Der Gangbang von Brüssel

Szájer József im ungarischen Parlament. Bild: Elekes Andor/CC BY-SA-4.0

Der Karrierejurist und Fidesz-Politiker József Szájer, stellvertretender Vorsitzender der EVP, hat zusammen mit seiner Frau, die im Verfassungsgericht sitzt, den Schutz der Ehe durchgesetzt

"Kommen Sie schnell, ein nackter Mann hängt an einer Regenrinne!" Was die Brüsseler Polizisten dachten, als sie diesen Anruf am späten Freitag, 27. November, entgegennahmen, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich waren sie ein bisschen irritiert, sowas passiert ja nicht alle Nächte. Aber sie schwärmten aus und stellten prompt auf dem Boulevard Anspach einen Mann, wie beschrieben, dessen stattlicher Vollbart eindrucksvoll die anderweitige Blöße kontrastierte. Der Mann gab sich als Abgeordneter des Europäischen Parlaments aus und verwies auf seine Immunität. Ausweisen konnte er sich freilich nicht, da er (fast) nichts an- und folglich auch nichts bei sich hatte.

Die Beamten geleiteten den VIP mit einer der Situation angemessenen Diskretion nach Hause und nahmen seine Personalien auf: József Szájer, ungarischer MdEP seit 2004, Sprecher der Gruppe der Fidesz-Abgeordneten und stellvertretender Vorsitzender der größten Fraktion im Europaparlament, der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten). Es handelt sich also um einen der zehn Stellvertreter des unbescholtenen und grundsoliden CSU-Politikers Manfred Weber, der doch gerne in die EU-Kommission aufgestiegen wäre, was man jetzt noch besser verstehen kann. Die Webseite der EVP-Fraktion, die den Ungarn mittlerweile aus ihrem Präsidium, aber nicht aus ihrer Mitgliederliste entfernt hat, berichtet "Neues von unseren österreichischen Abgeordneten, Neues von unseren belgischen Abgeordneten, Neues von unseren deutschen Abgeordneten", aber leider nicht von den ungarischen Abgeordneten.

Szájer verstand intuitiv, dass der Abend suboptimal verlaufen war und gab am Sonntag, 29.11. bekannt, dass er sein Mandat zum Jahresende niederlegen wolle. Als Grund machte er die mentale Belastung durch den täglichen politischen Kampf geltend. Die zu diesem Zeitpunkt noch ahnungslose europapolitische Szene war überrascht: Sagt sich ein Hardcore-Mann von Orbán los?

Aber nein, Szájer stellte klar, dass er nach wie vor und voll und ganz zur Politik Ungarns und Polens stehe, die gegen das EU-Budget und die europäischen Coronahilfen ein Veto eingelegt haben, weil die Auszahlung der Gelder an rechtsstaatliche Bedingungen geknüpft ist. Halten wir fest, dass der Abgeordnete mit keinem Wort George Soros erwähnte, der doch sonst für jegliche ungarische Unbill verantwortlich gemacht wird.

Am Dienstag, 1.12. war es dann vorbei mit der Mitleid heischenden Geschichte von der seelischen Zermürbung des MdEP. Die Schlagzeilen überschlugen sich, eine anschaulicher als die andere: "EU-Politiker nahm an illegaler Party teil", "Sexaffäre erschüttert das System von Viktor Orbán", "Flucht aus dem Fenster", "Gruppen-Sex", "bei Gangbang-Party erwischt".

Die Plattformen queer.de und Mannschaftsmagazin ergänzten, es habe sich um eine Schwulenparty in einer Wohnung über einem Gay-Club gehandelt, übrigens direkt neben einem Polizeirevier, sodass die Polizisten nicht lange suchen mussten. Anwohner hätten sich beschwert über den Lärm einer Veranstaltung, die offensichtlich gegen die Corona-Verordnungen verstieß. Polizisten hätten die Party daraufhin aufgelöst und seien dabei auf ca. 25 Personen, hauptsächlich Männer, hauptsächlich nackt, gestoßen. Szájer fackelte nicht lange und versuchte, wie die Natur ihn schuf, durchs Badezimmerfenster zu entkommen. "Die Orgie endet an der Regenrinne", stellte die FAZ sachlich fest. Sportlich gesehen eine respektable Leistung für einen 59-Jährigen, aber politisch wird es jetzt schwierig für ihn.

Der Politiker gab die Teilnahme an der Party zu und erklärte sich bereit, eine Strafe wegen Verstoßes gegen die Corona-Verordnungen zu zahlen, bestritt jedoch den Besitz einer Ecstasypille, die in seinem Rucksack gefunden wurde. "Die ist nicht von mir." Nach einem Telefonat mit Premierminister Orbán willigte er in seinen sofortigen Austritt aus Fidesz alias Bund Junger Demokraten ein. Das ging schnell.

