Der Funktionär, der beste Freund des Managers?

Verdi, Transnet und der Lufthansa-Tarifabschluss

Als 2001 die Gewerkschaften für Angestellte (DAG), Postler (DPG), Handel, Banken und Versicherungen (HBV), Medien, Druck, Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien) sowie für öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) zusammengeschlossen wurden, da war viel davon die Rede, dass sich die Gewerkschaften durch den Zusammenschluss "fit" für die "neue Zeit" machen würden. Doch wie bei ähnlich enthusiastisch betriebenen Elefantenhochzeiten von Unternehmen folgte auch bei der Gewerkschaft schon bald Ernüchterung.

Nach einem am Freitag erzielten Lohnabschluss mit der Lufthansa, der trotz Rekordgewinnen summa summarum gerade einmal 0,1 Prozent über der Inflationsrate im Euroraum liegt, kündigten zahlreiche enttäusche Mitglieder öffentlich ihren Austritt an. Vor allem für Flugzeugmechaniker könnte sich solch ein Schritt lohnen: Sie haben ähnlich wie Lokführer oder Piloten nicht nur die Macht, tatsächlich Räder still stehen zu lassen, sondern mit Arte ("Aircaft Release by Technicians and Engineers") auch eine schnell wachsende gewerkschaftliche Alternative, die ihre Vorbilder in den erfolgreichen kleinen Fachgewerkschaften der Lokführer und Piloten sieht. Auch die Flugbegleitergewerkschaft Ufo, die den Abschluss nach dem Willen der Lufthansa eigentlich übernehmen sollte, hat bereits angekündigt, dass sie dies auf keinen Fall machen werde.

Mittlerweile hat eine Gruppe von Dissidenten, das "Netzwerk für eine kämpferische und demokratische Verdi", dazu aufgerufen, den Abschluss bei der Urabstimmung zu kippen. Ob ihr das gelingen wird, ist allerdings fraglich - dazu müssten nämlich stolze 75 Prozent für eine Weiterführung des Streiks stimmen. Andererseits dürften die Argumente der Netzwerker für viele Gewerkschaftsmitglieder durchaus nachvollziehbar sein: Der Abschluss kompensiert die Reallohnverluste der vergangenen Jahre nicht einmal annähernd und eine Vertragslaufzeit von über zwölf Monaten scheint in einer Zeit steigender Inflationsraten auch keine unbedingt arbeitnehmerfreundliche Idee. Ein besserer Abschluss, so die Dissidenten, sei auch deshalb machbar, weil die Führung den Streik gerade in dem Moment beendet habe, als er begann, Wirkung zu zeigen.

Versagergewerkschaft Verdi

Zum Zeitpunkt ihrer Gründung hatte die neu entstandene "größte Dienstleistungsgewerkschaft der Welt" fast 2,9 Millionen Mitglieder. Fünf Jahre später waren es nur noch gut 2,2 Millionen. Die Funktionäre schoben diesen Rückgang auf den Arbeitsplatzabbau im öffentlichen Dienst, in der Druckindustrie und bei den Banken. Das war zum Teil richtig - doch dazu, dass die Entlassenen Verdi den Rücken kehrten, trug auch eine Vervielfachung der Beiträge für Erwerbslose entscheidend bei.

Zudem kann auch der Arbeitsplatzabbau den rapiden Mitgliederschwund bei weitem nicht vollständig erklären: Eine weitere wichtige Ursache liegt offenbar in der Unzufriedenheit von immer mehr Mitgliedern über eine mehr als siebenjährige und fast beispiellose Versagensgeschichte: Außer "Lohnerhöhungen" unter oder nur knapp über der Inflationsrate kam selten etwas heraus - dafür gab es regelmäßig unbezahlte Verlängerungen der Arbeitszeit.

