Der Geheimagent für besondere Aufgaben

Kriegsende

1945 kehrten weniger als 40% der von Christmann ausgesandte Frontspione wieder zurück. Der Spion persönlich schleuste sich als vermeintlicher französischer Widerstandskämpfer trickreich in den holländischen Widerstand ein, wo er Einblick über die an England gemeldeten Kenntnisse über die "Wunderwaffen" V1 und V2 und deren erkundete Stellungen bekam. Christmann, der fließend französisch und holländisch sprach, rekrutierte in dieser Rolle sogar selbst Widerständler und perfektionierte durch seine Expertisen den Schutz der Stellungen. Aufgrund der ausgedünnten Aufklärungslage erhöhte sich die Trefferquote der V1-Flugkörper, von denen anfänglich 60% durch die gewarnten Streitkräfte abgefangen werden, auf 98%. Nachdem Christmann durch die BBC enttarnt war, rief der holländische Widerstand zum Abschuss des Verräters auf. Ein Anschlag brachte ihm immerhin einen Steckschuss bei.

Zwar war Christmann zweifellos Patriot, mit den Nazis selbst hatte er wohl nicht so viel im Sinn. Die Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst der SS (SD), der in Paris brutal gefoltert hatte, behagte ihm nicht. Auch wenn von ihm selbst keine "nassen Sachen" bekannt sind, so bedeuteten seine Fahndungserfolge für etliche Widerständler die Exekution. Den sinnlosen Befehl zum letzten Aufgebot, Jugendliche aus Vichy-Frankreich an die Front zu schicken, missachtete er. Der Abwehr-Offizier, der Christmann für diesen Ungehorsam in Hamburg erschießen lassen sollte, führte den Befehl ebenfalls nicht aus.

Nach dem Krieg wurde Christmann steckbrieflich gesucht, tauchte jedoch mittels gefälschtem Pass als "Franzose" ein Jahr in Cannes unter. Nach seiner Enttarnung, die mit einem von ihm gehörnten Polizisten zusammenhing, begann für Christmann eine Odyssee durch französische Gefängnisse und deutsche Internierungslager, wo er sich an einem filmreifen Versuch eines Massenausbruchs beteiligte. Durch Anwaltskosten ruiniert, schlug sich der Lebenskünstler in Frankfurt mit diversen Gelegenheitsjobs durch, verwaltete ausgerechnet für die US-Army Gebäude.

Hatte Christmann im Krieg der Besatzungsmacht gedient, so arbeitete er in seinen Nachkriegsmissionen stets zugunsten des Widerstands. Der Feind blieb jedoch der Gleiche: Der französische Staat, der ihn einst in die Fremdenlegion zwang.

Saargebiet

In deutschen Geheimdiensten vermochte Christmann zunächst nicht Fuß zu fassen. In denen hatten sich alte Kameraden aus SS und SD eingenistet, die für Leute des wenig geliebten Geheimdienstes "Abwehr" keinen Platz hatten. Giskes, der dennoch von der 1947 gegründeten Organisation Gehlen übernommen wurde, heuerte ihn 1952 für einen diskreten Job des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen an: Frankreich begehrte erneut das industriell interessante Saargebiet, das seit 1949 unter ein Protektorat gestellt worden war. Offiziell zeigten sich Paris und Bonn bereit, das Gebiet unter westeuropäische Hoheit stellen zu lassen, hinter den Kulissen jedoch intrigierten beide Nationen mit nachrichtendienstlichen Mitteln.

Da an der Saar deutsche Zeitungen verboten waren, war der trickreiche Organisator, der schon häufig als Franzose legendiert war, der Mann der Wahl. Christmann fand etliche Wege, u.a. die Deutsche Saarzeitung und die Broschüre "Warum Nein zum Saarvertrag" einzuschmuggeln und zu verteilen. Dort spionierte er auch Frankreich gegenüber aufgeschlossene Personen aus und unterrichtete deutschfreundliche Gruppen in Sabotage. Mitte 1955 schrieben die französischen Behörden Christmann als Drahtzieher öffentlich zur Fahndung aus, kurz danach rammte eine Unbekannter sein Auto, wodurch der verletzte Agent Monate ans Bett gefesselt war und nun zeitlebens gesundheitliche Probleme hatte. Im Oktober 1955 lehnten die Menschen an der Saar in einem Referendum mit 67,7 % das Europäische Saarstatut ab, was als Bekenntnis zu Deutschland gewertet wurde und zur Eingliederung in die Bundesrepublik führte.