Für den Spott brauchte der MdEP nicht zu sorgen, der kam dann schnell. In den sozialen Netzwerken war von einem stellvertretenden Erektionsvorsitzenden die Rede, der sich besonders mit den europäischen Normen der Gurkenkrümmung befasst habe. Auch die Reste unabhängiger ungarischer Medien ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen. Österreicher registrierten befriedigt, dass auch andere Länder ein Ibiza-Problem haben. Ähnlich wie H.C. Strache, der ein Urgestein der FPÖ war, gehörte Szájer zu den Gründungsmitgliedern von Fidesz und zu ihrem inner circle.

Die Moral der Rechten

Der Karrierejurist rühmte sich, an der Ausarbeitung der ungarischen Verfassung von 2011 federführend beteiligt gewesen zu sein und wesentliche Passagen selbst geschrieben zu haben, darunter die bezeichnenden Absätze über den Schutz der "Institution der Ehe als Vereinigung von Mann und Frau". Unter einer Familie versteht Fidesz einen Mann als Vater und eine Frau als Mutter. Hingegen seien gleichgeschlechtliche Paare eine Gefahr für das Überleben der ungarischen Nation. Queer.de gibt einen ungarischen Blogger mit dem Satz wieder, Szájer genieße das Leben im LGBT-freundlichen Brüssel, während er das Leben für LGBT in Ungarn durch seinen Beitrag bei der Verfassungsänderung zur Hölle gemacht habe. Es ist genau diese Doppelbödigkeit, wo die Eskapaden des Nationalisten aufhören, seine Privatsache zu sein.

Auch seine Ehe erweckt nun öffentliche Aufmerksamkeit und das mit Recht. Szájer ist mit Tünde Handó verheiratet, die seit Anfang des Jahres Mitglied des ungarischen Verfassungsgerichts ist. Von 2012 bis 2019 war sie Präsidentin der Landesjustizbehörde OBH. Ihre Ernennung als Fidesz-Politikerin hatte einen heftigen Streit ausgelöst, weil sie in dieser Funktion gerade die Vollmachten erhielt, die in der EU als unvereinbar mit rechtsstaatlichen Prinzipien angesehen werden.

Der britische Guardian schrieb dazu, in Ungarn kontrolliere eine Frau die Justiz und diese Frau sei zufälligerweise die Gattin des Autors seiner Verfassung: "Stellen Sie sich ein europäisches Land vor, in dem eine Person die Richter auswählen kann. Und sie effektiv entlassen oder an andere Gerichte versetzen kann ... Nun stellen Sie sich vor, dass diese Person gerade eine neunjährige Amtszeit erhalten hat. Und dass diese enorm mächtige Person auch nach Ablauf dieser Amtszeit einfach im Amt bleiben wird, es sei denn, ein Nachfolger verfügt über eine Zweidrittelmehrheit im Parlament des Landes. Wie würden Sie ein solches Land nennen? Die Antwort lautet natürlich Ungarn."

Den derzeit recht kleinlauten Szájer gibt die Bild mit der Bitte wieder, ihn allein für seinen persönlichen Fehltritt verantwortlich zu machen und nicht sein Heimatland oder seine politische Gemeinschaft hineinzuziehen. Das kann man verstehen. Wer möchte nicht dem jungen Veranstalter der Brüsseler Mannschaftsfeier beipflichten, wenn er in sympathischer Aufrichtigkeit bekennt: "Auf meinen Partys lade ich immer ein paar Freunde ein, die wiederum ein paar Freunde mitbringen, und dann haben wir Spaß zusammen. Wir unterhalten uns ein wenig, wir trinken ein wenig - genau wie im Café. Der einzige Unterschied ist, dass wir in der Zwischenzeit auch Sex haben. Ich verstehe nicht, was daran falsch sein soll."

Bloß muss das dann auch für Ungarn gelten. Wenn Szájer und Handó glauben, sich mithilfe einer obskuren Verfassung in die Privatsphäre missliebiger Landsleute strafend einmischen zu dürfen, können sie umgekehrt keinen Schutz ihrer eigenen intimen Übungen einklagen. Die politischen Freunde des Parteisoldaten haben schon erkannt, dass dies nicht funktionieren wird. So versucht die regierungsnahe PestiSrácok, ihren belustigten Lesern den Ernst der Situation nahezubringen. "Es ist möglich, dass der deutsche / belgische / französische Geheimdienst ihm eine Falle gestellt hat." Denn die ungarische Nation führe in Brüssel zusammen mit den Polen einen Kampf auf Leben und Tod gegen das Vierte Deutsche Reich, um die Überreste ihrer Souveränität zu verteidigen.

In diesem Kampf auf Leben und Tod ist "eine wichtige Säule" (PestiSrácok) gefallen. Ein weiteres Mal sticht ins Auge, dass bei all den hinterhältigen und auch noch erfolgreichen Machenschaften der große kosmopolitische Drahtzieher und jüdische Feind Ungarns schlicht abwesend ist. Was ist los mit George Soros? Schläft er? Stagniert der große Austausch? Anscheinend ist gar nichts, wie es mal war, nicht mal bei den Rechtspopulisten. (Detlef zum Winkel)