochenblatt für Gebildete. Deutlicher wurde die Litzmannstädter Zeitung (26.10.1940), deren zu Polen gehörendes Verbreitungsgebiet am 26. Oktober 1939 von deutschen Truppen besetzt worden war:

Der Film, der aus Anlass der Feierlichkeiten unseres Gaues vor zwei Tagen in Posen in Anwesenheit des Gauleiters und namhafter Vertreter von Partei und Staat im Lande an der Warthe erstaufgeführt wurde, hinterließ auch in Litzmannstadt den allerstärksten Eindruck. Wer würde nicht im Banne jener dramatischen Wucht stehen, mit der ein Kapitel neuerer Geschichte gestaltet wird! Wer würde nicht in diesem Jud Süß so manchen wieder erkennen, der früher im alten Lodz durch die Straßen ging. Und wem würde das Herz nicht höher schlagen, wenn er Zeuge dessen sein darf, wie sich die tapferen Württemberger als handfeste Deutsche zeigen und den ganzen jüdischen Klüngel mit dem Einsatz ihres Lebens ganz einfach zum Teufel jagen.

Friedrich Knilli zitiert in seinem Marian-Buch Ich war Jud Süß aus der Berliner Illustrierten Zeitung, die Standphotos von Süß' Hinrichtung im Film mit Photos von der Deportation polnischer Juden im Jahre 1940 kombinierte:

Am 4. Februar 1738: Auf dem Richtplatz von Stuttgart wird Josef Süß Oppenheimer, vom Volksmund Jud Süß genannt, hingerichtet. [...] 200 Jahre später: Die Juden verlassen Krakau. Nach der Beendigung des polnischen Feldzuges war die Lösung der Judenfrage im Generalgouvernement eines der vordringlichen Probleme. [...] Ein jahrhundertelanger Abwehrkampf gegen das immer von neuem eindringende Judentum findet seinen Abschluss.

Damit scheint alles gesagt zu sein. Jud Süß wird gewohnheitsmäßig als erster genannt, wenn es um die schlimmsten NS-Filme geht. Aber erübrigt sich damit die weitere Diskussion? Ist das ein ausreichender Grund, ihn in Deutschland unter Verschluss zu halten? Sind wir immer noch so anfällig für antisemitische Pamphlete, dass Harlans Melodram unter Quarantäne gehalten werden muss? Und was wissen wir eigentlich über Jud Süß?

Für einen Film, über den so große Einigkeit herrscht, sind die gesicherten Informationen erstaunlich dürftig. 1921 soll Ludwig Metzger ein erstes Exposé verfasst haben, das sich wohl an der gleichnamigen Novelle von Wilhelm Hauff orientierte und das niemand haben wollte. 1938 reichte Metzger den Stoff bei Alf Teichs ein, dem Chefdramaturgen der Terra. Der Produktionschef Alfred Greven lehnte das Projekt ab, und das soll der Grund dafür gewesen sein, dass er zur Ufa versetzt wurde. Dr. Peter Paul Brauer wurde von Goebbels zu seinem Nachfolger bestimmt. Im April 1939 (15.4.) war im Film-Kurier unter "Interessante Filmstoffe der Terra-Filmkunst" zu lesen: "Direktor Brauer hat sich selber zur Inszenierung [...] den Jud Süß vorbehalten, zu dem seine Mitarbeiter bereits jetzt eingehende historische Studien in Stuttgart betreiben." Das Drehbuch schrieb Eberhard Wolfgang Möller, mit Unterstützung von Ludwig Metzger. Auf Möller, Träger des Stefan-George-Preises, fiel die Wahl, weil er Autor des antisemitischen Theaterstücks Rothschild siegt bei Waterloo war.

Der Film-Kurier war ein beliebtes, zeitungsmäßig aufgemachtes Blatt mit einer Auflage von über 8000 Exemplaren und nicht etwa die Geheimpostille einer kleinen Gruppe von Nazi-Ideologen. Darum ist es aufschlussreich, dass er im Oktober 1939 berichtete, Jud Süß werde "der erste antisemitische deutsche Film" sein. Das war positiv gemeint und in der Erwartung geschrieben, dass die Leser es auch so verstehen würden. Über Jud Süß ist seither so viel behauptet worden, dass man den Eindruck gewinnen kann, Veit Harlan sei der Erfinder des Antisemitismus gewesen und habe diesen durch seinen Film einem wehrlosen Kinopublikum eingeimpft, was dann zur Judenverfolgung führte. Ganz so einfach war es aber nicht.

Zur Erinnerung: Im April 1933 wurde durch die "Arierparagraphen" im "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" damit begonnen, die rechtliche Gleichstellung der Juden in Deutschland zurückzunehmen, was in den folgenden Jahren dazu führte, dass Juden legal aus Berufen und Verbänden gedrängt werden konnten. Im September 1935 wurden die "Nürnberger Gesetze" verabschiedet. "Zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" waren fortan Eheschließungen sowie außerehelicher Geschlechtsverkehr "zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes" verboten. Zuwiderhandlungen konnten mit Zuchthaus bestraft werden. 1938 wurden Gesetze erlassen, die es staatlichen Stellen (und nicht nur diesen) ermöglichten, Juden legal auszurauben. Da Eigentum nun "arisiert", also den jüdischen Mitbürgern gefahrlos weggenommen werden konnte, waren nicht alle Antisemiten begeistert von der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Dabei wurden Sachwerte vernichtet, die potentiell bald ihnen hätten gehören können. Anschließend wurden die Juden zu "Sühneleistungen" herangezogen. Raubzugcharakter hatte auch die Aktion vom 10. November 1938, in deren Verlauf mindestens 26 000, vielleicht sogar 30 000 Juden in Konzentrationslager gebracht wurden. Betroffen waren vor allem solche Menschen, bei denen es sich "lohnte", weil sie noch etwas hatten, das man rauben konnte. Bis zur ersten Ankündigung von Jud Süß im Film-Kurier hatten mehr als 100 000 "nicht-arische" Deutsche ihr Heimatland verlassen, wofür eine "Reichsfluchtsteuer" fällig wurde.

"Dramaturg Teichs und Produktionschef Dr. Brauer", schreibt Dr. Fritz Hippler, ehemaliger Reichsfilmintendant, in seinen Memoiren (Die Verstrickung), gaben sich "die größte Mühe", das Projekt voranzutreiben, aber "zu Goebbels' großem Ärger war nichts Brauchbares herausgekommen". Die Berichte darüber, wie es dann weiterging, sind anekdotisch. Brauer behauptete später, er habe den Film nur persönlich inszenieren wollen, um Schlimmeres zu verhüten. Das blieb ihm verwehrt. Hippler zufolge war daran indirekt Heinz Rühmann schuld. Bei der Teestunde in Goebbels' Landhaus erzählte Brauer von Rühmanns Überlegungen, ins Ausland zu gehen (seine Ex-Frau war Jüdin, und inzwischen war er mit Hertha Feiler verheiratet, nach Nazi-Kategorien eine "Vierteljüdin"). Was zur Unterhaltung der versammelten Bonzen gedacht war, löste beim Propagandaminister einen Wutanfall aus. Hippler musste den Fall untersuchen und entlastete Rühmann, worauf Goebbels Brauer sein Vertrauen entzog.