Möglicherweise um davon abzulenken, dass nach Tarifverhandlungen immer häufiger die Maximalziele der Arbeitgeber schöngeredet werden mussten, verlegte sich Verdi auf Forderungen wie die nach einem schärferen Urheberrecht. Allerdings stand die Dienstleistungsgewerkschaft hier nicht allein: Auch der DGB machte mehr mit Aufrufen zur Internet-Zensur auf sich aufmerksam, als mit dem Erkämpfen neuer Arbeitnehmerrechte. Zur EU, einem Kernproblem von Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerungen, schwiegen die häufig eng mit der Politik verbandelten Funktionäre dagegen oder lobten sogar den EU-Verfassungsvertrag.

Funktionäre in Aufsichtsräten

In die Schusslinie geriet Verdi-Chef Bsirske aber erst, nachdem er in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit dem Lufthansa-Abschluss auf Kosten der Fluggesellschaft in einen fünfwöchigen Südseeurlaub flog. Dabei war Bsirske noch nicht einmal der spektakulärste Funktionärsfall, der in jüngster Zeit Schlagzeilen machten: Transnet-Chef Hansen brachte seine Gewerkschaft auf Privatisierungskurs und wechselte darauf hin nicht nur in den Bahnvorstand, sondern stellte von dort aus auch gleich noch Forderungen nach einem kräftigen Personalabbau.

Davon abgesehen, dass sich die Arbeitsbedingungen im "Dienstleistungsbereich" mittlerweile derart verschlechtert haben, dass viele Arbeitnehmer von einem fünfwöchigen Urlaub - egal wo - nur noch träumen können, weil ihnen erstens das Geld fehlt und sie zweitens aufgrund der Arbeitsüberlastung immer mehr Urlaubswochen stillschweigend verfallen lassen müssen, zeigt sich an Bsirskes Verhalten, dass die Kritik an ihm und anderen Funktionären möglicherweise nicht nur Propaganda sein könnte.

Bsirske, so wurde von Seiten der Verdi-Funktionäre argumentiert, wäre der kostenlose Erste-Klasse-Flug in den Urlaub als Aufsichtsratsmitglied bei der Lufthansa zugestanden, weshalb es sich nicht um Korruption, sondern höchstens um "Instinktlosigkeit" handeln könne. Doch genau diese Argumentation legt offen, dass der Kern des Problems weniger im Fehlverhalten einer einzelnen Person liegt, als in der Organisations- und Verwaltungspraxis großer Gewerkschaften.

Wozu sind professionelle Funktionäre nötig? Ohne sie, so die Befürworter, stünden schlecht ausgebildete Arbeitnehmervertreter in der Gefahr, bei Tarifverhandlungen über den Tisch gezogen zu werden. Die Argumentation ist nicht ganz von der Hand zu weisen - auch wenn sie aus einer Zeit stammt, als Arbeiter mit ein paar Jahren Volksschule häufig nicht nur keine Bilanzen, sondern auch andere Sachen nicht lesen konnten. Doch zu diesem Argument gibt es mittlerweile ein gewichtiges Gegenargument: Nämlich, dass über das Funktionärswesen eine besondere Form der "Sozialpartnerschaft" entstand: Manager und Funktionäre gehören - Schnauzbärte und hässliche Sakkos hin und her - nicht nur der selben Gehaltsklasse, sondern auch der selben sozialen Schicht an. Und beide verkehren nicht nur auf Flügen der Ersten Klasse eng miteinander, sondern auch in Aufsichtsräten.

Die Suche nach konkreten Erfolgen bei der Vertretung von Arbeitnehmerinteressen durch Gewerkschaftsfunktionäre in solchen Aufsichtsräten bleibt bemerkenswert erfolglos - außer, man zählt auch Fälle wie den von Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hinzu, der im Vodafone-Skandal durch seine "Stimmenthaltung" mit dafür sorgte, dass dem Manager Esser Abfindungen und Prämien in Höhe von insgesamt 59 Millionen Mark gezahlt werden konnten. Ein Handeln, dass wenigstens einem Arbeitnehmer eine gehörige Gehaltssteigerung einbrachte - auch wenn der kein Gewerkschaftsmitglied war. (Peter Mühlbauer)

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