Géza von Cziffra schreibt in seinem Erinnerungsbuch Kauf dir einen bunten Luftballon, dass Brauer ihm erzählt habe, der Intrigant Veit Harlan habe bei Goebbels interveniert und alles getan, um an seiner Stelle den Film drehen zu dürfen. Hippler dagegen behauptet, Harlan habe sich "mit Händen und Füßen gegen diesen Auftrag" gewehrt. Harlan selbst berichtet in seinen Memoiren (Im Schatten meiner Filme), er habe sich freiwillig an die Front gemeldet, um diesem Regieauftrag zu entgehen. Goebbels habe ihm deshalb den "kriegsdienstlichen Befehl" zur Inszenierung gegeben und ihn gewarnt, dass er bei einer Weigerung damit rechnen müsse, wie ein Deserteur behandelt (= erschossen) zu werden. Diesen schriftlichen Befehl, falls es ihn gegeben haben sollte, muss Harlan wohl verloren haben. In seinem Rechtfertigungsbuch ist er nicht abgedruckt.

Sicher ist nur, dass im November 1939 der Beginn der Dreharbeiten wieder einmal verschoben und im Januar 1940 plötzlich Harlan als Regisseur genannt wurde (Der Film, 20.1.1940). Am wahrscheinlichsten ist, dass Goebbels Brauer nicht zutraute, aus dem Stoff den gewünschten Film zu machen, Harlan aber schon. Der Sachverhalt des "Befehlsnotstands", den Harlan und viele andere für sich geltend machten, ist objektiv nicht haltbar. Wie stark das subjektive Bedrohungsgefühl war, ob es vorgeschoben oder tatsächlich vorhanden war, kann man nur vermuten. Harlan-Apologeten führen gelegentlich an, dass er in erster Ehe mit der Jüdin Dora Gerson verheiratet gewesen war, dass er jüdische Freunde hatte und dass bei seiner zweiten Hochzeit mit Hilde Körber zwei Juden als Trauzeugen fungiert hatten, weshalb er besonders angreifbar gewesen sei. Im Dokumentarfilm von Felix Moeller schließt Harlans Enkelin Jessica Jacoby aus der Tatsache, dass Nora Gerson sich von ihrem Mann trennte, auf eine narzistische Kränkung, die dann zu seinem Antisemitismus geführt habe. Thomas Harlan spricht im selben Dokumentarfilm darüber, wie sehr es ihn erschreckt, dass jemand wie sein Vater, der kein Antisemit gewesen sei, einen antisemitischen Film wie Jud Süß drehen konnte. Das zeigt die ganze Bandbreite der möglichen Interpretationen.

Veit Harlan (Aus Felix Moellers Dokumentarfilm "Harlan - Im Schatten von Jud Süß". Bild: Salzgeber)

Der Schauspieler Albrecht Schoenhals, der als Darsteller der Titelfigur in Frage kam, erschien nicht zu den von Goebbels angeordneten Probeaufnahmen. Auf Anraten seines Anwalts schrieb er einen diplomatischen Brief, in dem er geltend machte, dass die Rolle nicht in sein Fach gehörte. Seine bis dahin sehr erfolgreiche Filmkarriere im Dritten Reich war damit vorbei. Er und seine Frau Anneliese Born zogen in ihr Ferienhaus im Schwarzwald und hielten sich mit Theaterprogrammen über Wasser. Daraus kann man schließen, dass auch Ferdinand Marian nicht wirklich gezwungen war, die Rolle zu übernehmen. Wer nach Entschuldigungen sucht, kann darauf verweisen, dass mit jeder Absage der Druck auf die verbliebenen Kandidaten zunahm.

Solange keine Dokumente ans Licht kommen, die etwas anderes belegen, spricht viel dafür, dass Harlan nicht um Leib und Leben, wohl aber um seine Zukunft als Filmregisseur hätte fürchten müssen, wenn er sich verweigert hätte. Andererseits bedeutete es einen Karrieresprung, der Regisseur von Jud Süß zu sein, denn es handelte sich um eines von Goebbels' Prestigeprojekten. Harlan gab Möllers reichlich plumpem Drehbuch eine durchdachtere Figurenkonstellation, eine stringente Handlungsführung und ein neues Konfliktschema oder, anders gesagt, eine brauchbare Dramaturgie. Seine Anhänger meinen, dass er gar nicht anders konnte, als die bestmögliche Arbeit abzuliefern, weil er ein Künstler war. Seine Gegner sagen, dass der Opportunist Harlan in Jud Süß eine Karrierechance sah, die er unbedingt nützen wollte. Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, dass er sich mit Verve in die Arbeit stürzte, sobald er den Regieauftrag übernommen hatte. Wenn er das nicht getan hätte, wäre Jud Süß heute vielleicht vergessen und nicht ein Symbol des Antisemitismus, wäre Harlan nicht "Des Teufels Regisseur", wie ihn Frank Noack im Untertitel seiner lesenswerten Biographie nennt, die bei uns allzu rasch unter der Rubrik "Verharmlosung der NS-Zeit" abgelegt wurde, weil sie sich an ein Tabuthema wagt und manchmal, aus der Defensive argumentierend, übers Ziel hinausschießt.

Im NS-Film gab es von Anfang an viel Antisemitismus, aber den antisemitischen Klischees entsprechende Juden wurden zunächst nur als Nebenfiguren aufgeboten. Die erste jüdische Hauptfigur bekam das Kinopublikum im schwedischen Lustspiel Pettersson & Bendel (1933) zu sehen: Im Stockholmer Hafen geht ein blinder Passagier von Bord, der sich Bendel nennt. Dieser Klischee-Jude verwickelt den naiven Arbeitslosen Pettersson in kriminelle Geschäfte. Als Bendels Finanzmanipulationen auffliegen, reist der Heimatlose weiter. In Deutschland erhielt der Film das Prädikat "Staatspolitisch wertvoll". 1935 wurde er mit der sehr hohen Zahl von 70 Verleihkopien gestartet, mit den Antisemitismus verstärkenden Untertiteln. Nach der Berliner Premiere im Juli 1935 gab es judenfeindliche Ausschreitungen, die wie in solchen Fällen üblich zum "Ausdruck spontanen Volkszorns" erklärt wurden, aber von den Nazis organisiert waren. Im Dezember 1938, einen Monat nach der Pogromnacht, kam das Lustspiel in einer nun synchronisierten Fassung erneut in die Kinos. Begleitend erschienen antisemitische Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Pettersson & Bendel wurde zur Rechtfertigung der Nürnberger Gesetze und der Judenverfolgung verwendet. Danach durfte niemand mehr behaupten, er habe vorher nicht wissen können, was die Nazis aus einem Film wie Jud Süß machen würden. Trotzdem wurde das im von einer kollektiven Amnesie befallenen Nachkriegsdeutschland zu einer beliebten Verteidigungsstrategie.

In Schweden war man bestürzt darüber, wie leicht sich das scheinbar harmlose, gedankenlos mit stereotypen Zuschreibungen operierende Lustspiel Pettersson & Bendel instrumentalisieren ließ. In der Folge verzichtete der schwedische Unterhaltungsfilm auf Figuren wie Bendel. In Deutschland dagegen verlangten sogenannte "Filmkritiker" endlich auch heimische Produktionen dieser Art. Die Antwort auf die von Goebbels angeordnete Forderung war Robert und Bertram (1939), ein antisemitisches, in jeder Hinsicht miserables Biedermeier-Musical von Hans H. Zerlett. Leinen aus Irland (1939), ein Industriedrama mit bösem Juden von Heinz Helbig, war kaum besser. Das Grundproblem dieser und ähnlicher Machwerke ist die Dramaturgie. Aus an simplen Schwarz-Weiß-Mustern ausgerichteten, mit platten Abziehbildern statt mit runden Charakteren operierenden Geschichten lassen sich keine interessanten, das Publikum mitreißende Filme machen.

Das Ziel von Erich Waschnecks Die Rothschilds (1940) ist es, am Aufstieg des Bankhauses Rothschild zur Zeit der Napoleonischen Kriege das verderbliche Wirken einer "Internationale des Judentums" aufzuzeigen. Der Film ist so plump, dass man es fast nicht glauben mag. Man darf aber nicht vergessen, dass in Deutschland ein Mann Reichskanzler war, der in Mein Kampf Sätze wie diese geschrieben hatte:

Denn indem der Zionismus der anderen Welt weiszumachen versucht, daß die völkische Selbstbesinnung des Juden in der Schaffung eines palästinensischen Staates seine Befriedigung fände, betölpeln die Juden abermals die dummen Gojim auf das gerissenste. Sie denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltgaunerei, einen Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner.

Nathan Rothschild gibt Hitler Recht. Am Ende des Films steht er in London vor einer Landkarte, in die er die Niederlassungen seiner Familie in Paris, Frankfurt, Wien und Neapel einträgt. Nachdem er noch Jerusalem als "Stammhaus" hinzugefügt hat, lassen sich die einzelnen Punkte auf der Landkarte so verbinden, dass man den Davidsstern erhält, der sich im letzten Bild wie das Netz einer Spinne über Großbritannien legt. Am 30. Januar 1939 hatte Hitler in einer Rundfunkansprache erklärt:

Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in oder außerhalb Europa gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.

Am 1. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Polen ein. Mit der Verfolgung der polnischen Juden erreichte der Antisemitismus eine neue Eskalationsstufe, die schließlich zu den Massendeportationen und den Vernichtungslagern führte. 1941 kam Die Rothschilds mit dem Untertitel "Aktien auf Waterloo" wieder in die Kinos. Am Schluss war ein Text angefügt, der davon berichtete, dass die Juden inzwischen auf der Flucht seien und der zum Kampf gegen die englische Plutokratie aufrief.

Anarchie in "Die Drei von der Tankstelle"

Die Rothschilds ist das antisemitische Remake von The House of Rothschild (1934). Goebbels träumte davon, den deutschen Film zum ebenbürtigen Konkurrenten Hollywoods zu machen. Statt aber etwas Neues und Eigenständiges zu erschaffen, bemühten sich die Deutschen häufig nur um die NS-Version bestehender Hollywood-Produktionen. Deshalb musste auch ein eigener Rothschild-Film her. Das Kino des Dr. Joseph Goebbels ist zum allergrößten Teil erschreckend unoriginell. Wer es entzaubern will, braucht nur den Tanzfilmen mit Marika Rökk die viel besseren Vorlagen von Busby Berkeley gegenüberzustellen. Das wunderbar Anarchische von Wilhelm Thieles Die Drei von der Tankstelle (1930) hatte im Beamtenfilm des Dritten Reichs keinen Platz.

Für Jud Süß gilt dasselbe wie für Die Rothschilds: Der Film ist das in antisemitischer Absicht hergestellte Imitat von etwas, das es schon gab. Hier muss man den 1925 erschienenen Roman erwähnen, mit dem Lion Feuchtwanger ein in viele Sprachen übersetzter Bestseller gelang. In Deutschland wurde Feuchtwangers Jud Süß 1933 verbrannt. In England wurde das Buch verfilmt. Die Meinungen über Jew Süss (1933/34) lassen sich so zusammenfassen: Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint". Der Film ist aber um einiges besser als sein Ruf. Er ist nur sehr uneinheitlich. Bauten und Dekors sind beste deutsche Schule; Alfred Junge, Leiter der Ausstattungsabteilung der Produktionsfirma Gaumont, hatte sein Handwerk in Berlin gelernt. Lothar Mendes, der Regisseur, war 1926 nach Hollywood gegangen, seit 1933 arbeitete er in Großbritannien. Er brachte viel Erfahrung mit, filmte jedoch die meisten Dialogszenen so hölzern ab, wie sie geschrieben sind. Das fällt umso mehr auf, als die von Bernard Knowles und Roy Kellino virtuos gehandhabte Kamera in anderen Szenen zu ausgedehnten Fahrten aufbricht und in fließenden Bewegungen den Raum erforscht. Das hat mitunter Hitchcock-Qualität.

Mendes konnte einen so aufwendigen Film drehen, weil der große expressionistische Schauspieler Conrad Veidt die Titelrolle übernahm. Veidt war nicht nur der Nazi-Offizier, der von Humphrey Bogart am Flughafen von Casablanca erschossen wird. Er war einer der wichtigsten und einflussreichsten Darsteller des Stummfilms (Das Cabinet des Dr. Caligari), und sein Gwynplaine in Paul Lenis The Man Who Laughs war das Vorbild für den Joker in den Batman-Comics. Durch seine Rollen in Michael Powells Filmen The Spy in Black (1939) und Contraband (1940) tat er so viel für den Ruf der Deutschen in Großbritannien, dass man ihm posthum das Bundesverdienstkreuz hätte verleihen sollen (er starb 1943), das dann aber ganz andere bekamen.

Die Briten verehrten und bewunderten Conrad Veidt. Goebbels hätte ihn gern für seine Zwecke eingespannt. Aber Veidt übernahm 1933 die Rolle des ewigen Juden in Maurice Elveys The Wandering Jew, um anschließend, als Süß Oppenheimer, zu großer Form aufzulaufen. Veidt war ein Spezialist für von äußeren und inneren Dämonen gemarterte Charaktere. Sein Süß strebt nach der Macht, um in einer antisemitischen Gesellschaft nicht länger das Opfer und der Außenseiter sein zu müssen. Dafür verkauft er seine Seele. Um den erlangten Status am Württembergischen Hof nicht zu gefährden, lässt er es zu, dass der Herzog die Frau vergewaltigt, die er liebt. Als seine eigene Tochter auf der Flucht vor dem geilen Herzog in den Tod stürzt, zerbricht er daran. Er wird zum tragischen Helden, leitet mit dem Untergang des Herzogs bewusst auch den eigenen ein.

Jew Süss ist kein Meisterwerk, aber ein bewegender Film und nicht das eindimensionale philosemitische Gesinnungskino, als das er meistens beschrieben wird. Süß ist nicht der Sympathieträger, weil er Jude ist, sondern weil er so zerrissen ist und von Conrad Veidt gespielt wird, der in den besonders formelhaften Dialogpassagen so tut, als befände er sich in einem Stummfilm oder der ganz auf die Wirkung seiner Stimme vertraut. Im Oktober 1934 lief der Film in mehreren Wiener Kinos an. Von deutschnationalen und katholischen Zeitungen wurde er heftig angegriffen. Es gab Krawalle. In Deutschland erschienen Berichte über "Demonstrationen gegen den Film Jud Süß":

Der Regisseur des Films, ein nach England ausgewanderter polnischer Jude [Mendes war Berliner], scheute sich nicht, sämtliche Nichtjuden in dem Film als moralisch minderwertige und sogar menschlich entartete Wesen darzustellen.

Deutsche Zeitung, 19.10.1934

Der Satz ist entlarvend. Mendes wird vorgeworfen, mit den Nichtjuden im Film das zu machen, was die Nazis mit den Juden machten. Außerdem stellt sich am Ende heraus, dass Süß im Sinne der Nazis gar kein Jude ist, sondern der uneheliche Sohn eines Ariers, was ihn aber nicht daran hindert, sich der jüdischen Kultur zugehörig zu fühlen und in einer antisemitischen Gesellschaft als Jude zu sterben.

In Österreich wurden nicht diejenigen als "öffentliches Ärgernis" eingestuft, die die Krawalle angezettelt hatten, sondern der davon betroffene "jüdische Propagandafilm", der von den Behörden verboten wurde. Dafür gab es viel Lob von den deutschen Nachbarn, bei denen Jew Süss erst gar nicht laufen durfte, weil er Teil der "jüdischen Weltverschwörung" war (nur das Reichsfilmarchiv hatte sich eine Kopie besorgt). Hier exemplarisch das Gegeifer aus dem Völkischen Beobachter (23.11.1934):

Es ist bekannt, daß die jüdische Filmproduktion Englands zwei grobe Sensationsfilme für Zwecke jüdischer Propaganda drehen ließ, und zwar den Film "Der wandernde Jude" und einen zweiten, "Jud Süß". [...] Conrad Veidt wurde für diesen Verrat an seinem Lande bezahlt - durch das Lob der jüdischen Öffentlichkeit. Damit ist er menschlich nicht mehr würdig, daß auch nur ein Finger in Deutschland sich zu seinem Lobe rührt.

Goebbels dachte darüber nach, Jew Süss mit einer antisemitischen Synchronisation versehen zu lassen und so den deutschen Kinogehern zu zeigen, dass auch das Ausland die "jüdische Gefahr" erkannt habe, entschied sich aber letztlich doch dagegen. Er wollte lieber seine eigene Version von Jud Süß, zu deren Verständnis Mendes' Feuchtwanger-Adaption unbedingt mit dazugehört. Harlans Film sieht man an, dass der Regisseur und seine wichtigsten Mitarbeiter die britische Produktion genau studiert hatten. Das gilt insbesondere für Otto Hunte und Karl Vollbrecht, die früher für Fritz Lang gearbeitet hatten (Die Nibelungen, Metropolis) und deren Bauten - um es höflich zu sagen - stark von denen in Jew Süss inspiriert sind. Am 5. Dezember 1939 notierte Goebbels in sein Tagebuch:

Mit Harlan und Müller [gemeint ist Eberhard Wolfgang Möller] den Jud-Süßfilm besprochen. Harlan, der die Regie führen soll, hat da eine Menge neuer Ideen. Er überarbeitet das Drehbuch nochmal. Beim Führer. Er sieht großartig aus und ist bester Laune. [...] Er hört sich alles genau an und teilt ganz meine Ansicht in der Juden- und in der Polenfrage. Die Judengefahr muß von uns gebannt werden.

Die Frage ist, welche Rolle Jud Süß dabei zukam? Vermutlich haben die meisten Telepolis-Leser den Film nie gesehen. Hier also eine knappe Inhaltsangabe:

1733. Karl Alexander (Heinrich George), zum fetten Lebemann mutierter Kriegsheld, wird Herzog von Württemberg. Weil ihm die Landstände kein Geld bewilligen, lässt er den reichen Juden Süß Oppenheimer (Ferdinand Marian) in die Residenzstadt Stuttgart kommen. Süß finanziert dem Herzog eine Oper, ein Ballett und eine Leibgarde und ist sehr erfinderisch beim Einführen von Brückenzöllen und Wegegeld. Während durch die Abgaben die Lebensmittelpreise steigen, wird der genusssüchtige Herzog immer abhängiger von seinem Hofjuden, den er durch einen Freibrief von jeglicher Verantwortung für sein Handeln entbindet. Schließlich hebt er auf Süß' Betreiben den Judenbann auf. Neue Juden kommen nach Stuttgart. Um seine Tochter Dorothea vor Süß' Nachstellungen zu schützen, verheiratet der Landschaftskonsulent Sturm sie in aller Eile mit ihrem Verlobten, dem Aktuarius Faber. Sturm wird wegen Verschwörung verhaftet. Süß ermutigt den Herzog, die Verfassung außer Kraft zu setzen und sich zum absolutistischen Herrscher zu machen. Faber, einer der Anführer des geplanten Aufstands gegen den Herzog, wird verhaftet und gefoltert. Dorothea lässt sich von Süß vergewaltigen, um ihren Mann zu retten. Dann ertränkt sie sich im Neckar. Der Aufstand bricht los, der Herzog stirbt an einem Schlaganfall. Süß wird zum Tode verurteilt und in einem eisernen Käfig gehängt. Alle Juden müssen innerhalb von drei Tagen das Land verlassen.

Jud Süß ist keine Verfilmung des Romans von Lion Feuchtwanger, übernimmt aber daraus (bzw. aus Mendes' Adaption) viele Elemente. Bei Feuchtwanger hat Süß eine Schwester, die versucht, der Vergewaltigung durch den geilen Herzog zu entgehen und dabei zu Tode kommt. Bei Veit Harlan vergewaltigt der Jude Süß die blonde Dorothea. Das war einer von Harlans Beiträgen zum Drehbuch, auf den zwangsläufig jeder zu sprechen kommt, der sich über den Film äußert. Weniger spektakulär, dafür aber noch infamer ist etwas anderes: Im Film von Mendes hat der verwitwete Süß ein derart zärtliches und liebevolles Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Mutter, und Veidt spielt das mit so viel Hingabe, dass man heutzutage, weil es so ungewöhnlich wirkt, fast an Inzest denkt (was weder beabsichtigt ist noch 1934 so verstanden wurde). Harlans Süß dagegen hat weder Eltern noch Geschwister.

Jew Süss

In einer Schlüsselszene des Films erzählt Süß der jungen Dorothea, dass er schon in allen europäischen Metropolen war und sich überall zuhause fühlt. Dorothea ist erschrocken: "Hat Er denn keine Heimat?" Seine Heimat, erwidert Süß, sei die ganze Welt. Das ist das jüdische, von den Nazis unterstellte "Kosmopolitentum", das im Dritten Reich zum Schimpfwort wurde. Die Realität war diese: Als Jud Süß 1940 in Berlin aufgeführt wurde, lebten dort noch etwa 100 000 Juden. Sie alle waren von einem Vater gezeugt und von einer Mutter geboren worden. Die überwiegende Mehrheit hätte gesagt, dass nicht die Welt, sondern Berlin ihre Heimat sei und höchstens deshalb mit der Antwort gezögert, weil sie in dem Land, dessen Bürger sie waren, diskriminiert und verfolgt wurden.

Jud Süß war einer von zwei Kassenschlagern der Spielzeit 1940/41. Übertroffen wurde er nur von Wunschkonzert, gemeinsam mit Die große Liebe der längste Coitus interruptus der Filmgeschichte: Inge Wagner (Ilse Werner) verliebt sich bei der Olympiade in Berlin in den Fliegeroffizier Herbert Koch (Carl Raddatz), der dummerweise unter strengster Geheimhaltung mit der Legion Condor nach Spanien muss, um Guernica zu bombardieren. Inge wartet drei Jahre lang auf ihren Herbert, den sie kaum kennt und der ohne ein Wort verschwunden ist. Als er wieder auftaucht, geht der Zweite Weltkrieg los. Herbert muss gegen die Polen kämpfen. Inge wartet unverdrossen weiter und bleibt trotz mancher Demütigung der gute Kamerad, der die Frauen nach Wunsch der Nazis zu sein hatten, damit die Männer ungestört Krieg führen konnten.

Andererseits war es die Bestimmung der Frau, Mutter zu werden und so den Fortbestand der arischen Rasse zu sichern. Weil es nicht nur arische Männer gab, blieb das nicht ohne Tücken. Jud Süß zeigt daher die Frau als die Gefährdete. Dorothea bringt den Juden, der sie später vergewaltigen wird, selbst in die Stadt. Damit das nicht unbemerkt bleibt, gibt es einen Dialog, in dem Faber, der arische Held, Dorothea (und den Zuschauer) darauf aufmerksam macht, was sie getan hat. Dorotheas Verhältnis zu Süß ist durchaus ambivalent. Dafür hätte jemand eine Nennung als Mit-Autor verdient gehabt, dessen Beitrag bisher nicht ausreichend gewürdigt wurde: Adolf Hitler. Aus Mein Kampf, S. 580f:

Jeder Volkskörper kann in drei große Klassen gegliedert werden: in ein Extrem des besten Menschentums auf der einen Seite, gut im Sinne aller Tugenden, besonders ausgezeichnet durch Mut und Opferfreudigkeit, andererseits ein Extrem des schlechtesten Menschenauswurfs, schlecht im Sinne des Vorhandenseins aller egoistischen Triebe und Laster. Zwischen beiden Extremen liegt als dritte Klasse die große, breite mittlere Schicht, in der sich weder strahlendes Heldentum noch gemeinste Verbrechergesinnung verkörpert.

"Die Psyche der breiten Masse", schreibt Hitler (44) in schlechtem Deutsch, sei "gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Gründe abstrakter Vernunft bestimmt wird, als durch solche einer undefinierbaren, gefühlsmäßigen Sehnsucht nach ergänzender Kraft, und das sich deshalb lieber dem Starken beugt, als den Schwächling beherrscht [...]." Das heißt: Die Frau (= die Masse) will unbewusst vom Starken vergewaltigt werden, was das gehäufte Auftreten von sado-masochistischen Beziehungen im NS-Film erklären kann. Das macht sie anfällig für Verführer. Der ursprünglich als Jud Süß vorgesehene Emil Jannings wäre deshalb eine Fehlbesetzung gewesen.

Wenn man erst verstanden hat, dass Jud Süß die filmische Umsetzung von Hitlers Volkskörper-Ideen ist, wird auch klar, warum Goebbels den trockenen Bürokraten Brauer durch den großen Erotomanen unter seinen Regisseuren ersetzte. Und Harlan suchte sich einen Darsteller mit Sex Appeal. Ferdinand Marian war Kinogehern eher unbekannt, hatte jedoch kürzlich am Deutschen Theater als Jago in einer Othello-Aufführung brilliert. Das war sein Unglück, denn Harlan scheint ihn deshalb ausgewählt zu haben. "Mit Marian über den Jud Süßstoff gesprochen", schrieb Goebbels am 5. Januar in sein Tagebuch. "Er will nicht recht heran, den Juden zu spielen. Aber ich bringe ihn mit einigem Nachhelfen doch dazu."

Die Liste derer, die sich alle Mühe gaben, den Süß nicht spielen zu müssen, ist lang. Sie reicht von Gustav Gründgens über René Deltgen und Rudolf Fernau bis zu Bernhard Minetti. Daraus kann man auf einen allgemeinen Widerwillen gegen das Projekt schließen, muss es aber nicht. Fritz Hippler schreibt in Die Verstrickung, dass die Schauspieler keine grundsätzlichen Bedenken hatten, wohl aber negative Folgen für ihre weitere Karriere in Nazideutschland fürchteten. Hippler ist allerdings ein schwieriger Zeuge, weil er ein Interesse daran hatte, das eigene Tun zu relativieren. Jedenfalls gibt es ein Protokoll der Ministerkonferenz (25. September), dem zufolge Goebbels die Presse anwies, besonders hervorzuheben, "daß die Schauspieler in den jüdischen Rollen nicht etwa jüdisches Blut haben, sondern eben sehr gute Schauspieler sind".

Der "Hofjude" wird auch in Mein Kampf erwähnt. Im Abschnitt "Der Werdegang des Judentums" (S. 337ff.) wird er als ein Vampir und "ewiger Blutegel" beschrieben, der den Volkskörper aussaugt: "Mit widerlicher Schmeichelei macht er sich an die Regierungen heran, läßt sein Geld arbeiten und sichert sich auf solche Art immer wieder den Freibrief zu neuer Ausplünderung der Opfer." Dafür verantwortlich sind letztlich die Fürsten, deren Rolle "genau so erbärmlich wie die der Juden selber ist". So löst sich der scheinbare Widerspruch auf, dass es in einem NS-Propagandafilm einen Volksaufstand gegen den Herzog gibt, der die demokratische Verfassung abschaffen will. Auch Arier, sagt Hitler, können in die Kategorie des "schlechtesten Menschenauswurfs" gehören. Der Herzog führt vor, wie man dort hineingerät: durch "egoistische Triebe und Laster", die von Jud Süß unterstützt und gefördert werden.

Münchhausen

Karl Alexander wurde 1733 Herzog von Württemberg, also 200 Jahre vor Hitlers "Machtergreifung". Der Film weist besonders darauf hin, setzt aber nicht etwa zwei historische Ereignisse gleich, sondern zeigt die Unterschiede. Die Nazis liebten Paraden. Nicht nur in Leni Riefenstahls Triumph des Willens, sondern auch im "reinen Unterhaltungsfilm" marschieren dauernd Uniformierte in streng geometrischer Formation durch die Stadt. Das Volk steht brav am Straßenrand und jubelt. Am unheimlichsten daran ist, wie geordnet das alles abläuft. Wenn man erst ein Dutzend von diesen Paraden gesehen hat, kann man erahnen, wie befreiend es wohl war, als plötzlich Hans Albers mit gewohnter Nonchalance und ganz unmilitärisch in Bodenwerder einritt (Münchhausen), oder wie frech es von Luis Trenker war, wenn er in Liebesbriefe aus dem Engadin die Touristen in Marschformation anführte und sie "Ski heil!" singen ließ.

Liebesbriefe aus dem Engadin

Der Anfang von Jud Süß macht dagegen klar, wie ungeordnet die arische Welt des Jahres 1733 und wie dekadent der fette Herzog ist. Nach Ablegen des Amtseids lässt er sich durch Stuttgart kutschieren. Das Volk jubelt wie gehabt, ist dabei aber so undiszipliniert, dass es von den Soldaten nur mühsam zurückgehalten werden kann. Einer Frau wird im Gedrängel die Bluse vom Leib gerissen. Der Herzog sieht ihre nackten Brüste, freut sich und lacht. Süß wird später seine Macht festigen, indem er Karl Alexander als dessen Zuhälter die Frauen zuführt. Am Ende steht das, was in Mein Kampf bereits angekündigt wird:

In Zeiten bitterster Not bricht endlich die Wut gegen ihn [den Hofjuden] aus und die ausgeplünderten und zugrunde gerichteten Massen greifen zur Selbsthilfe, um sich der Gottesgeißel zu erwehren.

In Jud Süß werden die Massen von autoritären Vaterfiguren und einem braven Schwiegersohn angeleitet. Der Aufstand läuft denn auch so geregelt und ohne Anarchie ab, dass man ihn kaum mitbekommt. Durch ihn wird Unordnung in Ordnung überführt. Süß wird trotz Freibrief der Prozess gemacht. Harlan erzählte vorab in einem Interview (Der Film, 20.1.1940), dass er sich "auch bei der Verurteilung des Jud Süß genau an die Geschichte" halte. Der historische Süß Oppenheimer habe seine Geschäfte so geschickt betrieben, dass er rechtlich unangreifbar gewesen sei:

Schließlich wurde er auf Grund eines uralten Gesetzes verurteilt, das besagt: "So ein Jude sich mit einer Christin vermenget, ist er des Todes schuldig." Wir sehen hier eine interessante Parallele zu den Nürnberger Gesetzen. Tatsächlich wurde Süß bereits vor 200 Jahren wegen Rassenschande zum Tode verurteilt.

Das stimmt so nicht. Wie es wirklich gewesen war, hätte man leicht nachlesen können, z.B. in Jud Süß Oppenheimer (1926) von Curt Elwenspoek. Dort hätte Harlan erfahren (wenn es ihn interessiert hätte), dass es tatsächlich ein solches Gesetz gegeben hatte, in dem es allerdings um Religion und nicht um Rasse ging und das nicht nur Juden mit dem Tod bedrohte, sondern auch deren christliche Sexualpartner. Elwenspoek:

Hätte man sich auf diesen Punkt der Anklage gestützt, so hätte man Süß zwar ans Leben gekonnt, aber man wäre genötigt gewesen, alle seine Partnerinnen mit auf das Schafott zu schicken. Das hätte einen Massenmord bedeutet, der eine erhebliche Anzahl der angesehensten Familien in Schmach und Trauer gestürzt hätte. Also mußte man diesen Punkt fallen lassen.

Harlan löst das Problem, indem er Dorothea durch Süß vergewaltigen und anschließend den Freitod wählen lässt. So kann sie nicht mehr angeklagt werden. Um die Tat noch schlimmer zu machen, muss das Opfer Jungfrau sein, obwohl es schon verheiratet ist. Dafür wird extra eine Szene eingefügt, in der sich die keuschen Eheleute nach der Hochzeitsnacht darüber unterhalten, dass sie nicht im selben Bett geschlafen haben. Da Dorothea nach der Vergewaltigung Selbstmord begeht, trägt Süß die Schuld an ihrem Tod. Man darf dabei nicht vergessen, dass der Film Geschichtsklitterung betreibt, dass er die im Vorspann versprochenen "historischen Tatsachen" verdreht und neue Elemente hinzu erfindet wie diese Vergewaltigung. Dorothea könnte beschließen, sich nicht umzubringen. Im Rahmen der Nazi-Ideologie ist das aber gar nicht möglich. Getötet wird sie vom Drehbuchautor Harlan.

Mein Kampf zufolge war die "Rassenschande" für die Arier die größte Gefahr. Dorothea muss sterben, weil sie mit einem Juden Geschlechtsverkehr hatte und vielleicht sogar von diesem geschwängert wurde. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie es freiwillig getan hat oder nicht. Zum Happy End im Sinne der Nazis gehört ihr Tod zwingend mit dazu. Süß wird nicht wegen Ausbeutung der Bevölkerung oder Verschwörung hingerichtet, sondern wegen "Rassenschande". Die Juden, die er nach Württemberg geholt hat, müssen das Land verlassen. Damit ist der Volkskörper wieder rein. Am Ende verkündet Dorotheas Vater mit lauter Stimme: "Mögen unsere Nachfahren an diesem Gesetz ehern festhalten, auf daß ihnen viel Leid erspart bleibe an ihrem Gut und Leben und an dem Blut ihrer Kinder und Kindeskinder!"

Die Hinrichtungsszene ist so deutlich von Mendes' Jew Süss abgekupfert, dass man von einem dreisten Plagiat sprechen müsste, wenn da nicht Süß' letzte Augenblicke wären. Conrad Veidt wird wie das historische Vorbild zum Opfer eines Justizmordes. Er stirbt aufrecht und mit den Gebetsworten "Schma Isroel" auf den Lippen, die gläubige Juden in der Stunde ihres Todes sprechen. Ferdinand Marian bettelt um sein Leben und wird als Feigling entlarvt. Diesen würdelosen Tod soll Goebbels vor der Abnahme des Films befohlen haben. Ursprünglich soll die Szene so gedreht worden sein, dass Süß als mutiger Mann starb, der seine Feinde verfluchte. Es gibt mehrere Zeitzeugen, die das so bestätigt haben. Tatsächlich überrascht das Ende, weil Süß bis dahin viel souveräner auftritt.

Jud Süß / Kleines eingeklinktes Bild: Jew Süss

Die Entscheidung des Autors und Regisseurs Harlan war es dagegen, sich am klassischen Trauerspiel zu orientieren und in entscheidenden Punkten davon abzuweichen. Interessant ist der Vergleich mit dem Stück Othello, das wegen seines Plots (ein Schwarzer heiratet eine Weiße und bringt sie um) im Dritten Reich gern auf den Spielplan der Theater gesetzt wurde. Shakespeares Mohr spricht anfangs in kunstvollen Reimen. Als er sich von Jago zum Mörder aus Eifersucht machen lässt, wechselt er zu platter Prosa, wodurch sein Abstieg deutlich wird. Nachdem er Desdemona getötet hat, findet er zu alter Größe zurück. Er bekennt sich zu seiner Verantwortung, statt die Schuld auf andere zu schieben. Wie Conrad Veidt in Jew Süss stirbt Othello als tragischer Held. Sprachlich wird das dadurch deutlich, dass Shakespeare ihn wieder in Versen sprechen lässt.

Bei Harlan ist das ganz anders. In Stresssituationen verfällt Süß regelmäßig in ein jiddisch gefärbtes Deutsch. Eine Entwicklung wie bei Shakespeare gibt es nicht. Konsequenterweise schiebt Süß vor Gericht die Schuld auf den Herzog. Es geht nicht um den moralischen Abstieg und den anschließenden Wiederaufstieg eines tragischen Helden, sondern um den gesellschaftlichen Aufstieg eines stets gleichen Charakters, der entlarvt und unschädlich gemacht werden muss. Das ist eines der großen Themen. Der Zeitschrift Der Film (20.1.1940) erzählte Harlan, dass er "das Urjudentum" zeigen wolle, "wie es damals war und wie es sich heute noch ganz rein in dem einstigen Polen erhalten hat. Im Gegensatz zu diesem Urjudentum steht nun der Jud Süß, der elegante Finanzberater des Hofes, der schlaue Politiker, kurz: der getarnte Jude."

Der Süß in Mendes' Jew Süss ist von seinem ersten Auftritt an ein gebildeter und kultivierter Mensch, der die Kleidung eines reichen Kavaliers trägt. Harlan zeigt ihn erstmals in einem Zimmer in der Frankfurter Judengasse (die Szene scheint er aus Die Rothschilds geklaut zu haben, der nach Jud Süß aufgeführt, aber vorher gedreht wurde). Das Zimmer wird von einem mannshohen, mit Juwelen gefüllten Tresor dominiert. Süß trägt Kappe, Kaftan und "Judenbart". Als er nach Stuttgart fährt, ist er rasiert und elegant gekleidet, mit einem Dreispitz auf dem Kopf. Harlan zeigt die Verwandlung mit Hilfe einer das heutige Morphing vorwegnehmenden Überblendung. Diese Überblendung ist berüchtigt. Sie ist auch das Mittel, mit dem Fritz Hippler in seinem "Dokumentarfilm" Der ewige Jude (1940) den galizischen Ghettojuden sichtbar macht, der sich angeblich unter jedem assimilierten Juden verbirgt. Am Ende, vor Gericht und bei der Hinrichtung, trägt der "getarnte" und jetzt wieder "enttarnte" Jude Süß den angeklebten Bart vom Anfang. Was der Illustrierte Film-Kurier über Der ewige Jude schrieb, hätte er so auch über Jud Süß schreiben können:

Der Jude hat sich in seinem Äußeren stets an seine Gastvölker anzupassen verstanden. Nebeneinanderstellungen der gleichen Judentypen, zuerst als Ostjude mit Kaftan, Bart und Peies, und dann als glattrasierter westeuropäischer Jude, beweisen schlagend, mit welchen Mitteln er die arischen Völker getäuscht hat. Unter dieser Maske gewann er immer mehr Einfluß in arischen Kulturnationen und gelangte zu immer höheren Stellungen. Aber sein inneres Wesen konnte er nicht wandeln.

Süß' ständiger Begleiter ist sein Sekretär Levy, der auch in Stuttgart weiter den Kaftan trägt (die "Nebeneinanderstellung"). Werner Krauß spielt ihn als das antisemitische Stereotyp vom schmutzigen jüdischen Geldverleiher. Damit offenbar nicht ausgelastet, gab er noch einen stummen Ghettojuden, einen jüdischen Schächter, einen geilen alten Mann und Rabbi Loew. In den Berichten und Kritiken wurde besonders herausgestellt, welch geniale Leistung der große Schauspieler und Verwandlungskünstler hier bringe. So wurde das Publikum darauf aufmerksam gemacht, dass Krauß "den Juden an sich" bot, also das aus dem Stürmer bekannte Konstrukt der Antisemiten. Harlan zufolge sollte gezeigt werden, dass "der gläubige Patriarch, der gerissene Betrüger, der schachernde Kaufmann usw. letzten Endes aus einer Wurzel kommen".

Jud Süß

Harlan wie Hippler fuhren in die polnischen Ghettos, um dort zu studieren, was sie für das "Urjudentum" hielten oder zumindest in ihren jeweiligen Filmen als solches ausgaben. Hippler wollte dem Publikum "das Judentum an seiner Niststätte" (Kommentar) zeigen. Er fand "eine einzige Apotheose der Dunkelheit des Schmutzes, der Verkommenheit und des brütenden Untermenschentums". Im Warschauer Ghetto die entsprechenden Bilder aufzunehmen, war nicht schwer. Es handelte sich um ein früheres Elendsviertel, in dem man auf engstem Raum eine halbe Million Menschen unter unwürdigsten Bedingungen zusammengepfercht hatte. Dass für die schrecklichen Zustände nicht der jüdische Charakter verantwortlich war, sondern die deutsche Regierung, erfuhr der Zuschauer nicht. Beim von Harlan gefilmten Einzug der Juden in Stuttgart mussten jüdische Komparsen, die dafür aus den Ghettos nach Prag gebracht wurden, ihre eigenen Karikaturen spielen.

Zum Standardrepertoire des antisemitischen Films gehört der Jude bei der Religionsausübung. Laut Drehbuch sollte es in Jud Süß zunächst das Purim-Fest sein, das, Harlan zufolge, "von den Juden als das Fest der Rache an den Goijims, den Christen ausgelegt wird". Im fertigen Film gibt es statt des Rachefestes eine Sabbatfeier. In seinen Memoiren schreibt Harlan, dass nur Antisemiten in Jud Süß einen antisemitischen Film sehen, andere aber nicht. Dazu versichert er scheinheilig, dass er die ebenfalls in Prag gedrehten Synagogenszenen von einem jüdischen Rabbiner gestalten ließ. Von jüdischen Riten verstehe er nichts, und er habe sich ganz herausgehalten. Auch Werner Krauß als Rabbi Loew habe sich genau an die Anweisung des Rabbiners gehalten. Das mag so gewesen sein. Was Harlan verschweigt: Süß nimmt an der Feier teil, um von den reichen Juden das Geld zu erbitten, mit dem er fremde Söldner anwerben will, um das Volk von Württemberg zu unterdrücken. So wird die Synagoge zum Ausgangspunkt der jüdischen Verschwörung. Damit bekam die Sabbatsfeier auch für solche Zuschauer etwas Sinistres, die sie nicht von vornherein als bedrohlich empfanden, weil sie ihnen fremd war.

Felix Moeller hat für seine Dokumentation Im Schatten von Jud Süß Szenen aus dem Film ausgewählt, in denen antisemitische Charaktere schockierend offen ihre antisemitischen Ressentiments ventilieren. Dadurch entsteht ein falscher Eindruck. Antisemitische Dialogsätze ergeben noch keinen antisemitischen Film. Man könnte auch sagen, dass in Jud Süß die Geschichte eines Juden erzählt wird, der sich in einem antisemitischen Land assimilieren möchte und scheitert, weil es zu viele Judenhasser gibt, die immer brüllen müssen, weil sie keine Argumente haben. Dafür ließen sich im Film genauso leicht Szenen finden wie für die antisemitische Interpretation. Es kommt also auf den Zusammenhang an, und auf die Dramaturgie. Ein Bild von Jud Süß kann sich nur machen, wer ihn ganz sieht und nicht ständig dieselben Schnipsel.

Hipplers Der ewige Jude wurde von Goebbels bald zurückgezogen, weil die Anhäufung antisemitischer Klischees zu offensichtlich war. Er kam nur bei denen gut an, die bereits radikale Antisemiten waren. Ein Propagandafilm braucht ein gewisses Maß an Ambivalenz und muss in der Lage sein, den unschlüssigen Zuschauer im richtigen Moment auf seine Seite zu ziehen. Das erfordert einen Regisseur, der die ästhetischen Mittel des Films beherrscht. Hitchcock hat die Emotionen des Publikums mit den Pfeifen einer Orgel verglichen, auf denen er zu spielen versuche. Harlan hätte ihm sicher zugestimmt. Im Gegensatz zu Leuten wie Hippler, Brauer oder Waschnek verstand Harlan viel von Rhythmus, Timing, Wahl der Einstellung. Seine Spezialität war es, im richtigen Moment das Tempo so zu steigern und alle Orgelpfeifen so zusammenklingen zu lassen, dass das Publikum davon mitgerissen wurde. Man wird Harlan nicht gerecht, wenn man seine Filme auf die Dialoge des Drehbuchs reduziert.

Zur Ambivalenz gehört, dass Süß sich auf Spitzel und Geheimpolizisten stützt, Oppositionelle verhaften und foltern lässt. Die Gestapo war aber ein Machtinstrument der Nazis. Wie solche Projektionen des eigenen Verhaltens auf eine andere Gruppe auf nicht-jüdische Zuschauer wirkten, die auch wissen mussten, dass hier das NS-Regime beschrieben wird und nicht die Juden, ist zu wenig erforscht. War das subversiv? Oder wurden die Juden als Sündenböcke für etwas instrumentalisiert, das zur Gewaltherrschaft der Nazis gehörte und nun der jüdischen Weltverschwörung angelastet wurde? Man weiß darüber wenig.

Die gleichgeschaltete deutsche Filmkritik jedenfalls war dafür da, die ambivalenten Teile von Jud Süß im Sinne der Nazis zu deuten und dem Publikum zu sagen, wie es den Film sehen sollte. Goebbels' Ministerium gab den Zeitschriftendienst heraus, dem die Redaktionen entnehmen konnten, wie ein Film zu interpretieren war. Dort war zu lesen, dass Süß darauf aus sei, "nicht nur für sich, sondern auch für alle im Umkreis wohnenden Rassegenossen Vorteile herauszuschlagen". Die Kritiker wurden aufgefordert, diesen den Juden zugeschriebenen, zu Lasten der Arier gehenden "Volksegoismus" in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu stellen:

Es ist die Aufgabe der Zeitschriften, diese typisch jüdische Manier besonders hervorzuheben und den Film zum Anlaß zu nehmen, in unserem Volke vielleicht auch durch weitere Beispiele die Meinung zu erhärten, daß jeder Jude, auch wenn er noch so großartige Motive vorschiebt, immer nur sein eigenes Wohl und das seiner Rassegenossen im Auge hat.

Die Kritiker kamen dem brav nach. "Harlan", stand in der Filmwelt (20.9.1940), "hat Stoff und Film aus dem Dämmer der Jahrhunderte in das grelle Licht der Gegenwart gerückt: unsere Zeit spürte wie die damalige tausendfach und unbarmherzig das ‚Wirken' des Judentums, für das alles - Land, Mensch, Leben - nur Geschäft war [...]." Hier noch der gruseligste Satz dieser Filmkritik: "Nicht jeder aber ward, wie Jud Süß, gehängt." Da war, hieß das, noch viel zu tun. Dazu einige Daten:

  • 22. Juni 1941. Die Wehrmacht überfällt die Sowjetunion. Ihr folgen die "Einsatzgruppen", die Juden, Zigeuner und Kommunisten liquidieren.
  • 31. Juli. Göring befiehlt Heydrich, eine "umfassende Lösung" der "Judenfrage" vorzubereiten.
  • 1. September. Von nun an müssen auch alle jüdischen Bürger des Deutschen Reichs ab 6 Jahren einen gelben Stern tragen (in Polen war der Stern schon früher eingeführt worden).
  • 3. September. In Auschwitz wird erstmals mit Zyklon B experimentiert.
  • 14. Oktober. Beginn der Massendeportationen von Juden aus dem Gebiet des Deutschen Reiches in die im Osten eingerichteten Ghettos.
  • 20. Januar 1942. Auf der Wannsee-Konferenz wird die "Endlösung" beschlossen.
  • 30. Januar. Hitler hält eine Rede, in der er sagt, der Krieg könne nur damit enden, dass entweder die arische Rasse ausgerottet werde oder aber alle Juden aus Europa entfernt würden. Februar. Beginn der Deportation der Juden in die Vernichtungslager.
  • 23. Juni. In Auschwitz beginnt die systematische Ermordung der jüdischen Häftlinge mit dem Blausäure-Gas Zyklon B.

Teil 2: Schuldspruch für einen Film

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